Handsome Devil (2016)

Ned ist ein Außenseiter: An seinem Jungeninternat ist Rugby praktisch die Ersatzreligion, und Ned steht nicht auf Rugby. Er steht auf Punkrock und obskure New Wave Bands, in seiner Freizeit bringt er sich selbst Gitarre bei – und außerdem ist Ned offen schwul. Als zum neuen Schuljahr der neue Schüler und Rugby-Spieler Conor sein Zimmerkamerad wird, glaubt Ned, es kann nicht schlimmer werden.

Kennt ihr das, wenn ihr einen Film ohne große Erwartungen anseht und dann ist alles auf unaufgeregte Weise perfekt daran? Handsome Devil war für mich so ein Film.

Am Anfang des Films sehen wir Ned mit seinem Vater und der neuen Stiefmutter im Auto auf dem Weg zum Internat. Es ist klar, dass die Erwachsenen kein Interesse an den Nöten ihres Sprösslings haben. Sie leben – möglichst weit weg – in Dubai ihren zweiten Frühling oder so was. Ned bleibt ohne Unterstützung und Halt zurück. Die Torturen durch seine Mitschüler kennt er bereits. Ned glaubt, den Jackpot getroffen zu haben, da es zuerst so aussieht, als habe er ein Zimmer für sich allein. Als später Conor ihm zugeteilt wird, scheint es erstmal, als würden hier Welten kollidieren.
Mit der Zeit fassen die beiden allerdings Vertrauen zueinander: Eine ungewöhnliche Freundschaft entsteht.

Das hat auch der neue Englischlehrer mitzuverantworten. Dieser bringt deutlich frischen Wind mit in die verstaubten Internatshallen und versucht, interessierte Schüler auch abseits des Rugbyfelds zu fördern. Da kommen einem schon kurzzeitig Vibes aus Richtung „Der Club der toten Dichter“, aber so ist es glücklicherweise nicht, denn die Geschichte kennen wir ja schon.

Mit der Zeit lernt man nicht nur Ned und Conor besser kennen, auch der neue Lehrer Dan Sherry, der Rugby-Trainer Pascal und einige andere Figuren tauchen immer wieder auf und machen die Story realistisch und rund.

Andrew Scott (Sherlock, Pride) in der Rolle des Englischlehrers ist ein echtes Highlight des Films. Dan Sherry macht von Anfang an klar, wer in der Klasse das Sagen hat, doch er ist dennoch unkonventionell und verletzlicher, als es zunächst den Anschein hat. Wer den Iren vor allem als durchgeknallten Moriarty kennt, kann ihn hier noch mal ganz andere Saiten aufziehen sehen.

An Ned mochte ich seine Schlagfertigkeit: Er ist die Außenseiterrolle gewöhnt und kann sich durchaus wehren. Aus seinen Eigenheiten macht er kein Geheimnis und wird so zum Vorbild für so manch anderen um ihn.

Ich mag die reiche Welt, die der Film ohne großes Tamtam aufbaut; man könnte das auch Liebe zum Detail nennen. Das einfachste Beispiel ist wohl Neds Gitarre, auf der „This machine kills fascists“ steht. Es wird nie zum Thema, aber Kleinigkeiten wie diese Bob Dylan Referenz geben Handsome Devil mehr Atmosphäre und Tiefe.

Gleichzeitig ist die Geschichte denkbar übersichtlich und nicht sehr ausgefallen. Da der Film aber mit anderen Aspekten punktet, nenne ich das mal „unaufgeregt“. Innerhalb einer scheinbar ausgetretenen Geschichte zeigt Handsome Devil neue Aspekte.

Einigen Zuschauern ist Handsome Devil „nicht schwul genug“. Ich verstehe das als einen Mangel an Enthusiasmus darüber, dass die Figuren des Films zwar homosexuell sind, aber eben nicht darüber definiert werden. Was doch eigentlich ein Gewinn ist! Es geht eben um die vermeintlich kleinen Dinge, die man für selbstverständlich nimmt. Es geht um Freundschaft, die ungeschönten Erfahrungen des Erwachsenwerdens und die Frage, wer man im Leben sein will: Man selbst oder jemand, den andere unkompliziert und nett finden können.

