I try all things; I achieve what I can. Moby-Dick Leselog 07

Moby-Dick Leselog{Kapitel 71-87}

Gleich sieben Kapitel zu äußerlichen Eigenschaften von Pottwalen konnte ich diesmal lesen. Besonders beschäftigt Ishmael die platte Front des Wales, die jegliches Sinnesorgane entbehrt. Außerdem spekuliert er ewig, was der Wal eigentlich versprüht: Ist es Wasser, Nebel oder vielleicht sogar sein eigener Atem?! Auch der Schwanz des Wals bekommt ein eigenes Kapitel (Spoiler: Er ist enorm).

Weitere Fakten und Thesen rund um den Walfang / Ishmaels Cetologie werden erörtert: So gibt es ein Kapitel zum „Heidelberger Fass“ – den Teil des Walkopfs, in dem der vermeintliche „Sperm“ lagert – und zwei „Bonuskapitel“ zu St. Georg und Jonah und den Wal. Den musste die Geschichte ja auch schon mindestens die letzten 20 Kapitel entbehren. St. Georg, der Drachentöter, dagegen ist neu. Es könne auch sein, dass er stattdessen einen Wal erlegt habe und ein Seepferd ritt. Sehr schönes Seemannsgarn, Herr Ishmael. Da hat wohl einer zu viel Grog genossen.

Die restlichen Kapitel erzählen anekdotenhaft von Geschehnissen an Deck der Pequod. Einmal zum Beispiel fällt ein Harpunier in das Heidelberger Fass, was lebensgefährlich ist. Ein zweiter stürzt beim Versuch der Rettung hinterher. Doch wie immer ist Queequeg zur Stelle und rettet beide. Auch in einer Art Anekdote erfährt man von dem Gerücht, Ahab habe einen Pakt mit dem Teufel gemacht. Der Anführer seiner privat angeheuerten Mannschaft, Fedallah, soll dieser Teufel sein. An einer Stelle scheint er keinen Schatten zu haben, ein schön gruseliges Bild.

Zwei Treffen mit anderen Walfängern werden geschildert: Zuerst begegnet die Pequod der Jeroboam, auf der eine Epidemie ausgebrochen ist. Die abergläubische Mannschaft wird inzwischen nicht mehr vom Captain, sondern einem scheinbar wahnsinnigen Seemann geführt. Der hält sich für den Erzengel Gabriel. Dabei schien er noch beim Anheuern ganz normal. Nun glaubt die Crew, er schütze sie vor der Krankheit. Der Prophet bescheinigt Ahab wortreich das baldige Verderben und ist allgemein nicht sehr feinfühlig.

Das andere Treffen ist auch nicht erfreulicher: Der deutsche Walfänger „Jungfrau“ erweist sich als jungfräulich im Walfang – kein Tropfen Öl ist an Bord. Als eine Walschule kreuzt, stürzen sich sowohl die Deutschen als auch die Nantucketer darauf. Es gibt ein Riesengemenge im Wasser und ein alter Pottwal kommt grausam zu Tode. Zu Ishmaels Verteidigung sei gesagt, dass er bei der Jagd auch (aber nicht ausschließlich) Mitleid mit dem großen Wesen empfand.

In dem letzten Kapitel wird die Pequod von Piraten gejagt und jagt danach selbst Wale – die jeweils Verfolgten entkommen. Ob das wohl eine Art Rechtfertigung sein soll? So nach dem Motto: Die Walfänger haben auch kein leichtes Spiel?

Insgesamt frage ich mich langsam, ob es überhaupt noch mehr Hintergrund zu irgendjemandem geben wird, vor allem natürlich zu Ahab. Da hatte ich mir definitiv mehr zu vorgestellt. Andererseits ist der Erzählton meistens heiter-unbeschwert, wodurch sich viel unterschwellige Ironie ergibt. Soviel zum Ausgleich.

Random Quote

Midwifery should be taught in the same course with fencing and boxing, riding and rowing.

Ishmaels Kommentar zu Queequegs so erfolgreicher Rettungsaktion der beiden Harpuniere aus dem glitschigen Walschädel. Was für ein charmanter Vergleich.

