Irischer März: Endstand

Irland lesen Banner
Nach 31 Tagen bin ich Irland schon deutlich näher gekommen. 4 Bücher und 3 Filme habe ich kennen gelernt oder mir noch mal vorgenommen. Leider bin ich in meinem Irischen März nicht zu all den Büchern und Filmen gekommen, die ich gerne ausprobiert hätte, daher habe ich am Ende dieses Beitrags eine kleine Wunschliste angehängt. Hier kann man noch meinen Zwischenstand lesen, in dem ich über Brooklyn, Dubliner und Die Melodie des Meeres berichte. Neu dazugekommen sind:

 

paul murray skippy diesPaul Murray: Skippy Dies

Mit diesem Buch bin ich nicht richtig warm geworden. Irgendwie konnte ich keine Verbindung zu auch nur einer der Figuren aufbauen. Dabei war die Geschichte selbst eigentlich nicht schlecht oder schlecht geschrieben. Sie dreht sich um mehrere Schüler und Lehrer eines altehrwürdigen Jungencollege in Dublin, ihre Probleme und Hoffnungen. Selbst die immer wieder auftauchenden Exkurse in die Astrophysik (eine Figur ist ziemlich nerdig), die mich auch begeistert, haben da nicht geholfen.

 

Ian Sansom: Bücher auf Rädern

ian sansom bücher auf rädernDiesen Roman habe ich zufällig in der minibib entdeckt und mitgenommen. Nicht, weil ich besonders viel von der Geschichte erwartet hätte, sondern weil ich ein Buch brauchte, das man schnell durchlesen kann. Kennt ihr das Gefühl? Ich war vorher an einigen dickeren Büchern verzweifelt und wollte ein Erfolgsgefühl. In Bücher auf Rädern wird ein englischer Bilbiothekar zum Detektiv wider Willen, nachdem alle Bücher seines neuen Jobs (eine kleine Gemeindebibliothek) verschwunden sind. Ich würde es niemandem empfehlen, denn es eignet sich weder als komische Lektüre noch als Detektivgeschichte. Aber schnell lesen konnte ich es doch und hat damit seinen Zweck erfüllt.

 

Philomena (2013)

Philomena DVDZu Judy Dench kann ich einfach nicht Nein sagen 🙂 Der Film behandelt eine wahre Geschichte, in der die katholische Kirche alles andere als christlich dasteht. Viele ledige Schwangere kamen im Irland der Fünfziger und Sechsziger in Klöstern unter. Ihre Kinder wurden ihnen aber weggenommen und verkauft, meist in die USA. Auch als viele Mütter später nach ihren verlorenen Kindern suchten, tat die Kirche alles, um ihre Schicksale zu vertuschen; den ebenfalls suchenden Kindern versuchte man ebenfalls, das Interesse an den Müttern auszutreiben. Eine von ihnen, Philomena Lee, macht sich mit der Hilfe eines verbitterten Journalisten auf die Suche nach ihrem Sohn Anthony.
Leider war sich der Film nicht sicher, wie viel Humor die Story vertragen würde, und das merkt man. Keiner der Witze war wirklich lustig. Mir wäre lieber gewesen, man hätte auf diese Versuche verzichtet, denn abgesehen davon war der Film nicht schlecht und die Geschichte hat mich echt wütend gemacht. Die Beziehung zwischen Philomena (Judy Dench) und dem Journalisten Martin Sixsmith (Steve Coogan) ist vielschichtig und beide Schauspieler verstehen es, das Interesse an den Figuren aufrecht zu erhalten.

