Mary Poppins (Film, 1964)

Mary Poppins DVD Cover

Mary Poppins war mein erster Film, Mary und Bert waren immer da, mein Leben lang. Ist es da verwunderlich, dass ich London liebe und die Edwardianische Zeit? Diesen August wird der Film 51 Jahre alt. Aber dieser Klassiker ist zeitlos – größtenteils. Nur an die literarische Vorlage erinnert der Film nicht allzu sehr.


Wie soll man auch eine lose Aneinanderreihung episodischer Geschichten in einen Film umsetzen? So etwas geht eher in einer Miniserie; für den Film musste ein Erzählbogen her. Ob und inwiefern Travers‘ Vater dabei eine Rolle gspielt haben, wie Saving Mr. Banks suggeriert, kann hier offen bleiben. Fakt ist, dass der Film einen frei erfundenen Rahmen als Basis hat, in dem einige typische Disneymotive und einige der Originalideen von P. L. Travers Platz gefunden haben.

Bert, der im Buch nur in einem Kapitel vorkommt und meist nur „der Streichholzmann“ genannt wird (an Marys freiem Tag springen die beiden in ein Bild und essen Kuchen), ist hier das Bindeglied zwischen der Kinder- und der Erwachsenenwelt: Er kann keinesfalls zaubern wie Mary (er muss sie bitten, ihn und die Kinder in das Bild zu bringen, anders als der Streichholzbert im Buch), hat aber die Vorstellungskraft und den Humor ines Kindes. Mit acht fand ich Bert unwiderstehlich. Jemand, der die Welt so sehen kann wie Bert, gibt immer einen guten Spelgefährten ab.

Mary wird im Film von einer noch sehr theatralisch spielenden Julie Andrews gespielt. Man sieht in ihrer ersten Szene, der Ankunft im Bild, wie sie noch direkt in die Kamera blickt, als sei dort ein Publikum, dessen Reaktionen sie reizt. Es war ihre erste Filmrolle. Ich finde sie darin immer wieder bezaubernd. Wie im Buch ist Mary Poppins auch hier erst mal die Spaßbremse und pocht auf gutes Benehmen, findet sich aber schnell mit kuriosen Situationen ab. Die Teezeit an der Zimmerdecke hätte es sonst nicht gegeben.

Man begegnet im Film vielen Figuren des Buches: Mrs. Corry und ihren riesenhaften Töchtern, dem Hund Andrew und der Vogelfrau. Im Buch haben sie eigene Geschichten. Ich finde es schön, dass man ihnen so Respekt gezollt hat (und auch den Lesern, die so bekannte Figuren auf der Leinwand wiedergefunden haben). Dennoch ist die Geschichte natürlich komplett anders. Mrs. Banks wird zu einer Suffragette, was ich für den größten Fehler des Films halte. So was versteht doch kein Kind. Nicht mal ansatzweise. Alles, was mir schon früher klar war, war die Abwesenheit beider Eltern, die man durchaus auch im Buch wiederfindet.

Dass Mr. Banks so auf Materielles fixiert ist und seine Kindlichkeit erst wiederfinden muss, ist aber eine Erfindung Disneys. Allerdings eine schöne, wie ich finde, dies sich gut mit den anderen Teilen des Films verträgt: Phantasie, Albernsein, sich an kleinen Dingen freuen.

Bei diesem Ansehen sind mir zwei Dinge besonders klar geworden:

  • Disney hat tief in die Trickkiste gegriffen, sehr tief. Jeder zu der Zeit mögliche Leinwandzauber scheint im Film vorzukommen. Natürlich die Kombination von Animation und Realszene, aber auch Animatronics (elektrisch betriebene, bewegliche Modelle), bewegte Möbelstücke, ineinanderlaufen von Szenenbild und Zeichnungen (wie die Schiffselemente an Admiral Bumms Haus), schwebende Menschen (inklusive Salti), und und und.
  • Der Teil des Films, der mich schon immer am meisten fasziniert hat, ist der düsterste: Der Spaziergang auf den Dächern Londons und die großartige Tanzszene der Schornsteinfeger. Wer diese Choreographie geschrieben hat war ein Genie.

Ohne zu zögern würde ich Mary Poppins meinen (noch rein hypothetischen) Kindern zeigen. Mary ist nebenbei auch eine großartige Frauenfigur: Sie weiß was sie will und erlebt dabei die tollsten Dinge. Ich glaube, ich wollte immer so gewitzt und zielstrebig sein wie sie. Sie trug stets Röcke und war dabei trotzdem supercool.