I tell you, the sperm whale will stand no nonsense. Moby-Dick Leselog 05

Moby-Dick Leselog{Kapitel 42-53}

In diesem Abschnitt philosophiert Ishmael über die Farbe Moby-Dicks (Quintessenz: weiß ist böse. Jedenfalls immer dann, wenn es gerade passt). Da kommen dann doch sehr unschöne Ansichten zu Menschen mit Albinismus durch. Und wieder ein schöner Patzer: weiß wird als Absenz der Farben beschrieben – einer von vielen Näherungsversuchen, warum weiß so abstoßend sei. Aber auch da hat Ishmael einen Knick in der Optik (Wortspiel mit bestem Wissen und Gewissen beabsichtigt).

Aber genug davon. Im Grunde wechseln sich hier zwei Handlungsstränge ab, wenn man so will. Der eine ist eine Introspektive zu Walen, Walfang und Ahabs Gemüt. Alles sehr weitschweifig und etwas finster. Sowohl die Wale als auch Ahab kommen aber im Grunde zu kurz; es wird nur spekuliert und angedeutet, zum Beispiel scheinen Ahab Alpträume zu plagen, da man nachts seine Schreie hört. Aber wirklich zu Greifen bekommt man diesen seltsamen Käpt’n nicht.

Was ich noch nicht erwähnte: Ich hatte ja schon mal gesagt, dass mir Behinderungen als Mittel, um Sünden an Figuren sichtbar zu machen, immer unangenehm auffallen. Auch bei Ahab mit seiner Narbe und dem Elfenbeinbein (stimmt so) ist das so. Aber immer wieder redet die Crew über dieses Bein und dass es irgendwie nicht weniger, sondern mehr aus Ahab macht. Es ist sozusagen keine Behinderung, sondern so was wie ein Ritterschlag. Eine interessante Art, Ahabs Figur zu vertiefen – wenn auch wieder nur durch die Sicht anderer.

Aber zur Action: Während dem Wachdienst hört ein Crewmitglied Geräusche unter Deck. Keiner glaubt ihm, dass er dort Menschen gehört hat. Als die erste Waljagd losgeht, löst sich das Rätsel: Ahab hat fünf bisher versteckte Besatzungsmitglieder aus eigener Tasche angeheuert, um bei der Jagd live dabei sein zu können. Die Schiffsanteileigner waren nämlich, wegen des Beins, dagegen, dass Ahab sich selbst beteiligt. Doch mit seinen eigenen Leuten lässt er ein Boot zu Wasser und macht auf eigene Verantwortung mit. Skandal an Bord der Pequod!
Nach diesem Erlebnis – dem Chaos, den „wilden Bestien“, der Lebensbedrohung – macht Ishmael sein Testament. An so kleinen Dingen merkt man Ishmaels Naivität: Er ist nicht so erfahren, wie er vorgibt. Durch später erworbene Expertise peppt er die Geschichte auf, kann sein Unwissen aber nicht ganz verdecken.

Zuletzt wird noch ein Treffen mit einem anderen Walfänger beschrieben und wie die Kommunikation komplett scheitert beim Versuch, sich über Neuigkeiten auszutauschen. Ishmael berichtet über die Gepflogenheiten in so einem Fall und Ahabs Weigerung, ihnen Folge zu leisten. Wer im Wahn einen Wal jagt, der hat keine Zeit für Höflichkeiten.

Random Quotes

It was the whiteness of the whale that above all things appalled me.

Das hier mag ich: Though in many of its aspects this visible world seems formed in love, the invisible spheres were formed in fright.

Ahab, der Besessene: Therefore, the tormented spirit that glared out of bodily eyes, when what seemed Ahab rushed from his room, was for the time but a vacated thing, a formless somnambulistic being, a ray of living light, to be sure, but without an object to colour, and therefore a blankness in itself.

Ein weiser Rat Ishmaels an alle Kerzenliebhaber: For God’s sake, be economical with your lamps and candles! not a gallon you burn, but at least one drop of man’s blood was spilled for it.

Nach der ersten Jagd: Now then, thought I, unconsciously rolling up the sleeves of my frock, here goes for a cool, collected dive at death and destruction, and the devil fetch the hindmost.

Diskussion um Ahabs Bein: “If his leg were off at the hip, now, it would be a different thing. That would disable him; but he has one knee, and good part of the other left, you know.” – “I don’t know that, my little man; I never yet saw him kneel.”

There’s the insanity of life! Moby-Dick Leselog 04

Moby-Dick Leselog{Kapitel 30-41}

Und zum erstem Mal langweile ich mich ein klein wenig. Dabei entwickelt sich das Buch immer mehr zu einem Acid Trip. Es ist, als hätte Ishmael genug von seinem konventionellen Erzählton: Jetzt fängt er an, zu halluzinieren und seinen Mitmenschen Worte in den Mund zu legen.

