Stefan Zweig und ich: Die Leseliste wächst

Stefan ZweigSeit ich das erste Mal von Stefan Zweigs Exil und Selbstmord, von seinem unbezwingbaren Pazifismus gehört habe (lange lange ist es her), bin ich Zweig-Fan. Nur, dass ich die längste Zeit nicht einen einzigen Text von ihm kannte.
Es ist mehr eine Art Verehrung unbekannterweise. Jemand, der gegen alle Widerstände eine eigene Meinung hat und diese vor anderen verteidigt, ist nicht so oft zu finden, wie ich mir das wünschen würde; ich bin nicht mal sicher, ob ich in seiner Situation den Mumm gehabt hätte, so zu handeln.

Nach langer Zeit habe ich nun eines seiner Bücher gelesen und stecke gerade im zweiten. Beides sind Sachbücher. Zweig ist vor allem bekannt für die Schachnovelle oder Ungeduld des Herzens, und beide stehen bei mir im Regal. Trotzdem zieht es mich zu seinen Essays und Meinungstexten, durch die ich seine Welt direkt erlesen kann.

Meine Erstberührung mit Zweig war mit der Originalausgabe von Sternstunden der Menschheit. Die OA erwähne ich, weil in späteren Ausgaben weitere Texte angefügt wurden. In meiner alten Insel-Ausgabe sind 12 Miniaturen versammelt, die von historischen Begebenheiten berichten. Waterloo und der Wettstreit zum Nordpol sind mir in Erinnerung geblieben. Letzterer ist der letzte Text in dem Bändchen und hat mich fast zum Weinen gebracht.

Zweig ist ein Mann der großen Worte, seine Texte strotzen vor Pathos. Seltsam, dass ich ihn dennoch mag. Er brüstet sich nicht mit den großen Worten, sondern zeigt durch sie Ehrerbietung und großes Interesse für seine Umwelt.

Momentan lese ich Begegnungen, eine Sammlung von verschiedenen Texten über Menschen, Städte, Bücher und Zeiten. Darin fasziniert mich am meisten der letztgenannte Teil über Zeiten. Der startete mit einem Essay über Die Monotonisierung der Welt.

Stärkster geistiger Eindruck von jeder Reise in den letzten Jahre, trotz aller einzelnen Beglückungen: ein leises Grauen vor der Monotonisierung der Welt. Alles wird gleichförmiger in  den äusseren Lebensformen, alles nivelliert sich auf ein einheitliches kulturelles Schema.

Mich hat sehr überrascht, wie aktuell der Text (geschrieben 1925) ist und wie hellseherisch Zweig erkannt hat, wie lokale Eigenheiten verschwinden – heute nennt man dieses Phänomen Globalisierung. Ich stimme Zweig zwar nicht in jedem Punkt zu, weil aus dem Zusammenrücken der Länder auch Gutes gewonnen werden kann und ja durchaus nicht einfach alles Eigene verschwindet, sondern teilweise erst richtig gepflegt und erkannt wird. Aber ich bewundere seine Beobachtungsgabe. Man kann aber auch die leise Verzweiflung über die Welt herauslesen, die Überzeugung, dass es der Mensch selbst ist, der den eigenen Untergang heraufbeschwört.

Nach wie vor bin ich fasziniert von Zweig und freue mich auf den Rest des Buchs. Eine Beschreibung New Yorks von 1912 ist dabei, die genauso aktuell wirkt. Danach wäre es wohl mal endlich Zeit für eine anständige Biographie (Empfehlungen?). Und die Autobiographie Die Welt von Gestern will ich auch lesen; dieses Buch hat übrigens Wes Anderson zu Grand Budapest Hotel inspiriert, ein Film, bei dem ich letztes Jahr viel Spaß hatte.

Bei cicero kann man Die Monotonisierung der Welt online lesen. Empfehlenswert.
Aktualisierung: Hier ist ein Interview mit Wes Anderson, in dem er über Zweigs Einfluss auf Grand Budapest Hotel spricht (englisch).