Wundertüte aus Fernost: Barry Hugharts Meister Li Romane

Ich lebe noch! Die Arbeit ist seit Jahresanfang sehr stressig und noch ist kein Ende in Sicht. Daher möchte ich mich mit einem kleinen Leseeindruck zurückmelden. Vor allem, weil ich die Reihe sowieso als Teil meines Fantasyprojekts unbedingt vorstellen wollte.

Barry Hughart Meister Li BücherMit dem ausgefuchsten Meister Li und seinem bärenstarken Adlatus Ochse hatte ich ein sehr ungewöhnliches Leseerlebnis. Von der Reihe hatte ich zum ersten Mal durch Goodreads erfahren, wo mich der erste Band „Die Brücke der Vögel“ ewig in den Empfehlungen verfolgte. Als dann Patrick Rothfuss die Bücher empfahl, schaute ich sie mir genauer an und es stand fest, dass ich sie lesen wollte.

In jedem der drei Bände geht es um einen Kriminalfall, der allerdings sehr schnell in die Gefilde des Märchenhaften und Magischen abdriftet. Da gehen Meister Li und Konsorten schon mal buchstäblich durch die Hölle, um einem Hinweis nachzugehen. Erzählt werden die Geschichten von dem großen aber nicht allzu schlauen Ochse, der aus ungeklärten Gründen immer wieder die Liebe seines Lebens findet und alsbald an die Intrigen des Falls verliert.

Ursprünglich begeistert hat mich der Untertitel „A Novel of an Ancient China that never was“, was allerdings mystischer klingt, als der Autor es erzählt. Zwar wimmelt es von chinesischen Legendenfiguren, aber der Erzählton ist meilenweit entfernt vom Letzten Einhorn, mit dem der Roman oft verglichen wird. Ochse ist ein lakonischer Erzähler, der sich nicht immer aller Zusammenhänge klar ist. So kann man als Leser auch ein wenig Detektivarbeit leisten und lange Erklärexkurse bleiben einem erspart. Ich würde die Bände an erster Stelle als Abenteuerromane kategorisieren: Die Figuren machen keine wirkliche Entwicklung durch, sondern stolpern von einem Chaos ins nächste. Daneben sind Begegnungen mit Vampiren absolut normal und es werden Morde aufgeklärt. Die Riehe ist die perfekte Lektüre, wenn man etwas leichtes schnell zu lesendes möchte.

Im ersten Band zieht Ochse aus seinem Heimatdorf los auf der Suche nach Hilfe: Denn daheim sind plötzlich alle Kinder eines bestimmten Alters in einen tiefen Schlaf gesunken. Nur ein Gelehrter kann da helfen. In der großen Stadt trifft er auf Li Kao, einen großen Gelehrten jenseits der Neunzig, der sich durch seine unorthodoxe Vorgehensweise in seiner Riege sowohl Ehre als auch Missgunst eingefangen hat. Gemeinsam suchen die beiden nach der Großen Wurzel der Macht, denn nur diese kann die Kinder von ihrer seltsamen Krankheit heilen. Zu diesem Zweck ziehen Meister Li und sein Klient durchs Land und verwirren sich immer tiefer in die Geschehnisse dieses alternativen alten China.

Es ist so viel los in diesen Büchern, dass sich einem schon mal der Kopf drehen kann. Am Ende kommt aber alles wunderbar zusammen. Auf großartige Frauenfiguren hofft man hier leider vergebens, was mein einziges Manko an der fantastischen Reihe ist. Jedes Buch ist übrigens auch für sich allein lesbar; es gibt zwar ab und zu mal eine kleine Referenz, aber genauso werden auch Vorkommnisse erwähnt, die in keinem der Romane erzählt werden.

Mir haben alle drei Romane sehr viel Spaß gemacht. Sie sind komplett anders als alles, was ich je gelesen habe, sind lustig, verfolgen komplexe Handlungen und führen einen in kulturell fremde Gefilde. Wäre super Material für eine (Mini-)Serie.

Was vom Lesen übrig blieb

Es gibt immer wieder Bücher und Hörbücher (oder auch andere Dinge), über die ich nicht genug zu sagen hätte, um einen eigenen Beitrag zusammenzubekommen, die aber unter den Tisch fallen zu lassen auch schade wäre. Oder Sachen, die nicht unbedingt ins Blog passen. Manchmal denke ich, ein Leseupdate oder so was in der Art wäre gut. Eben ein Blubberpost, nur nicht jede Woche, denn das wäre doch zu viel.
Mal sehen, was ich daraus mache – wollt ihr so was überhaupt? – hier erst mal meine aktuell liegengebliebenen Gedanken.

