Lieblingsbuch: Circe von Madeline Miller

Und als Ausgleich für meinen Verriss im letzten Beitrag habe ich dieses Mal wieder eine uneingeschränkte Leseempfehlung auszusprechen: Circe von Madeline Miller! Dieses Jahr habe ich wirklich ein Händchen mit meinen Fantasy-Büchern 🙂

Circe von Madeline Miller, Hardcover-Ausgabe

Madeline Miller nimmt hier Fäden auf, die Homer, Hesiod und Platon ungenutzt liegen ließen, und erzählt die Lebensgeschichte der Zauberin Kirke, die von den Göttern buchstäblich auf eine einsame Insel verbannt wird. Circe wächst als Tochter des Sonnengottes Hesiod auf. Sie gilt weder als hübsch noch scheint sie göttliche Fähigkeiten zu besitzen, darum beachtet sie bald schon keiner mehr. Unbrauchbar zur Ehefrau und ehrfurchtgebietenden Herrscherin, ist sie das fünfte Rad am Wagen der Götterfamilie und wird als solches von allen missachtet und für ihre furchtbare Stimme gehänselt.
Doch entdeckt sie irgendwann ihr Talent für Hexerei, eine Fähigkeit, die die Götter als widernatürliche Konkurrenz fürchten. Und so muss Circe ihren eigenen Weg gehen, ohne eine andere Unterstützung als der Überzeugung, sich selbst treu zu bleiben. Eine epische Geschichte über Vetrauen in die eigenen Stärken gegen jeden Widerstand beginnt.

„You are a daughter of Helios, are you not?“ he said.

„Yes.“ The question stung. If I had been a proper daughter, he would not have had to ask. I would have been perfect and gleaming with beauty poured straight from my father’s source.

— Circe, S.21

Madeline Miller hat es geschafft, eine Randfigur der griechischen Mythologie nicht nur glaubhaft ins Zentrum zu rücken, sondern sie gibt ihr auch eine komplexe und aufrichtige Psyche. Obwohl ich die Geschichten von Kirke, Skylla, Odysseus und Telemachus schon kannte, habe ich mitgefiebert und gelitten. Besonders toll fand ich auch, dass Circe eine deutliche Entwicklung in dem Roman macht, von dem unsicheren, vernachlässigten und auch naiven Kind zu einer Frau, die weiß was sie will und den Preis dafür zu zahlen bereit ist. Im Laufe des Buchs lernt sie sich und ihre Fähigkeiten besser kennen und (ein-)schätzen. Zum Beispiel erfährt sie, dass ihre Stimme vollkommen in Ordnung ist: Es ist nur eine menschliche Stimme und als solche unpassend für eine Göttin. Darum wurde sie verspottet. Diese Entdeckung hat mir wie einige andere gut gefallen: Der Makel war nicht der Circes, sondern wurde von außen auf sie projiziert. Sie entspricht nicht der Norm, erkennt aber immer deutlicher, dass sie glücklicher ist, wenn sie einfach sie selbst ist.

Doch nicht nur Circes Handeln bekommt einen psychologischen Background, auch Odysseus wird hier, ohne dass es benannt wird, als Krieger mit posttraumatischer Belastung gezeigt. So wird aus seiner jahrelangen Irrfahrt nach Ithaka auch ein Ausdruck für seine Unfähigkeit, in ein normales Leben zurückzukehren. Wie sollte er auch, nach 10 Jahren Krieg?!

Ich werde mir auf jeden Fall meine private Ausgabe von Circe zulegen, denn ich weiß schon, dass ich diesen Roman sicher nochmal lesen will. Mit gezücktem Stift.

Hexe aus Überzeugung: Wicked von Gregory Maguire

Zuerst das Wichtigste: Ich wünsche allen ein frohes neues Jahr! Mögen wir viele Bücher und Filme entdecken, Zeit für Freunde und Familie haben und unser Bestes geben und dafür das Beste erhalten.
Ich wünsche mir, 2019 wieder mehr Rezensionen schreiben zu können, darum fange ich das Blogjahr direkt mal mit einer an:


Wicked habe ich vor einigen Monaten in meinem Try a Chapter Tag angerissen und musste es so bald wie möglich lesen.

