Science! Curse thee, thou vain toy. Moby-Dick Leselog 09

Moby-Dick Leselog{102-123}

Wir segeln geradewegs auf den Höhepunkt zu! Ich gebe es zu: Es wird auch Zeit. In diesem Abschnitt war aber echt mal was los. Der Konflikt baut sich auf, Spannungen zwischen Ahab und Starbuck und der Crew und Ahab nehmen zu und die Pequod wird von einem Typhoon erfasst! So viel war im ganzen Buch noch nicht los.

Mein Highlight war ein Kapitel, in dem Starbuck in Ahabs Kabine tritt, wo der Kapitän schläft. Er erblickt Ahabs Musketen und erwägt kurz Mord, um alle vor Ahabs Wahn zu retten. Ein echter interner Konflikt! Starbuck wäre ein wirklich interessanter Protagonist gewesen.

Ansonsten dreht Ahab langsam echt durch. So verliert er die Geduld mit seinem Quadranten, da dieser ihm ja doch nicht Moby-Dicks Standort nennen kann. Also zerstört er das Instrument. Immer eine gute Idee auf dem offenen Meer. Vor allem weil das Meer sich direkt im Folgekapitel zu rächen scheint:
Ein Typhoon überrascht das Schiff, der Sturm reißt die Segel los, der Kompass spielt verrückt (notabene: damit kann Ahab erst mal nicht mehr Moby-Dick jagen) und die Blitze um das Schiff lösen eine sagen wir mal leichte Panik der Crew aus. Doch nichts ist so bedrohlich wie Ahab, der alle an ihren Eid erinnert, den Weißen Wal zu töten. Zur Bekräftigung pustet er eine kleine Flamme am Ende seiner Harpune aus. Ja, alles ist bedeutungsschwer in diesem Abschnitt. Die Harpune müsste die sein, die er wenige Kapitel zuvor mit dem Schmied angefertigt hatte – und nicht im Namen des Vaters, sondern im Namen des Teufels segnete!

Das Schöne dabei: Es gibt trotzdem zwischendurch kleine lustige Einschnitte. Zum Beispiel gibt es ein Minikapitel mitten im Typhoon, in dem Tashtego in gebrochenem Englisch das Ende des Donnerns und stattdessen eine Flasche Rum fordert. Und dann trifft die Pequod wieder mal ein anderes Schiff: Auf der Bachelor ist man gut gelaunt und gesellig, nachdem man erfolgreich Wale gejagt hat. Ahabs Reaktion war einfach zu schön! So nach dem Motto „Macht bloß, dass ihr wegkommt“ 🙂 So viel Frohsinn ist nicht seins.

Was sonst so geschah: Ahab bekommt ein neues Bein. Queequeg wird krank und denkt er stirbt. Dann erinnert er sich einer ausstehenden Erledigung und ist prompt wieder fit. Es gibt auch ein schön atmosphärisches Kapitel, in dem Ahab und Fedallah nachts einen verendeten Wal bewachen und über den Tod sprechen. Dabei macht Fedallah viele Andeutungen zu Ahabs Ende. Der Boss der von Ahab angeheuerten Meute wird aus irgendeinem Grund nur noch „der Parse“ genannt. Ist wohl mysteriöser.

Ich wünschte, in dem Stil wäre das ganze Buch gehalten! Also mehr Abenteuer und meinetwegen auch düstere Vorausdeutungen. Und weniger Quatsch über Walfang. Wofür diese Kapitel gut sein sollen ist mir immer noch nicht klar. Es wäre ein viel besseres Leseerlebnis für mich geworden. Und ich denke, ich hatte auch eher mehr Abenteuer erwartet. Aber wir sind ja noch am Ende angekommen. Das kommt in der nächsten Woche. Darauf bin ich erst mal zwei Wochen in Irland, abder danach will ich noch mal ein „Fazit“ des Leselogs schreiben.

Random Quotes

  • „To produce a mighty book, you must choose a mighty theme.“ – Ishmael, natürlich.
  • „There is one God that is Lord over the earth, and one Captain that is lord over the Pequod.“ – Ahab, logischerweise.
  • „Top-heavy was the ship as a dinnerless student with all Aristotle in his head.“ Keine Ahnung, wrr das gesagt hat, aber es ist allemal ein lustiger Vergleich.