Da gibt es innere Monologe von Crewmitgliedern, Kapitel nach Stil eines Dramas und dann natürlich die Kapitel über Wale.
Auf dem Höhepunkt dieses Abschnitts in Kapitel 37 eröffnet Ahab die Jagd auf seinen Erzfeind und verspricht dem, der ihn tötet, spanisches Gold. Klingt nach einem Deal mit dem Teufel, würde ich mal sagen.
Auf dem Schiff herrscht weiter eine seltsame Stimmung. In diesen Kapiteln wird hervorgehoben, welche seltsame Mischung an Nationalitäten und Gesinnungen hier zusammen gekommen ist. Ishmael mit seinem Weltschmerz ist da eher ein Außenseiter, es gibt kein Kapitel, in dem er mit anderen der Crew interagiert. Es gibt auch ein Kapitel zum Essverhalten in der Kapitänskajüte unter Ahab und den Maats (still, stark hierarchisiert) und dem der Harpuniere (laut und ungezügelt, inklusive bedrohlicher Kaugeräusche).

Der Finsterling Starbuck hat Skrupel, sich an der Jagd auf Moby-Dick zu beteiligen, während der fröhliche Stubb im Traum lernt, Ahab zu achten. Immer wieder wird Ahab in die Nähe des Göttlichen gerückt, ob nun durch andere und deren Wahrnehmung oder durch ihn selbst in seinem Wahn.

Nach all diesen bizarren Kapiteln bekomme ich eine Ahnung, wie das Buch auf die erste Generation an Lesern gewirkt haben muss. Kein Wunder, dass es im großen Stil floppte. Das längste und kurioseste Kapitel hier war aber wohl das, in dem Ishmael Wale klassifiziert. Und zwar in Bücher, nach Größe in Folios, Octavos und Duodecimos. In dem ganzen Kapitel wird der Zusammnehang von Meer und Literatur bemüht: „I have swam through libraries and sailed through oceans“ sagt Ishmael zum Beispiel, ein schönes Bild finde ich. Sonst steht viel Blödsinn in diesem Kapitel, sowohl aus wissenschaftlicher Sicht als auch literarisch. Es gibt bizarre Zitate aus der Fachliteratur* und ein zweits Leitmotiv, das ich allerdings null verstehe, ist England. Ständig heißt es: „das ist wie damals am Trafalgar Square“ oder ähnliches. Ich meine, warum England?

Aber gut, gemessen an den Kapitelüberschriften des nächsten Abschnitts steht mir die erste Begegnung mit der Titelfigur bevor! Yay. Und gerade zufällig entdeckt: Scheinbar stammen viele der Crew-Namen von geografischen Namen ab: Es gibt beim Berg Fedallah (der in einer der Kapitelüberschriften vorkommt) wohl ein Pip-Kliff und ein Flask-Gletscher. Erwischt, Melville! Mal schauen, was es mit diesem Fedallah noch auf sich hat. Aber dazu dann nächste Woche!

*Das Zitat stammt von Carl von Linné (ich habs überprüft, schockierenderweise ist es kein Fake): „On account of their warm bilocular heart, their lungs, their movable eyelids, their hollow ears, penem intrantem feminam mammis lactantem […] ex lege naturae jure meritoque.“ Linné hat natürlich alles auf Lateinisch geschrieben; Ishmael übersetzt den unsittlichen Teil aber hier nicht. Gott bewahre, käme das Wort „Penis“ in seinem Bericht vor! (Oder sind es die weiblichen Brüste, die ihm Sorge bereiten?) Ishmael berichtet im selben Absatz, er und seine Kameraden hielten diese Argumente, den Wal nicht zu den Fischen zu zählen, für Humbug. Was doppelt lustig ist, einerseits wegen des unschicklichen Lateins, wegen dem man nicht ohne Weiteres versteht, worum es geht, andererseits weil Wale nun mal keine Fische sind. Sorry, Ishmael!

