Alexander Solschenizyn: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

Solschenizyn Ein Tag im Leben des Iwan DenissowitschSolschenizyn war mir lange kein Begriff. Aber Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch hatte ich trotzdem schon lange im Regal stehen, ein Geschenk meines Nachbarn. Inzwischen weiß ich etwas mehr über den Nobelpreisträger: Er lebte von 1918 bis 2008, studierte Mathematik und Philosophie und verbüßte acht Jahre in sowjetischen Arbeitslagern, nachdem er sich in einem Brief an einen Freund kritisch über Stalin äußerte. Nach der Haft wird er ins lebenslange Exil geschickt; die Verbannung wird aber 1967 aufgehoben. Seine sowjet-kritischen Texte führen jedoch 1974 zu seiner Ausweisung; er lebt einige Zeit bei Heinrich Böll, später in der Schweiz und in den USA. 1990 wird er erneut rehabilitiert und kehrt 1994 in die Heimat zurück, wo er 2008 verstirbt.

Ein so spannendes Leben ist schon an sich interessant; in seiner ersten Erzählung, Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, schildert Solschenizyn den harten Sträflingsalltag in den Gulags aus eigener Erfahrung. Übrigens konnte die Geschichte 1962 veröffentlicht werden, weil gerade Chruschtschow an der Macht war und Enstalinisierung betrieb (1964 wurde er gestürzt).

Das Buch liefert genau das, was drauf steht: Ein Tag aus dem Leben des Sträflings Iwan, der stellvertretend für alle anderen Tage steht. 10 Jahre hat man ihm aufgebrummt, eine Standartstrafe, bevor man begann, die Leuten direkt zu 25 Jahren zu verurteilen. Der Wahnsinn dieses Systems spiegelt sich in jeder Faser der Erzählung: Von den Gründen der Verhaftung Iwans (er war kurz in deutscher Kriegsgefangenschaft, entkam und wurde von den eigenen Leuten nun als Spitzel fast erschossen) bis zu den Bedingungen, unter denen die „Arbeiter“ leben. Solschenizyn spricht tatsächlich selbst immer von Arbeitern in Anführungsstrichen. Die Sträflinge bauen einer Geschichte Kafkas gleich ihr eigenes Gefängnis: Neue Gebäude zur Einzelhaft und ähnliche Projekte werden erwähnt.

Diese alltäglichen Schindereien und das Verhalten, ja, Denken, das sich Iwan antrainieren muss, um zu überleben, jagt einem kalte Schauder über den Rücken. Iwan ist schon acht Jahre inhaftiert und hat den Bezug zur Außenwelt und zu seiner Familie komplett verloren. Gleichzeitig ist er ein liebenswerter Charakter, der im Lageralltag Köpfchen beweist.

Im Dezember waren die Filzstiefel gerade zur rechten Zeit gekommen; ein behagliches Leben, man brauchte nicht zu sterben.

