Rhythmus aus Alkohol und Insomnia: High-Rise (J. G. Ballard, 1975)

The high-rise had a second life of is own.

J. G. Ballard High-Rise 1975

Unter den gesellschaftskritischen und dystopischen Romanen, die ich bisher in meinem Leben gelesen habe, steht dieser für sich. Denn Ballard, der im Englischen ganz wie Kafka sein eigenes Adjektiv hat (ballardian), geht diesen letzten schmerzhaften Schritt zum totalen Gewaltexzess und macht diesen zum Fokus seines kompakten Romans.

Zu Beginn verfolgt man Dr. Robert Laing, der auf den Rat seiner Schwester in ein Hochhaus-Wohnprojekt zieht. Dort wohnen die oberen Zehntausend einer wage bleibenden Außenwelt. Doch in dem Luxushochhaus herrscht von Anfang an eine aggressive Stimmung, die Bewohner leiden allesamt an Schlaflosigkeit, die sie mit Parties überbrücken. Neben Laing (25. Stock) gibt es auch Kapitel aus Sicht des Architekten Anthony Royal (Penthouse) sowie des Fernsehproduzenten Richard Wilder (2. Stock). Die Nachnamen sprechen bereits Bände.

Die unterschwellige Rivalität wird mit der Zeit immer krasser, es wird immer klarer, dass sich innerhalb des Gebäudes eine Kastengesellschaft im Kleinen gebildet hat. Die Bewohner kapseln sich immer mehr von der Außenwelt ab und konzentrieren sich auf ein neues Ziel: Im wahrsten Wortsinn aufzusteigen. Die oben wollen das natürlich vermeiden, man drangsaliert einander, es kommt zu Handgreiflichkeiten, man rottet sich zusammen.

Fittingly enough, the grafitti reflected the intelligence and education of these tenants. Despite their wit and imagination, these complex acrostics, palindromes and civilized obscenities aerosolled across the walls soon turned into a colourful but indecipherable mess …

Und je gemeiner und primitiver die Mieter werden, desto mehr kommt es zu Fehlfunktionen im Hochhaus – oder hat ein erster Stromausfall diese Revolution der Gewalt erst ausgelöst? Gebäude und Zivilisation versagen Seite an Seite.

Ballards Sprache ist ungemein dicht und bildhaft, er ist ein Meister des Vergleichs. Da wird schon mal eine Frau zu einem ‚überempfindlichen Seismographen‘, der auf kleinste Erschütterungen des Hochhauses reagiert. Ein perfektes Bild der Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, aufgerieben von den Tumulten um sie. Von Anfang an ist Ballard sehr anspielungsreich und eröffnet den Roman mit der finalen Szene: Dr. Laing sitzt auf seinem Balkon und grübelt über die letzten Monate nach. Über dem improvisierten Lagerfeuer röstet der Schäferhund des Architekten der Wohntürme.

Mit zunehmender Gewalt und Degeneration der Hygienestandards im High-Rise wurde das Lesen problematischer. Aber ich hing an den Seiten, las ob der Sprachgewalt einige Absätze doppelt und hatte einen Stift zum Annotieren immer im Anschlag. Nur eins ist mir wirklich sauer aufgestoßen: Das vorsintflutliche Frauenbild. Alles Trophy Wifes, die bei den ersten Anzeichen des Umbruchs das Gebäude verlassen wollen, sich aber den Wünschen Ihrer sie bereits vergessenden Ehemänner beugen. Es gibt außerdem eine dankenswerterweise nicht ausgeschmückte Vergewaltigung (looking at you, George R. R. Martin!).

So hält die Literaturwissenschaftlerin in mir das Buch mit verträumtem Blick ganz nah an ihr Herz, während mein feministisches Ich vor sich hin flucht. Aber eins ist klar: High-Rise war ein Erlebnis und ich freue mich jetzt schon darauf, das Buch irgendwann ein zweites Mal zu lesen und noch mehr Anspielungen und Meta-Ebenen zu finden.

Das Werk eines Lebens: Ursula Le Guins Erdsee

Erdsee Bücher Ursula Le Guin{Heute mal endlich mit einer weiteren Rezension, und dann noch gleich mit 6 Büchern aus dem 101 Fantasy Projekt. Wahrscheinlich nicht die beste Option, um wieder in den Flow zu kommen, aber bitte sehr. In Zukunft bin ich dann auch hoffentlich weniger krank und mehr hier aktiv 🙂 *Daumen drück*}

Erdsee gehört zu den großen Klassikern der Fantasy. Seit Jahren hatte ich bereits den etwas unhandlichen Sammelband des „Erdsee-Quartetts“, doch ich traute mich nicht so recht, es aufzuschlagen. Erdsee ist für deutlich jüngere Leser geschrieben und ich hatte die Befürchtung, schon zu alt zu sein, um es noch richtig genießen zu können. Viele enttäuschte Stimmen anderer Leser schienen das zu bestätigen. Als ich diesen März krank im Bett lag war die Zeit gekommen, das dicke, dicke Buch zu öffnen.