 

James Joyce: Ulysses (Hörspielfassung, SWR 2012)

Nachdem ich Dubliner abgebrochen hatte, habe ich mir den Ulysses vorgenommen, den ich bereits gelesen hatte und auch diese Hörspielfassung kannte ich bereits. Sie wurde zuerst am Bloomsday 2012 in einem 24-stündigen Marathon im Radio ausgestrahlt. Es ist eine fulminante Umsetzung mit tollen Stimmen und wohl die bestmögliche Verkörperung des Joyce’schen Epos. Denn im Buch hat man es in jedem Kapitel mit anderen Erzählstilen und Motiven zu tun. Das Buch ist schon vollkommen schräg, und das Hörspiel ist es definitiv auch. Ohne Kenntnis des Buches hätte ich aber wohl Probleme mit dem Verständnis bekommen, denn zum Teil wird es schon arg experimentell. Andererseits ging es mir mit dem Buch damals auch so: ein WTF-Moment nach dem anderen.

 

Was bleibt: Eine irische Wunschliste

Zu einigen Filmen und Büchern bin ich in der kurzen Zeit noch nicht gekommen. So erweist sich Sing Street als Dauerbrenner in unserer Bibliothek und alle DVDs sind entliehen. Was sehr für den Film spricht, den ich im Kino leider verpasst habe. Darin geht es um eine Schülerband in Dublin, um das Erwachsenwerden. Ein anderer musikalischer Film ist The Commitments, den ich dank RoM doch noch sehen will (@RoM: The Matchmaker gibt es leider bei uns nicht 🙁 ).

An Utterly Impartial History of Britain hatte ich als potenzielle Lektüre ins Auge gefasst, da das Buch auf meinem SuB liegt und der Autor Ire ist. Ich habe es aber nicht eilig damit gehabt und mich eher auf irische Geschichten konzentriert und darum dieses auf Großbritannien fokussierte Sachbuch darum außer Acht gelassen.

Zuletzt möchte ich noch einmal The Secret of Kells ansehen, den ersten Film der Leute hinter Melodie des Meeres und einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Von dem ich hier noch gar nichts berichtet habe. Das muss ich auf jeden Fall ändern!

 

Honorable mentions

Es ist ja nicht so, dass ich vorher noch keine irischen Filme und Bücher gekannt hätte 🙂 Hier also eine handvoll Empfehlungen:

Filme

Albert Nobbs: Glenn Close in der Rolle ihres Lebens. Albert ist Butler in einer der ersten Adressen Dublins im 19. Jahrhundert. Doch Albert ist eigentlich eine Frau.

Once: Sehr traurig-schöne Independent-Produktion um einen Straßenmusiker und eine polnische Immigrantin, die füreinander geschaffen sind; doch sie hat einen Mann in der Heimat zurückgelassen.

The Wind that shakes the Barley: Achtung, nichts für Zartbesaitete! Ich habe beim Schauen einen Heulkrampf und echten Hass auf die Briten bekommen. Allerdings auch ein vielschichtiges Portrait des Irischen Unabhängigkeitskrieges; etwas Vergleichliches habe ich noch nicht gesehen.

Shadow Dancer: Um mal etwas Nordirisches zu nennen 🙂 Auch hier geht es um die IRA, auch dies ist ein finsterer Film. Es geht um eine junge Frau in den 1990ern, die zur Informantin des MI5 wird, um ihren Sohn zu schützen. Die Spirale aus Gewalt wird zur hoffnungslosen Pattsituation für alle Beteiligten.

Bücher

Das Gespenst von Canterville: Da Oscar Wildes Meisterwerk um den ewig jugendlichen Mr. Gray sowieso jedem irgendwie bekannt ist, empfehle ich die Erzählung um ein Gespenst, das eine amerikanische Familie einfach nicht zu erschrecken vermag. Erstaunlich lustig und herzerwärmend.

Raum: Noch so ein Buch, das wahrscheinlich eh schon jeder kennt. Falls nicht: Lesen! Emma Donoghues Kurzgeschichtensammlung „Kissing the Witch“ sieht auch interessant aus, ich bin aber selbst noch nicht dazu gekommen, und es gibt leider keine deutsche Übersetzung.

Dracula: Noch mal Basiswissen für Popkultur. Doch das Buch ist die Lektüre wert, denn es experimentiert mit verschiedenen Erzählmedien von Tagebuch bis Gedächtnisprotokoll und einige Szenen jagen auch heute noch Schauer über den Rücken.

