The full awfullness of the sea. Moby-Dick Leselog 06

Moby-Dick Leselog

{Kapitel 54-70}

Ich dachte, ich teile an dieser Stelle mal meine Notizen zum Buch. Damit ich den Überblick behalte, mache ich mir nach jedem beendeten Kapitel eine kurze Notiz zum Inhalt desselben. Am Anfang des Buchs war das noch schwierig, weil Dinge passiert sind. Inzwischen … sehe ich das locker.

  • 54 ellenlange Story in der Moby-Dick einen Seemann verspeist
  • 55  alle falschen Darstellungen von Walen
  • 56 Darstellungen von Walen in Büchern
  • 57 noch mehr Waldarstellungen!
  • 58 die gefährliche See (Athmo!)
  • 59 nächtliches Treffen auf den Squid
  • 60 Exkurs Walfangleine
  • 61 Stubb fängt einen Wal
  • 62 Harpuniere sollten nicht rudern müssen
  • 63 Teil an dem die Harpune festgemacht sind
  • 64 Stubb will Walsteak; der unfähige Koch wird gescholten
  • 65 über das Essen von Walen und warum es nicht schlechter ist als andere Steaks
  • 66 nachts Walleiche vor Haien schützen
  • 67 Beginn der Verarbeitung des Wals
  • 68 Walhaut (groß! Und ekelig)
  • 69 Was vom Wale übrig blieb
  • 70 Ahab versucht, dem toten Wal sein Geheimnis zu entlocken (k.A. was)

Moby-Dick wird weiterhin als menschenfressender Wal dargestellt, sodass ein Sinn von Suspense entsteht, ohne dass es einen Kriminalfall dazu gäbe. Echt interessant, das. Dafür schieben sich immer wieder eher zähe Exkurse zu Einzelheiten an einem Walfängerschiff dazwischen oder Vorgehensweisen bei der Jagd. Die ganzen Details zur Verarbeitung des Wals waren für mich als Vegetarier wirklich abstoßend und ich habe nicht so genau aufgepasst wie sonst. Im Grunde wollte ich nur, dass das Thema endlich zu einem Ende kommt.

Sowohl Queequeg als auch Ahab tauchen nur am Rande auf und selbst der Erzähler Ishmael tritt meist in den Hintergrund, wenn er von dem Leben auf See berichtet. Das sorgt für zusätzliche Längen, denn meistens sind die Kapitel ohne Dialog. Eine schöne Ausnahme war die Unterhaltung zwischen Stubb und dem Koch. Stubb hat gerade einen Wal gefangen und verlangt nun (mitten in der Nacht) ein Stück davon als Steak. Dem Koch gelingt es nicht und Stubb gibt ihm auf seine humorvolle Art zu verstehen, dass er wohl kaum ein Koch sei, wenn das vor ihm ein Steak sein solle. Sein Rezept:

Hold the steak in one hand, and show a live coal to it with the other; that done, dish it; d’ye hear?

Am seltsamsten aber war das 54. Kapitel, „The Town-Ho’s Story“. Es ist eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte: Ursprünglich haben Walfänger der Town-Ho die Geschichte im Vertrauen an einen Harpunier der Pequod weitergegeben. Der hat aber im Schlaf geredet und musste dann später wach die Lücken füllen. Das Kapitel ist aber als Protokoll einer Unterhaltung zwischen Ishmael und Seemännern in Lima geschrieben, denen er die Story zwei Jahre nach seiner fatalen Reise erzählt.

Durch ein mysteriöses Leck muss die Town-Ho den nächsten Hafen aufsuchen. Durch viele, viele Wirren hinweg gibt es ein direktes Treffen auf Moby-Dick, der einen der Anteilseigner verschlingt. Ich weiß einfach nicht, was mir dieses Kapitel sagen will, denn jede Figur, die hier auftaucht, hat Dreck am Stecken. Der Wal als eine Art göttliche Rachefigur fällt also raus, weil jeder ein Täter ist, aber nur einer getötet wird. Puuh, da fällt mir einfach nix zu ein.

Random Quote

(über den abgetrennten Walkopf von Stubbs Fang): The head looks a sort of reproachfully at him, with an „Et tu Brute!“ expression.

