Gender Trouble: Gelesenes im Juli (Teil 2)

Meine Leseflaute hält weiter an, immer noch bin ich vollkommen im Witch please Fieber. Dazu kommen ausführliche Planungsorgien für den bevorstehenden Englandurlaub.

Irmgard Keun: Das Mädchen mit dem die Kinder nicht verkehren durften

irmgard-keunKurzweilige Story um ein ungezogenes Mädchen aus dem Köln während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Da wir die Geschichte aus der Perspektive des Kindes lesen, sehen wir die eindeutig guten Absichten der Kleinen: Sie missversteht die Welt der Eltern und umgekehrt.

Sie essen die Schnecken, sie essen immerzu alles und erzählen Kindern, daß man Schnecken ansingen soll und Osterhasen lieben muß. Ich weiß wirklich nicht, warum sie nicht lieber böse dicke Männer essen, die sie nicht leiden können und die nicht niedlich sind und an denen auch mehr dran ist.  — S. 133

Irmgard Keuns Stil ist unverkennbar, unter der flatterhaften Oberfläche gibt es viel zu entdecken. Die eigentliche Geschichte ist eher episodenhaft und das Ende sehr abrupt.

Marcel Proust: Sodom und Gomorra (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit #4)

So langsam entwickelt sich ein Problem mit diesen Büchern: Proust liebt Rück- und Vorverweise, die sich bei der Buchlänge natürlich kein Normalsterblicher merken kann.

Noch eine zweite Anmerkung: Soo viele versteckte Petting-Szenen!

Ich lehnte die Decke ab, die ich an den folgenden Abenden, bei denen Albertine dabei war, annehmen sollte, freilich weniger wegen der Gefahr einer Erkältung, als um der Geheimhaltung unserer Vergnügungen willen.

In diesem Buch geht es hauptsächlich um Sexualität, vor allem um homoerotische. Die dabei vertretene Meinung, Homosexuelle seien „eigentlich“ des jeweils anderen Geschlechts (also ein schwuler Mann sei eigentlich eine Frau und umgekehrt) war dabei dermaßen präsent, dass mir das Lesen teilweise schwer fiel. So viel als Warnung an Interessierte.

Carlos Ruiz Zafón: Der Fürst des Parnass

Mein Lückenbüßer des Monats ist diese wenig erfreuliche Prequel zu der beliebten Buchreihe um den Friedhof der vergessenen Bücher. Vieles erinnert an Don Quijote (Cervantes ist die Hauptfigur, aber es wird doch mehr „geliehen“, als mir gerechtfertigt erschien) und vor allem an bereits Dagewesenes in Zafóns eigenen Romanen. Und feministisch gelesen ist das Buch eine Katastrophe. Dabei bleibt die Textqualität weit hinter den „richtigen“ Friedhofsbüchern zurück, Zafóns Charme verkommt hier zu überdrehtem Pathos.

Suzanne Collins: Gefährliche Liebe (Die Tribute von Panem #2)

Meine Frustleihe, nachdem ich zwei andere Bücher in der Bibliothek nicht finden konnte, obwohl der Katalog sagte, sie seien vor Ort. Gut, dass es so kam, denn ich habe den Roman an einem Tag gelesen. Katniss ist immer noch eine komplexe, starke Figur, und dass die Spiele nur ein Drittel des Buches einnehmen war mir nur recht.

Gelesen im Mai Teil 2

Schon wieder ein Monat um 😯

Gelesen im Mai Teil 2

Marcel Proust: Der Weg nach Guermantes

Der dritte Teil Auf der Suche nach der verlorenen Zeit hatte viel Salon-Konversation und Bebachtungen über diese Abendgesellschaften zu bieten. Das war einerseits amüsant, weil viele soziale Ungereimtheiten bloßgestellt wurden, andererseits war es auch verwirrend, mit all den Charakteren Schritt zu halten. Vor allem, weil Proust immer mehr anzudeuten beginnt. Zum Beispiel berichtet er von einer Begebenheit und kündigt dann an, man würde diese erst im Folgeband verstehen, wenn die Gründe für das Ereignis enthüllt werden.

Rebecca Gablé: Der König der purpurnen Stadt

Jubel! Endlich kann ich diesen Wälzer von meiner Liste streichen. Nicht, dass mich die Gablé gelangweilt hätte. Ihren Schreibstil und die Gablé-typischen Kniffe und Plots finde ich einfach „gemütlich“, weil sie mir inzwischen so vertraut sind. Zwar finde ich dieses Buch weniger gelungen als die ersten beiden Warringham-Bände, aber meinen Spaß hatte ich trotzdem. Hauptfigur Jonah war mir leider nicht wirklich sympathisch, was meine gemütliche Leserei etwas störte (sonst habe ich ja nichts gegen schwierige Charaktere). Ein teils knallharter Geschäftsmann und oft rücksichtslos als Mann, eine Figur, die ich bei der Autorin nicht erwartet hatte. Das älteste Buch auf meinem SuB, endlich steht es bei den anderen Gablés!

