Camelot Leselog 01: „Ziemlich begrenzte Erziehung“

Auf geht’s in die Aventiure! Für den Beginn des Leselogs zu Der König auf Camelot von T. H. White habe ich mir die ersten drei Kapitel vorgenommen. Ich musste mich zurückhalten, keinen vollständigen Essay zu schreiben; schon jetzt weiß ich ein wenig besser, warum ich das Quartett so sehr mag.

Banner Der König auf Camelot LeselogKapitel 1 bis 3: Das passiert

Arthur, Wart genannt, wächst als Mündel im Haushalt Sir Ectors auf. Etwas älter ist dessen Sohn Kay, der als Erbe in allem bevorzugt behandelt wird. Ector und ein befreundeter Ritter diskutieren die beste Art, für die Erziehung der Jungen zu sorgen; Ector beschließt, einen Hauslehrer zu engagieren.

Kay und Wart wollen sich mit einem der Habichte des Hofs die Zeit vertreiben. Durch Kays Unachtsamkeit macht der Vogel sich aus dem Staub. Kay lässt Wart den Habicht einfangen. Er verirrt sich immer tiefer in den finsteren, berüchtigten Wald. Es wird Nacht.
Wart begegnet im Wald dem Aventiuren-Ritter König Pellinore, dessen Schicksal es ist, das Aventiuren-Tier zu fangen. Als besagtes Biest sich nähert, setzt Pellinore zum Angriff an und ist wieder verschwunden.

Am Morgen folgt Wart einem Geräusch und landet so bei Merlin’s Hütte, wo der Zauberer gerade an dem quietschenden Brunnen zugange ist. Merlin lädt den hungrigen Jungen zum Frühstück ein und will Wart nach Hause begleiten, um dessen Hauslehrer zu werden.

England in gesellschaftlicher Schieflage

White verrät noch nichts Konkretes über die politische Lage Englands, Uther Pendragon wird mit keinem Wort erwähnt. Doch die gesellschaftlichen Probleme spiegeln sich in Warts himmelschreiend ungerechter Lage wider: Kay ist als Erbe Ectors nicht nur abgesichert, sondern wird wie ein Prinz behandelt. Wart ist als Pflegekind vollkommen der Barmherzigkeit seines Vormunds ausgeliefert, er ist „nichts wert“.

Obwohl Kay weder Interesse noch Können zeigt, wird er beständig gelobt und betüttelt. Im Gegenteil, Kay ist herablassend und gemein gegenüber Wart, der dabei aber immer freundlich bleibt. Das Schlimmste: Wart glaubt selbst an die Richtigkeit dieses ungerechten Systems: „Kay hatte ihm beigebracht, das jeder der anders war, im Unrecht sei.“

Als Kay die Geduld mit dem entflohenen Habicht verliert und nach Hause geht, lässt er den jüngeren Wart am Waldrand alleine zurück. Doch Wart sieht nicht, dass ihm hier Unrecht geschieht. Für ihn ist es unerheblich, durch wessen Fehler der Habicht entkam; er fühlt sich verpflichtet, das Richtige zu tun und den Vogel wieder einzufangen. In diesem Verhalten zeigt Wart die Empathie und den Gerechtigkeitssinn, der ihn zum wahren König Englands macht.

Vom Rittertum und Abenteuern

White flicht seinen ironischen Kommentar in alle ritterlichen Tätigkeiten des Buches ein; er macht einen Großteil des Humors in Der König auf Camelot aus. Zum Einen denke ich hier an Sir Ectors Gespräch mit seinem Kumpel Sir Grummore Grummursum. Sie stellen sich die Frage, wie man die „Jugend von heute“ am besten erziehe. Die Gouvernante ist durch Hysterie arbeitsunfähig geworden (es werden fehlgeschlagene Avancen ihrerseits angedeutet sowie ein vergangener Aufenthalt in einer Geistesheilanstalt). Ein Internat scheint auch keine passende Lösung zu sein.