P. L. Travers: Mary Poppins

Mary Poppins (Mary Poppins, #1)Das zauberhafte Kindermädchen, das mit dem Ostwind in den Kirschbaumweg 17 geweht wird, ist heute den meisten aus dem Disney-Film von 1964 bekannt. Aber schon lange davor gab es mehrere Bücher über Mary Poppins, die sich großer Beliebtheit erfreuten.

Der erste Band, der 1934 erschien, versammelt zwölf Kurzgeschichten, in denen die Banks-Sprösslinge mit ihrem neuen Kindermädchen Abenteuer erleben. Aber es gibt auch Geschichten über andere Personen, die im Kirschbaumweg leben oder die Mary Poppins zu kennen scheint. Da gibt es eine Kuh, die nicht aufhören kann, zu tanzen, und einen Hund, der sich nichts sehnlicher wünscht, als dass sein Freund nicht mehr wie ein Straßenköter behandelt wird. Auf dem Weihnachtsbummel begegnet man dem Stern Maia und mit einem Kompass umreist man die Welt in wenigen Minuten.

Wer die gewitzte Julie Andrews-Version der Mary Poppins erwartet und die unverkennbare Magie eines Walt Disney, der wird hier aber enttäuscht. P. L. Travers‘ Buch ist ganz anders, viel mehr in seiner Zeit verhaftet (einige Szenen mussten wegen rassistischer Beschreibungen sogar in späteren Ausgaben umgeschrieben werden). Mary Poppins ist nicht schön, aber eitel. Sie ist störrisch und beharrt auf ihrem guten Ruf. Es steht außer Frage, dass sie eine hohe Stellung in der Schöpfung einnimmt. Da kommt es schon vor, dass ihr zu Ehren nachts im Zoo von den Tieren ein Geburtstagsfest veranstaltet wird. Es ist eine ganz andere Art der Magie, die in diesem Buch steckt.

Die Familie Banks lebt keinesfalls in einem pompösen Haushalt mit mehreren Angestellten. Mrs. Banks musste sich entscheiden: Entweder ein schönes Haus oder vier Kinder. Denn es sind vier: Jane und Michael und die Zwillinge, Barbara und John, um die sich ein besonders schönes Kapitel rankt.

P. L. Travers‘ Buch steckt voller spiritueller Anklänge, ohne für eine bestimmte Richtung zu stehen. Die Schöpfung erscheint als großes Ganzes und in vielen der Kapitel spielen Sterne eine große Rolle. In dem Büchlein, dass man ganz schnell durchgelesen hat, scheint mehr zu stecken, als es den Anschein hat. Das empfindet man, nach den Leserstimmen im Internet zu schließen, entweder als magisch oder als wahlloses Chaos ohne Charme. Da ich mit dem Disney-Film aufgewachsen bin und das Buch zuerst 2009 las, steht für mich der Favorit für immer fest. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass man Kinder auch heute noch mit Mary Poppins begeistern kann (in der politisch korrekten Version). Die kleinen Geschichten sind vielfältig und einfallsreich. Ich glaube, ich bin da einfach zu parteiisch.

Den Film habe ich mir übrigens auch noch mal angesehen. Der Vergleich folgt morgen.

Valerie Lawson: Mary Poppins, she wrote

Cover Mary Poppins, she wroteDas Leben der P. L. Travers wurde 2013 in Saving Mr. Banks Thema eines Spielflms. Hauptquelle für den Film: Mary Poppins, she wrote, die bis dato einzige Biographie über eine Frau, die ihr Leben gerne so anonym wie möglich führte.

Meine Erfahrung mit Biographien steckt leider noch in Babyschuhen: Soweit ich mich entsinne, habe ich nur eine Tolkien-Biographie und Ich bin Malala gelesen. Daher musste ich mich erst einmal darauf besinnen, wozu es Biographien gibt: Für jede dieser Personen gibt es einen allgemeinen Fokus, ein Auslöser, warum man ein Buch über ihr Leben lesen möchte. Bei Tolkien sind es die Quellen und Themen für Mittelerde, bei Malala sucht man vielleicht nach dem Grund für ihre Standhaftigkeit und wie sie mit dem ungewöhnlichen Leben umgeht, das sie führt. Mary Poppins, she wrote wollte ich lesen, um die wahre Travers kennen zu lernen und zu erfahren, woher Mary Poppins kam.