Der Zauberer von Oz gehört zum öffentlichen Bewusstsein, er ist so sehr in der Popkultur verhaftet, dass man auch große Teile der Handlung kennt, selbst wenn man weder das Buch gelesen noch den Film gesehen hat. Meine erste Begegnung mit Frank Baums Buch war womöglich in einer Dennis the Menace Halloween-Folge, als ich gerade mal das Kindergartenalter erreicht hatte.

Antagonistin in Der Zauberer von Oz ist die böse Hexe des Westens, eine grünhäutige Einzelgängerin mit einer Armee geflügelter Affen auf ihrer Seite. Und deren Geschichte erzählt Maguire in Wicked.

Das Cover von Wicked mit einer leicht grünen Elphaba

Wicked nimmt Baums oft sehr beschränkte Welt und interpretiert diese neu, erschafft verschiedene religiöse Strömungen und ein politisches Klima, in dem sich die bekannten Figuren des Kinderbuchklassikers bewegen. Die Originalhandlung wird auch nahtlos integriert. Ich war fasziniert von der Komplexität, die auch nötig war, um aus der wilden Phantasterei des Originals eine Fantasywelt für Erwachsene zu schaffen. Und das gelingt Maguire auch: Die Zusammenhänge wirken nie erzwungen, sondern als hätte er selbst dieses Oz erschaffen.

Wir folgen Elphaba von ihrer Geburt (eigentlich beginnt die Geschichte bereits zuvor mit einem Blick in das Lbene ihrer Eltern) über ihre Studienzeit bis sich der Kreis schließt, das Mädchen Dorothy aus dem Himmel fällt und ihr sowieso schon seltsames und ereignisreiches Leben erneut auf den Kopf stellt.

Doch nutzt Maguire nicht nur Baums Vorlage, um eine klassische Fantasygeschichte zu erzählen: Sie enthält auch einen sozialen Kommentar. Elphabas Geschlecht und ihre grüne Hautfarbe geben ihren Mit-Ozianern immer wieder Rätsel auf; es wird zum Beispiel nie vollends geklärt, ob sie als Mädchen zur Welt kam, ob sie Hermaphroditin ist oder ob die Frauen, die ihre Geburt dirigierten, hier die Entscheidung getroffen haben und was nicht passte passend machten. Ihre Eigenheiten werden aber nicht diskutiert, sondern als gegeben hingenommen. Warum ist sie grün? Warum verträgt sie kein Wasser? Andere Figuren im Buch fragen sich das, aber wie das so im Leben ist: Die Leute reden eben, man selbst kann aber nur man selbst sein. Dazu kommen noch weitere Situationen, in denen es um Anderssein und Gleichberechtigung geht, da in Oz ja viele sehr unterschiedliche Wesen zusammenleben. Ich mochte dies alles sehr und es ist wohl mit der Grund, warum ich in dem Buch wild herummarkiert habe und es sicher wieder lesen werde. Das hat mich etwas erstaunt, da ich Frank Baums Buch nicht sehr mochte und hier etwas, das ich lieben kann, daraus geworden ist.

Evil is an act, not an appetite. Everyone has the appetite. If you give in to it, it, that act is evil. The appetite is normal.

The Witch (371)

Elphaba ist eine sehr starke Figur, die von Geburt an ihren eigenen Weg geht. Und der ist oft genug einsam und tragisch. Da viele Fragen am Ende offen bleiben bzw. nur Spekulationen angestellt werden können (basierend auf dem Ende von Der Zauberer von Oz), lag es wohl nahe, dass Maguire Jahre nach Erscheinen des Buches noch einmal zurückkehrte und eine ganze Reihe daraus machte. Ich weiß noch nicht, ob ich mich daran trauen soll und auch nicht, ob sie auf die restlichen Oz-Bücher zurückgreifen. Jeder Band dreht sich, wie in der Vorlage glaube ich auch, um eine andere Figur. Darum und wegen des großen zeitlichen Abstands zum ersten Band werde ich es wohl bei diesem belassen. Wicked kann schließlich auch gut für sich stehen bleiben und hat dies ja auch ein Jahrzehnt getan.