Das kleine Buch war mir eine lohnende Lektüre: Ich konnte aus erster Hand etwas über die berüchtigen Gulags lesen, ohne direkt Solschenizyns tausendseitiges Hauptwerk Der Archipel Gulag zur Hand nehmen zu müssen (das hat übrigens Muromez getan). Insofern wurde meine Neugier befriedigt. Ich muss aber sagen, dass ich zwei kleinere Probleme hatte: Erstens bin ich wie immer bei russischen Texten mit den ganzen Anreden und Kosenamen durcheinander gekommen. Es spielt eine Rolle, wie Iwan von anderen angeredet wird, weil das zeigt, ob jemand kollegial oder auf Distanz ist. An einer Stelle wird gesagt, man erkenne den Moskauer direkt daran, dass er alle mit dem Vaternamen anspricht (und das ist nicht Denissowitsch, sondern was ganz anderes). Dann gibt es da noch den Sträfling Kilgas, den Iwan Wanja nennt, weil er mit Vornamen Johann heißt. Hä? Und wie man auf die kollegiale Form Denissytsch kommt, weiß ich auch nicht genau. Übrigens heißt Iwan im Buch eigentlich immer nur Schuchow… Solche Kleinigkeiten können sehr lästig werden, wenn sie immer wieder auftauchen: Oft brauchte ich einen Moment, um zu begreifen, um wen es gerade geht. Zudem tauchen auch viele militärische Positionen auf, mit denen ich nichts anfangen konnte, die zu kennen aber bestimmt gut gewesen wäre. Die Hierarchie zu befolgen, so wird schnell klar, ist eines der obersten Gebote im Lager; viele Situationen konnte ich ohne dieses Wissen nicht hundertprozentig einordnen. Das sind Details, wo ich mir ein bisschen Hilfe vom Herausgeber gewünscht hätte, ein Problem, dass ich erst mal meiner sehr alten Ausgabe zu Lasten lege. Vielleicht gibt es eine modernere Übersetzung/Ausgabe, bei der diese Dinge behoben wurden, durch einen Anhang oder Fußnoten etc.

Er fängt an zu essen. Zuerst schlürft er nur das Dünner gierig in sich hinein. Als r das heiße Zeug im Magen hat und fühlt, wie die Wärme durch seinen ganzen Körper kriecht, zittert alles in ihm dem Rest der Suppe entgegen. Aaahh! Das ist er, der kurze Augenblick, für den der Sträfling lebt!

Was bleibt, ist aber ein dumpfes Gefühl von Wut über den stalinistischen Wahnsinn, dem so viele Unschuldige zum Opfer gefallen sind. Als Frostbeule par excellence ist für mich die Vorstellung, in Sibirien ohne Heizung, Decke oder warme Schuhe leben zu müssen, eine gute Beschreibung der Hölle – ganz abgesehen von der Plackerei, mehr als dürftiger Kost und dem totalen Desinteresse derjenigen, die für einen verantwortlich sind.

Die Erzählung selbst ist zu nah an der Figur Iwans dran, als dass sich diese Reaktionen direkt einstellen könnten. Alles wird eher abgeklärt und in teils fast schnoddrigen Ton geschildert. Die eigentliche Wut kam bei mir erst, als ich das Buch beendet hatte. Während des Lesens herrschte bei mir größtenteils Leere im Kopf, ganz ähnlich wie es bei Iwan und den anderen „Arbeitern“ der Fall sein muss.

Jetzt kann Schuchow nichts mehr aufregen. Nicht, daß die Haftzeit so lang ist, nicht, daß der Tag so lang ist, und nicht, daß es wieder keinen Sonntag geben wird. Jetzt denkt er: Wir werden’s überstehen! Wir werden alles überstehen, und dann haben wir’s hinter uns!

Erzählungen von Gabriel García Márquez

marquezDer Erzählungsband Das Leichenbegängnis der Großen Mama lag schon lange bei mir herum. Vermutlich auch wegen des Covers war ich nicht gerade gespannt auf die vermeintlich schwierigen Texte des kolumbianischen Nobelpreisträgers. Doch habe ich mich nun aufgerafft und bereue es nicht.

In dem Erzählungsband versammeln sich verschiedene, oft humorvolle Geschichten über meist sehr arme Leute, die oft in dem fiktiven Ort Macondo wohnen. Da ist zum Beispiel der Bürgermeister, den Zahnschmerzen plagen. Sein Barbier kann die momentane Abhängigkeit des Politikers ausnutzen und zieht den Zahn ohne Betäubung. Dabei entspinnt sich auf wenigen Seiten ein Dialog mit psychologischer Finesse.