Das größte Problem an einer Biographie über Pamela Lyndon Travers (eigentlich Lyndon Goff) ist, dass diese selbst ein großes Geheimnis aus ihrem Leben machte: Ihre australische Herkunft vertuschte sie, erfand neue Biographien für ihren Vater und sich selbst, weil die Wirklichkeit ihr zu peinlich oder traurig war. Auch ihr Alter war geheim, nicht einmal ihrem Grabstein kann man Geburts- oder Todesjahr entnehmen. Die Biographie ist also vor allem der Versuch, möglichst viele Fakten über P.L. zu sammeln. Den Eindruck hatte ich jedenfalls. Verknüpfungen, Assoziationen oder gar Interpretationen fehlen hier oft ganz.

Mich hätte zum Beispiel, da Mary Poppins oft mit Zen in Verbindung gebracht wurde und P. L. offenbar ihr Leben lang auf einer spirituellen Suche war, diese Entwicklung interessiert. Es hätte ein guter Fokus für die Biographie werden können. Aber so ein Fokus fehlte. Travers ist nicht wirklich greifbar geworden, denn die Analyse ihres Lebens bleibt dem Leser überlassen, offensichtliche Ursachen für ihre Entwicklung zu der schwierigen Dame mittleren Alters, die man ihm Film sieht, werden nicht angesprochen. Es kam mir so vor, als habe Lawson zu großen Respekt vor dem Objekt ihres Buches gehabt, um irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

Bei anderer Gelegenheit war die Autorin aber mit einem Urteil äußerst schnell bei der Hand: Walt Disney wird immer wieder „the great convincer“ genannt und als Verführer dargestellt, der aus Mary Poppins eine überzuckerte Farce gemacht hat. Einiges an der Kritik finde ich durchaus nachvollziehbar, aber der herablassende, urteilende Ton dabei ist einfach unsachlich und unangenehm für den Leser.Interessant ist, wie Travers erst scheinbar begeistert war von der Idee, ihre Mary auf Celluloid gebannt zu sehen. Nach Fertigstellung des Films betrieb sie einigen Aufwand, um mit Disney auf freundlichem Fuß zu bleiben, da sie auf eine Fortsetzung hoffte (während Disney selbst aus Prinzip gegen Fortsetzungen war – wüsste er von der heutigen Firmenpolitik der Company würde er im Grab rotieren). Für Geld war Travers schon zu einigem bereit. Als klar wurde, dass es keine Fortsetzung geben würde, wurde ihre Einschätzung des Poppins-Films zunehmend negativ. Zuletzt behauptete sie, von Disney hereingelegt worden zu sein.

Zum Glück ist die Zusammenarbeit mit Disney nur ein Kapitel im Leben der P. L.Travers. Travers war zunächst als Schauspielerin in Australien unterwegs und schrieb Kolumnen für eine kleine Zeitung. Als sich ihr die Möglichkeit bot, nach England zu gehen, zögerte sie nicht. Sie befreundete sich mit den irischen und englischen Persönlichkeiten der Zeit (Yeats, Blake, George William Russell) und arbeitete weiterhin als Journalistin.

Im Grunde hat sie ihr Leben lang von der Mary Poppins-Idee gelebt, die sich wiederum aus ihrer trostlosen Kindheit speist, hat Fortsetzungen geschrieben und Vorträge gehalten und auf Ruhm gehofft. Der große Roman, mit dem sie auch die Erwachsenenwelt hätte begeistern können, kam nie.

Bei einer so komplexen Frauenfigur wie Travers hätte ich mir einfach mehr gewünscht als ein Aneinanderreihen von Daten. Ein gelegentliches Abdriften ins Romanhafte hat für weitere Verwirrung gesorgt. Von dem Besuch einer weihnachtlichen Choraufführung ihres Adoptivsohns heißt es: „Pamela felt her own hot, prickly tears at the innocent words [des Liedes]. He [Sohn Camillus] looked so sweet in his gray suit.“ Manche Zitate blieben zudem ohne Quelle. Schön war die Zugabe zahlreicher Fotos in schwarzweiß.

Wer gerne einen anderen als den Disney’schen Standpunkt zur Person P.L. Travers kennenlernen will, der wird um Mary Poppins, she wrote nicht herumkommen. Lesenswert ist es schon, nur eben nicht ganz das, was ich mir erhofft hatte. Auf jeden Fall lernt man mehr über die geheimnisvolle P. L., die als Kind des späten 19. Jahrhunderts definitiv ein spannendes Leben geführt hat und keinesfalls nur klassische Frauenrollen innehatte.