Random Quotes

„Far above of al hunted whales, his [des Pottwals] is an unwritten life.“
„Philologically considered, it is absurd.“ Das lasse ich mal so stehen 🙂
Ishmael zu seiner Wal-Taxonomie: „God keep me from ever completing anything.“
Ahab wandert rastlos über Deck und hinterlässt „footprints of his one unsleeping, ever-pacing thought.“
Ahab: „I’d strike the sun if it insulted me.“ Mehr Ahab: „Is, then, the crown to heavy that I wear?“ Noch mehr Ahab: „Damned in the midst of paradise!“

Lian Hearn: Das Schwert in der Stille (Der Clan der Otori 1)

JapanTomasu wächst als „Verborgener“ in der Provinz auf, bis Iida vom Tohan Clan sein Dorf attackiert und alle, die Tomasu kannte, für ihren Glauben ermordet werden. Als einziger Überlebender flüchtet Tomasu, verfolgt von den Tohan. Otori Shigeru, ein reisender Adliger, rettet ihn und nimmt den Jungen unter dem Namen Takeo unter seine Fittiche. Doch so gelangt Takeo mitten in den Kampf zwischen den Clans.
Das Mädchen Kaede lebt jahrelang als Geisel am Hof der Noguchi auf. Durch unglückliche Ereignisse hat sie bald den Ruf, den Männern, die sie begehren, den Tod zu bringen. Sie soll keinen anderen als Shigeru heiraten, um das Bündnis zwischen Otori und Tohan und damit den Frieden zu besiegeln.

Das 54. Buch meines Fantasy-Projekts war eine angenehme Überraschung. Es handelt sich auch weniger um einen Fantasy-Roman als um einen mit Magie gewürzten historischen Roman für Jugendliche. Es entwickeln sich spannende politische Intrigen und Verwicklungen zwischen den unterschiedlichen Figuren, sodass es nie langweilig wird. Von japanischer Geschichte habe ich keinen Schimmer und ich glaube auch, es handelt sich hierbei eher um ein alternatives Japan. Allerdings gibt es schöne Details (wie Nachtigallenböden), die Namen sind realistische japanische Namen und die dargestellte Gesellschaft wäre so, wie ich das feudale Japan erwarten würde.

Von der Struktur her handelt es sich um eine klassische Heldenreise mit wenigen Überraschungen, inklusive der Ausbildung in Kultur- und Kampftechniken und dem Entdecken außergewöhnlicher Talente. Für mich war die Lektüre sozusagen ein Gemütlichkeitsfaktor: eine Prise Vertrautes. Was ich dagegen wirklich weniger schön fand, war ein mieser Fall von Instalove. Natürlich muss sich Takeo in das einzige Mädchen in seinem Alter verlieben, und sie sich in ihn. Und dass, obwohl sie sich gar nicht richtig kennen. Das ist total unnötig und nervig.
Kaedes Geschichte fand ich ebenfalls spannend; sie gibt eine prima Heldin ab. Leider steht ihre Reise immer ein wenig der Takeos nach, der die eindeutige Hauptfigur ist. Trotz einiger Mängel hatte ich viel Spaß beim Lesen. Sie halten mich natürlich nicht davon ab, die Reihe fortzusetzen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht!

Gaby Wood: Edison’s Eve

Gaby Wood Edison's Eve
„Die Suche nach mechanischem Leben“ heißt der Untertitel dieses Sachbuchs, in dem die Journalistin Gaby Wood einem sehr speziellen Thema nachgeht: Seit Jahrhunderten versuchen wir, mit den uns gegebenen Mitteln den Menschen nachzubauen, teils um uns selbst zu verstehen, teils um uns zu einem Erschaffer aufzuschwingen. In Edison’s Eve stellt die Autorin Automaten seit dem 18. Jahrhundert vor, die menschliche (und tierische) Fähigkeiten nachahmten und so ihre Zeitgenossen in Erstaunen versetzten.

 

Ich bin wirklich zwigespalten, was dieses Sachbuch angeht. Einerseits fasziniert mich das Thema sehr, sowohl die Automaten als auch die Philosophien dahinter. Andererseits hatte das Buch leider einige Schwächen.

In jedem Kapitel geht es um einen anderen Erfinder. Dabei wird relativ weit im biografischen Werdegang ausgeholt, aber den jeweiligen Automaten auch viel Raum gewährt. Die Verbindung von Erfindung und Philosophie ging mir oft nicht weit genug; oft bleibt es bei Andeutungen und einzelnen Sätzen. Ein weiteres grundsätzliches Problem mit der Darstellung in Buchform ist, dass die Funktionsweise der Erfindungen durch Beschreibungen verständlich gemacht werden muss. Selbst ein Schaubild wäre schwierig gewesen, da es ja um bewegliche Objekte geht. An der Stelle wünscht man sich fast einen Film.