An allegorical meaning may lurk here. Moby-Dick Leselog 08

Moby-Dick Leselog 08

{Kapitel 88-101}

Endlich erkenne ich mal den Sinn eines Exkurses! Es wird erklärt, wie Walfänger das Vorrecht auf einen Wal regeln. Hat eine Crew den Wal schon festgemacht, gehört er ihr (Fast-Fish). Schwimmt er noch, ist er Freiwild (Loose-Fish). Easy.

Und dieses Wissen braucht man, um eins der folgenden Kapitel voll zu vestehen. Das sich als besondes unterhaltsam herausstellte. In dem trifft die Pequod auf einen französischen Walfänger, den man zehn Meilen gegen den Wind riechen kann, denn ein verendeter Wal befindet sich im Schlepptau. Ironischerweise heißt das Schiff „Rosebud“. Stubb (der erste Maat) spricht mit dem einzig englisch sprechenden Matrosen an Bord, der den Kapitän holt. Stubb wirft ihm wüste Beschimpfungen an den Kopf und der Matrose tut so, als übersetze er; man solle den Wal bloß losmachen, sonst würde die Crew bald tödlich krank. Der Kapitän tut wie ihm geraten. Kaum ist das Schiff weg, macht sich Stubb über den nun Loose-Fish her, denn im Inneren von kranken Walen findet sich ein wertvoller Stoff: ambergris.

Weitere Anekdoten dieses Abschnitts beinhalten die Story, wie Pip seinen Verstand verlor (diese Geschichte wurde bereits in den ersten Kapiteln vorausgedeutet); wie Ahab und dann der Rest der Crew nacheinander die magischen Symbole auf der Dublone zu entziffern versucht, die auf den Weißen Wal ausgesetzt sind; und eine weitere Begegnung mit einem Schiff. Dabei trifft Ahab auf einen weiteren Moby-Dick-Veteran; dieser ist leicht an einem Walbein-Arm zu erkennen. Doch Ahab und der andere ergeben kein dynamisches Duo, der andere fragt sogar den düsteren Fedallah, ob Ahab verrückt sei. Der legt zur Antwort nur einen Finger vor seinen Mund. Sehr subtil.

Also jede Menge Andeutungen und scheinbar metaphorische Geschichten – tatsächlich mochte ich diesen Abschnitt insgesamt wieder mehr. Doch einen Part habe ich noch verschwiegen. Zwei Kapitel sind nämlich doch recht deftig, wenn man es darauf anlegt. Bei der Verarbeitung des Wals muss die Crew mit den Händen den Wal-Blubber kneten, damit er nicht zu fest wird. Das Ganze gerät zu einer transzendentalen Massenorgie, wenn man Ishmaels Worten glauben kann:

Squeeze! squeeze! squeeze! all the morning long; I squeezed that sperm till I myself almost melted into it; I squeezed that sperm till a strange sort of insanity came over me; and I found myself unwittingly squeezing my co-laborers’ hands in it, mistaking their hands for the gentle globules. Such an abounding, affectionate, friendly, loving feeling did this avocation beget; that at last I was continually squeezing their hands, and looking up into their eyes sentimentally; as much as to say,—Oh! my dear fellow beings, why should we longer cherish any social acerbities, or know the slightest ill-humor or envy! Come; let us squeeze hands all round; nay, let us all squeeze ourselves into each other; let us squeeze ourselves universally into the very milk and sperm of kindness.

Ich lasse das mal unkommentiert, denn das direkt folgende, sehr kurze Kapitel musste ich in der Tat zweimal lesen, um einen Fehler meinerseits auszuschließen: Darin wird der tote Wal um seinen Penis erleichtert, der gehäutet wird und dessen Haut danach zu einem (Achtung) Umhang verarbeitet wird! Ein Penisfrack. Welche Drogen hatten die eigentlich zu Melvilles Lebzeiten?! Oder ist das am Ende noch historisch? Ich glaube, ich will es gar nicht wissen. (Mit den Walschlachtungskapiteln steht es mir jedenfalls bis hier.)