 

Raum von Emma Donoghue (Hörbuch Hamburg, 385 Minuten)

RaumIn Raum erzählt der fünfjährige Jack von seinem Leben. Seine Welt ist „Raum“ und 16 Quadratmeter groß, denn er ist der Sohn einer als Sexsklavin gehaltenen jungen Frau. In einem Gartenschuppen wächst er auf, ohne die Außenwelt zu kennen und ohne Kontakt zu anderen Menschen als Ma. Seine Freunde heißen Lampe, Tisch und Teppich oder sind Cartoonfiguren im Fernsehen. Matthias Brandt liest mit großem Einfühlungsvermögen und kann von einer Sekunde auf die andere ernst sein oder in Kichern ausbrechen. Die Geschichte, über die ich nicht mehr verraten will, bekommt auf der Hälfte eine ganz andere Richtung und hatte für mich ab da nicht mehr dieselbe Faszination wie am Anfang. Denn die kam von meinem linguistischen Blickwinkel. Jack spricht etwas speziell und versteht die Welt anders. Seine Ma sagt ihm, dass die Dinge im Fernseher nicht echt sind, also spricht er von Träumen oder anderen Phantasien auch als „nur Fernsehen“. Emma Donoghue hat mit großem Feingefühl diesen Charakter durch seine Sprache real werden lassen. Ein Experiment, das selten so gut gelingt wie hier. Übrigens kann man als Leser die schaurigen Details nur ahnen, da man alles durch Jacks Augen sieht, der sich im Schrank versteckt, wenn „der alte Nick“ seine Mutter besucht.

 

Die Muskeltiere von Ute Krause (cbj audio, ca. 240 Minuten)

Die Muskeltiere: Einer für alle - alle für einenViel Hamburger Schnack und liebenswürdige Fellknäuel als Hauptfiguren gibt es in diesem Kinderbuch, das ich auch unbedingt als Hörbuch empfehle (Andreas Fröhlich liest). Nach und nach finden eine Reihe Mäuseriche zusammen (und ein Dumas lesender Hamster!), werden Freunde und bestehen Abenteuer. Hauptanliegen ist die Amnesie von Gruyère (ja, die Mäuse geben sich französische Käsenamen), der nicht mehr weiß, wie er als Häufchen Elend in der Gosse gelandet ist. Mit viel und Action und Herz erzählt Ute Krause eine Geschichte, die innerhalb ihrer Möglichkeiten sehr stimmig und logisch schlüssig bleibt. Hörempfehlung für alle Altersklassen.

 

Der dunkle Spiegel von Andrea Schacht (Audiobuch Verlag, 402 Minuten)

Der dunkle Spiegel (Begine Almut, #1)Die Hörbuchfassung des ersten Teils eines Romanzyklus im historischen Köln erweckte meine Aufmerksamkeit. In diesem unterhaltsamen Roman gerät die Begine Almut (eine ganz tolle Frauenfigur!) durch ihre aufmüpfige Art gegen die Predigten der männlichen Geistlichen ins Visier der Inquisition. Gleichzeitig bringen sich ihre Schwestern in Gefahr, weil ein junger Weinbauer stirbt, nachdem er ihre Medizin schluckt. Wer steckt wirklich dahinter und wem kann Almut trauen? Ich hatte meinen Spaß mit der fluchenden, tatkräftigen Almut, die hier eine richtige Detektivin wird. Ein spannendes Umfeld hat sich Andrea Schacht ausgesucht, denn Almut eckt mit ihren Ansichten oft an –  und der örtliche Inquisitor ist eine ganz miese Type…

 

The Catcher in the Rye von J. D. Salinger (Penguin, 220 Seiten)

The Catcher in the RyeDas ist eines dieser Bücher, über die man mehr Vorurteile und Meinungen gehört hat, als vor der Lektüre gut sein kann. Aber sei’s drum: Den Hype um diesen kurzen Roman kann ich nicht ganz nachvollziehen, noch weniger aber die weit verbreitete Kritik, es handele sich um jugendliches Gewäsch in Form einer Anreihung von Schimpfwörtern. Für mich war es eine kurzweilige Geschichte, die vieles zwischen den Zeilen sagt. Eine lebensverändernde Wirkung habe ich allerdings nicht an mir festgestellt. Bin ich vielleicht zu alt? Denn ich habe auch mehrmals gehört, wenn man es nicht als Teenie gelesen hat, ist es zu spät für den Fänger im Roggen. Aber ich sage: Hört nicht auf den Quatsch, den andere von sich geben, auch wenn sie es gut meinen, und probiert es selbst aus.

