Gaby Wood: Edison’s Eve

Gaby Wood Edison's Eve
„Die Suche nach mechanischem Leben“ heißt der Untertitel dieses Sachbuchs, in dem die Journalistin Gaby Wood einem sehr speziellen Thema nachgeht: Seit Jahrhunderten versuchen wir, mit den uns gegebenen Mitteln den Menschen nachzubauen, teils um uns selbst zu verstehen, teils um uns zu einem Erschaffer aufzuschwingen. In Edison’s Eve stellt die Autorin Automaten seit dem 18. Jahrhundert vor, die menschliche (und tierische) Fähigkeiten nachahmten und so ihre Zeitgenossen in Erstaunen versetzten.

 

Ich bin wirklich zwigespalten, was dieses Sachbuch angeht. Einerseits fasziniert mich das Thema sehr, sowohl die Automaten als auch die Philosophien dahinter. Andererseits hatte das Buch leider einige Schwächen.

In jedem Kapitel geht es um einen anderen Erfinder. Dabei wird relativ weit im biografischen Werdegang ausgeholt, aber den jeweiligen Automaten auch viel Raum gewährt. Die Verbindung von Erfindung und Philosophie ging mir oft nicht weit genug; oft bleibt es bei Andeutungen und einzelnen Sätzen. Ein weiteres grundsätzliches Problem mit der Darstellung in Buchform ist, dass die Funktionsweise der Erfindungen durch Beschreibungen verständlich gemacht werden muss. Selbst ein Schaubild wäre schwierig gewesen, da es ja um bewegliche Objekte geht. An der Stelle wünscht man sich fast einen Film.

Die Highlights

Schachautomat Türke RacknitzZwei Kapitel haben mir besonders gefallen: In einem geht es um einen der wohl bekanntesten Automaten, den Schachtürken.
Dieser stellte sich zwar nach einigen Jahrzehnten als Fälschung heraus, da er von einem Menschen im Inneren gelenkt wurde, aber seine unheimliche Fähigkeit, eine explizit menschliche Tätigkeit, das Schachspielen, nachzuahmen, hat viele Zeitgenossen zu Theorien angestachelt, wie das sein könne. Es bestand der kollektive Wunsch, dass es sich um einen echten Automaten handele, dass das Wunderding wie magisch Schachmeister und Könige besiegte. In dem Kapitel kam also auch der Wunsch nach dem Magischen, nach der unerklärlich zum Leben erweckten Mechanik, zum Ausdruck.

Le Voyage dans la luneDas andere Kapitel drehte sich um Georges Méliès, dem Erfinder des Films als narratives Medium. Zwar ist auch das schon Grenzterrain des Themas, aber auch hier geht es um das Erschaffen von Leben, nur eben auf der Leinwand. Natürlich hat Méliès (im Gegensatz zu den Brüdern Lumière) Film vor allem für das Magische, nicht Reale verwendet, aber viele seiner Tricks beziehen sich auf Möglichkeiten des menschlichen Körpers: In seinen Filmen verselbständigen sich Köpfe, Menschen verschwinden in einer Rauchwolke oder schrumpfen und Statuen erwachen zum Leben. Insofern war dieses Kapitel nachvollziehbar, aber vor allem als Méliès-Fan habe ich mich darüber gefreut.

Kein glorreiches Finale

Was mich andererseits wirklich etwas enttäuscht hat, ist das letzte Kapitel: Anstatt den logischen Schritt zu modernen Forschungen rund um künstliche Intelligenz zu gehen, macht Gaby Woods etwas komplett anderes und schwer nachvollziehbares: Das letzte Kapitel gilt den Dolls, einer Familie von Kleinwüchsigen, die in den USA durch Shows und Filmrollen (unter anderem in Freaks) zu Bekanntheit gelangten. Während die Objektifizierung von Zwergwüchsigen und ihre Fetischisierung als lebende Puppen noch am Rande zum Thema passt, war mir das Kapitel eher weit hergeholt und uninteressant im Kontext dieses Buches.

So bleiben die im Vorwort angesprochenen Visionen in Blade Runner und realeren modernen Beschäftigungen mit künstlichem Leben und künstlicher Intelligenz in diesem Buch leider unkommentiert.

Gelesen im Mai Teil 1

Es ist mal wieder Zeit für eine Veränderung, wenn auch eine kleine: Ich komme ja viel zu selten dazu, Rezensionen zu schreiben. Und dann denke ich noch monatelang: „Aber wenigstens kurz erwähnen hättest du das Buch doch können.“ Wie ärgerlich.