García Márquez galt als die Stimme des einfachen Volks. Viele seiner Figuren sind bettelarm, ungebildet, leben von Tag zu Tag. Aber dabei wird er nicht melancholisch, sondern erzählt abgeklärt und pointiert. In In diesem Dorf gibt es keine Diebe gerät ein fehlgeschlagener Diebeszug völlig aus dem Ruder und verursacht mehr Stress und moralische Zwickmühlen, als dem auf voller Linie gescheitertem Dieb lieb wäre. Solche Geschichten hatte ich gar nicht erwartet und sie haben mir sehr gut gefallen. Was eindeutig zu kurz kam, war das magische Element, mit dem ich gerechnet hatte. Soviel also als „Warnung“.

Die Titelgeschichte konnte mich übrigens gar nicht vom Hocker reißen, da die Pointe schon lange vor Ende der Story klar ist, weshalb der Rest sich ganz schön zieht.

Hermann Hesse: Klingsors letzter Sommer

Klingsor BuchKlingsors letzter Sommer erzählt von den letzten Bildern, die Klingsor, ein fiktiver Maler, in Italien malte. Er ist gefangen zwischen Lebensgier und Lebensmüdigkeit und dem Verlangen, ein perfektes Bild zu malen, das nicht einfach nur die Natur nachahmt, sondern sie perfekt abbildet, ihr Innerstes wiedergibt.

Typisch Hesse. Klingsor ist eindeutig ein alter ego des getriebenen Künstlers. Wie Klingsor lebte Hesse einige Zeit in Italien, wo er, wie Klingsor, sich von einer schwierigen Beziehung zu einer Frau erholte. In dem warmen Land fand Hesse neue Kraft, neue Liebe und schrieb Klingsors letzter Sommer.

Sprachlich hat mir die Erzählung gut gefallen: Der Text strotzt vor Farbadjektiven und synästhetischen Beschreibungen und überhaupt wird man mit vielen visuellen Eindrücken versorgt.

Sommer hauchte heiß über den Berg, Licht floß senkrecht herab, Farbe dampfte hundertfältig aus der Tiefe herauf.

Hesse, der selbst auch gemalt hat, hat die Weltanschauung des Malers Klingsor meisterhaft zu Papier gebracht. Was ich in diesem Büchlein aber weniger nachvollziehbar fand, war Klingsors wechselhaftes Wesen. Die ganze Geschichte ist eine Orgie aus Farben, Eindrücken und Gefühlen, fast wie ein impressionistisches Gemälde.

Klingsors letzter Sommer bietet einige (scheinbar Hesse-typische) Motive: Der Zusammenhang von Tortur und Kunst, das Verzweifeln an dem Wandel der Zeit und das Leben im Augenblick, ein paar fernöstliche Anklänge und viel Wein und Weib. Besonders ein Absatz über Zeit hat mir gefallen und verkörpert für mich Klingsors unersättliches Gemüt:

Gott im Himmel, so viel tausend Dinge warteten, so viel tausend Becher standen eingeschenkt! Kein Ding auf der Erde, das man nicht hätte malen müssen! Keine Frau in der Welt, die man nicht hätte lieben müssen! Warum gab es Zeit! Warum immer nur dies idiotische Nacheinander, und kein brausendes, sättigendes Zugleich?

Das Ende der Erzählung hat mich sowohl an Lenz von Georg Büchner als auch an Das Bildnis des Dorian Gray erinnert.



Klingsor malt ein Selbstporträt, in dem er es scheinbar schafft, sich wahrhaft abzubilden, ohne rein photographisch vorzugehen. Er bringt sein Wesen auf die Leinwand. Danach erscheint er grau, als sei sein ganzer Lebenssaft in das Bild geflossen. Im Vorwort heißt es, er sei wenige Wochen danach gestorben, dies sei sein letztes Bild gewesen.

Wirklich gefallen hat mir die Erzählung leider nicht, Narziß und Goldmund, das ich letztes Jahr gelesen habe, war da irgendwie besser nachzuvollziehen. Die Themen sind ähnlich, aber geordneter, weniger rauschhaft.

Banner Nobelpreisträgerchallenge
Und damit sind 2 von 8 gelesen