Irischer März Zwischenstand

Irland lesen Banner
Der Monat ist schon wieder halb vorbei – Zeit für einen Zwischenstand zum Irischen März! In Vorbereitung für meinen kommenden Sommerurlaub und weil die Iren im März ihren Nationalheiligen Patrick feiern, beschäftige ich mich zurzeit mit den irischen Autoren auf meinem Regal. Weil ich ein bisschen kränkele und nicht so viel zum Lesen komme, habe ich das Projekt auf Filme ausgeweitet. Wieso habe ich nicht gleich daran gedacht! (Wer mitmachen will, ist weiterhin dazu eingeladen :))

Bisher habe ich in diesem Monat gesehen/gelesen:

Brooklyn (2015)

Eilis sucht ihr Glück in Amerika, doch ihr Herz ist noch in der Heimat. Schöner ruhiger Film von dem Schmerz, ins Exil zu gehen und nirgendwo mehr richtig daheim zu sein. Zeitweise dachte ich, der Film geht in eine ganz böse Richtung, dem war aber zum Glück nicht so. Das Buch von Colm Toíbín hab ich übrigens nicht gelesen; ich hatte schon mehrfach gehört, der Film sei besser, und die erstaunliche Saoirse Ronan lasse ich mir nicht entgehen. Der Film erwies sich auch unerwartet als tauglich für meinen Lieblingsadmin, der sich zu Beginn des Films zu mir setzte und am Ende selbst ein wenig erstaunt war, bis zum Schluss geblieben zu sein.

James Joyce: Dubliner

Dubliner ist eine Kurzgeschichtensammlung, in der es um Bewohner der irischen Hauptstadt geht. Weit bin ich mit diesem Buch nicht gekommen. Schon nach der ersten Geschichte war klar: Ich will lieber den Ulysses noch mal lesen. Denn die Pointe (sofern es eine gab) habe ich nicht begriffen. Von daher verbringe ich lieber noch mal Zeit mit meiner alten Hassliebe als mit neuen Geschichten von Joyce. Den Ulysses nehme ich mir für die zweite Monatshälfte vor, diesmal aber nicht in Buchform, sondern als Hörspiel. Mehr dazu nächstes Mal.

Irischer März: Brooklyn, Skippy dies, Song of the Sea

 

Die Melodie des Meeres (2014)

Von diesem Kinderzeichentrikfilm habe ich hier bereits geschwärmt. Inzwischen bin ich stolze Besitzerin der Blu-Ray-Ausgabe und habe den Film erneut gesehen. Es gibt wohl keine bessere Möglichkeit als die Filme Tomm Moores, um sich auf Irland einzustimmen. Irische Folklore trifft hier auf Zeichnungen, in die man einfach versinken will. Die Melodie des Meeres richtet sich dabei an ein junges Publikum; das Erstlingswerk Moores, Das Geheimnis von Kells, bleibt sicherlich mein Lieblingsfilm aus dem bisher nur diese beide Feature-Filme umfassenden Werk. Hoffentlich kommen noch viele Filme hinzu!

Paul Murray: Skippy dies

Mit diesem Buch bin ich leider noch nicht sehr weit gekommen. Viel passiert ist also noch nicht, aber es ist düsterer als ich erwartet hatte. Die Jungs in dem Buch nehmen Drogen und einer der Lehrer scheint in einer destruktiven Beziehung gefangen zu sein. Etwas deprimierend also, aber bisher erstaunlich fluffig zu lesen mit ironiegeladenen Dialogen.

 

Könnt ihr irische Autoren oder Filme empfehlen? Oder vielleicht etwas anderes, das mich auf Irland einstimmen könnte?