Also werde ich kurzerhand meine Leselisten durch Gelesenlisten ersetzen. In den  Leseliste-Posts nehme ich mir eh meist zuviel vor, da ist es doch besser, einfach zu zeigen, was ich tatsächlich gelesen habe. Da ich für einen Post zuviel lese, teile ich die Gelesen-Beiträge auf zwei Posts auf, alle 2 Wochen einen.

Hier also meine Leserei im Mai, Teil 1:Gelesen im Mai, Teil 1

Corporate Language: Wie Sprache über Erfolg oder Misserfolg von Marken und Unternehmen entscheidet (Armin Reins)

Corporate Language ist wirklich faszienierend für Sprachbegeisterte wie mich: Dabei geht es um das Prägen einer markeneigenen Sprache. Im besten Fall erkennt man die Marke dann an ihrer Wortwahl, dem Tonfall. Da das Thema aber noch relativ frisch ist, gibt es in dem dicken Buch noch nicht soviel Bahnbrechendes zu berichten. Interessant ist es allemal und viel viel Bildmaterial verdeutlicht die angesprochenen Punkte.

Ein Mann in einer fremden Welt (Robert A. Heinlein)

Wie versprochen habe ich diesen Klassiker ausprobiert – und bin wie erwartet ein wenig enttäuscht. In dem Roman (den ich nicht so sehr als SF, sondern mehr als zeitgenössischen Roman bezeichnen würde) geht es um die Verwicklungen die entstehen, nachdem ein Mensch auf dem Mars geboren wurde und dort unter Marsianern aufwuchs. Zurück auf der Erde, wird er von einer Kuriosität zu einem Propheten. Die Prämisse bleibt dabei im Grunde austauschbar; der Protagonist hätte genausogut aus dem Urwald oder einer Höhle kommen können, denn die Marsianer selbst spielen im Buch keine Rolle.

Drifter Volume 1: Crash (Ivan Brandon & Nic Klein)

Vollkommen spontan und unter Zeitdruck habe ich den Comicband Drifter aus der Bib ausgeliehen. Die farbenfrphen Panels und die SciFi-Story haben mich dazu verleitet, s einfach zu probieren. Leider habe ich auch nach Beenden des ersten Bandes in der Reihe keinen Schimmer, worum es überhaupt geht. Ein Kerl namens Abram Pollux stürzt mit seinem Schiff auf einem Planeten ab. Es gibt eine seltsame Zeitverschiebung, die niemand erklären kann und nur Pollux wahrnimmt. Es gibt seltsame Charaktere und Monster, aber nichts davon ergibt einen Sinn. Dazu kommt noch der poeske Erzählton, vollkommen kryptisch und finster. Unnötig zu erwähnen, dass für mich nach Band 1 Schluss ist mit Drifter.

Sorceress of Darshiva (David Eddings)

Der vorletzte Band der Malloreonsaga hielt wieder mehr Action bereit. Allerdings haben mich auch ein paar neue Enthüllungen etwas genervt, da sie eigentlich das gesamte Romankonzept durcheinander werfen. An diesen Stellen spürt man deutlich die „Faulheit“ des Autors. Dennoch freue ich mich auf den finalen Band der Reihe – ich kann mic hnämlich an nichts mehr davon erinnern.

Warren the 13th & the All-Seeing Eye (Tania del Rio, Will Staehle)

Wundervoll illustriertes Kinderbuch um die Geheimnisse eines alten Anwesens. Die kleine Mystery-Geschichte mit ihren komischen bis bizarren Figuren lässt dem Leser keine Verschnaufpausen, ständig passiert noch mehr. Das Buch hat mir Spaß gemacht; als Kind hätte ich die stellenweise etwas gruselige Story geliebt!

Lesetipp: Das andere Berlin (Robert Beachy)

Robert Beachy: Das andere Berlin. Die Erfindung der Homosexualität. Eine deutsche Geschichte 1867-1933Das andere Berlin behandelt die Entwicklungen in und Standpunkte zu Homosexualität im Weimarer Berlin. Mich interessierte dieses Buch sofort, da meine Bildung zu diesem Thema nicht über den Film Cabaret hinausreicht (den ich sehr empfehle).

Viele interessante historische Details haben dieses akademische Sachbuch zu einem faszinierenden Lesevergnügen gemacht. Wer hätte gedacht, dass die Begriffe „schwul“ und „homosexuell“ in Berlin geprägt wurden?

