Entspannen mit Proust (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit)

Seit Jahresanfang lese ich wieder Proust. Genauer gesagt: Ich höre mir die vollständige Lesung von Peter Matić (die deutsche Stimme von Ben Kingsley) an. Inzwischen bin ich beinahe süchtig, denn mit Proust kann ich einfach entspannen.

Proust, ein literarischer Albtraum

Marcel Proust 1900Proust ist vielen ein Albtraum aus ellenlangen, ja seitenlangen Sätzen und handlungsarmen Wälzern. Sein Lebenswerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist wohl eines der bekanntesten ungelesenen Werke der Weltliteratur. Ich wäre wohl auch zu einem von vielen frustrierten Lesern geworden, die nicht über Seite eins hinauskommen, hätte ich nicht direkt die Lesung mit Peter Matić in Händen gehalten.

Proust, der oft Bettruhe halten musste, schrieb viel im Liegen. Verwundert es da, dass sich seine Bücher häufig um innere Gedankengänge und weniger um Action drehen? Sein Schreibstil widersetzt sich jeglicher kommerzieller Logik, und gerade das macht ihn erfrischend anders.

Einfach mal abschalten und zuhören

Im Hörbuch habe ich genau die richtige Dosis Proust gefunden. Es ist unterhaltend, da Matić den Hörer präzise durch den Wörterdschungel lotst, man sich also nicht allein durch dieses Labyrinth kämpfen muss. Was eine große Erleichterung ist. Und bald überkommt einen die Erkenntnis, dass man ruhig zwischendurch den Faden verlieren darf: Was solls? Der nächste Satz kommt bestimmt.

Genau darum kann ich mit Proust so gut entspannen. Er buhlt nicht um meine Aufmerksamkeit mit knappen Sätzen und leicht verständlichem Witz. Ganz im Gegenteil konfrontiert er den Leser mit unzähligen Figuren, die teilweise für mehrere hundert Seiten verschwinden, kulturellen Anspielungen und Vernetzungen und natürlich seiner opulenten Sprache. Er macht es einem nicht leicht, aber nur, wenn man Proust mit konventionellen Methoden liest.

Entspannen mit Proust
Sich einfach treiben lassen (Quelle: visualhunt)

Damit zwingt er den Lesenden aber auch zur Konzentration, zur Entschleunigung. Proust lässt sich alle Zeit der Welt, um von A nach B zu kommen. Und wer nicht entnervt aufgibt in dem Versuch, alles zu verstehen oder gar Notizen zu machen, der kann auf Prousts Sätzen wie auf einem Floss treiben und die Zeit vergessen. Und ob das nun die Ironie im Titel ist oder der ganze Sinn, darüber kann ich ja vielleicht berichten, wenn ich „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu Ende gehört habe.

Wozu #readwomen? Warum wir mehr Frauen lesen sollten

Immer noch sind Frauen im Literaturbetrieb benachteiligt. Was das bedeutet und wie tief das Problem sitzt, will ich hier beschreiben. Aber keine Angst, es gibt eine einfache Möglichkeit, etwas gegen diese Ungerechtigkeit zu unternehmen: Ihr müsst bloß mehr Frauen lesen!

Beispiel 1: Covergestaltung

Meg Wolitzer schrieb 2012 in der New York Times über die Diskriminierung von Autorinnen allgemein. Wenn ihr keinen Elan fürden langen Essay habt: Der Part über Buchgestaltung beginnt unter dem zweiten Beitragsbild. Die Illustrationen allein sprechen schon Bände.

Beispiel 2: „Frauenthemen“

Dana Buchzik fasst es in der Welt prägnant zusammen: „Wenn Frauen über Liebe schreiben, platzieren Kritiker sie in die Kitschecke, bei Männern gilt das als besonders einfühlsam.“  Wenn Frauen über Gefühle schreiben, werden sie nicht ernst genommen, weil sie nur als gefühlsduselige Fräuleins wahrgenommen werden. Schreiben Männer darüber, werden sie schnell gelobt.