Ghost World: Comic (und ein bisschen Film)

Ghost World CoverIch mag den Film Ghost World aus dem Jahr 2001 sehr. Er gehört zu den Filmen, aus denen ich bei jedem Anschauen etwas anderes gewinne, obwohl er keine große Kunst, sondern vor allem gute Unterhaltung ist. Der Film war der Grund, warum ich auch dem Comic von Daniel Clowes eine Chance geben wollte. Im Allgemeinen bin ich kein großer Leser von Comics, sie können mich nicht so fesseln wie ein Roman oder schon eine Graphic Novel mit etwas mehr Text. Wahrscheinlich hat das meinen Eindruck des Buchs stark beeinflusst.

Es ist das Ende einer Ära für Hauptfiguren Enid und Rebecca: Nach der High School verbringen sie den Sommer in ihrer Heimatstadt und wissen noch nicht, was aus dem Rest ihres Lebens werden soll. Mit der Zeit wird immer deutlicher, wie unähnlich sich die beiden ihr Leben vorstellen. Dennoch versuchen sie, einfach so weiterzumachen wie bisher und können sich nicht recht an den Gedanken des Erwachsenseins gewöhnen.

Leider sind sie ziemliche Zicken, die auf allem und jedem herumhacken, Menschen, die es schlechter haben als sie, verarschen und nichts in ihrem Leben so richtig zu schätzen wissen. Klar hat man als Teenie auch eine Die-Welt-ist-scheiße-Phase, aber eine Figur nur darauf zu reduzieren ist nicht mehr realistisch. (Außerdem ist das sehr anstrengend zu lesen!)

Die Entwicklung der Figuren, die ich aus dem Film kannte, kam hier sehr ruckartig und viel zu knapp. Wenn Geschichten in verschiedenen Formaten erzählt werden, finde ich es immer wieder faszinierend, welche Aspekte wie gewichtet werden und wie sich der Erzählton verändert und dem jeweiligen Medium anpasst. Ghost World als Film arbeitet mit ungewöhnlicher Musik und einer sehr bunten Farbpalette, was ich beides sehr mochte. Im Comic fehlt beides, leider ersatzlos. So ist es nicht verwunderlich, dass mir der Comic auch hier einfach zu flach erschien, auch wenn das nicht unbedingt Fehler des Comics war. Übrigens hat Daniel Clowes selbst das Drehbuch für die Filmadaption geschrieben.

Ghost World DetailZuletzt noch ein weiterer „Nachteil“: Die Zeichnungen sind sehr roh. Als jemand, der von Comics nicht so mitgerissen wird, lege ich vielleicht mehr Wert auf die Illustrationen, wer weiß. Ghost World hat viele hässliche Panels. Selbst Figuren, die von Enid oder Becca als schön bezeichnet werden, sehen für den Leser ungestalt aus. Die Hauptfiguren selbst sehen von Panel zu Panel unterschiedlich aus, mal übertrieben weiblich, mal vollkommen gewöhnlich. Ob das nun eine Aussage zu Äußerlichkeiten sein soll oder zu der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenendasein, für mich war auch dies ein Grund, dass mir persönlich Ghost World als Comic einfach nicht sehr gefallen hat.

Die Melodie des Meeres (2014)

Die Melodie des MeeresDas von mir lange herbeigesehnte zweite Filmprojekt des Cartoon Saloon, Die Melodie des Meeres, konnte ich nun endlich im Kino ansehen. Nach dem visuellen und erzählerischen Meisterwerk The Secret of Kells von 2009 war klar, dass ich jeden weiteren Film aus dem Hause Tomm Moores sehen würde, und ich wurde nicht enttäuscht.

Ben und Saoirse leben mit ihrem Vater in einem Leuchtturm. Die Mutter, so glauben sie, ist vor langer Zeit ertrunken. Als die stumme Saoirse an ihrem sechsten Geburtstag aber das Selkiefell ihrer Mutter entdeckt, stürzen sie und ihr Bruder kopfüber in die Sagenwelt Irlands. Eine abenteuerliche Fahrt zwischen Walpurgisnacht und Allerheiligen beginnt, bei der nicht nur Saoirses Leben auf dem Spiel steht, sondern das aller Zauberwesen.