Beachy geht eindrucksvoll auf die Weimarer Polizeiarbeit, den „Schwulenparagraph“ §175 und das Berliner Nachtleben bis 1933 ein, ohne zugunsten einer Partei zu urteilen. Dabei wird anhand vieler polizeilicher Akten und der Eulenburg-Affäre, der Wandervogelbewegung und der ersten Schritte der Sexualwissenschaft ein breites Bild des schwulen Lebens in Berlin rekonstruiert.

Dabei belegt Beachy, dass durch die politische Situation in Deutschland und seiner rechtlichen Infrastruktur in einem, zwar eng gezogenen, Rahmen ein recht freizügiger Umgang mit Homosexualität möglich war. Der etwas reißerische Untertitel „Die Erfindung der Homosexualität – Eine deutsche Geschichte“ wird so tatsächlich mit Daten unterfüttert, die diese These stützen: Deutsche Zeitschriften, Bilder und Wissenschaftler haben die Identität des homosexuellen Mannes mitgeschaffen.

Ein Mangel des ansonsten größtenteils gut lesbaren Sachbuchs war für mich eine gewisse Unübersichtlichkeit: Viele verschiedene Theorien zum Schwulsein wurden kurz vorgestellt und dann sehr bald vorausgesetzt. Ich habe irgendwann etwas den Faden verloren, welche die Überzeugungen des Wissenschaftlich-humanitären Comités noch gleich waren und worin Unterschiede zu anderen Gruppierungen bestanden. Ein Glossar wäre an dieser Stelle hilfreich gewesen.

Weiterhin finde ich den deutschen Titel, „Das andere Berlin“, etwas feige im Gegensatz zum relativ eindeutigen Originaltitel „Gay Berlin“.

Ansonsten kann ich nur noch anmerken, dass das lesbische Gegenstück, das wohl unabhängig von Beachy relativ zeitgleich mit Gay Berlin erschien, auf Deutsch nicht erhältlich ist … (Marti Lybeck: Desiring Emancipation. New Women and Homosexuality in Germany, 1890-1933) Ich hoffe sehr, dass dieses Buch doch noch eine Chance auf dem deutschen Buchmarkt bekommt, beide Bücher zusammen wären sicher unschlagbar.

Fazit: Ein akademisches Buch mit hochinteressantem Inhalt, das Berlin in neuem Licht erscheinen lässt.

Amanda Palmer: The Art of Asking

Amanda Palmer: The Art of Asking. Cover Detail Manche Bücher geben einem Informationen und Zahlen, wie Tiere essen von Jonathan Safran Foer. The Art of Asking vermittelt stattdessen ein Gefühl: Es ist okay. Nimm die Hilfe an. Du darfst fragen. Du darfst auch helfen. Und: Sei du selbst. Das ist vielleicht nicht bahnbrechend oder neu, aber so wohltuend. Ein Memoir über das Geben und Nehmen ist, leider, eine Seltenheit.

Nach Hilfe zu fragen und Hilfe schamlos anzunehmen, ist mir schon immer schwer gefallen. Ich wolllte immer stark und unabhängig wirken, emanzipiert und erwachsen. Dabei ist das irgendwie Quatsch.

Soweit ich beobachten konnte, ist es nicht das Bitte-Sagen an sich, das uns paralysiert – es ist vielmehr das, was dahinterliegt: die Angst, sich verletzbar zu machen, die Angst vor Zurückweisung, die Angst, bedürftig oder schwach zu wirken. Die Angst, der Gemeinschaft zur Last zu fallen, statt sie zu bereichern. Sie ist ein Hinweis darauf, wie abgeschottet voneinander wir leben. (S.27)

Ich fühlte mich ertappt. Und verstanden. Wenn es jedem so geht, welchen Sinn hat diese Angst dann noch?

Amanda schreibt über ihre lebenslangen Erfahrungen mit dem Geben und Nehmen. Sie gibt dabei, wie man bald lernt Amanda-typisch, rückhaltlos ihr Innerstes preis, um zu zeigen, dass es okay ist, Schwäche zu zeigen. Das es heilsam sein kann. Denn auch die Schwäche gehört zu uns, wer sich treu bleiben will, sollte sie nicht verstecken.

Wenn du die Menschen genügend liebst, werden sie dir alles geben.