 

Pilgrim – Die unglaublichen Abenteuer des William Palmer. Hörspielserie (SRF, 145 Minuten)

Schöne Miniserie über den vom König des Grauen Volkes zur Unsterblichkeit verdammten William Palmer aka Pilgim. Während er auf der Suche ist nach dem ebenfalls unsterblichen Joseph von Arimathäa, der ihn endlich erlösen soll, hilft er anderen in Not, die in Berührung mit dem Übernatürlichen gekommen sind. Dabei lernt immer mehr über den 900 Jahre alten „Wanderer zwischen den Welten“. Die Serie ist in ihrer jetzigen Fassung sehr hörenswert, wenn auch etwas ungeschliffen. Man merkt einfach, da ist noch viel mehr, was es zu erzählen gibt. Sehr aufwändig inszeniert vom SRF mit Rufus Beck als Pilgrim, lief die Reihe im Original in der BBC und umfasst inzwischen mindestens fünf Staffeln (genaueres konnte ich nicht herausfinden). Die Geschichten stammen vor allem aus dem britischen Sagenfundus. Ich würde mich freuen, demnächst mehr von Pilgrim zu hören. (Hörproben, mehr Info)

Ein (hoffentlich) gemütlicher Lesetag

Lesetag
In Ermangelung eines Buchfotos schnell was gebastelt 🙂

Heute veranstalten Lyne und Neyasha einen entspannten Lesetag, dem ich mich gerne anschließe! Zwar stehen heute ein Arzttermin, ein Bibliotheksbesuch und einige Telefonate an, aber das soll mich nicht von einigen entspannenden Lese- und Blogstunden abhalten. Immerhin ist für heute Regen gemeldet, sodass die Hitze und damit einhergehende Konzentrations-probleme erst mal eingedämmt sind.

Mein Plan für den heutigen Tag: Den dritten Falvia de Luce Band lesen, Halunken, Tod und Teufel. Ich habe noch nicht begonnen und habe hohe Hoffnungen, in Bus und Wartezimmer nur so durch den Band zu fliegen.
Ich wünsche allen Mitlesern viel Lesevergnügen und werde natürlich später mal eine Blogrunde drehen.


Dank miserablen Schlafs bin ich erst 50 Seiten weit gekommen. Flavias Schwestern und sogar der sonst meist abwesende Vater haben in diesem Band bisher viel Raum eingenommen. Auch mal nett. Und Flavias Geblubber lese ich einfach gerne, egal, was gerade passiert. Jetzt muss ich mich aber mal um erwähnte Telefonate kümmern. Bis denne!


Endlich wieder daheim! Nach Stunden des Herumtelefonierens, nach einem echt kurzen Arztbesuch und einer verzweifelten Bibliothelkssuche bin ich viele Stunden und wenige Dutzend Seiten wieder online. Der Regen hat zum Glück wieder aufgehört und der Himmel sieht einfach wunderschön aus, so ganz weit und blau mit Wölkchen aller Art. Schade, dass alles nass ist, jetzt wäre ideales Picknickdeckewetter. Da bin ich etwas neidisch auf Neyashas Balkon 😉 Mit etwas Glück habe ich ja bald auch einen, also abwarten und Tee trinken. Mh, gute Idee, ich braue mir mal einen. Vom Lesen im Bus ist mir nämlich tatsächlich leicht übel geworden. Mangelnde Praxis, kann ich nur annehmen!


Uff, jetzt habe ich mich total in Zelda verloren. Gezockt habe ich, statt zu lesen 🙁 War aber auch mal schön! Immerhin habe ich um die 130 Seiten geschafft und lese gleich auch noch weiter. Nur posten werde ich heute nicht mehr. Danke an Lyne und Neyasha für die Orga und allen Teilnehmern einen schönen Abend!

Gillian Flynn: Cry Baby

Cry Baby - Scharfe Schnitte›Babydoll‹ steht auf ihrem Bein. ›Petticoat‹ auf ihrer linken Hüfte. ›Böse‹ findet sich ganz in der Nähe. ›Girl‹ prangt über ihrem Herzen, ›schädlich‹ ist in ihr Handgelenk geritzt. Camille Preakers Körper ist übersät mit Wörtern. Wörtern, die sie sich in die Haut geritzt hat. Das letzte Wort, das sie sich einritzte, hieß ›verschwinden‹. Danach stellte sie sich. Den Therapeuten, aber auch ihrer Vergangenheit. In ihrer alten Heimatstadt Wind Gap wurden zwei Teenager entführt und
ermordet. Camille Preaker soll den Fall für ihre Zeitung vor Ort recherchieren. Sie findet die Dämonen ihrer Kindheit. Und die verbreiten nicht nur Angst und Schrecken, sondern töten auch. (Klappentext)


Man könnte meinen, mich habe nach dem Erfolg mit Flavia die Krimilust doch noch gepackt, denn nun ist es auch noch zu meiner zweiten Begegnung mit Gillian Flynn gekommen, in Form ihres Erstlingswerks Sharp Objects, oder zu deutsch Cry Baby . Im letzten Jahr war ich weniger inhaltlich als stilistisch angetan von Finstere Orte, das ich meinem Verlobten an nur zwei Tagen vorgelesen habe; wir konnten einfach nicht stoppen. Nun war Cry Baby als Hörbuch in der Onleihe RLP verfügbar, also griff ich zu. Und hörte das Ding in einem Rutsch, unfähig, irgendwas anderes währenddessen zu erledigen.