Die Melodie des Meeres bedient sich, wie schon Das Geheimnis von Kells, der reichen irischen Mythologie, was ein wundervoll magisches Umfeld schafft. Es gibt Riesen, Hexen in Eulengestalt, und Selkies, jene wunderschönen Frauen, die sich in Robben verwandeln (und so Matrosen in die Tiefe ziehen, was hier aber asgeblendet wird). Die umwerfenden Illustrationen lassen einen beinahe das Blinzeln vergessen; sie allein sind schon den Kinobesuch wert. Aber auch die Charaktere und Wesen sind wunderbar und überraschen in jeder Szene.

Erzählerisch bietet Die Melodie des Meeres mehr Action und weniger Tiefgang als der Vorgänger. Ich habe aber viele visuelle Anspielungen entdeckt, sodass ein zweites Anschauen sich schon deshalb lohnt. Der Zeichenstil, der sich ursprünglich an den Orginialillustrationen des Buches von Kells orientierte, bleibt uns nun als Trademark von Cartoon Saloon erhalten.

Die Melodie des MeeresDie Geschichte um den oft genervten Ben und seine stumme Schwester vereint Roadmovie, Queste, und Märchen. Viel von der irischen Landschaft wird gezeigt, wobei die Stadt als der Anderswelt am weitesten entrückte Gegend gezeichnet wird. Aber selbst dort treffen die Geschwister auf musizierende Fabelwesen (Faerie). Sowohl Ben als auch Saorise müssen sich beweisen und schwere Entscheidungen fällen, was mir sehr gut gefallen hat. Ben, der immer etwas neidisch auf Saoirse ist und stets eine Schwimmweste trägt, muss sich mit dem Wasser wieder anfreunden, um die kleine Schwester zu retten. Er trifft auf den haarigen Seanchaí (das bedeutet „Geschichtenerzähler“) und muss die Eulenhexe Macha besiegen, die aber ganz anders ist als erwartet. Saoirse muss sich vor dem Morgen ihr Selkiefell überziehen und die Melodie des Meeres spielen, sonst stirbt sie. Durch das Lied ermöglichst sie auch allen Faerie-Wesen, nach Tír na nÓg zurückzukehren.

An einigen Stellen wird der Film erstaunlich düster, was die Kinder im Publikum verstummen ließ. An die finsteren Wikinger, die in The Secret of Kells die Mönche angreifen, reichte die Stimmung allerdings nicht heran, alle bedrohlichen Szenen werden bald aufgelöst. Sonst wartet auch Die Melodie des Meeres mit Momenten der Komik und Trauer auf.

Tomm Moores dritter Film ist übrigens in Planung: Wolfwalkers (der Link führt zu Tomm Moores Tumblr, absolut sehenswert) soll er heißen. Für mich sind Cartoon Saloon schon jetzt die würdigen Nachfolger des legendären Studio Ghibli, das seit Mitte 2014 in einem Dornröschenschlaf auf unbekannte Zeit liegt.

Die Bildrechte liegen bei KSM Film.

Mary Poppins (Film, 1964)

Mary Poppins DVD Cover

Mary Poppins war mein erster Film, Mary und Bert waren immer da, mein Leben lang. Ist es da verwunderlich, dass ich London liebe und die Edwardianische Zeit? Diesen August wird der Film 51 Jahre alt. Aber dieser Klassiker ist zeitlos – größtenteils. Nur an die literarische Vorlage erinnert der Film nicht allzu sehr.


Wie soll man auch eine lose Aneinanderreihung episodischer Geschichten in einen Film umsetzen? So etwas geht eher in einer Miniserie; für den Film musste ein Erzählbogen her. Ob und inwiefern Travers‘ Vater dabei eine Rolle gspielt haben, wie Saving Mr. Banks suggeriert, kann hier offen bleiben. Fakt ist, dass der Film einen frei erfundenen Rahmen als Basis hat, in dem einige typische Disneymotive und einige der Originalideen von P. L. Travers Platz gefunden haben.