Carol Rifka Brunt: Tell the Wolves I’m Home

Carol Rifka Brunt Tell the Wolves I'm Home Cover
Als Junes Onkel stirbt, verliert sie ihren einzigen wirklichen Freund. Nur in Gesellschaft des bekannten Malers konnte sie sie selbst sein. Ihre Schwester gibt sich unbeteiligt, sie hat die enge Beziehung zwischen June und Finn immer neidisch beäugt. Die Mutter hegt einen alten Groll gegen ihren toten Bruder, über den sie nicht sprechen kann, genausowenig wie über die mysteriöse Krankheit, an der er starb. Und dann ist da noch der fremde Mann, der für Finns Tod verantwortlich sein soll, als ungebetener Gast auf der Beerdigung auftaucht und heimlich Kontakt zu June aufzunehmen versucht …

 

Wahrscheinlich habe ich mich noch nie so sehr in einem Buchcharakter wiedergefunden wie in June Elbus. Dabei haben June und ich äußerlich nicht viel gemeinsam: In ihrem Alter war ich eher mager, ich war auch nicht in einen Verwandten verliebt oder bin in den Achtzigern aufgewachsen. Aber ich weiß, wie es ist, in den Wald zu gehen und sich vorzustellen, man sei in einer anderen Zeit. Ich kenne das Gefühl, sich wie ein Fremdling unter Menschen vorzukommen, schüchtern zu sein.

The worst thing is the stupid hopefulness. Every new party, every new bunch of people, and I start thinking that maybe this is my chance. That I’m going to be normal this time. A new leaf. A fresh start. But then I find myself at the party, thinking, Oh, yeah. This again.

Allein deshalb schon hat mir Carol Rifka Brunt mit ihrem Debütroman aus der Seele gesprochen. Es sind aber die Beziehungen zwischen den Figuren des Romans, die diesen so real und brillant machen. Niemand hier ist perfekt, sondern benimmt sich auch mal daneben. Dies könnte schnell „out of character“ wirken, aber im Gegenteil funktionieren die Charaktere so erst richtig gut als vollständige Persönlichkeiten.

Auch die Rivalitäten zwischen June und ihrer Schwester Greta fand ich sehr überzeugend, wenn auch meist auf traurige Art. Denn Greta gilt als das Wunderkind der Familie, auf dem die Erwartungen der Eltern lasten. So hält jede Schwester die andere für das Glückskind.

Die Panik rund um die noch eher unbekannte Krankheit AIDS und die unglaublichen Vorurteile, die daraus entstehen konnten, haben mich beim Lesen richtig wütend gemacht. Auch darin war der Roman sehr überzeugend, so hatte ich mir diese Zeit vorgestellt: Ein bisschen Weltendstimmung und die daraus resultierende Suche nach Schuldigen, das alles zu dem Soundtrack von 99 Luftballons.

Ich bin also schwer begeistert von Tell the Wolves I’m Home und musste mich zurückhalten, es nicht direkt ein zweites Mal zu lesen. So steht der Roman mit Sicherheit auf der Liste meiner Lieblingsbücher 2017. Meine einzige Frage ist: Warum gibt es von diesem wunderbaren Buch keine deutsche Übersetzung?!

Ghost World: Comic (und ein bisschen Film)

Ghost World CoverIch mag den Film Ghost World aus dem Jahr 2001 sehr. Er gehört zu den Filmen, aus denen ich bei jedem Anschauen etwas anderes gewinne, obwohl er keine große Kunst, sondern vor allem gute Unterhaltung ist. Der Film war der Grund, warum ich auch dem Comic von Daniel Clowes eine Chance geben wollte. Im Allgemeinen bin ich kein großer Leser von Comics, sie können mich nicht so fesseln wie ein Roman oder schon eine Graphic Novel mit etwas mehr Text. Wahrscheinlich hat das meinen Eindruck des Buchs stark beeinflusst.

Es ist das Ende einer Ära für Hauptfiguren Enid und Rebecca: Nach der High School verbringen sie den Sommer in ihrer Heimatstadt und wissen noch nicht, was aus dem Rest ihres Lebens werden soll. Mit der Zeit wird immer deutlicher, wie unähnlich sich die beiden ihr Leben vorstellen. Dennoch versuchen sie, einfach so weiterzumachen wie bisher und können sich nicht recht an den Gedanken des Erwachsenseins gewöhnen.

Leider sind sie ziemliche Zicken, die auf allem und jedem herumhacken, Menschen, die es schlechter haben als sie, verarschen und nichts in ihrem Leben so richtig zu schätzen wissen. Klar hat man als Teenie auch eine Die-Welt-ist-scheiße-Phase, aber eine Figur nur darauf zu reduzieren ist nicht mehr realistisch. (Außerdem ist das sehr anstrengend zu lesen!)