Die Welt ist hell und licht und schön, aber das ist nicht alles. Die Erde ist auch dunkel und schrecklich und grausam. (Die Gräber von Atuan)

Eine Sache muss man sich direkt zu Beginn klar machen: Die Reihe ist größtenteils lose verbunden, es gibt keine übergreifende Geschichte, nichts baut wirklich aufeinander auf. Und dann sind die Bücher in teilweise großen Zeitabständen voneinander entstanden. Aber gerade dieser lange Entstehungszeitraum hat mich gereizt. Die ersten 3 Bände erschienen zuerst 1968, 1970 und 1972. Doch viele Jahre später kam Ursula Le Guin zurück und verfasste weitere Werke der Erdsee, 1990 mit Tehanu und 2001 mit der Kurzgeschichtensammlung Tales from Earthsea und dem finalen Roman The Other Wind. Fast ihre ganze Schriftstellerkarriere verbrachte Le Guin mit Erdsee und ihre Entwicklung lässt sich an den Büchern ganz gut nachvollziehen. Sie sind mit unterschiedlichen Weltsichten geschrieben, mit unterschiedlich gesetzten Schwerpunkten.

Am Anfang war Der Magier der Erdsee, worin der Junge Ged an der Zaubererschule ausgebildet wird, sich überschätzt und eine Art Loch in die Welt reißt. Den Rest des Buches läuft er vor der Aufgabe, das wieder gut zu machen davon und stellt sich ihr zuletzt. So weit, so einfallsarm. Doch direkt darauf folgt mein persönlicher Lieblig, Die Gräber von Atuan. Das Buch öffnet auf einer unbekannten Insel und mit einer neuen Kultur, die Hauptfigur ein Mädchen, dass von seiner Familie entfremdet und zur Hohepriesterin ausgebildet wurde. Dieses hochmütige, engstirnige Wesen muss seine bereits wankende Weltsicht hinterfragen, als ein Fremder in ihr Leben eindringt.

Es ist, als habe Le Guin die reine Männerwelt, die sie selbst geschaffen hatte, revidieren wollen. In diesem, aber vor allem den späten Bänden führt sie viele mächtige und wichtige Frauenfiguren ein und konstruiert eine Entstehungsgeschichte des magischen Patriarchats der Erdsee (im vierten Band menstruiert sogar einer der Charaktere – ganz schön fortschrittlich für Fantasy!). Das war wirklich interessant, wenn auch aus einer analytischen Sicht und nicht so sehr wegen der Geschichte.

Doch was alte Frauen zu sagen haben, lohnt sich oft anzuhören. (Das ferne Ufer)

Es fiel mir wirklich schwer, mit Le Guins Erzählstil klarzukommen. Einerseits hatte ich immer das Gefühl, als wäre eine Trennwand zwischen mir und den Charakteren – in den früheren Bänden der Reihe gibt es kaum gesprochenen Dialog und man erfährt wenig über Denken und Fühlen der Figuren. Erst mit dem letzten Band Rückkehr nach Erdsee (The Other Wind) hatte ich halbwegs das Gefühl, die Figuren zu kennen. Aber die meisten davon kamen tatsächlich bereits in früheren Bänden vor, der Eindruck kann also auch dadurch entstanden sein. Zum zweiten waren alle Romane und Erzählungen extrem antiklimaktisch aufgebaut und endeten nach dem Finale immer sehr abrupt. Es wurde wenig erklärt und ich kam mir regelmäßig übertölpelt vor und musste zurückblättern, um noch mal nachzuforschen, was genau passiert war.

Le Guin hat einige wirklich schöne Gedanken und konkrete Ideen, an denen ich mich entlanghangeln konnte. Aber gleichzeitig konnte ich mit dem Gesamtkonzept Erdsee nicht so viel anfangen.