Buch mit Flieder zwischen den Seiten: Frauen lesen Kitsch, Frauen schreiben Kitsch?
Flieder im Buch: Kann nur was Romantisches sein? (Quelle)

Autorinnen greifen nicht selten zu männlichen Pseudonymen, um ihre Bücher besser zu vermarkten. Berühmtestes Beispiel unserer Zeit ist wohl J. K. Rowlings nom de guerre Robert Galbraith, eine Entscheidung, die die Autorin mit dem Sexismus der Branche begründete. Übrigens stehen auf den Harry Potter Bänden nur Initialen, weil der Verlag der Meinung war, das Buch würde sich schlechter verkaufen, wenn die Zielgruppe (Jungs) sähe, dass eine Frau sie geschrieben hatte (zum Beispiel hier nachzulesen).

Eine ganz andere Richtung hat Daniela Thiele eingeschlagen, die unter dem Namen Nicolas Barreau Romanzen veröffentlicht, die sich gezielt an Frauen richten. Teil der Strategie ist das Foto eines romantisch anmutenden jungen Manns, das man in jedem Roman Barreaus findet und das die Autorfigur verbildlichen soll.

Beispiel 3: Frauen und Literaturpreise

Wie bereits der in Beispiel 2 zitierte Welt-Artikel zeigt, sind Frauen bei der Vergabe von Literaturpreisen im Nachteil. Etwas genauer hat sich Autorin Nicola Griffith mit dem Thema Frauen und literarische Anerkennung auseinander gesetzt. Ihre Statistiken berücksichtigen auch die Erzählperspektive (weibliche, männliche sowie gemischte). Sie hat mehrere bekannte Literaturauszeichnungen unter die Lupe genommen. Es zeigt sich: Weibliche Perspektiven sind weitestgehend unerwünscht.

Beispiel 4: Frauen im Feuilleton

Bücher von Autorinnen werden auch signifikant seltener in den (von männlichen Journalisten dominierten) literarischen Zeitschriften und Feuilletons besprochen. Hier ist als Beispiel die letzte Erhebung der VIDA, eines Vereins, der sich gezielt mit der Rolle von Frauen in Kunst und Kultur auseinandersetzt. Zu sehen ist die Verteilung von Buchbesprechungen von Büchern von Frauen versus Büchern von Männern in der New York Times Book Review:

VIDA Count
© VIDA

Die einfache Lösung des Problems ist: Mehr Frauen lesen. Kaufkraft ist eine deutliche Stimme im kapitalistischen System: Eine simple Frage von Angebot und Nachfrage. Damit sagen wir den Verlagen und Feuilletons deutlich, was wir wollen. Aber das ist natürlich nur ein kleiner Schritt. Ich bin in jedem Fall für Aufklärung: Informiert euch, bildet eure eigene Meinung und schafft auch bei anderen Bewusstsein für die Situation.

Warum das Leben wie ein Buch ist

Gerade wieder gefunden in meinen Entwürfen: Nicht mehr ganz aktuell, da ich das erwähnte Buch bereits ausgelesen habe, aber dennoch.

Ich lese gerade Geschichte für einen Augenblick von Ruth Ozeki, ein Buch, das zum Nachdenken anregt wie selten etwas.
Das Buch dreht sich vor allem um das Thema Zeit und spielt mit Konzepten, Metaphern und Vorstellungen davon, während es eine Geschichte von zwei sehr unterschiedlichen Frauen erzählt. Ruth findet am Strand das Tagebuch von Naoko. Während sie es liest, versucht sie parallel, online Beweise für Naokos Geschichte zu finden.

Und hier ist das, was mich erst irritierte und jetzt berührt: Ruth blättert niemals vor, um mehr Informationen über Naoko zu bekommen, um leichter an Hinweise im Netz zu gelangen. Stattdessen hält sie sich dogmatisch an die Struktur eines Buchs und liest linear.

„Das Leben ist wie ein Buch. Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um.“
Dieser und ähnliche Sprüche wird auf Tassen, Untersetzer oder Postkarten gedruckt und überall ver- und gekauft.

Aber auch in Geschichte für einen Augenblick findet man diese Denkart in Ruths Verhalten wieder: Zeit empfinden wir als eine lineare Bewegung, die sich nicht ändern lässt. Man kann nicht an einen späteren Zeitpunkt springen, sondern muss sich auf die Erinnerungen und Erfahrungen verlassen, die man bisher gesammelt hat.