Die Entwicklung der Figuren, die ich aus dem Film kannte, kam hier sehr ruckartig und viel zu knapp. Wenn Geschichten in verschiedenen Formaten erzählt werden, finde ich es immer wieder faszinierend, welche Aspekte wie gewichtet werden und wie sich der Erzählton verändert und dem jeweiligen Medium anpasst. Ghost World als Film arbeitet mit ungewöhnlicher Musik und einer sehr bunten Farbpalette, was ich beides sehr mochte. Im Comic fehlt beides, leider ersatzlos. So ist es nicht verwunderlich, dass mir der Comic auch hier einfach zu flach erschien, auch wenn das nicht unbedingt Fehler des Comics war. Übrigens hat Daniel Clowes selbst das Drehbuch für die Filmadaption geschrieben.

Ghost World DetailZuletzt noch ein weiterer „Nachteil“: Die Zeichnungen sind sehr roh. Als jemand, der von Comics nicht so mitgerissen wird, lege ich vielleicht mehr Wert auf die Illustrationen, wer weiß. Ghost World hat viele hässliche Panels. Selbst Figuren, die von Enid oder Becca als schön bezeichnet werden, sehen für den Leser ungestalt aus. Die Hauptfiguren selbst sehen von Panel zu Panel unterschiedlich aus, mal übertrieben weiblich, mal vollkommen gewöhnlich. Ob das nun eine Aussage zu Äußerlichkeiten sein soll oder zu der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenendasein, für mich war auch dies ein Grund, dass mir persönlich Ghost World als Comic einfach nicht sehr gefallen hat.

Terry Pratchett: Nation (Eine Insel)

Von Terry Pratchett habe ich bisher ausschließlich seine Scheibenwelt-Romane gelesen. Nicht alle, aber ein bis zwei Dutzend sind es schon. Nation, zu deutsch Eine Insel, ist etwas ganz anderes. Und doch typisch Pratchett.

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Hernan Piñera (CC BY-SA)

Maus Stamm hat schon immer auf Nation gelebt. Doch während er auf einer anderen Insel einen Ritus erfüllen soll, der ihn zum Erwachsenen macht, löscht eine Riesenwelle seinen gesamten Stamm und damit seine Geschichte aus. Als er bald darauf auf das „Geistmädchen“ trifft, öffnet sich ihm eine völlig neue Welt.
Daphne, neben einem fluchenden Papagei die einzige Überlebende der im Sturm beschädigten und vor Nation gekenterten „Sweet Judy“, versucht sich auf der fremden Insel zurechtzufinden. Auch sie, die im Umfeld der Royal Society aufgewachsen ist, wird von den neuen Umständen überwältigt.

Mir ist vorher nie so klar geworden, wie genau Pratchett menschliches Verhalten und die Seltsamkeiten unseres Denkens erfasst. Dabei wird er aber nicht zynisch, sein Witz ist immer wohlwollend und freundlich. In Nation treffen zwei Weltbilder aufeinander, aber auch zwei junge Menschen, die sich verstehen lernen. Dass das alles so gut verläuft, ist Teil dieser Sicht auf die Welt. Der Zyniker in mir sagt: „Wahrscheinlicher wäre doch, dass die beiden Angst voreinander haben und es zu Mord und Totschlag kommt.“ Doch Terry Pratchett zeigt diese Möglichkeit, diesen vielleicht unwahrscheinlichen Fall, der aber viel schöner zu lesen ist als die Alternativen.

beach-sand-island-shore-coast-vacation-waterDie Hauptcharaktere Mau und Daphne sind sich im Grunde sehr ähnlich: Beide mutig, zupackend und freundlich im Angesicht von traumatischen Ereignissen. Obwohl sie keinen größeren Anteil an der Geschichte hat als Mau, bin ich ein Daphne-Fan. Nach und nach lässt sie die Masken der (viktorianischen?) Gesellschaft fallen und entwickelt einen ganz eigenen, starken Charakter. Die anfängliche Hoffnung, ihr Vater werde sie retten kommen, tritt immer mehr in den Hintergrund.  Gemeinsam legen die beiden den Grundstein für eine neue Nation und entdecken auch alte Geheimnisse von Maus Ahnen.

Eine schöne Coming-of-Age-Story, in der noch einiges mehr steckt. Am Ende habe ich sogar eine kleine Träne verdrückt.