Cleverer Schmöker: The Prestige (Christopher Priest)

Christopher Priest Prestige BuchcoverThe Prestige von Christopher Priest erschien Mitte der Neunzigerjahre zuerst unter dem Titel Das Kabinett des Magiers. Seit der Verfilmung durch Christopher Nolan 2007 ist dieser Roman unter dem Filmtitel im Buchhandel. Ich kann mich erinnern, den Film damals mit großer Begeisterung gesehen zu haben, was den Wunsch in mir weckte, mir auch das Material des Films zu Gemüte zu führen. Was nun endlich getan habe.

Eines vorweg: An den Film konnte ich mich nur noch sehr grob erinnern, aber das Ende hatte sich mir eingebrannt. Mit großer Spannung bin ich an den Roman gegangen, weil ich wissen wollte, ob er genauso gut wäre, auch wenn ich das Ende kannte.

In The Prestige geht es, wie im Film, um die rivalisierenden Zauberer Alfred Borden und Robert Algier, doch die sonstigen Gemeinsamkeiten sind oberflächlich. Christopher Priest spinnt im Roman ein cleveres Vexierspiel: Mehrere Rahmen und Textsorten kommen vor, die sich gegenseitig bedingen und ergänzen, verschiedene Erzähler zeigen verschiedene Aspekte der Geschichte auf. Zu Beginn folgt man dem Journalisten Andrew Westley, der unterwegs zu einer geheimnisvollen Informantin ist. Er kommt zu der Autobiographie des viktorianischen Zauberers Borden, einer seiner Vorfahren. Doch es wird schnell klar, dass man Bordens Erzählung nicht trauen kann …
In den Folgeteilen der Geschichte liest man auch den Bericht seines Erzfeindes Algier und bekommt auch einige andere Perspektiven, die sich zu einer verschlungenen Multigenerationen-Geschichte verdichten.

Now you’re looking for the secret, but you won’t find it, because of course you’re not really looking. You don’t really want to know. You want to be fooled.

Mir hat der Roman ungemein gut gefallen. Es war ein richtiger Schmöker, den ich in kürzester Zeit durchgelesen hatte. Auch die Konstruktion in verschiedenen Selbstzeugnissen, den unzuverlässigen Erzählern und den sich gegenseitig bedingenden Geheimnissen und Verwicklungen bis hin zum düsteren Ende waren clever und haben mich an die Seiten gefesselt. Am liebsten hätte ich gleich wieder von vorne angefangen mit dem Lesen, um diesmal die Andeutungen direkt sehen zu können. Denn während die Erzähler von ihren Zaubertricks und dem typischen Ablauf einer Illusion erzählen (ähnlich wie im Film), statuiert der Autor mit seinem Roman ein illusorisches Exempel am Leser. Mir war beim Lesen bewusst, dass ich in gewisser Weise an der Nase herumgeführt werde, aber ich konnte nicht anders als den Worten in ihren Irrgarten zu folgen bis hin zum letzten Part, der folgerichtig nach dem finalen Akt eines Zauberakts benannt ist.

{Im Gegensatz zum Film fand ich auch die Darstellung von Nikola Tesla sehr überzeugend. Im Film spielt David Bowie (kaum wieder zu erkennen mit braunem Haar und Schnorres) den Erfinder als ernsten Edelmann, der mystisch-tiefgründig durchs Leben schreitet und Tiefschläge kommentarlos wegsteckt. Der Roman zeigt ihn chaotisch aber genial, obsessiv und unangepasst. Dass er sich gegen den öffentlichkeitswirksamen Edison nur mit an Zaubershows erinnernde Vorführungen durchsetzen konnte, wird hier zweckvoll eingesetzt.}

Ich lege den Roman auch denen ans Herz, die den Film bereits gesehen haben. Im Grunde habe ich mit meiner Reihenfolge (erst Film und Jahre später Buch) genau das richtige getan. Nachdem ich das letzte Drittel des Buchs in einem Zug und mit wachsender Begeisterung gelesen hatte, habe ich direkt im Anschluss noch einmal den Film angesehen. Und während er mir immer noch ganz gut gefällt, funktioniert Nolans Zaubertrick mit dem Buchwissen im Hintergrund nicht mehr. Das Buch dagegen konnte ich sehr gut auch mit der (verblassten) Erinnerung an den Film genießen. Dass ich mich an den Clou im Film erinnern konnte, hat mir eher noch eine extra Ebene der Illusion beschert, denn wie gesagt gibt es im Buch noch mehr zu entdecken. Beim zweiten Sichten des Films sind mir dafür die ganzen Hinweise aufgefallen, die Nolan vom Zuschauer unbemerkt fallen lässt.

Ein großes Lesevergnügen. Ich werde in der Zukunft sicher auf den Autor zurückkommen.

Never Let Me Go von Kazuo Ishiguro

Kazuo Ishiguro habe ich ja nach einigen Fehlschlägen erst vor wenigen Jahren für mich entdeckt. In Remains of the Day (Was vom Tage übrig blieb) traf ich auf einen ausgereiften Protagonisten, der als Erzähler deutlich mehr zwischen den Zeilen zu sagen hatte. Never Let Me Go (Was wir geben mussten) ist da nur bedingt gleich.