I try all things; I achieve what I can. Moby-Dick Leselog 07

Moby-Dick Leselog{Kapitel 71-87}

Gleich sieben Kapitel zu äußerlichen Eigenschaften von Pottwalen konnte ich diesmal lesen. Besonders beschäftigt Ishmael die platte Front des Wales, die jegliches Sinnesorgane entbehrt. Außerdem spekuliert er ewig, was der Wal eigentlich versprüht: Ist es Wasser, Nebel oder vielleicht sogar sein eigener Atem?! Auch der Schwanz des Wals bekommt ein eigenes Kapitel (Spoiler: Er ist enorm).

Weitere Fakten und Thesen rund um den Walfang / Ishmaels Cetologie werden erörtert: So gibt es ein Kapitel zum „Heidelberger Fass“ – den Teil des Walkopfs, in dem der vermeintliche „Sperm“ lagert – und zwei „Bonuskapitel“ zu St. Georg und Jonah und den Wal. Den musste die Geschichte ja auch schon mindestens die letzten 20 Kapitel entbehren. St. Georg, der Drachentöter, dagegen ist neu. Es könne auch sein, dass er stattdessen einen Wal erlegt habe und ein Seepferd ritt. Sehr schönes Seemannsgarn, Herr Ishmael. Da hat wohl einer zu viel Grog genossen.

Die restlichen Kapitel erzählen anekdotenhaft von Geschehnissen an Deck der Pequod. Einmal zum Beispiel fällt ein Harpunier in das Heidelberger Fass, was lebensgefährlich ist. Ein zweiter stürzt beim Versuch der Rettung hinterher. Doch wie immer ist Queequeg zur Stelle und rettet beide. Auch in einer Art Anekdote erfährt man von dem Gerücht, Ahab habe einen Pakt mit dem Teufel gemacht. Der Anführer seiner privat angeheuerten Mannschaft, Fedallah, soll dieser Teufel sein. An einer Stelle scheint er keinen Schatten zu haben, ein schön gruseliges Bild.

Zwei Treffen mit anderen Walfängern werden geschildert: Zuerst begegnet die Pequod der Jeroboam, auf der eine Epidemie ausgebrochen ist. Die abergläubische Mannschaft wird inzwischen nicht mehr vom Captain, sondern einem scheinbar wahnsinnigen Seemann geführt. Der hält sich für den Erzengel Gabriel. Dabei schien er noch beim Anheuern ganz normal. Nun glaubt die Crew, er schütze sie vor der Krankheit. Der Prophet bescheinigt Ahab wortreich das baldige Verderben und ist allgemein nicht sehr feinfühlig.

Das andere Treffen ist auch nicht erfreulicher: Der deutsche Walfänger „Jungfrau“ erweist sich als jungfräulich im Walfang – kein Tropfen Öl ist an Bord. Als eine Walschule kreuzt, stürzen sich sowohl die Deutschen als auch die Nantucketer darauf. Es gibt ein Riesengemenge im Wasser und ein alter Pottwal kommt grausam zu Tode. Zu Ishmaels Verteidigung sei gesagt, dass er bei der Jagd auch (aber nicht ausschließlich) Mitleid mit dem großen Wesen empfand.

In dem letzten Kapitel wird die Pequod von Piraten gejagt und jagt danach selbst Wale – die jeweils Verfolgten entkommen. Ob das wohl eine Art Rechtfertigung sein soll? So nach dem Motto: Die Walfänger haben auch kein leichtes Spiel?

Insgesamt frage ich mich langsam, ob es überhaupt noch mehr Hintergrund zu irgendjemandem geben wird, vor allem natürlich zu Ahab. Da hatte ich mir definitiv mehr zu vorgestellt. Andererseits ist der Erzählton meistens heiter-unbeschwert, wodurch sich viel unterschwellige Ironie ergibt. Soviel zum Ausgleich.

Random Quote

Midwifery should be taught in the same course with fencing and boxing, riding and rowing.

