Charlotte Perkins Gilman: Die gelbe Tapete

Wie gut, dass diese Kurzgeschichte gerade wiederentdeckt wird – sonst hätte ich sie wohl nicht so schnell gelesen.

Bildquelle: 29364131@N07 (Flickr)

Wir lesen die Aufzeichnungen einer jungen Frau, die scheinbar krank ist. Ihr Mann John, der Arzt ist, hat ihr Ruhe verordnet, um ihre ‚Nervenschwäche‘ zu kurieren. In einem vermeintlichen Kinderzimmer mit gelber Tapete bringt sie ihre meiste Zeit zu und langweilt sich. Die schriftlichen Aufzeichnungen erleichtern ihr diesen Zustand, bis sie immer mehr versucht, dem Muster der gelben Tapete auf den Grund zu gehen.

Was Charlotte Perkins Gilman hier im Jahr 1892 gelungen ist, ist ein absolutes Meisterwerk: Es ist schockierend, gruselig und durchweg ambivalent.
Während von Beginn an Johns Herablassung der namenlosen Protagonistin gegenüber klar ist, liegen seine Motive genauso im Dunkeln wie der geistige Zustand der Erzählerin.

Ich habe vorher noch nie so eine Geschichte gelesen; tatsächlich habe ich sie zweimal hintereinander gelesen, beim zweiten Mal mit einem Stift griffbereit. Hier wird ein cleveres Netz aus möglichen Lügen und Anschuldigungen gesponnen, bei dem es letztendlich die vollkommene Ohnmacht der Frau in einer Männerwelt ist, die diese Situation eskalieren lässt.

„Die gelbe Tapete“ ist direkt an die Spitze meiner Kurzgeschichten-Favoriten gesprungen und ich könnte hier noch ewig über einzelne Sätze und meine Analysen schreiben. Aber das würde nur jedem das Lesevergnügen nehmen. Stattdessen spreche ich eine eindrückliche Leseempfehlung aus! 🙂

Die Geschichte ist im Original bereits public domain, den Text gibt es also online. Wer eine Übersetzung bevorzugt: ich habe eine Anthologie mit „Frauengeschichten“ gekauft, die mit dieser Story eröffnet und weitermacht mit Autorinnen wie Edith Warton, Virginia Woolf und Katherine Mansfield. Sie heißt „Die Frau hinter der gelben Tapete“ und ist meines Wissens auch nur noch gebraucht zu haben.

*Bildquelle: 29364131@N07 (Flickr), CC2.0, Remix von mir.