White lässt ein weiteres Gesprächsthema einfließen: Die Aventiure, also die ritterliche Abenteuerfahrt. Ector und Grummore sind offensichtlich komplett unfähig in dieser Hinsicht, sie beschweren sich darüber, dass man auf der Riesenjagd immer so leicht die Fährte verliert. Ich meine, wer nicht mal einen Riesen ausfindig machen kann! Kein Wunder, dass Ector beschließt, den Hauslehrer nicht aktiv suchen zu gehen, sondern eine Annonce aufzugeben. Als arrivierter Sir hat er es offenbar nicht mehr nötig, sich in Aventiuren zu beweisen (und die Gesellschaftsstruktur zeigt, dass er auch in jüngeren Jahren nicht talentiert sein musste, um diese Stellung zu erreichen). Passend zu dieser Perspektive ist Warts Reaktion, als Merlin am Ende des dritten Kapitels als sein Hauslehrer mit zu Sir Ectors Burg kommen will: „Da muss ich ja auf einer Aventiure gewesen sein!“

Die Suche nach der Suche

Aventiuren-Tier von Andrew LaingSir Pellinore (eine meiner Lieblingsfiguren der Romane!) ist wohl die personifizierte Sinnlosigkeit der Aventiure (oder vielleicht einer veraltenden Rittertradition, aber dazu ein andermal): Wir sehen ihn vollkommen verloren im Wald, seit 17 Jahren ist er auf der Suche nach dem Aventiuren-Tier (auch Glatisant oder Questen-Biest). Ihm ist kalt, er langweilt sich zu Tode und ist alles andere als geeignet für den Job. Sein Hund ebenso, der sich ständig in der Leine verheddert und kein Interesse daran zeigt, das Questenbiest wirklich zu fangen. Die Ironie liegt nicht nur darin, dass ein König, von dem nie jemand gehört hat, als unfähigster Ritter aller Zeiten wider Willen durch den Wald stolpert. Das Aventiuren-Tier ist eine aus der Artusepik bekannte Metapher für die Aventiure an sich; es kann nicht gefangen werden. Da Pellinore berichtet, die Jagd nach dem Questenbiest sei die Aufgabe seiner Familie. Damit ist sein Lebensziel eine Tautologie, aus der er nicht entkommen kann. Dementsprechend verfallen er und sein Hund direkt in vollen Jagdmodus, als das Aventiuren-Tier zu hören ist, obwohl beide vorher den Eindruck erweckten, nichts weniger tun zu wollen als weiter diese sinnlose Jagd zu verfolgen.Pellinore nennt es den Fluch der Pellinores und bringt sein Verhalten damit auf den Punkt. Wie White hier das vorhandene mittelalterliche Material für seine Erzählung zu seinem Vorteil nutzbar macht, finde ich besonders clever und dadurch doppelt so lustig.

Merlin

Im dritten Kapitel lernen wir Merlin kennen, der „falsch herum in die Zeit“ geboren wurde. Er lebt rückwärts und vermisst Elektrizität und fließend Wasser an seiner Hütte. Als er Wart fragt, wie lange sich die beiden schon kennten und Wart ihm sagt, sie haben sich gerade erst kennengelernt, wird der Zauberer ganz rührselig. „So wenig Zeit verstrichen.“ In seiner Lebenszeit bedeutet es, dass ihm nur diese kurze Zeit mit seinem alten Schüler und Freund Arthur übrig bleiben. Für ihn ist es ein Abschied.

Merlin wird als äußerst unhygienische Erscheinung beschrieben, mit Vogelkot auf den Schultern, die Frisur ähnlich eines Vogelnests; von seinem Hut seilt sich unbeeindruckt eine Spinne herab, in seinen Taschen verwahrt er Mäuse, die er an seine Eule Archimedes verfüttert. Er könnte locker Modell für den armen Tropf Radagast in den Hobbit-Filmen gestanden haben. Da Merlin sonst bei Weitem nicht verstrahlt genug ist, um dieses Aussehen zu rechtfertigen, sehe ich Merlin vor meinem geistigen Auge etwas vernachlässigt, immerhin hat er andere Dinge im Kopf als sein Äußeres und neigt zu Chaos, aber nicht so verdreckt wie hier beschrieben.

Merlins Hütte ist vollgestopft mit allem möglichen Zeug aus vergangenen und kommenden Zeitaltern. Dabei fallen einige Objekte besonders auf: Die explizit erwähnte 14. Auflage der Encyclodaedia Britannica ist die Ausgabe, die zu Whites Zeit aktuell war und die er wahrscheinlich besaß; auch andere Objekte beziehen sich auf Whites Zeit, die die Bildchen von Peter Scott (gemeint ist wohl Peter Markham Scott). White sah sich selbst als Außenseiter und lebte lange in einer nicht unähnlichen Hütte am Walrand. Irritierend finde ich, dass Merlin einen Waffenschrank besitzt. Einen, der Waffen aus der Zukunft enthält. Merlin wird sonst ausschließlich als Mann des Wissens dargestellt, warum zum Henker sollte er eine Waffensammlung unterhalten? Ich stelle mir einen Schrank mit Morgenstern nebst Bazooka und abgespacten Schusswaffen der Zukunft vor.