Carol Rifka Brunt: Tell the Wolves I’m Home

Carol Rifka Brunt Tell the Wolves I'm Home Cover
Als Junes Onkel stirbt, verliert sie ihren einzigen wirklichen Freund. Nur in Gesellschaft des bekannten Malers konnte sie sie selbst sein. Ihre Schwester gibt sich unbeteiligt, sie hat die enge Beziehung zwischen June und Finn immer neidisch beäugt. Die Mutter hegt einen alten Groll gegen ihren toten Bruder, über den sie nicht sprechen kann, genausowenig wie über die mysteriöse Krankheit, an der er starb. Und dann ist da noch der fremde Mann, der für Finns Tod verantwortlich sein soll, als ungebetener Gast auf der Beerdigung auftaucht und heimlich Kontakt zu June aufzunehmen versucht …

 

Wahrscheinlich habe ich mich noch nie so sehr in einem Buchcharakter wiedergefunden wie in June Elbus. Dabei haben June und ich äußerlich nicht viel gemeinsam: In ihrem Alter war ich eher mager, ich war auch nicht in einen Verwandten verliebt oder bin in den Achtzigern aufgewachsen. Aber ich weiß, wie es ist, in den Wald zu gehen und sich vorzustellen, man sei in einer anderen Zeit. Ich kenne das Gefühl, sich wie ein Fremdling unter Menschen vorzukommen, schüchtern zu sein.

The worst thing is the stupid hopefulness. Every new party, every new bunch of people, and I start thinking that maybe this is my chance. That I’m going to be normal this time. A new leaf. A fresh start. But then I find myself at the party, thinking, Oh, yeah. This again.

Allein deshalb schon hat mir Carol Rifka Brunt mit ihrem Debütroman aus der Seele gesprochen. Es sind aber die Beziehungen zwischen den Figuren des Romans, die diesen so real und brillant machen. Niemand hier ist perfekt, sondern benimmt sich auch mal daneben. Dies könnte schnell „out of character“ wirken, aber im Gegenteil funktionieren die Charaktere so erst richtig gut als vollständige Persönlichkeiten.

Auch die Rivalitäten zwischen June und ihrer Schwester Greta fand ich sehr überzeugend, wenn auch meist auf traurige Art. Denn Greta gilt als das Wunderkind der Familie, auf dem die Erwartungen der Eltern lasten. So hält jede Schwester die andere für das Glückskind.

Die Panik rund um die noch eher unbekannte Krankheit AIDS und die unglaublichen Vorurteile, die daraus entstehen konnten, haben mich beim Lesen richtig wütend gemacht. Auch darin war der Roman sehr überzeugend, so hatte ich mir diese Zeit vorgestellt: Ein bisschen Weltendstimmung und die daraus resultierende Suche nach Schuldigen, das alles zu dem Soundtrack von 99 Luftballons.

Ich bin also schwer begeistert von Tell the Wolves I’m Home und musste mich zurückhalten, es nicht direkt ein zweites Mal zu lesen. So steht der Roman mit Sicherheit auf der Liste meiner Lieblingsbücher 2017. Meine einzige Frage ist: Warum gibt es von diesem wunderbaren Buch keine deutsche Übersetzung?!

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Baba Dunjas letzte LiebeIch hatte keine Ahnung, worauf ich mich mit Alina Bronskys Roman einlassen würde. Ich hatte nur Gutes darüber gehört, also lieh ich es bei Gelegenheit als Hörbuch, gelesen von Sophie Rois, aus.

Baba Dunja ist die erste, die nach dem Reaktorunglück in ihr Heimatdorf Tschernowo zurückkehrt. Bald folgen andere, doch aus Baba Dunja wird eine Berühmtheit über die Todeszone hinaus. Die resolute Alte hat mit Ruhm aber nichts am Hut, sondern nimmt an, was ihr das Leben bietet: Ein kleiner Garten, verkorkste Nachbarn und vor allem eine Enkelin in Deutschland, die sie noch nie gesehen hat.

Außerdem begleiten Baba Dunja die Geister ihrer Vergangenheit: Mit ihrem verstorbenen Ehemann spricht sie ebenso wie mit dem dahingeschiedenen Hahn der Nachbarin.