Neben dem Perspektivwechsel von Männern unter sich auf eine etwas vollständigere Gesellschaft ist mir sehr schnell aufgefallen, wie viel sich Erdsee mit Sterben und Tod auseinandersetzt. Die Menschen der Erdsee gehen nach dem Tod an einen Ort, der durch eine Steinmauer von der Welt der Lebenden abgetrennt ist. Dieser Ort wird wiederholt zum Zentrum von Le Guins Geschichten, was teilweise düsterer als erwartet für mich war. Die Toten erkennen einander nicht wieder, sondern verbringen ihre Zeit allein unter vielen. Düster, wie ich bereits sagte. Im vierten Band, Tehanu, treten zwei frühere Charaktere in fortgeschrittenem Alter in den Vordergrund. auch das ist sehr ungewöhnlich. In diesem Band, der mir auch sehr gut gefallen hat, geht es viel um das „normale Leben“ abseits von Magierschulen und Weltpolitik. Es geht um Familie, das Älterwerden und das Leben in einer ländlichen Gemeinde. Gerade diese Abstecher haben mir gefallen, was mir noch einmal  bestätigt, dass ich mit Erdsee bereits Jahre zu spät angefangen habe zu lesen.

Zuletzt möchte ich noch etwas über den Kurzgeschichtenband Das Vermächtnis der Erdsee (Tales from Earthsea) sagen: Er beginnt mit dem Kurzroman Der Finder, der deutlich vor Geds Zeit spielt und von der Entstehung der Zauberschule Rok erzählt. Die restlichen Kurzgeschichten spielen zwar auf der Erdsee, enthalten aber keine großen Hinweise zu Zusammenhängen, sondern vertiefen meist Ideen, die schon andernorts angelegt sind. Falls sich jemand für die Ursprünge der in Der Magier von Erdsee gezeigten Magierwelt interessiert, ist dieser Band genau das richtige. Der Finder ist im Deutschen nicht separat erhältlich.

Wundertüte aus Fernost: Barry Hugharts Meister Li Romane

Ich lebe noch! Die Arbeit ist seit Jahresanfang sehr stressig und noch ist kein Ende in Sicht. Daher möchte ich mich mit einem kleinen Leseeindruck zurückmelden. Vor allem, weil ich die Reihe sowieso als Teil meines Fantasyprojekts unbedingt vorstellen wollte.

Barry Hughart Meister Li BücherMit dem ausgefuchsten Meister Li und seinem bärenstarken Adlatus Ochse hatte ich ein sehr ungewöhnliches Leseerlebnis. Von der Reihe hatte ich zum ersten Mal durch Goodreads erfahren, wo mich der erste Band „Die Brücke der Vögel“ ewig in den Empfehlungen verfolgte. Als dann Patrick Rothfuss die Bücher empfahl, schaute ich sie mir genauer an und es stand fest, dass ich sie lesen wollte.

In jedem der drei Bände geht es um einen Kriminalfall, der allerdings sehr schnell in die Gefilde des Märchenhaften und Magischen abdriftet. Da gehen Meister Li und Konsorten schon mal buchstäblich durch die Hölle, um einem Hinweis nachzugehen. Erzählt werden die Geschichten von dem großen aber nicht allzu schlauen Ochse, der aus ungeklärten Gründen immer wieder die Liebe seines Lebens findet und alsbald an die Intrigen des Falls verliert.

Ursprünglich begeistert hat mich der Untertitel „A Novel of an Ancient China that never was“, was allerdings mystischer klingt, als der Autor es erzählt. Zwar wimmelt es von chinesischen Legendenfiguren, aber der Erzählton ist meilenweit entfernt vom Letzten Einhorn, mit dem der Roman oft verglichen wird. Ochse ist ein lakonischer Erzähler, der sich nicht immer aller Zusammenhänge klar ist. So kann man als Leser auch ein wenig Detektivarbeit leisten und lange Erklärexkurse bleiben einem erspart. Ich würde die Bände an erster Stelle als Abenteuerromane kategorisieren: Die Figuren machen keine wirkliche Entwicklung durch, sondern stolpern von einem Chaos ins nächste. Daneben sind Begegnungen mit Vampiren absolut normal und es werden Morde aufgeklärt. Die Riehe ist die perfekte Lektüre, wenn man etwas leichtes schnell zu lesendes möchte.