Die Highlights

Schachautomat Türke RacknitzZwei Kapitel haben mir besonders gefallen: In einem geht es um einen der wohl bekanntesten Automaten, den Schachtürken.
Dieser stellte sich zwar nach einigen Jahrzehnten als Fälschung heraus, da er von einem Menschen im Inneren gelenkt wurde, aber seine unheimliche Fähigkeit, eine explizit menschliche Tätigkeit, das Schachspielen, nachzuahmen, hat viele Zeitgenossen zu Theorien angestachelt, wie das sein könne. Es bestand der kollektive Wunsch, dass es sich um einen echten Automaten handele, dass das Wunderding wie magisch Schachmeister und Könige besiegte. In dem Kapitel kam also auch der Wunsch nach dem Magischen, nach der unerklärlich zum Leben erweckten Mechanik, zum Ausdruck.

Le Voyage dans la luneDas andere Kapitel drehte sich um Georges Méliès, dem Erfinder des Films als narratives Medium. Zwar ist auch das schon Grenzterrain des Themas, aber auch hier geht es um das Erschaffen von Leben, nur eben auf der Leinwand. Natürlich hat Méliès (im Gegensatz zu den Brüdern Lumière) Film vor allem für das Magische, nicht Reale verwendet, aber viele seiner Tricks beziehen sich auf Möglichkeiten des menschlichen Körpers: In seinen Filmen verselbständigen sich Köpfe, Menschen verschwinden in einer Rauchwolke oder schrumpfen und Statuen erwachen zum Leben. Insofern war dieses Kapitel nachvollziehbar, aber vor allem als Méliès-Fan habe ich mich darüber gefreut.

Kein glorreiches Finale

Was mich andererseits wirklich etwas enttäuscht hat, ist das letzte Kapitel: Anstatt den logischen Schritt zu modernen Forschungen rund um künstliche Intelligenz zu gehen, macht Gaby Woods etwas komplett anderes und schwer nachvollziehbares: Das letzte Kapitel gilt den Dolls, einer Familie von Kleinwüchsigen, die in den USA durch Shows und Filmrollen (unter anderem in Freaks) zu Bekanntheit gelangten. Während die Objektifizierung von Zwergwüchsigen und ihre Fetischisierung als lebende Puppen noch am Rande zum Thema passt, war mir das Kapitel eher weit hergeholt und uninteressant im Kontext dieses Buches.

So bleiben die im Vorwort angesprochenen Visionen in Blade Runner und realeren modernen Beschäftigungen mit künstlichem Leben und künstlicher Intelligenz in diesem Buch leider unkommentiert.

Carol Rifka Brunt: Tell the Wolves I’m Home

Carol Rifka Brunt Tell the Wolves I'm Home Cover
Als Junes Onkel stirbt, verliert sie ihren einzigen wirklichen Freund. Nur in Gesellschaft des bekannten Malers konnte sie sie selbst sein. Ihre Schwester gibt sich unbeteiligt, sie hat die enge Beziehung zwischen June und Finn immer neidisch beäugt. Die Mutter hegt einen alten Groll gegen ihren toten Bruder, über den sie nicht sprechen kann, genausowenig wie über die mysteriöse Krankheit, an der er starb. Und dann ist da noch der fremde Mann, der für Finns Tod verantwortlich sein soll, als ungebetener Gast auf der Beerdigung auftaucht und heimlich Kontakt zu June aufzunehmen versucht …

 

Wahrscheinlich habe ich mich noch nie so sehr in einem Buchcharakter wiedergefunden wie in June Elbus. Dabei haben June und ich äußerlich nicht viel gemeinsam: In ihrem Alter war ich eher mager, ich war auch nicht in einen Verwandten verliebt oder bin in den Achtzigern aufgewachsen. Aber ich weiß, wie es ist, in den Wald zu gehen und sich vorzustellen, man sei in einer anderen Zeit. Ich kenne das Gefühl, sich wie ein Fremdling unter Menschen vorzukommen, schüchtern zu sein.

The worst thing is the stupid hopefulness. Every new party, every new bunch of people, and I start thinking that maybe this is my chance. That I’m going to be normal this time. A new leaf. A fresh start. But then I find myself at the party, thinking, Oh, yeah. This again.

Allein deshalb schon hat mir Carol Rifka Brunt mit ihrem Debütroman aus der Seele gesprochen. Es sind aber die Beziehungen zwischen den Figuren des Romans, die diesen so real und brillant machen. Niemand hier ist perfekt, sondern benimmt sich auch mal daneben. Dies könnte schnell „out of character“ wirken, aber im Gegenteil funktionieren die Charaktere so erst richtig gut als vollständige Persönlichkeiten.