Deweys 24 Hour Readathon April 2017

Dewey 24 hour readathon April 2017So … in wenigen Minuten geht es los! Ich habe schon meine Leseecke vorbereitet, den Bücherstapel und Snacks griffbereit und warte jetzt nur noch auf den „Gong“. Um 14 Uhr startet für mich der erste 24-Stunden-Lesemarathon meines Lebens 🙂

Ich werde im Verlauf des Lesemarathons hier und auf Twitter über meinen Stand berichten. Allen Teilnehmern wünsche ich viele schöne Lesestunden!

Samstag, 17 Uhr: Buch eins beendet!

Gerade bin ich mit Die Seltsamen von Stefan Bachmann fertig geworden. Mein Eindruck während dem Lesen hat sich bestätigt: Kein Lesehighlight für mich, aber ein paar schöne Ideen und Wendungen.

Zwischendurch habe ich auch etwas auf dem Balkon gesessen. Jetzt möchte ich, mit einem Hörbuch bewaffnet, einen kleinen Spaziergang machen, denn das Wetter ist doch noch schön geworden. Ich werde Further Chronicles of Avonlea von L.M. Montgomery hören. Die erste Geschichte habe ich gestern schon gehört und es ist wieder der typische Montgomery-Ton, den ich so gemütlich finde und auf den ich mich freue. Zwischendurch habe ich auch ein wenig in Han Kangs Die Vegetarierin gehört, ein wuchtiges Buch.

Übrigens kann ich im Moment zwei weitere Teilnehmer im deutschsprachigen Raum ausmachen: Natürlich Neyasha und dann noch Taaya.

Samstag, 20:30 Uhr

Deweys Readathon WetterIn der Zwischenzeit bin ich mit meinen Hörbüchern weitergekommen, die mir beide gut gefallen, und habe einen Comic über die jüdische Gemeinde in Rendsburg gelesen und beendet. Vor allem Montgomery’s Kurzgeschichten reißen mich gerade mit. Die bekannten Namen und wiederkehrenden Themen sind zwar nicht originell, aber es ist ein bisschen wie nach Hause kommen, weil ich alles schon so gut kenne, ohne exakt diese Geschichten bereits gelesen zu haben.

Als nächstes nehme ich mir doch mal Die Schule der Rätselmeister vor.

Samstag, 23:00 Uhr

Ich habe mich jetzt in mein Bett verkrochen und bin inzwischen fast halb fertig mit Die Schule der Rätselmeister. Beim zweiten Anlauf ist es doch viel unterhaltsamer, auch wenn der Einstieg mit all den Namen und Orten echt schwierig war. Ich werde noch ein wenig weiterlesen und mich dann aufs Ohr hauen. Daher melde ich mich erst wieder morgen früh. Gute Nacht!

Sonntag, 09:00 Uhr

Frühstück und Patricia McKillip!

Deweys readathon Frühstück

Sonntag, 12:00 Uhr

Ich bin gerade fertig geworden mit Die Schule der Rätselmeister und es hat mir wirklich gut gefallen! Nachdem ich den etwas schwierigen Anfang überwunden hatte und eigentlich nicht viel erwartete, entfaltete sich eine immer komplexer werdende Geschichte. Das Buch ließ sich nicht so schnell lesen, wie für einen Lesemarathon passend wäre, aber ich bin trotzdem froh, es jetzt und in einem Rutsch gelesen zu haben.

Als nächstes will ich Further Chronicles of Avonlea beenden, womit ich in der Zwischenzeit schon zu zwei Dritteln durch bin. Und dann lese ich entweder noch etwas in Rejected Princesses oder Moby-Dick oder ich fange doch noch mit Maus an – im Moment kann ich mich nicht entscheiden!

Sonntag, 14:00 Uhr

Und schon ist der Readathon zu Ende! Leider bin ich nicht mehr ganz fertig geworden mit Further Chronicles of Avonlea, mir bleiben noch an die 40 Minuten. Beim Hören habe ich das Wohnzimmer auf Vordermann gebracht und so noch etwas Nützliches geschafft 🙂

Während Dewey’s habe ich insgesamt gelesen:

Die Seltsamen (vor Dewey’s begonnen, beendet): 184 Seiten
Die Schule der Rätselmeister (beendet): 246 Seiten
Rendsberg Prinzessinstraße (beendet): 54 Seiten
Die Vegetarierin (vor Dewey’s begonnen): 21-58/108 = 1:48 h
Further Chronicles of Avonlea (vor Dewey’s begonnen): 3-26/30 = 5:35 h

Insgesamt 484 Seiten und 7 Stunden und 13 Minuten Hörbuch habe ich in dieser Zeit verschlungen. Ich war wohl etwas über 17 Stunden aktiv dabei.