Camille ist als Erzählerin sympathischer und zuverlässiger als  Libby aus Finstere Orte, man bemitleidet und bewundert sie und versteht größtenteils, warum sie bestimmte Dinge tut. Ich habe mich nur gefragt, ob es tatsächlich Leute gibt, die sich Wörter in die Haut ritzen und wenn ja, ob sie das aus den gleichen Gründen tun wie Camille. Auch die Geschichte kam mir insgesamt runder vor; als Kennerin des späteren Textes hatte ich allerdings zwischendurch schon die richtige Person im Verdacht.

Darauf kam es aber gar nicht so sehr an. Flynn kann prima in menschliche Abgründe blicken und das fasziniert mich, neben der flüssigen Schreibe, an der man festpappt, bis das Buch ausgelesen ist. Die fiesen Eigenschaften und kaputten Typen stechen geradezu hervor; Normalos existieren in Flynns Welt nicht.

Wer vor so was nicht zurückschreckt (und ungeschönte Beschreibungen von Sex oder vom Kotzen vertragen kann), kann sich getrost eins von Flynns Büchern schnappen – lange braucht man für’s Lesen sowieso nicht.


Gillian Flynn: Cry Baby. Fischer Scherz Verlag 2014 (2007). ISBN 9783651011649

Alan Bradley: The Sweetness at the Bottom of the Pie

Meine Urlaubslektüre für den Bodensee…

The Sweetness at the Bottom of the Pie (Flavia de Luce, #1)It is the summer of 1950–and at the once-grand mansion of Buckshaw, young Flavia de Luce, an aspiring chemist with a passion for poison, is intrigued by a series of inexplicable events: A dead bird is found on the doorstep, a postage stamp bizarrely pinned to its beak. Then, hours later, Flavia finds a man lying in the cucumber patch and watches him as he takes his dying breath.

For Flavia, who is both appalled and delighted, life begins in earnest when murder comes to Buckshaw. “I wish I could say I was afraid, but I wasn’t. Quite the contrary. This was by far the most interesting thing that had ever happened to me in my entire life.” (Klappentext)


Nach langer Zeit bin nun auch ich bekennende Anhängerin der Amateurermittlerin Flavia de Luce. Selten habe ich so viel Spaß beim Lesen eines Buches, denn hier stimmt alles: Die nicht auf den Mund gefallene Flavia erzählt in einem wunderbaren Ton von den seltsamen Ereignissen auf Buckshaw und die Charaktere, denen man begegnet, sind genauso wunderlich wie die mit einem Augenzwinkern Bradleys konstruierte Auflösung des Falls.

Wer mich etwas kennt weiß, dass ich keine Krimileserin bin, aber für Rätsel habe ich eniges übrig. Und die Krimi-/Mysteryhandlung in diesem Buch sollte wirklich niemanden vom Lesen abhalten: Es hat einfach Spaß gemacht, mitzuraten und die Versatzstücke zusammenzufügen. Nie wird die Story zu komplex, aber auch nie langweilig, und natürlich gibt es einen anständigen Showdown.

Mit ihren Chemiekenntnissen, ihrer Cleverness und ihren verborgenen Schwächen hat mich Flavia von der ersten Seite an begeistert und ist nun eine meine liebsten Protagonistinnen überhaupt. Wann liest man schon mal von einem Mädchen, dem Selbstzweifel fremd sind, das sich keine Gedanken darüber macht, wie andere sie wahrnehmen?

Das Setting – die englische Provinz der Nachkriegsjahre und ein langsam vor sich hin gammelnder großer Familiensitz – ist eine eher seltene Kombination in meiner Lesehistorie, aber da mich alles Englische interessiert, hat mich das Buch wie eine Zeitmaschine sofort in diese Zeit versetzt, auch wenn die Informationen nicht überbordend wie in einem historischen Roman waren, was mich eh gestört hätte. Wie gesagt: Es war ein perfektes Leseerlebnis.

Die elfjährige Flavia und ihre verkorkste Familie will ich unbedingt noch besser kennenlernen und werde mir sobald als möglich Band zwei aus der Bibliothek meines Vertrauens besorgen. Erst mal möchte ich aber noch ratzfatz ein dickes Stefan Zweig Buch einschieben 😉


Alan Bradley: The Sweetness at the Bottom of the Pie. Delacorte Press 2009. ISBN 9780385342308
deutsch: Mord im Gurkenbeet. Penhaligon 2009. ISBN 9783764530273