Ishmaels Kommentar zu Queequegs so erfolgreicher Rettungsaktion der beiden Harpuniere aus dem glitschigen Walschädel. Was für ein charmanter Vergleich.

I tell you, the sperm whale will stand no nonsense. Moby-Dick Leselog 05

Moby-Dick Leselog{Kapitel 42-53}

In diesem Abschnitt philosophiert Ishmael über die Farbe Moby-Dicks (Quintessenz: weiß ist böse. Jedenfalls immer dann, wenn es gerade passt). Da kommen dann doch sehr unschöne Ansichten zu Menschen mit Albinismus durch. Und wieder ein schöner Patzer: weiß wird als Absenz der Farben beschrieben – einer von vielen Näherungsversuchen, warum weiß so abstoßend sei. Aber auch da hat Ishmael einen Knick in der Optik (Wortspiel mit bestem Wissen und Gewissen beabsichtigt).

Aber genug davon. Im Grunde wechseln sich hier zwei Handlungsstränge ab, wenn man so will. Der eine ist eine Introspektive zu Walen, Walfang und Ahabs Gemüt. Alles sehr weitschweifig und etwas finster. Sowohl die Wale als auch Ahab kommen aber im Grunde zu kurz; es wird nur spekuliert und angedeutet, zum Beispiel scheinen Ahab Alpträume zu plagen, da man nachts seine Schreie hört. Aber wirklich zu Greifen bekommt man diesen seltsamen Käpt’n nicht.

Was ich noch nicht erwähnte: Ich hatte ja schon mal gesagt, dass mir Behinderungen als Mittel, um Sünden an Figuren sichtbar zu machen, immer unangenehm auffallen. Auch bei Ahab mit seiner Narbe und dem Elfenbeinbein (stimmt so) ist das so. Aber immer wieder redet die Crew über dieses Bein und dass es irgendwie nicht weniger, sondern mehr aus Ahab macht. Es ist sozusagen keine Behinderung, sondern so was wie ein Ritterschlag. Eine interessante Art, Ahabs Figur zu vertiefen – wenn auch wieder nur durch die Sicht anderer.

Aber zur Action: Während dem Wachdienst hört ein Crewmitglied Geräusche unter Deck. Keiner glaubt ihm, dass er dort Menschen gehört hat. Als die erste Waljagd losgeht, löst sich das Rätsel: Ahab hat fünf bisher versteckte Besatzungsmitglieder aus eigener Tasche angeheuert, um bei der Jagd live dabei sein zu können. Die Schiffsanteileigner waren nämlich, wegen des Beins, dagegen, dass Ahab sich selbst beteiligt. Doch mit seinen eigenen Leuten lässt er ein Boot zu Wasser und macht auf eigene Verantwortung mit. Skandal an Bord der Pequod!
Nach diesem Erlebnis – dem Chaos, den „wilden Bestien“, der Lebensbedrohung – macht Ishmael sein Testament. An so kleinen Dingen merkt man Ishmaels Naivität: Er ist nicht so erfahren, wie er vorgibt. Durch später erworbene Expertise peppt er die Geschichte auf, kann sein Unwissen aber nicht ganz verdecken.

Zuletzt wird noch ein Treffen mit einem anderen Walfänger beschrieben und wie die Kommunikation komplett scheitert beim Versuch, sich über Neuigkeiten auszutauschen. Ishmael berichtet über die Gepflogenheiten in so einem Fall und Ahabs Weigerung, ihnen Folge zu leisten. Wer im Wahn einen Wal jagt, der hat keine Zeit für Höflichkeiten.

Random Quotes

It was the whiteness of the whale that above all things appalled me.

Das hier mag ich: Though in many of its aspects this visible world seems formed in love, the invisible spheres were formed in fright.

Ahab, der Besessene: Therefore, the tormented spirit that glared out of bodily eyes, when what seemed Ahab rushed from his room, was for the time but a vacated thing, a formless somnambulistic being, a ray of living light, to be sure, but without an object to colour, and therefore a blankness in itself.

Ein weiser Rat Ishmaels an alle Kerzenliebhaber: For God’s sake, be economical with your lamps and candles! not a gallon you burn, but at least one drop of man’s blood was spilled for it.

