Jeannette Walls: Schloss aus Glas

Jeannette Walls: Schloss aus Glas

Wann hat euch ein Buch zuletzt so richtig fertig gemacht? Bei mir war es Jeannette Walls Autobiographie Schloss aus Glas. Walls ist in den USA als Gossip-Journalistin bekannt geworden; mir war sie nur als Autorin von Schloss aus Glas bekannt. Daher bin ich vollkommen unbelastet an ihre Geschichte herangegangen. Und wurde mitgerissen.

In Schloss aus Glas erzählt Jeannette Walls von ihrer ungewöhnlichen Kindheit. Die Eltern sind widersprüchliche Personen, deren hohe moralische und auch pädagogische Ansprüche und Träume nicht mit der unschönen Realität mithalten können. Bedingt durch finanzielle Nöte muss die Familie mit den drei Kindern ständig umziehen und lebte zum Teil in allergrößter Armut.

Das Buch eröffnet Walls mit einer den Ton definierenden Szene: Als Dreijährige verbrennt sie sich schwer, als sie alleine Hot Dogs kocht und ihr Kleid an der Herdflamme Feuer fängt. Zum Einen müssen wir lesen, wie der Vater sie frühzeitig aus dem Krankenhaus entführt; ein kleiner Vorgeschmack auf sein Weltbild. Zum Anderen erwähnt Walls mit keinem Wort die höllischen Schmerzen, die ihr dieser Unfall bereitet haben muss. Sie berichtet mit emotionaler Distanz von den Ereignissen, ohne sich zu sehr darauf einzulassen. Dieses Gefühl von fehlender Reflexion kam mir beim Lesen immer wieder. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es für Jeannette Walls die einzig mögliche Art war, ihre Geschichte zu erzählen.

Während der jahrelangen Odyssee durch trostlose Orte, Schulen und immer schäbigere Behausungen wurde meine Wut auf die Eltern, vor allem die Mutter, immer größer. Der Vater ist ein Zampano mit heftigem Alkoholproblem, doch die Mutter, die eigentlich hätte handeln müssen, flüchtet sich in eine Traumwelt der Kunst. Sie kann sich ihren Problemen nicht stellen, auch nicht zum Wohl ihrer Kinder. Das besonders Frustrierende daran ist vielleicht, dass beide Elternteile durchaus gute Absichten hatten und „nur“ an der Umsetzung so kläglich gescheitert sind.

Auch Begegnungen mit Lehrern und Zufallsbegegnungen haben in mir heftige Reaktionen hervorgerufen, nicht alle negativ. Walls ist eine brilliante Erzählerin, die spielerisch von einem ins andere Thema wechseln kann, immer zum richtigen Zeitpunkt. So flog ich nur so über die Zeilen. Ihr Lebensbericht war ein richtiger Pageturner für mich.

Besonders inspiriert und beeindruckt mich Jeannettes Umgang mit ihrer Vergangenheit und ihren Eltern, nachdem sie sich auf eigene Füße stellen konnte. Sie ist zu einer ehrgeizigen Person geworden, die aber gleichzeitig Liebe und Nähe zu ihren Eltern empfindet. Nach der Lektüre habe ich mir einige Interviews mit Walls angesehen und es ist eindeutig, dass sie hier nichts vortäuscht oder schön redet. Vor dieser Fähigkeit zu vergeben ziehe ich den Hut.

Ich lege dieses Buch allen uneingschränkt ans Herz. Es hat mich tief berührt und es ist erzählerisch hervorragend. Es zeigt ein zum Teil schockierendes Hinterland-Amerika, auf jeden Fall aber einen sicher ungewöhnlichen Blickwinkel. Dabei sollte man sich weder vom Cover noch dem Klappentext ablenken lassen: Beide finde ich nicht sehr gelungen. Ich selbst werde mir auf jeden Fall noch Ein ungezähmtes Leben von Jeannette Walls zu Gemüte führen, in dem sie die Lebensgeschichte ihrer Großmutter erzählt. Und ganz sicher auch Schloss aus Glas irgendwann wieder hervorholen.

Übrigens ist eine Adaption des Buches ab dem 21. September mit Brie Larson, Woody Harrelson und Naomi Watts in deutschen Kinos zu sehen.

Ernest Hemingway: Paris. Ein Fest fürs Leben

Hemingway ParisIch bin hin und hergerissen, was Hemingway betrifft: Seine Prosa war mir zu spröde, während seine Geschichten mich immer faszinierten. Seine Frauenfiguren waren unausgegoren und allzu klischiert, doch die Protagonisten Mikrokosmen der Komplexität.
Obwohl Paris: Ein Fest fürs Leben als Erinnerungstext nicht dieselben Probleme für mich bereithielt, war es doch wieder mal ein typisches Hemingway-Leseerlebnis.

Die Liste der Dinge, die bezaubernd und spannend fand, ist lang: Seine exzellenten Beobachtungen über die Parser Jahreszeiten; wie er sich an ein Thema nähert und den Leser teilhaben lässt; sein unverhohlener Abscheu gegenüber einigen Autoren war einfach köstlich fies; seine Verwunderung über die eigene Loyalität zu F. Scott Fitzgerald; die Schilderungen über die literarischen Cafés und Bekanntschaften mit anderen Literaten der Zeit; Reminiszenzen an Hungertage, an denen er den Hunger zu einer Inspirationsquelle erhebt, um ihm einen Sinn zu geben.

Dieses Buch liest sich auch viel leichter als Hemingways Romane. Er erzählt leichtfüßig und transportiert so ein Lebensgefühl, das vielleicht konstruiert ist, aber so gut zu unserem Bild von Paris zu dieser Zeit passt. Denn es ist ganz eindeutig, dass Hemingway sich hier äußerst positiv darzustellen versucht und unangenehme Themen umgeht. Da fallen eigene Unzulänglichkeiten unter den Tisch. Was genau zwischen ihm und Stein zu Unfrieden führte? Natürlich Frau Steins Wankelmut und ihre Überheblichkeit.
Auch schildert Hemingway nonchalant, dass er sein Kind von der Katze bewachen lässt, um ausgehen zu können. Zuguterletzt beschreibt er seinen Ehebruch, als wäre er ohne sein Zutun geschehen und unausweichlich gewesen. Ja klar, Hemingway, Ehebrecher wider Willen, du konntest nicht nein sagen, du warst das Opfer gnadenloser Verführung … So konstruiert Hemingway, sehr clever allerdings, so nahtlos, als habe er sich diese Geschichte so auch immer selbst erzählt, ein Bild des jungen, unbescholtenen Schriftstellers mit hohen Ambitionen und klaren Vorstellungen.

Als Portrait von Paris und der literarischen Szene dort in den Zwanzigern ist das Buch weit mehr geeignet als als Portrait Hemingways. Schön zu lesen war es aber unbedingt. Ich bin froh, das nun endlich getan zu haben.