Das gleiche tut Ruth, wenn sie Naos Tagebuch nicht als Datenquelle, sondern als schriftlich fixierte Zeitlinie begreift, ohne jemals vorzublättern. Im eigenen Leben vorzugreifen, zum Beispiel, indem man zur Wahrsagerin geht, wäre damit ein mega Spoiler.

Ich mag diesen Gedanken. Vielleicht ist es auch nur Chaos, aber das geht mir gerade durch den Kopf.

Nebenbei ein echt tolles Buch.  😉

Ordnung im Regal und ein Experiment

Die Sortierung von Büchern ist sicher ein Problem, dass die meisten Bibliophilen beschäftigt. Ordnet man alphabetisch, nach Genres, gar nach Farben? Die Ordnung der eigenen Bibliothek kann viel über ihren Besitzer aussagen.

Ordnung im Bücherregal. Original von Fergus Ray Murray; CC BY-NC-SA 2.0

Meine Bücher waren zwar geordnet, aber das System ist über die Jahre ein wenig aus dem Leim gegangen. Meine Trennung in „Unibücher“, „Wohnzimmerbücher“ und „restliche Bücher“ hat auch in meinem Kopf Barrieren erzeugt oder verstärkt. Die Bücher im Wohnzimmer vergesse ich oft, die Unibücher sehe ich nicht so recht als Teil meiner Bücher als Ganzes an. Was dumm ist, denn Der Richter und sein Henker gehört genauso zu meiner literarischen Landkarte wie Harry Potter.

One sure window into a person’s soul is his reading list. – Mary B. W. Tabor

Was ich sagen will: Die Gesamtheit dessen, was wir lesen und besitzen, repräsentiert uns als Leser. Mein Regal macht da Unterschiede, die nicht (mehr) sinnvoll sind. Eine groß angelegte Umsortieraktion steht bevor. Dabei möchte ich aber – und hier kommt das angekündigte Experiment ins Spiel – etwas für mich Neues wagen, von dem ich noch nicht ganz überzeugt bin: Ich werde meinen SuB nicht mehr von meinen gelesenen Büchern trennen.

Den SuB so vom Rest der eigenen Bücher zu trennen macht daraus eine ständig sichtbare To-Do-Liste. Das kann Stress erzeugen, schlechte Gefühle über all diese unerledigten Aufgaben. Ich möchte meinen SuB gerne als Teil meiner Buchsammlung wahrnehmen und einen Bucheinkauf als Akt des Vervollständigens dieser Sammlung. Klingt doch gleich viel besser 🙂

Natürlich finde ich es praktisch, mich vor mein Regal zu stellen und auf einen Blick zu sehen, was ich lesen könnte. Aber was ist mit dem Wiederentdecken alter Freunde? Mit Rereads? Mit dem Durchblättern alter Lieblinge? Das alles passiert viel eher, wenn man alle Bücher beieinander hat.

Die Buchsammlung als Repräsentant für eigene Gedanken und Erlebnisse zu sehen finde ich so naheliegend wie faszinierend. Das Regal eines anderen Menschen bietet einen Blick in seine Wahrnehmung der Welt.

Show me the books he loves and I shall know / The man far better than through mortal friends. – S. Weir Mitchell

Bibliothekarin der LSE Library sammelt Bücher von Liste
Ordnung oder Chaos?

Mir gefällt nicht mehr, wie in meiner Sammlung alles in logische Stücke zerlegt ist: Hörbücher, Uni, gelesen, deutsche Autoren.
Klar, Ordnung sollte so ein Regal schon haben, aber warum so minutiös trennen? Ich will es mal ganz grob versuchen und nur meine Sachbücher von den anderen trennen. Und das tue ich auch nur, weil unsere Regale in verschiedenen Zimmern stehen. Ansonsten heißt es: A–Z.
Wie sich dieses System dann auf mich auswirkt, das möchte ich hier auf dem Blog festhalten. Ich weiß nicht, ob überhaupt was passiert. Vielleicht endet alles in einer Katastrophe und ich gebe doch noch meinen letzten Groschen für ein Buch aus. Oder ich erlebe eine Bereicherung in einer unvorhergesehenen Form.

Ich hoffe, dieses Thema ist für euch so interessant wie für mich. Hinterlasst eure Gedanken in den Kommentaren!