Nach der ersten Jagd: Now then, thought I, unconsciously rolling up the sleeves of my frock, here goes for a cool, collected dive at death and destruction, and the devil fetch the hindmost.

Diskussion um Ahabs Bein: “If his leg were off at the hip, now, it would be a different thing. That would disable him; but he has one knee, and good part of the other left, you know.” – “I don’t know that, my little man; I never yet saw him kneel.”

There’s the insanity of life! Moby-Dick Leselog 04

Moby-Dick Leselog{Kapitel 30-41}

Und zum erstem Mal langweile ich mich ein klein wenig. Dabei entwickelt sich das Buch immer mehr zu einem Acid Trip. Es ist, als hätte Ishmael genug von seinem konventionellen Erzählton: Jetzt fängt er an, zu halluzinieren und seinen Mitmenschen Worte in den Mund zu legen.

Da gibt es innere Monologe von Crewmitgliedern, Kapitel nach Stil eines Dramas und dann natürlich die Kapitel über Wale.
Auf dem Höhepunkt dieses Abschnitts in Kapitel 37 eröffnet Ahab die Jagd auf seinen Erzfeind und verspricht dem, der ihn tötet, spanisches Gold. Klingt nach einem Deal mit dem Teufel, würde ich mal sagen.
Auf dem Schiff herrscht weiter eine seltsame Stimmung. In diesen Kapiteln wird hervorgehoben, welche seltsame Mischung an Nationalitäten und Gesinnungen hier zusammen gekommen ist. Ishmael mit seinem Weltschmerz ist da eher ein Außenseiter, es gibt kein Kapitel, in dem er mit anderen der Crew interagiert. Es gibt auch ein Kapitel zum Essverhalten in der Kapitänskajüte unter Ahab und den Maats (still, stark hierarchisiert) und dem der Harpuniere (laut und ungezügelt, inklusive bedrohlicher Kaugeräusche).

Der Finsterling Starbuck hat Skrupel, sich an der Jagd auf Moby-Dick zu beteiligen, während der fröhliche Stubb im Traum lernt, Ahab zu achten. Immer wieder wird Ahab in die Nähe des Göttlichen gerückt, ob nun durch andere und deren Wahrnehmung oder durch ihn selbst in seinem Wahn.

Nach all diesen bizarren Kapiteln bekomme ich eine Ahnung, wie das Buch auf die erste Generation an Lesern gewirkt haben muss. Kein Wunder, dass es im großen Stil floppte. Das längste und kurioseste Kapitel hier war aber wohl das, in dem Ishmael Wale klassifiziert. Und zwar in Bücher, nach Größe in Folios, Octavos und Duodecimos. In dem ganzen Kapitel wird der Zusammnehang von Meer und Literatur bemüht: „I have swam through libraries and sailed through oceans“ sagt Ishmael zum Beispiel, ein schönes Bild finde ich. Sonst steht viel Blödsinn in diesem Kapitel, sowohl aus wissenschaftlicher Sicht als auch literarisch. Es gibt bizarre Zitate aus der Fachliteratur* und ein zweits Leitmotiv, das ich allerdings null verstehe, ist England. Ständig heißt es: „das ist wie damals am Trafalgar Square“ oder ähnliches. Ich meine, warum England?

Aber gut, gemessen an den Kapitelüberschriften des nächsten Abschnitts steht mir die erste Begegnung mit der Titelfigur bevor! Yay. Und gerade zufällig entdeckt: Scheinbar stammen viele der Crew-Namen von geografischen Namen ab: Es gibt beim Berg Fedallah (der in einer der Kapitelüberschriften vorkommt) wohl ein Pip-Kliff und ein Flask-Gletscher. Erwischt, Melville! Mal schauen, was es mit diesem Fedallah noch auf sich hat. Aber dazu dann nächste Woche!