Bis heute wundere ich mich jeden Tag darüber, dass ich noch da bin. Jeden zweiten frage ich mich, ob ich vielleicht eine von den Toten bin, die umhergeistern und nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass ihr Name bereits auf einem Grabstein steht. Einer müsste es ihnen sagen, aber wer ist schon so dreist.

Alina Bronsky zeichnet hier ein warmherziges Portrait einer „unrussischen“ (Bronskys Worte in einem Interview) Seniorin, die ihr altes Leben komplett hinter sich gelassen hat und sich keine Vorschriften machen lässt. Die Reaktorkatastrophe spielt in ihrem Leben kaum eine Rolle. Nur, wenn sie mit einem Pinsel ihre Tomaten selbst bestäuben muss oder wenn sie, um in die Stadt zu gelangen, zwei Stunden zur nächsten Bushaltestelle laufen muss. Aber die paar Unannehmlichkeiten sind kaum der Rede wert, denn dafür muss Baba Dunja nicht in einer Mietwohnung in der Stadt leben und bleibt ihr eigener Chef.

Baba Dunja war mir sofort sympathisch, sie kommt gut allein zurecht. Ihr weicher Kern ist gut verborgen, tritt aber doch im Verlauf der Geschichte zutage. Auf der Hälfte des Buches nimmt die Geschichte eine wahrhaft unvorhergesehene Wendung, an die ich mich nicht ganz gewöhnen konnte. Doch auch weiterhin blieb sich Baba Dunja treu. Sophie Rois liest mit schnodderiger, knarziger Stimme und erweckt die alte ‚Grande Dame wider Willen‘ zum Leben.

Sigrid Undset: Frau Marta Oulie

Hierzulande kennt man die Nobelpreisträgerin Sigrid Undset wohl vor allem für ihr Mittelalterepos Kristin Lavransdatter. Frau Marta Oulie ist ihr Erstlingswerk und sorgte für einen Skandal, als es 1907 erschien. Der erste Satz zeigt warum: „Ich habe meinen Mann betrogen.

Marta Oulie versucht sich in Tagebucheinträgen ihr Verhalten selbst zu erklären, Gründe dahinter zu erkennen und sich selbst zu analysieren. Die Geschichte entspinnt sich so aus der Retrospektive und als Leser lernt man ihren Mann Otto durch ihre Augen betrachtet kennen. Frau Oulie scheint das perfekte Eheleben zu führen, sie hat einen freundlichen, nachsichtigen Mann und Kinder, die ihr Freude bereiten. Doch genau diese Freude kommt ihr immer mehr abhanden. Marta erzählt sich selbst die Geschichte ihrer Liebe: Wie sie Otto mit einundzwanzig kennenlernte, wie er sie umwarb und sie sich verliebten.

Ich brauchte einen, den ich lieben konnte und der mich liebte – ich brauchte kein Mannsbild, das mich ‚verstand‘. Ach, wie recht hatte ich damals, wenn ich das schnöde, freche Frauenzimmergeschrei nach ‚Verständnis‘ verachtete – solche Frauen wollen nur einen Mann, der bei ihren langweiligen, verdrehten kleinen Gehirnen den Uhrmacher spielt und seine Zeit damit verschwendet, ihre Eitelkeiten zu befriedigen. (S. 30)

Otto ist kein Uhrmacher von Martas Geist, sondern sie führen Gespräche über Gott und die Welt, er respektiert sie als gleichgestellte Persönlichkeit. Zumindest zu Beginn ihrer Beziehung. In ihrem Tagebuch zieht sie nicht nur die Entwicklung ihrer Beziehung von Leidenschaft zu Gewohnheit und alltäglichen Sorgen nach, sondern auch ihre Entwicklung als Frau wird sichtbar. Sie reift in ihren Erkenntnissen und emanzipiert sich, am Rande erfährt man von ihren Umtrieben als Frauenrechtlerin.

Gleich am Anfang erfahren wir auch, dass ihr Mann seit langem lungenkrank im Sanatorium liegt. Krankheit und Ehebruch fallen zusammen, aber Undset beschwört keine Metaphorik à la alttestamentarische Strafe herauf, sondern lässt auch hier Raum für eigene Interpretation. Sie urteilt nicht über ihre Figuren.