Zwei Kernpunkte hebt Amanda immer wieder hervor, die für ein gesundes Weitergeben der Gabe nötig sind, also das Erbitten und Erteilen von Hilfe:

  • Zuversicht und Vertrauen: Die meisten Menschen helfen gerne. Ihr sicher auch. Trotzdem haben wir oft Angst, abgewiesen zu werden. Auch als Helfender braucht es das Vertrauen, dass man nicht nur ausgenutzt wird. An einer leider zu kurzen Stelle erinnert Amanda an die introvertierten und scheuen Menschen, die Probleme haben, Vetrauen zu fühlen oder es zu zeigen. Aber sie ist ja auch keine Psychologin und erzählt hier nur ihre eigene Geschichte.
  • Andere wirklich sehen: Als lebendige Statue hat Amanda Momente ungewöhnlicher Nähe mit völlig Fremden erlebt. Es waren die Momente, in denen sie anderen ohne Worte ein Stück ihrer Selbst geben konnte. Um anderen zu helfen oder um Hilfe zu bitten, begibt man sich am besten auf dieselbe Ebene, eine, auf der man einander nicht verurteilt, sondern einfach wahrhaftig sieht und nicht nur ansieht. Sonst kommt sich der Bittende wie ein Bettelnder vor, der Gebende wird zum Vormund. Eine eher unangenehme Situation.

Amanda Palmer: The Art of Asking. MarkerBei all dem hatte ich oft den Eindruck, hier zu viel aus einem fremden Leben zu lesen und teilweise sehr Privates. Einiges war mir sogar leicht unangenehm. Dass Amanda mit Neil Gaiman verheiratet ist, dessen Bücher ich in letzter Zeit praktisch am Laufband lese, hat es nicht leichter gemacht. Während dem Lesen habe ich mir gesagt, dass jedes der geschilderten privaten Details etwas zum Thema des Buchs beiträgt und also eine Daseinsberechtigung hat. Doch im Nachhinein sehe ich auch, wie diese Intimität dem Eindruck entgegenwirkte, von einer Fremden zum Thema Bitten belehrt zu werden. Amanda hat mir das Gefühl gegeben, mit einer Freundin zu quatschen; sie vermittelt den Eindruck, ich könnte sie jederzeit anhauen, wenn es mir dreckig geht. Auch wenn wir uns nicht kennen. Wir waren auf einer Ebene.

The Art of Asking ist nicht perfekt. Es ist ein wenig chaotisch und szenenhaft, aber ich wollte ja auch keine Amanda Palmer Biographie. Auch eine Anleitung bietet das Buch nicht, jedenfalls keine für Verzagte. Einfach rausgehen und machen, heißt die Devise. Auch über das Crowdfunding schreibt Amanda viel, denn für sie ist es eine wirtschaftliche Erweiterung desBittens. Dass ihre spektakulär erfolgreiche Crowdfundingaktion um ein Musikalbum auch kritisch beäugt wurde, zeigt ihr nur einmal mehr, wie sehr wir Bitten und Betteln verwechseln und wie wenig Vertrauen und Wirtschaft im klassischen Sinn zusammenpassen.

Manchmal wollen die Leute einfach nur helfen. Das weiß man aber erst, wenn man sie fragt. (S.332)

Es braucht den Mut, das Risiko eines Neins einzugehen. Denn es gibt keinen Grund, sich dann bloßgestellt zu fühlen. Die Angst vor der Ablehnung zu überwinden geht am besten, indem man sich klarmacht, wie gerne man selbst hilft. Wer gerne gibt, sollte auch nehmen können. Oder wenigstens fragen. Es ist ein Kreislauf, denn irgendwann werden die Rollen vertauscht und du wirst auch jemandem helfen. Auch das ist kein revolutionärer Gedanke, aber er ist uns trotzdem viel zu fremd. The Art of Asking zeigt, was man alles erreichen kann, wenn man nur um Hilfe bittet, wenn Hilfe gebraucht wird.

Aristoteles sagte: Um Kritik zu vermeiden, sage nichts, tue nichts und sei nichts. Ich glaube, das ist der logische Schluss aus Amanda Palmers Memoir: Wer keine Angst hat, er selbst zu sein, der wird auch keine Angst haben, andere um Hilfe zu bitten. Denn dann zeigt er dadurch keine Schwäche, sondern einfach ein Stück seiner Persönlichkeit. Und dieses Gefühl, dass es toll ist, man selbst zu sein, überträgt sich beim Lesen auf den Leser. Ein inspirierendes Buch, das ich gerne weiterempfehle.