Bert, der im Buch nur in einem Kapitel vorkommt und meist nur „der Streichholzmann“ genannt wird (an Marys freiem Tag springen die beiden in ein Bild und essen Kuchen), ist hier das Bindeglied zwischen der Kinder- und der Erwachsenenwelt: Er kann keinesfalls zaubern wie Mary (er muss sie bitten, ihn und die Kinder in das Bild zu bringen, anders als der Streichholzbert im Buch), hat aber die Vorstellungskraft und den Humor ines Kindes. Mit acht fand ich Bert unwiderstehlich. Jemand, der die Welt so sehen kann wie Bert, gibt immer einen guten Spelgefährten ab.

Mary wird im Film von einer noch sehr theatralisch spielenden Julie Andrews gespielt. Man sieht in ihrer ersten Szene, der Ankunft im Bild, wie sie noch direkt in die Kamera blickt, als sei dort ein Publikum, dessen Reaktionen sie reizt. Es war ihre erste Filmrolle. Ich finde sie darin immer wieder bezaubernd. Wie im Buch ist Mary Poppins auch hier erst mal die Spaßbremse und pocht auf gutes Benehmen, findet sich aber schnell mit kuriosen Situationen ab. Die Teezeit an der Zimmerdecke hätte es sonst nicht gegeben.

Man begegnet im Film vielen Figuren des Buches: Mrs. Corry und ihren riesenhaften Töchtern, dem Hund Andrew und der Vogelfrau. Im Buch haben sie eigene Geschichten. Ich finde es schön, dass man ihnen so Respekt gezollt hat (und auch den Lesern, die so bekannte Figuren auf der Leinwand wiedergefunden haben). Dennoch ist die Geschichte natürlich komplett anders. Mrs. Banks wird zu einer Suffragette, was ich für den größten Fehler des Films halte. So was versteht doch kein Kind. Nicht mal ansatzweise. Alles, was mir schon früher klar war, war die Abwesenheit beider Eltern, die man durchaus auch im Buch wiederfindet.

Dass Mr. Banks so auf Materielles fixiert ist und seine Kindlichkeit erst wiederfinden muss, ist aber eine Erfindung Disneys. Allerdings eine schöne, wie ich finde, dies sich gut mit den anderen Teilen des Films verträgt: Phantasie, Albernsein, sich an kleinen Dingen freuen.

Bei diesem Ansehen sind mir zwei Dinge besonders klar geworden:

  • Disney hat tief in die Trickkiste gegriffen, sehr tief. Jeder zu der Zeit mögliche Leinwandzauber scheint im Film vorzukommen. Natürlich die Kombination von Animation und Realszene, aber auch Animatronics (elektrisch betriebene, bewegliche Modelle), bewegte Möbelstücke, ineinanderlaufen von Szenenbild und Zeichnungen (wie die Schiffselemente an Admiral Bumms Haus), schwebende Menschen (inklusive Salti), und und und.
  • Der Teil des Films, der mich schon immer am meisten fasziniert hat, ist der düsterste: Der Spaziergang auf den Dächern Londons und die großartige Tanzszene der Schornsteinfeger. Wer diese Choreographie geschrieben hat war ein Genie.

Ohne zu zögern würde ich Mary Poppins meinen (noch rein hypothetischen) Kindern zeigen. Mary ist nebenbei auch eine großartige Frauenfigur: Sie weiß was sie will und erlebt dabei die tollsten Dinge. Ich glaube, ich wollte immer so gewitzt und zielstrebig sein wie sie. Sie trug stets Röcke und war dabei trotzdem supercool.