*Das Zitat stammt von Carl von Linné (ich habs überprüft, schockierenderweise ist es kein Fake): „On account of their warm bilocular heart, their lungs, their movable eyelids, their hollow ears, penem intrantem feminam mammis lactantem […] ex lege naturae jure meritoque.“ Linné hat natürlich alles auf Lateinisch geschrieben; Ishmael übersetzt den unsittlichen Teil aber hier nicht. Gott bewahre, käme das Wort „Penis“ in seinem Bericht vor! (Oder sind es die weiblichen Brüste, die ihm Sorge bereiten?) Ishmael berichtet im selben Absatz, er und seine Kameraden hielten diese Argumente, den Wal nicht zu den Fischen zu zählen, für Humbug. Was doppelt lustig ist, einerseits wegen des unschicklichen Lateins, wegen dem man nicht ohne Weiteres versteht, worum es geht, andererseits weil Wale nun mal keine Fische sind. Sorry, Ishmael!

Random Quotes

„Far above of al hunted whales, his [des Pottwals] is an unwritten life.“
„Philologically considered, it is absurd.“ Das lasse ich mal so stehen 🙂
Ishmael zu seiner Wal-Taxonomie: „God keep me from ever completing anything.“
Ahab wandert rastlos über Deck und hinterlässt „footprints of his one unsleeping, ever-pacing thought.“
Ahab: „I’d strike the sun if it insulted me.“ Mehr Ahab: „Is, then, the crown to heavy that I wear?“ Noch mehr Ahab: „Damned in the midst of paradise!“

Lian Hearn: Das Schwert in der Stille (Der Clan der Otori 1)

JapanTomasu wächst als „Verborgener“ in der Provinz auf, bis Iida vom Tohan Clan sein Dorf attackiert und alle, die Tomasu kannte, für ihren Glauben ermordet werden. Als einziger Überlebender flüchtet Tomasu, verfolgt von den Tohan. Otori Shigeru, ein reisender Adliger, rettet ihn und nimmt den Jungen unter dem Namen Takeo unter seine Fittiche. Doch so gelangt Takeo mitten in den Kampf zwischen den Clans.
Das Mädchen Kaede lebt jahrelang als Geisel am Hof der Noguchi auf. Durch unglückliche Ereignisse hat sie bald den Ruf, den Männern, die sie begehren, den Tod zu bringen. Sie soll keinen anderen als Shigeru heiraten, um das Bündnis zwischen Otori und Tohan und damit den Frieden zu besiegeln.

Das 54. Buch meines Fantasy-Projekts war eine angenehme Überraschung. Es handelt sich auch weniger um einen Fantasy-Roman als um einen mit Magie gewürzten historischen Roman für Jugendliche. Es entwickeln sich spannende politische Intrigen und Verwicklungen zwischen den unterschiedlichen Figuren, sodass es nie langweilig wird. Von japanischer Geschichte habe ich keinen Schimmer und ich glaube auch, es handelt sich hierbei eher um ein alternatives Japan. Allerdings gibt es schöne Details (wie Nachtigallenböden), die Namen sind realistische japanische Namen und die dargestellte Gesellschaft wäre so, wie ich das feudale Japan erwarten würde.

Von der Struktur her handelt es sich um eine klassische Heldenreise mit wenigen Überraschungen, inklusive der Ausbildung in Kultur- und Kampftechniken und dem Entdecken außergewöhnlicher Talente. Für mich war die Lektüre sozusagen ein Gemütlichkeitsfaktor: eine Prise Vertrautes. Was ich dagegen wirklich weniger schön fand, war ein mieser Fall von Instalove. Natürlich muss sich Takeo in das einzige Mädchen in seinem Alter verlieben, und sie sich in ihn. Und dass, obwohl sie sich gar nicht richtig kennen. Das ist total unnötig und nervig.
Kaedes Geschichte fand ich ebenfalls spannend; sie gibt eine prima Heldin ab. Leider steht ihre Reise immer ein wenig der Takeos nach, der die eindeutige Hauptfigur ist. Trotz einiger Mängel hatte ich viel Spaß beim Lesen. Sie halten mich natürlich nicht davon ab, die Reihe fortzusetzen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht!