Im ersten Band zieht Ochse aus seinem Heimatdorf los auf der Suche nach Hilfe: Denn daheim sind plötzlich alle Kinder eines bestimmten Alters in einen tiefen Schlaf gesunken. Nur ein Gelehrter kann da helfen. In der großen Stadt trifft er auf Li Kao, einen großen Gelehrten jenseits der Neunzig, der sich durch seine unorthodoxe Vorgehensweise in seiner Riege sowohl Ehre als auch Missgunst eingefangen hat. Gemeinsam suchen die beiden nach der Großen Wurzel der Macht, denn nur diese kann die Kinder von ihrer seltsamen Krankheit heilen. Zu diesem Zweck ziehen Meister Li und sein Klient durchs Land und verwirren sich immer tiefer in die Geschehnisse dieses alternativen alten China.

Es ist so viel los in diesen Büchern, dass sich einem schon mal der Kopf drehen kann. Am Ende kommt aber alles wunderbar zusammen. Auf großartige Frauenfiguren hofft man hier leider vergebens, was mein einziges Manko an der fantastischen Reihe ist. Jedes Buch ist übrigens auch für sich allein lesbar; es gibt zwar ab und zu mal eine kleine Referenz, aber genauso werden auch Vorkommnisse erwähnt, die in keinem der Romane erzählt werden.

Mir haben alle drei Romane sehr viel Spaß gemacht. Sie sind komplett anders als alles, was ich je gelesen habe, sind lustig, verfolgen komplexe Handlungen und führen einen in kulturell fremde Gefilde. Wäre super Material für eine (Mini-)Serie.

Cleverer Schmöker: The Prestige (Christopher Priest)

Christopher Priest Prestige BuchcoverThe Prestige von Christopher Priest erschien Mitte der Neunzigerjahre zuerst unter dem Titel Das Kabinett des Magiers. Seit der Verfilmung durch Christopher Nolan 2007 ist dieser Roman unter dem Filmtitel im Buchhandel. Ich kann mich erinnern, den Film damals mit großer Begeisterung gesehen zu haben, was den Wunsch in mir weckte, mir auch das Material des Films zu Gemüte zu führen. Was nun endlich getan habe.

Eines vorweg: An den Film konnte ich mich nur noch sehr grob erinnern, aber das Ende hatte sich mir eingebrannt. Mit großer Spannung bin ich an den Roman gegangen, weil ich wissen wollte, ob er genauso gut wäre, auch wenn ich das Ende kannte.

In The Prestige geht es, wie im Film, um die rivalisierenden Zauberer Alfred Borden und Robert Algier, doch die sonstigen Gemeinsamkeiten sind oberflächlich. Christopher Priest spinnt im Roman ein cleveres Vexierspiel: Mehrere Rahmen und Textsorten kommen vor, die sich gegenseitig bedingen und ergänzen, verschiedene Erzähler zeigen verschiedene Aspekte der Geschichte auf. Zu Beginn folgt man dem Journalisten Andrew Westley, der unterwegs zu einer geheimnisvollen Informantin ist. Er kommt zu der Autobiographie des viktorianischen Zauberers Borden, einer seiner Vorfahren. Doch es wird schnell klar, dass man Bordens Erzählung nicht trauen kann …
In den Folgeteilen der Geschichte liest man auch den Bericht seines Erzfeindes Algier und bekommt auch einige andere Perspektiven, die sich zu einer verschlungenen Multigenerationen-Geschichte verdichten.

Now you’re looking for the secret, but you won’t find it, because of course you’re not really looking. You don’t really want to know. You want to be fooled.

Mir hat der Roman ungemein gut gefallen. Es war ein richtiger Schmöker, den ich in kürzester Zeit durchgelesen hatte. Auch die Konstruktion in verschiedenen Selbstzeugnissen, den unzuverlässigen Erzählern und den sich gegenseitig bedingenden Geheimnissen und Verwicklungen bis hin zum düsteren Ende waren clever und haben mich an die Seiten gefesselt. Am liebsten hätte ich gleich wieder von vorne angefangen mit dem Lesen, um diesmal die Andeutungen direkt sehen zu können. Denn während die Erzähler von ihren Zaubertricks und dem typischen Ablauf einer Illusion erzählen (ähnlich wie im Film), statuiert der Autor mit seinem Roman ein illusorisches Exempel am Leser. Mir war beim Lesen bewusst, dass ich in gewisser Weise an der Nase herumgeführt werde, aber ich konnte nicht anders als den Worten in ihren Irrgarten zu folgen bis hin zum letzten Part, der folgerichtig nach dem finalen Akt eines Zauberakts benannt ist.