Auch die Rivalitäten zwischen June und ihrer Schwester Greta fand ich sehr überzeugend, wenn auch meist auf traurige Art. Denn Greta gilt als das Wunderkind der Familie, auf dem die Erwartungen der Eltern lasten. So hält jede Schwester die andere für das Glückskind.

Die Panik rund um die noch eher unbekannte Krankheit AIDS und die unglaublichen Vorurteile, die daraus entstehen konnten, haben mich beim Lesen richtig wütend gemacht. Auch darin war der Roman sehr überzeugend, so hatte ich mir diese Zeit vorgestellt: Ein bisschen Weltendstimmung und die daraus resultierende Suche nach Schuldigen, das alles zu dem Soundtrack von 99 Luftballons.

Ich bin also schwer begeistert von Tell the Wolves I’m Home und musste mich zurückhalten, es nicht direkt ein zweites Mal zu lesen. So steht der Roman mit Sicherheit auf der Liste meiner Lieblingsbücher 2017. Meine einzige Frage ist: Warum gibt es von diesem wunderbaren Buch keine deutsche Übersetzung?!

Ghost World: Comic (und ein bisschen Film)

Ghost World CoverIch mag den Film Ghost World aus dem Jahr 2001 sehr. Er gehört zu den Filmen, aus denen ich bei jedem Anschauen etwas anderes gewinne, obwohl er keine große Kunst, sondern vor allem gute Unterhaltung ist. Der Film war der Grund, warum ich auch dem Comic von Daniel Clowes eine Chance geben wollte. Im Allgemeinen bin ich kein großer Leser von Comics, sie können mich nicht so fesseln wie ein Roman oder schon eine Graphic Novel mit etwas mehr Text. Wahrscheinlich hat das meinen Eindruck des Buchs stark beeinflusst.

Es ist das Ende einer Ära für Hauptfiguren Enid und Rebecca: Nach der High School verbringen sie den Sommer in ihrer Heimatstadt und wissen noch nicht, was aus dem Rest ihres Lebens werden soll. Mit der Zeit wird immer deutlicher, wie unähnlich sich die beiden ihr Leben vorstellen. Dennoch versuchen sie, einfach so weiterzumachen wie bisher und können sich nicht recht an den Gedanken des Erwachsenseins gewöhnen.

Leider sind sie ziemliche Zicken, die auf allem und jedem herumhacken, Menschen, die es schlechter haben als sie, verarschen und nichts in ihrem Leben so richtig zu schätzen wissen. Klar hat man als Teenie auch eine Die-Welt-ist-scheiße-Phase, aber eine Figur nur darauf zu reduzieren ist nicht mehr realistisch. (Außerdem ist das sehr anstrengend zu lesen!)

Die Entwicklung der Figuren, die ich aus dem Film kannte, kam hier sehr ruckartig und viel zu knapp. Wenn Geschichten in verschiedenen Formaten erzählt werden, finde ich es immer wieder faszinierend, welche Aspekte wie gewichtet werden und wie sich der Erzählton verändert und dem jeweiligen Medium anpasst. Ghost World als Film arbeitet mit ungewöhnlicher Musik und einer sehr bunten Farbpalette, was ich beides sehr mochte. Im Comic fehlt beides, leider ersatzlos. So ist es nicht verwunderlich, dass mir der Comic auch hier einfach zu flach erschien, auch wenn das nicht unbedingt Fehler des Comics war. Übrigens hat Daniel Clowes selbst das Drehbuch für die Filmadaption geschrieben.

Ghost World DetailZuletzt noch ein weiterer „Nachteil“: Die Zeichnungen sind sehr roh. Als jemand, der von Comics nicht so mitgerissen wird, lege ich vielleicht mehr Wert auf die Illustrationen, wer weiß. Ghost World hat viele hässliche Panels. Selbst Figuren, die von Enid oder Becca als schön bezeichnet werden, sehen für den Leser ungestalt aus. Die Hauptfiguren selbst sehen von Panel zu Panel unterschiedlich aus, mal übertrieben weiblich, mal vollkommen gewöhnlich. Ob das nun eine Aussage zu Äußerlichkeiten sein soll oder zu der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenendasein, für mich war auch dies ein Grund, dass mir persönlich Ghost World als Comic einfach nicht sehr gefallen hat.