{Das Musical Wicked, das auf dem Buch basiert, hat übrigens ein anderes Ende!}

#Horrorctober 5/13: 90er Horrorkomödien Part 2

#Horrorctober Returns! 2018Wer erinnert sich noch an dieses Genre? Bevor alles per VFX in Grau- und Brauntöne getaucht wurde, um uns zu zeigen, wie ernst alles ist? Ich jedenfalls dachte, es wäre mal ganz gut, das Gedächtnis aufzufrischen, und ich habe zu diesem Zweck The Frighteners (1996) und Die Mumie (1999) erneut angeschaut. Nach The Frighteners hier nun meine erneuerte Meinung zu Die Mumie.

Die 1920er, Ägypten: Die Bibliothekarin Evelyn Carnahan und ihr Bruder Jonathan, Kinder eines „sehr berühmten Entdeckers“, stoßen gemeinsam mit dem Ex-Legionär Rick O’Connell auf eine Karte zu dem legendären Wüstenort Hamunaptra. Dort sollen sich Artefakte und Schätze aus der Zeit der Pharaonen verbergen, und so machen sich die drei auf den Weg. Leider sind sie nicht die einzigen, die sich für den Ort interessieren. Und blöderweise gibt es da auch noch eine verfluchte Mumie, die zu neuem Leben erwacht und verdammt mächtig zu werden droht. Und doch eigentlich nur seine große Liebe wieder zum Leben erwecken will, um gemeinsam die Welt ins Chaos zu stürzen. Oder so.

Ich erinnere mich, den Film das erste Mal im TV gesehen zu haben, das muss wohl so 2001 gewesen sein. Und ich fand ihn damals zum Teil sehr gruselig. Vor allem die Entdeckung Imhoteps und sein Erwachen habe ich kaum ausgehalten. Beim Wiedersehen nach 17 Jahren ist der Film immer noch erstaunlich finster. Aber es ist vor allem minimal gehaltener Body Horror, der hier betrieben wird: Entstellte Gesichter, Folter, Menschenfleisch fressende Skarabäen und Imhotep, der einem den Lebenssaft buchstäblich aussaugt … Die Mumie bietet viele Gelegenheiten, sein Leben auf grauenvolle Art einzubüßen. Dazu noch ein ordentlicher Schuss Mystizismus, et voilà.

Als Erwachsene finde ich die Dialoge in Die Mumie nicht mehr wirklich witzig – sie sind nicht kindisch oder so, ich habe den Film nur etwas lustiger in Erinnerung, wie das vorkommt. Andererseits habe ich die nicht immer ganz schlüssige Handlung fehlerfreier in Erinnerung.
Wofür ich als junger Teenie kein Auge hatte, ist Rachel Weisz‘ Figur Evelyn. Sie ist brilliant und, wie die Protagonistin in The Frighteners, weiß sie sich zu helfen. Evelyn ist abenteuerlustig und muss sich mit ihrem Wissensdurst in einer durch Männer dominierten akademischen Umgebung behaupten, die sie nicht als Gelehrte anerkennt. Und Rachel Weisz ist wunderbar nerdig in dieser Rolle.

– I’m proud of what I am!
– And what is that?
– I’m a librarian!

Das allein ist das Wiedersehen wert. Ähnliches lässt sich nicht über ihre männlichen Kollegen sagen: Brendan Fraser, den ich wirklich gerne mag, wird durch seine Muskeln und die ins Gesicht hängenden Haarsträhnen stilisiert, viel zu tun hat er an der Charakterfront nicht. Logischerweise stiehlt so Weisz jede Szene, in der sie auftaucht.

Leider leider habe ich von dem Originalfilm von 1932 nur einen sehr kurzen Teil gesehen und kann keinen Vergleich anstellen. Für sich gesehen ist der Film ein netter Zeitvertreib mit unbestreitbarem Charme, trotz seiner Fehler.

