Der Horror. Gelesenes im August, Teil 1

Charlotte Perkins Gilman: Die gelbe Tapete

Brillante Kurzgeschichte mit einer Spur Gothic. Hier die Rezension für alle, die es gerne etwas genauer hätten.

Kenneth Grahame: The Wind in the Willows

Mit diesem Klassiker bin ich nicht richtig warm geworden. Toad, reich, egozentrisch, adrenalinversessen, war einfach nicht auszuhalten. Die kurzen Episoden über Badger, Ratty und Mole waren dagegen einfach zu kurz. Insgesamt wird hier ein etwas zu behäbiges Leben angepriesen, das doch ganz schön angestaubt ist.

Suzanne Collins: Flammender Zorn (Die Tribute von Panem 3)

Wie die anderen beiden Bände der Tribute von Panem war ich auch hiermit innerhalb zweier Tage durch. Ich hatte mich gewundert, warum so viele Leser dieses Buch am schwächsten bewerten. Während mir das Ende eigentlich nicht so verkehrt vorkam, hat mich etwas anderes zunehmend gestört: Katniss war über die anderen Bände eine erstaunlich starke Protagonistin. Leider verfällt Collins auf den letzten Meilen in typische Muster und stellt Katniss als kaltblütige Opportunistin und als Vamp dar. Und mehr kann ich nicht sagen wegen Spoilern für die Reihe. Insgesamt also ein zwiegespaltenes Leseerlebnis.

Charlotte Perkins Gilman: Die gelbe Tapete

Wie gut, dass diese Kurzgeschichte gerade wiederentdeckt wird – sonst hätte ich sie wohl nicht so schnell gelesen.

Bildquelle: 29364131@N07 (Flickr)

Wir lesen die Aufzeichnungen einer jungen Frau, die scheinbar krank ist. Ihr Mann John, der Arzt ist, hat ihr Ruhe verordnet, um ihre ‚Nervenschwäche‘ zu kurieren. In einem vermeintlichen Kinderzimmer mit gelber Tapete bringt sie ihre meiste Zeit zu und langweilt sich. Die schriftlichen Aufzeichnungen erleichtern ihr diesen Zustand, bis sie immer mehr versucht, dem Muster der gelben Tapete auf den Grund zu gehen.

Was Charlotte Perkins Gilman hier im Jahr 1892 gelungen ist, ist ein absolutes Meisterwerk: Es ist schockierend, gruselig und durchweg ambivalent.
Während von Beginn an Johns Herablassung der namenlosen Protagonistin gegenüber klar ist, liegen seine Motive genauso im Dunkeln wie der geistige Zustand der Erzählerin.

Ich habe vorher noch nie so eine Geschichte gelesen; tatsächlich habe ich sie zweimal hintereinander gelesen, beim zweiten Mal mit einem Stift griffbereit. Hier wird ein cleveres Netz aus möglichen Lügen und Anschuldigungen gesponnen, bei dem es letztendlich die vollkommene Ohnmacht der Frau in einer Männerwelt ist, die diese Situation eskalieren lässt.

„Die gelbe Tapete“ ist direkt an die Spitze meiner Kurzgeschichten-Favoriten gesprungen und ich könnte hier noch ewig über einzelne Sätze und meine Analysen schreiben. Aber das würde nur jedem das Lesevergnügen nehmen. Stattdessen spreche ich eine eindrückliche Leseempfehlung aus! 🙂

Die Geschichte ist im Original bereits public domain, den Text gibt es also online. Wer eine Übersetzung bevorzugt: ich habe eine Anthologie mit „Frauengeschichten“ gekauft, die mit dieser Story eröffnet und weitermacht mit Autorinnen wie Edith Warton, Virginia Woolf und Katherine Mansfield. Sie heißt „Die Frau hinter der gelben Tapete“ und ist meines Wissens auch nur noch gebraucht zu haben.

*Bildquelle: 29364131@N07 (Flickr), CC2.0, Remix von mir.

Erzählungen von Gabriel García Márquez

marquezDer Erzählungsband Das Leichenbegängnis der Großen Mama lag schon lange bei mir herum. Vermutlich auch wegen des Covers war ich nicht gerade gespannt auf die vermeintlich schwierigen Texte des kolumbianischen Nobelpreisträgers. Doch habe ich mich nun aufgerafft und bereue es nicht.

In dem Erzählungsband versammeln sich verschiedene, oft humorvolle Geschichten über meist sehr arme Leute, die oft in dem fiktiven Ort Macondo wohnen. Da ist zum Beispiel der Bürgermeister, den Zahnschmerzen plagen. Sein Barbier kann die momentane Abhängigkeit des Politikers ausnutzen und zieht den Zahn ohne Betäubung. Dabei entspinnt sich auf wenigen Seiten ein Dialog mit psychologischer Finesse.

García Márquez galt als die Stimme des einfachen Volks. Viele seiner Figuren sind bettelarm, ungebildet, leben von Tag zu Tag. Aber dabei wird er nicht melancholisch, sondern erzählt abgeklärt und pointiert. In In diesem Dorf gibt es keine Diebe gerät ein fehlgeschlagener Diebeszug völlig aus dem Ruder und verursacht mehr Stress und moralische Zwickmühlen, als dem auf voller Linie gescheitertem Dieb lieb wäre. Solche Geschichten hatte ich gar nicht erwartet und sie haben mir sehr gut gefallen. Was eindeutig zu kurz kam, war das magische Element, mit dem ich gerechnet hatte. Soviel also als „Warnung“.

Die Titelgeschichte konnte mich übrigens gar nicht vom Hocker reißen, da die Pointe schon lange vor Ende der Story klar ist, weshalb der Rest sich ganz schön zieht.