Gaby Wood: Edison’s Eve

Gaby Wood Edison's Eve
„Die Suche nach mechanischem Leben“ heißt der Untertitel dieses Sachbuchs, in dem die Journalistin Gaby Wood einem sehr speziellen Thema nachgeht: Seit Jahrhunderten versuchen wir, mit den uns gegebenen Mitteln den Menschen nachzubauen, teils um uns selbst zu verstehen, teils um uns zu einem Erschaffer aufzuschwingen. In Edison’s Eve stellt die Autorin Automaten seit dem 18. Jahrhundert vor, die menschliche (und tierische) Fähigkeiten nachahmten und so ihre Zeitgenossen in Erstaunen versetzten.

 

Ich bin wirklich zwigespalten, was dieses Sachbuch angeht. Einerseits fasziniert mich das Thema sehr, sowohl die Automaten als auch die Philosophien dahinter. Andererseits hatte das Buch leider einige Schwächen.

In jedem Kapitel geht es um einen anderen Erfinder. Dabei wird relativ weit im biografischen Werdegang ausgeholt, aber den jeweiligen Automaten auch viel Raum gewährt. Die Verbindung von Erfindung und Philosophie ging mir oft nicht weit genug; oft bleibt es bei Andeutungen und einzelnen Sätzen. Ein weiteres grundsätzliches Problem mit der Darstellung in Buchform ist, dass die Funktionsweise der Erfindungen durch Beschreibungen verständlich gemacht werden muss. Selbst ein Schaubild wäre schwierig gewesen, da es ja um bewegliche Objekte geht. An der Stelle wünscht man sich fast einen Film.

Die Highlights

Schachautomat Türke RacknitzZwei Kapitel haben mir besonders gefallen: In einem geht es um einen der wohl bekanntesten Automaten, den Schachtürken.
Dieser stellte sich zwar nach einigen Jahrzehnten als Fälschung heraus, da er von einem Menschen im Inneren gelenkt wurde, aber seine unheimliche Fähigkeit, eine explizit menschliche Tätigkeit, das Schachspielen, nachzuahmen, hat viele Zeitgenossen zu Theorien angestachelt, wie das sein könne. Es bestand der kollektive Wunsch, dass es sich um einen echten Automaten handele, dass das Wunderding wie magisch Schachmeister und Könige besiegte. In dem Kapitel kam also auch der Wunsch nach dem Magischen, nach der unerklärlich zum Leben erweckten Mechanik, zum Ausdruck.

Le Voyage dans la luneDas andere Kapitel drehte sich um Georges Méliès, dem Erfinder des Films als narratives Medium. Zwar ist auch das schon Grenzterrain des Themas, aber auch hier geht es um das Erschaffen von Leben, nur eben auf der Leinwand. Natürlich hat Méliès (im Gegensatz zu den Brüdern Lumière) Film vor allem für das Magische, nicht Reale verwendet, aber viele seiner Tricks beziehen sich auf Möglichkeiten des menschlichen Körpers: In seinen Filmen verselbständigen sich Köpfe, Menschen verschwinden in einer Rauchwolke oder schrumpfen und Statuen erwachen zum Leben. Insofern war dieses Kapitel nachvollziehbar, aber vor allem als Méliès-Fan habe ich mich darüber gefreut.

Kein glorreiches Finale

Was mich andererseits wirklich etwas enttäuscht hat, ist das letzte Kapitel: Anstatt den logischen Schritt zu modernen Forschungen rund um künstliche Intelligenz zu gehen, macht Gaby Woods etwas komplett anderes und schwer nachvollziehbares: Das letzte Kapitel gilt den Dolls, einer Familie von Kleinwüchsigen, die in den USA durch Shows und Filmrollen (unter anderem in Freaks) zu Bekanntheit gelangten. Während die Objektifizierung von Zwergwüchsigen und ihre Fetischisierung als lebende Puppen noch am Rande zum Thema passt, war mir das Kapitel eher weit hergeholt und uninteressant im Kontext dieses Buches.

So bleiben die im Vorwort angesprochenen Visionen in Blade Runner und realeren modernen Beschäftigungen mit künstlichem Leben und künstlicher Intelligenz in diesem Buch leider unkommentiert.