Kazuo Ishiguro Never Let Me GoWir lernen die Erzählerin Kathy mit Anfang dreißig kennen. In einer Welt, die man sich als Leser erst Stück für Stück erschließen muss, erzählt sie von ihrer Kindheit in Hailsham, einer Art Eliteinternat. Oder mehr? Immer mehr seltsame Details fallen einem beim Lesen auf, doch bis man erfährt, was sich hinter Hailsham und Kathys Job als care-taker verbirgt, dauert es lange. Ich werde nichts darüber verraten.

Kathy war mir als Erzählerin sympathisch, aber ich habe sie die ganze Zeit verdächtigt. Sie war schließlich Pflegerin und damit zwangsläufig Mitwisserin in einem System, in dem irgendetwas nicht stimmt. Dadurch fand ich die ganze Erzählung etwas deprimierend und düster. Kathys Beziehungen zu ihren Mitschülern war aber sehr realistisch und hat mich irgendwie auch an meine eigene frühe Schulzeit erinnert: Man versucht sich in kleinen sinnlosen Wettstreits, es gibt geheime Orte und gruppenspezifische Trends. Nur, dass in Hailsham noch das Gefühl einer unbestimmten Überwachung hinzukommt. Das war eine interessante Mischung: Das Vertraute und das Misstrauen habe ich gleichzeitig beim Lesen empfunden.

Ich würde Never Let Me Go nicht als spannend bezeichnen. Ähnlich wie Remains of the Day liegt der Nervenkitzel in den ganz kleinen Dingen, in dem Umgang der Charaktere miteinander. Darin glänzt Ishiguro auch hier. Was mir bis zum Ende nicht ganz real vorkam, ist der Weltenbau, der sich langsam vor einem entfaltet. Vor allem der enge Blick auf die Welt, den Kathy bis zum Schluss beibehält, schien mir schwer glaubhaft. Natürlich passt es zu dem System, in dem sie lebt, dass die Schüler nicht gerade zu Wissbegier erzogen werden und vieles für gegeben annehmen. Trotzdem fand ich die Unwissenheit aller Schüler nicht ganz nachvollziehbar.

Ishiguro bleibt für mich weiterhin ein sehr interessanter Autor, der in jedem seiner Bücher scheinbar neue Genres ausprobiert und doch eine unverwechselbare Art des Erzählens hat. Früher oder später werde ich wieder eines seiner Bücher lesen.

Carol Rifka Brunt: Tell the Wolves I’m Home

Carol Rifka Brunt Tell the Wolves I'm Home Cover
Als Junes Onkel stirbt, verliert sie ihren einzigen wirklichen Freund. Nur in Gesellschaft des bekannten Malers konnte sie sie selbst sein. Ihre Schwester gibt sich unbeteiligt, sie hat die enge Beziehung zwischen June und Finn immer neidisch beäugt. Die Mutter hegt einen alten Groll gegen ihren toten Bruder, über den sie nicht sprechen kann, genausowenig wie über die mysteriöse Krankheit, an der er starb. Und dann ist da noch der fremde Mann, der für Finns Tod verantwortlich sein soll, als ungebetener Gast auf der Beerdigung auftaucht und heimlich Kontakt zu June aufzunehmen versucht …

 

Wahrscheinlich habe ich mich noch nie so sehr in einem Buchcharakter wiedergefunden wie in June Elbus. Dabei haben June und ich äußerlich nicht viel gemeinsam: In ihrem Alter war ich eher mager, ich war auch nicht in einen Verwandten verliebt oder bin in den Achtzigern aufgewachsen. Aber ich weiß, wie es ist, in den Wald zu gehen und sich vorzustellen, man sei in einer anderen Zeit. Ich kenne das Gefühl, sich wie ein Fremdling unter Menschen vorzukommen, schüchtern zu sein.

The worst thing is the stupid hopefulness. Every new party, every new bunch of people, and I start thinking that maybe this is my chance. That I’m going to be normal this time. A new leaf. A fresh start. But then I find myself at the party, thinking, Oh, yeah. This again.

Allein deshalb schon hat mir Carol Rifka Brunt mit ihrem Debütroman aus der Seele gesprochen. Es sind aber die Beziehungen zwischen den Figuren des Romans, die diesen so real und brillant machen. Niemand hier ist perfekt, sondern benimmt sich auch mal daneben. Dies könnte schnell „out of character“ wirken, aber im Gegenteil funktionieren die Charaktere so erst richtig gut als vollständige Persönlichkeiten.

Auch die Rivalitäten zwischen June und ihrer Schwester Greta fand ich sehr überzeugend, wenn auch meist auf traurige Art. Denn Greta gilt als das Wunderkind der Familie, auf dem die Erwartungen der Eltern lasten. So hält jede Schwester die andere für das Glückskind.

Die Panik rund um die noch eher unbekannte Krankheit AIDS und die unglaublichen Vorurteile, die daraus entstehen konnten, haben mich beim Lesen richtig wütend gemacht. Auch darin war der Roman sehr überzeugend, so hatte ich mir diese Zeit vorgestellt: Ein bisschen Weltendstimmung und die daraus resultierende Suche nach Schuldigen, das alles zu dem Soundtrack von 99 Luftballons.

Ich bin also schwer begeistert von Tell the Wolves I’m Home und musste mich zurückhalten, es nicht direkt ein zweites Mal zu lesen. So steht der Roman mit Sicherheit auf der Liste meiner Lieblingsbücher 2017. Meine einzige Frage ist: Warum gibt es von diesem wunderbaren Buch keine deutsche Übersetzung?!