Terry Pratchett: Nation (Eine Insel)

Von Terry Pratchett habe ich bisher ausschließlich seine Scheibenwelt-Romane gelesen. Nicht alle, aber ein bis zwei Dutzend sind es schon. Nation, zu deutsch Eine Insel, ist etwas ganz anderes. Und doch typisch Pratchett.

schiffbruch nach Hernan Piñera, CC BY-SA
Hernan Piñera (CC BY-SA)

Maus Stamm hat schon immer auf Nation gelebt. Doch während er auf einer anderen Insel einen Ritus erfüllen soll, der ihn zum Erwachsenen macht, löscht eine Riesenwelle seinen gesamten Stamm und damit seine Geschichte aus. Als er bald darauf auf das „Geistmädchen“ trifft, öffnet sich ihm eine völlig neue Welt.
Daphne, neben einem fluchenden Papagei die einzige Überlebende der im Sturm beschädigten und vor Nation gekenterten „Sweet Judy“, versucht sich auf der fremden Insel zurechtzufinden. Auch sie, die im Umfeld der Royal Society aufgewachsen ist, wird von den neuen Umständen überwältigt.

Mir ist vorher nie so klar geworden, wie genau Pratchett menschliches Verhalten und die Seltsamkeiten unseres Denkens erfasst. Dabei wird er aber nicht zynisch, sein Witz ist immer wohlwollend und freundlich. In Nation treffen zwei Weltbilder aufeinander, aber auch zwei junge Menschen, die sich verstehen lernen. Dass das alles so gut verläuft, ist Teil dieser Sicht auf die Welt. Der Zyniker in mir sagt: „Wahrscheinlicher wäre doch, dass die beiden Angst voreinander haben und es zu Mord und Totschlag kommt.“ Doch Terry Pratchett zeigt diese Möglichkeit, diesen vielleicht unwahrscheinlichen Fall, der aber viel schöner zu lesen ist als die Alternativen.

beach-sand-island-shore-coast-vacation-waterDie Hauptcharaktere Mau und Daphne sind sich im Grunde sehr ähnlich: Beide mutig, zupackend und freundlich im Angesicht von traumatischen Ereignissen. Obwohl sie keinen größeren Anteil an der Geschichte hat als Mau, bin ich ein Daphne-Fan. Nach und nach lässt sie die Masken der (viktorianischen?) Gesellschaft fallen und entwickelt einen ganz eigenen, starken Charakter. Die anfängliche Hoffnung, ihr Vater werde sie retten kommen, tritt immer mehr in den Hintergrund.  Gemeinsam legen die beiden den Grundstein für eine neue Nation und entdecken auch alte Geheimnisse von Maus Ahnen.

Eine schöne Coming-of-Age-Story, in der noch einiges mehr steckt. Am Ende habe ich sogar eine kleine Träne verdrückt.

Bilderbuch: Interstellar Cinderella

Interstellar Cinderella Cover Im Buchladen gesehen und sofort mitgenommen: Das kommt bei mir höchst selten vor. Mit dem bunten Bilderbuch Interstellar Cinderella ging es mir aber so.

Interstellar Cinderella erzählt das Märchen von Aschenputtel als feministisches Sci-Fi-Abenteuer in bunten Bildern und humorigen Versen.

Once upon a planetoid,
amid her tools and sprockets,
a girl named Cinderella dreamed
of fixing fancy rockets.

Cinderellas größter Wunsch ist es, Raumschiffe zu reparieren, was sie nachts lernt, nach getaner Arbeit. Ihr einziger Freund ist ein Roboter in Mausform. Als die Familie eine Einladung zur königlichen Weltraumparade erhält, muss Cinderella daheim bleiben …

Die pointierten Reime sind an diesem Bilderbuch (das ganz und gar nicht nur für Kinder ist!) mein Lieblingspart. Einmal gelesen kann ich bereits Teile davon auswendig, weil die Sprache so eingängig ist.

Die Illustrationen sind bunt und warm, es wird viel mit rundlichen Formen gearbeitet, ohne auf den Kawaii-Faktor zu setzen.

Interstellar Cinderella DetailInterstellar Cinderella Detail

Interstellar Cinderella war Meg Hunts erste Buchillustration. Vorher hatte ich ihre Arbeit schon in der New York Times gesehen. Das farbenfrohe Spektakel macht Lust, das Buch einfach durchzublättern.

Ich hatte (und habe!) riesigen Spaß mit dem toughen Aschenputtel aus dem All. Auch nach einigen Wochen kann ich nicht daran vorbeigehen, ohne einen Blick reinzuwerfen.