Sarah Kuttner: Mängelexemplar

Dass Mngelexemplar gerade (?) im Kino läuft, ist totaler Zufall, denn dieses Buch hat mir eine Freundin in die Hand gedrückt. Trotz einiger Schwächen hat mir das Buch ganz gut gefallen, sodass eine Vollwert-Rezension folgt.

Ransom Riggs: Die Insel der besonderen Kinder

Nachdem so langsam die ersten Trailer für den Film auftauchen, habe ich das Buch schnell noch gelesen, bevor meine Vorstellung von Eva Green und Konsorten blockiert wird. Der 16-jährige Erzähler der Geschichte sorgte allerdings für einen Erzählton, der nicht wirklich zu der nebligen walisischen Insel passen wollte. Auch einige Aspekte der Geschichte haben absolut keinen Sinn ergeben, sodass ich am Ende nicht überzeugt war.

Der Seidenspinner

Der zweite Teil der Cormoran Strike Krimis hat meine Erwartungen voll erfüllt. Die Hauptcharaktere, die mir ans Herz gewachsen waren, haben auch diesmal nicht enttäuscht. Die Handlung war deutlich direkter als im ersten Band (sowohl die Tat ist blutrünstiger als auch die satirische Darstellung der Schriftstellerszene bissiger) und genauso spannend. Auch in Teil zwei wartet Galbraith/Rowling wieder mit ihr typischen Klischees und Genderrollen auf, nimmt diese aber auch zum Teil aufs Korn. Wie gesagt, ich bekam was ich wollte, und freue mich, irgendwann auch Band drei zu lesen.

Und jetzt?

Ich höre als nächstes Grau von Jasper Fforde, von dem unter anderem Pat Rothfuss seit Jahren schwärmt. Außerdem lese ich (Trommelwirbel) den finalen Band der Malloreon-Saga von David Eddings, die ich 2011 in Großbritannien gekauft habe. Gerade rechtzeitig, den dieses Jahr geht es wieder auf die Insel und ich werde Bücher kaufen, so viel steht fest. Aber das ist ein anderes Thema …

Entspannen mit Proust (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit)

Seit Jahresanfang lese ich wieder Proust. Genauer gesagt: Ich höre mir die vollständige Lesung von Peter Matić (die deutsche Stimme von Ben Kingsley) an. Inzwischen bin ich beinahe süchtig, denn mit Proust kann ich einfach entspannen.

Proust, ein literarischer Albtraum

Marcel Proust 1900Proust ist vielen ein Albtraum aus ellenlangen, ja seitenlangen Sätzen und handlungsarmen Wälzern. Sein Lebenswerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist wohl eines der bekanntesten ungelesenen Werke der Weltliteratur. Ich wäre wohl auch zu einem von vielen frustrierten Lesern geworden, die nicht über Seite eins hinauskommen, hätte ich nicht direkt die Lesung mit Peter Matić in Händen gehalten.

Proust, der oft Bettruhe halten musste, schrieb viel im Liegen. Verwundert es da, dass sich seine Bücher häufig um innere Gedankengänge und weniger um Action drehen? Sein Schreibstil widersetzt sich jeglicher kommerzieller Logik, und gerade das macht ihn erfrischend anders.

Einfach mal abschalten und zuhören

Im Hörbuch habe ich genau die richtige Dosis Proust gefunden. Es ist unterhaltend, da Matić den Hörer präzise durch den Wörterdschungel lotst, man sich also nicht allein durch dieses Labyrinth kämpfen muss. Was eine große Erleichterung ist. Und bald überkommt einen die Erkenntnis, dass man ruhig zwischendurch den Faden verlieren darf: Was solls? Der nächste Satz kommt bestimmt.

Genau darum kann ich mit Proust so gut entspannen. Er buhlt nicht um meine Aufmerksamkeit mit knappen Sätzen und leicht verständlichem Witz. Ganz im Gegenteil konfrontiert er den Leser mit unzähligen Figuren, die teilweise für mehrere hundert Seiten verschwinden, kulturellen Anspielungen und Vernetzungen und natürlich seiner opulenten Sprache. Er macht es einem nicht leicht, aber nur, wenn man Proust mit konventionellen Methoden liest.

Entspannen mit Proust
Sich einfach treiben lassen (Quelle: visualhunt)

Damit zwingt er den Lesenden aber auch zur Konzentration, zur Entschleunigung. Proust lässt sich alle Zeit der Welt, um von A nach B zu kommen. Und wer nicht entnervt aufgibt in dem Versuch, alles zu verstehen oder gar Notizen zu machen, der kann auf Prousts Sätzen wie auf einem Floss treiben und die Zeit vergessen. Und ob das nun die Ironie im Titel ist oder der ganze Sinn, darüber kann ich ja vielleicht berichten, wenn ich „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu Ende gehört habe.