Immer wieder kommt das Thema Glaube und Religion ins Spiel und hier gehen Marta und Otto ebenfalls verschiedene Wege: Marta sieht keinen Sinn in der Beichte und glaubt nicht an einen Gott, ihr Mann, der sich dem Tode nahe glaubt, findet durch diese Todesnähe zu seinem Glauben. Auch hier bleibt es dem Leser selbst überlassen, ein Urteil zu fällen.

Insgesamt geschieht nicht viel in dem kurzen Werk; am Ende hat man Marta immer noch nicht ganz zu fassen bekommen, und auch sie gibt am Ende den Analyseversuch auf. Faszinierend ist, wie lebensecht Marta Oulie wirkt. Sie ist so komplex, dass sie auch mal widersprüchlich wird. Zum Beispiel in ihrem Umgang mit Bekanntschaften. Auch wenn sie deren Freundschaft und Güte erkennt, merkt man immer wieder an kleinen Bemerkungen, dass sie sich nie in die kleine ländliche Gemeinde einleben konnte, in die sie durch ihre Heirat geriet. An anderer Stelle gesteht sie, die Damen in ihrer Umgebung hätten einen größeren Einfluss auf sie gewonnen, als ihr bewusst gewesen sei. So kann man Marta durch das Lesen ihres Tagebuchs studieren, ohne sie je ganz zu ergründen.

Trotzdem: Als mitreißend oder spannend kann ich Frau Marta Oulie nicht bezeichnen. Die Erzählung plätschert so dahin und überzeugt mehr durch die Komplexität Martas auf so wenigen Seiten (gerade mal 125). Auch die kontroversen Themen Ehe, Leidenschaft und Gottesfurcht in einem Roman von 1907 wiederzufinden, war spannend und lohnenswert. Darum empfehle ich den kurzen Text nur denen, die sich auch für speziell diese Themen interessieren und vielleicht auf der Suche nach weiblichen Stimmen dazu aus verschiedenen Epochen und Regionen sind. Es war eher lehrreich als unterhaltend, aber langweilig eben auch nicht.

Elfriede Jelinek: Die Klavierspielerin

Manche Bücher meidet man. Erst drängeln sich andere Bücher vor, dann häufen sich Zweifel, ob es nicht zu schwere Kost ist. So was verselbständigt sich schnell. Die Klavierspielerin wurde mir von meiner Lieblingsprofessorin ans Herz gelegt. Ihre Lesetipps waren mir Lesebefehle, weil sie es schaffte, ihre Faszination zu transportieren und einen damit anzustecken. Die Klavierspielerin ließ sie anspruchsvoll, aber auch interessant klingen. Doch kurz nach dem Kauf setzte der Zweifel ein: Ein Roman über eine tyrannische Mutter-Tochter-Beziehung und sexuelle Abweichungen?

Vorspulen auf 2015: Das Buch fängt immer noch Staub, der nächste Umzug steht bevor – das nagt am Ego. Das grüne Cover sticht so sehr hervor, dass es mich verfolgt. Es muss endlich gelesen werden. So viel zum Prolog.

Elfriede Jelinek KlaverspielerinErika Kohut lebt, nicht mehr ganz jung, mit ihrer Mutter in Wien. Ihr Leben wird von den Wünschen der Älteren diktiert, die sie als große Pianistin und vor allem stets unter ihrer mütterlichen Obhut sieht. Bald entsteht der Eindruck, da lebten zwei gleich alte Jungfern zusammen. Erika wird als verkümmernde Pflanze geschildert, die sich diesen Verhältnissen angepasst, sich der mütterlich- en Gewalt unterworfen und ihre Individualität aufgegeben hat. Sie lebt in einem engen Korsett aus den Vorstellungen anderer, die sich immer weniger von ihren eigenen unterscheiden lassen.

[D]amit das Kind den Weg durch die Intrigen auch findet, schlägt sie an jeder Ecke Wegweiser in den Boden und Erika gleich mit, wenn diese nicht üben will.