Jules und Jim (Buch und Film)

Henri-Pierre Rochés Jules & Jim (1953)

Cover der Brigitte-Ausgabe von Jules und JimUnerwartet gut hat mir diese Geschichte um eine Männerfreundschaft und ihre Liebschaften gefallen. Denn es geht hier auch um die Liebe zum Leben selbst und um das Leben im Augenblick. Diese Überzeugung spricht aus jeder Zeile, das Buch ist sehr ungewöhnlich geschrieben. Zum Beispiel sitzen Jules und Jim in einem Café und Jules zeichnet mit Kreide das Gesicht eines hübschen Mädchens, das er kennt, auf den Tisch. Am Ende des Kapitels heißt es dann:

Jim wollte den Tisch kaufen, aber der Wirt war nicht bereit, ihn abzugeben, es sei denn, alle zwölf auf einmal.

Es ist eine Alltäglichkeit genauso wie eine Kuriosität. So ist das ganze Buch; die Figuren wurden mir sympathisch und erinnern auch ein wenig an eigene Erlebnisse. Gut, einen Cafétisch habe ich noch nicht zu kaufen versucht, aber ähnlich verrückte Sachen habe ich schon erlebt, vor allem mit meinen Freunden, und dieses Buch ist vor allem eines über Freundschaft. Die Figuren urteilen so wenig übereinander wie der Autor sie beurteilt. Denn Jules und Jim teilen neben der Liebe zum geschriebenen Wort vor allem ihre Liebhaberinnen ohne Neid. Und diese Damen sind Freigeister erster Güte, bei denen es schon leicht fällt, ein Urteil zu fällen. Aber das geschieht hier nie, sondern jede kleine Verrücktheit wird als so selbstverständlich wie unschuldig dargestellt.

Roché hat seine Freundschaft mit dem Schriftsteller Franz Hessel als Basis für die Geschichte genommen, und die Echtheit vieler eingestreuter Details schien mir klar, einfach weil sie innerhalb des Romans keinen Zweck zu erfüllen schienen, wie die Tischszene, die nie wieder erwähnt wird.

Ich kann sagen, das Buch hat mich durch seine ungewohnte Sprache und Betrachtungsweise sehr inspiriert. Sicher werde ich es immer wieder zur Hand nehmen, und wenn auch nur, um ein paar Lieblingssätze wiederzulesen.

François Truffauts Jules et Jim (1962)

Truffaut soll so begeistert von Rochés Roman gewesen sein, dass er den Text auswendig lernte. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber dass ihn die Geschichte von anhaltender Freundschaft und bedingungsloser Liebe faszinierte, zeigt auch seine Adaption mit Jeanne Moreau, Oskar Werner und Henri Serre.

Die Dreieckbeziehung, die im Buch erst nach einigen anderen Frauengeschichten in den Vordergrund rückt, bekommt im Film bereits nach 25 Minuten die volle Aufmerksamkeit, ich hatte ein wneig das Gefühl, dass hier „vorgespult“ wird. Ständig war eine Erzählstimme tätig, die erst nach Zusammenführung der Ménage-à-trois ein wenig Ruhe fand. Auch sonst wurden viele Details des Buchs zusammengestrichen und anders eingesetzt; im Grunde aber hat der Film das Gefühl des Romans gut übersetzt.

Truffauts Schwarzweißfilm verwendet dokumentarische Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg und historische Aufnahmen von Paris und arbeitet mit zwei verschiedenen Filmformaten {Ich bin stolz, das mal bemerkt zu haben; im Kino verpasse ich das immer, wie bei Life of Pi oder Grand Budapest Hotel.} sowie Standbildern.

Im Film ist deutlicher, dass die Stimmung nach dem Krieg ganz anders und befangener ist als die davor, wo alles voller Möglichkeiten steckt. Das Buch habe ich beim Lesen nicht so begriffen, vielleicht auch, weil darin noch so viele andere Dinge vor sich gehen.

Alles in allem ein künstlerisch und darstellerisch sehr sehenswerter Film, der kaum gealtert scheint. Dennoch gewinnt, wie so oft, das Buch. Wenn Truffaut es wirklich so sehr mochte, er wäre derselben Meinung.