{Im Gegensatz zum Film fand ich auch die Darstellung von Nikola Tesla sehr überzeugend. Im Film spielt David Bowie (kaum wieder zu erkennen mit braunem Haar und Schnorres) den Erfinder als ernsten Edelmann, der mystisch-tiefgründig durchs Leben schreitet und Tiefschläge kommentarlos wegsteckt. Der Roman zeigt ihn chaotisch aber genial, obsessiv und unangepasst. Dass er sich gegen den öffentlichkeitswirksamen Edison nur mit an Zaubershows erinnernde Vorführungen durchsetzen konnte, wird hier zweckvoll eingesetzt.}

Ich lege den Roman auch denen ans Herz, die den Film bereits gesehen haben. Im Grunde habe ich mit meiner Reihenfolge (erst Film und Jahre später Buch) genau das richtige getan. Nachdem ich das letzte Drittel des Buchs in einem Zug und mit wachsender Begeisterung gelesen hatte, habe ich direkt im Anschluss noch einmal den Film angesehen. Und während er mir immer noch ganz gut gefällt, funktioniert Nolans Zaubertrick mit dem Buchwissen im Hintergrund nicht mehr. Das Buch dagegen konnte ich sehr gut auch mit der (verblassten) Erinnerung an den Film genießen. Dass ich mich an den Clou im Film erinnern konnte, hat mir eher noch eine extra Ebene der Illusion beschert, denn wie gesagt gibt es im Buch noch mehr zu entdecken. Beim zweiten Sichten des Films sind mir dafür die ganzen Hinweise aufgefallen, die Nolan vom Zuschauer unbemerkt fallen lässt.

Ein großes Lesevergnügen. Ich werde in der Zukunft sicher auf den Autor zurückkommen.

Richard Matheson: I am legend

I am legend Richard MathesonRichard Matheson war mir kein Begriff, als ich I am legend mit Will Smith vor sechs Jahren gesehen habe. Ich fand den Film angemessen gruselig und etwas abwägig, aber nicht schlecht. Jetzt habe ich die Vorlage von 1954 gelesen und verstehe, warum so viele Fans entsetzt von der Umsetzung waren.

Im Roman entfaltet sich immer mehr das Bild einer Epidemie, die Menschen zu Vampiren macht und die Toten wieder aus den Gräbern kommen lässt. Es sei denn, man treibt ihnen einen Pflock durch’s Herz. Robert Neville, ein vollkommen unheroischer Mann mittleren Alters, scheint als einziger immun zu sein und verteidigt sich über Monate gegen die Horden Untoter vor seiner Tür. Diese wiederum scheinen mit der Zeit immer gewitzter zu werden. Es sind weder die Vampire aus romatisierenden Gothic-Geschichten noch hirnlose, nach Hirn gelüstende Zombies. Sie sind … anders.

Nun geht es in dem kurzen Bändchen aber vor allem um Robert Nevilles Beobachtungen: Nach der ersten Phase der Depression und Leugnung versucht er bald, mehr über die Krankheit herauszufinden. Er eignet sich viel medizinisches und technisches Wissen an, um diese neue Welt um ihn herum zu begreifen und möglicherweise eine Heilung für die noch lebenden Vampire zu finden.

Damit bleibt der Roman viel realistischer und auch ruhiger, als ich erwartet hatte. Man kommt schrittweise dem Protagonisten und den Ereignissen im Vorfeld der Erzählung näher. Ich muss sagen, ich würde sehr gerne über den Schluss des Romans reden, den ich genial und angebracht finde und der eine so ungewohnte Sichtweise verkörpert. Schade, dass gerade hier der Film eine andere Geschichte erzählt: Eine total ausgelutschte, unglaubhafte und uninteressante Heldenstory. Die nebenbei den Titel von Mathesons Roman komplett umdeutet.

I am legend ist kein Gruselschocker, der einen nicht schlafen lässt. Das Buch war spannend, aber eben mehr als ein Pageturner. Über die medizinischen Gründe und den Ablauf der Krankheit hat sich der Autor scheinbar viele Gedanken gemacht und mir somit die Möglichkeit gegeben, mich voll auf den Roman einzulassen. Ich musste nicht immer an Löchern in der Logik vorbeimanövrieren. Und diese Glaubhaftigkeit zieht sich durch alle Ebenen des Buchs: Robert Neville als Protagonist und Überlebender wider Willen ist ein komplexer Charakter mit Fehlern, der sich auf den 162 Seiten wandelt. Und sowohl seine Entwicklung als auch die Geschehnisse im Buch bleiben nachvollziehbar. Aber eben nicht, weil der Autor auf ausgetrampelten Pfaden geht, sondern weil I am legend in seiner internen Logik schlüssig bleibt. Ein echtes Highlight des Horrorgenres.