Elfriede Jelinek erzählt dieses Leben in einem zynisch-sachlichen Ton, der abstoßend ist und Ekel vor der Gesellschaft im Allgemeinen und vor dieser manipulativen Mutter-Tocher-Beziehung im Besonderen erregt. Auf verdrehte Weise erinnerte mich die Wortwahl öfters an Erich Kästner oder Tucholsky, nur ohne den Frohsinn, bitter. An den messerscharfen Beschreibungen hatte ich, sprachverliebt wie ich bin, große Freude. Ich war wie hypnotisiert.

Ein großes Thema in Die Klavierspielerin ist die Sexualität. Erika, von der Mutter fast erdrückt und immer unter dem Zwang der Perfektion, kann keine Lust empfinden, weiß mit ihrem eigenen Körper nichts anzufangen. Als einer ihrer Musikschüler beschließt, sie zu erobern, gerät das Konstrukt ihres Lebens aus den Fugen und sie wird direkt mit gut versteckten Wünschen konfrontiert.

Ihr Körper ist ein einziger großer Kühlschrank, in dem sich die Kunst gut hält.

Unter allen Büchern dieses Jahres war dies das schwierigste, unzugänglichste. Es ist keines, das man verschenkt, keines, das man Familienmitgliedern empfiehlt. Es ist eines, das man leise liest. Zu viele Tabus werden darin gebrochen, das Lesen selbst beengt. Dabei würde das Sprechen darüber den im Roman geschilderten Teufelskreis aus Befehl und Gehorsam erst brechen.

Ich bin froh, Die Klavierspielerin nun doch gelesen zu haben. Das Buch wird mir sicher noch lange in unangenehmer Erinnerung bleiben. Manche Bücher sind gerade durch diese Unbequemlichkeit gut.

Persepolis von Marjane Satrapi

Persepolisbände nebeneinanderIch bin nicht so die Comic-Leserin, meist fehlt mir der Text, und die Bilder fesseln mich nicht lange genug, um den Kaufpreis oder überhaupt die Lesezeit zu rechtfertigen.

Anders war Persepolis, die Autobiographie Marjane Satrapis, die etwas mehr Text und schwarzweiße Illustrationen enthält.

Satrapi berichtet von ihrem Aufwachsen im Iran. Die Revolution von 1979 bringt große Veränderungen ins Land, die politischen Unruhen begleiten die junge Iranerin ständig, bis der Krieg ausbricht. Marjane hat das Glück, in eine sehr liberale Familie hinein geboren worden zu sein, und so fällt es einem auch als Leser sehr leicht, sich mit den Hauptfiguren der Graphic Memoir zu identifizieren. Es ist eine äußerst politische Familie, sodass die Entwicklung des Iran eines der Hauptthemen des Buches ist. Darin verwickelt und stets mit den Konsequenzen konfrontiert, geht Marjane ihren Weg, als Frau, als Iranerin, als Mensch auf der Suche nach sich selbst.

Persepolis habe ich vor einigen Jahren in Filmform gesehen. Die Geschichte hat mich fasziniert und ich wollte gerne auch die Vorlage, auf der der Film basiert, lesen. Wie gut, dass ich das getan habe! Satrapi hat mich vollkommen in den Bann geschlagen, sowohl durch die bewegende Geschichte ihres Lebens und die ihrer Heimat, als auch durch die authentische Erzählstimme. Die kleine Marjane war mir direkt sympathisch, aber sie hat auch ihre Eigenheiten. Sie durchläuft übliche Stadien des Erwachsenwerdens und bleibt doch immer unverkennbar Marjane, sowohl in ihren Interessen als auch in den Panels, da man sie trotz der zurückhaltenden Illustrationen immer gut erkennen kann. Dasselbe gilt übrigens für alle wiederkehrenden Figuren. Ich hatte wirklich den Eindruck, dass ich die Figuren kenne, und freute mich, sie wiederzusehen.

zeichenstil persepolisSatrapi sagt, ihr Hauptanliegen sei es gewesen, Westlern ein besseres Bild des Iran zu vermitteln, die doch das Land vor allem mit Terrorismus und Unterdrückung in Verbindung bringen. Sie hat mit ihren Comics, zu denen auch Huhn mit Pflaume zählt, auf jeden Fall dazu beigetragen. Leseempfehlung, auch für Comicmuffel!