Es hat mir viel Spaß gemacht, mich mal in aller Ruhe allein aufs Lesen zu konzentrieren. So kam ich auch zu Titeln, die ich ein wenig vor mir hergeschoben habe; siehe McKillip. Ich habe immer noch keine Ahnung,m wie es einige Teilnehmer schaffenm, 24 Stunden ohne Schlaf auszukommen und noch zu kapieren, was sie da lesen und werde es wohl nie selber probieren, aber ich bin hoffentlich beim nächsten Mal im Oktober wieder mit dabei 🙂

So, und jetzt höre ich noch mein Hörbuch zu Ende und wer weiß, vielleicht lese ich dann einfach auf dem Balkon weiter!

Is he mad? Anyway, there’s something on his mind. Moby-Dick Leselog 03

Moby-Dick Leselog

{Kapitel 14-29}

In diesem Abschnitt kommen Queequeg und Ishmael erst in einem Nantucketer Inn und dann auf ihrem Schicksalsschiff, der Pequod, unter. Während der Vorbereitungen zum Auslaufen zieht Weihnachten an den Schiffsleuten unbemerkt vorbei. Zuletzt, nachdem die Pequod schon einige Zeit auf dem Meer ist, lässt sich Kapitän Ahab endlich blicken.

Unheilsboten

Biblische Anleihen mehren sich, unter anderem taucht ein Seemann auf, der Ishmael und Queequeg verfolgt und praktisch über Ahab lästert. Aber natürlich nicht so, dass man irgendwas verstehen könnte, sondern schön praktisch in Andeutungen. Da ist es doch einfacher, sich auf die Bibel zu berufen, denn der Kerl heißt Elijah. Also der Prophet, der König Ahab einen göttlichen Shitstorm voraussagt, weil der (ich glaube durch die Hochzeit mit der Baal-Anbeterin Isebel) praktisch zum religiösen Nestbeschmutzer wurde. Alles sehr ominös also.

Die Wahl des Schiffs dagegen ist glasklar verständlich.

Es stehen drei Schiffe zur Wahl: die Pequod (Name eines ausgerotteten Indianerstammes), die Devil-Dam („Mutter des Teufels“) und die Titbit („Leckerbissen“). Man sieht deutlich, was Melville getan hat: Ishmael als gottesfürchtiger Mann kann die Debildam nicht besteigen, und einem Schiff, dass sich Leckerbissen nennt, sollte wohl niemand vertrauen. Er wählt sozusagen das geringste Übel.
Doch die Pequod gehört vielen Anteilhabern und hat neben Ahab, der sich nicht blicken lässt, zwei Kapitäne: Bildad und Peleg, der eine belesener Quäker, der andere mehr zupackend und gesprächig. Die beiden kümmern sich um die Angelegenheiten des Schiffes bis zum Auslauf, wenn Ahab das Kommando übernimmt. Ishmael lässt sich viel Zeit, die wichtigsten Personen der Mannschaft kurz zu umreißen. Die drei Maats (der finstere Starbuck, der lustige Stubb, der rachsüchtige Flask) und die Harpuniere (Queequeg, Tashtego, der edle Indianer, und Daggoo, ein wild wirkender Afrikaner). Die Stimmung an Deck vereint demnach viele Facetten zwischen wild und „zivilisiert“, zwischen Abenteuerlust und Rachsucht; von Ahab habe ich noch nicht viel gesehen, aber es ist fast,  als seien es alles abgespaltene Persönlichkeiten seiner selbst.

Ahab ist bislang wortkarg.

Sein Ersatzbein besteht aus Elfenbein (?), auf dem Schiffsdeck gibt es eine Kerbe im Boden, in der er das Ende dieses Beins festhaken kann, um an Deck standhaft zu bleiben. Eine weiße Narbe verläuft quer über seinen Körper, vom Scheitel zur Sohle scheinbar. Die Metaphorik hier ist klar, auch wenn aus heutiger Sicht nicht gerade die feine englische Art. (Eins meiner verhasstesten Klischees: Körperliche Anomalien als Audruck seelischer Anomalien. Na toll, aber mal sehen, wohin uns das hier führt.)

Kleines Schmankerl zum Schluss:

Auf der Pequod muss Queequeg die Stellvertreterkapitäne erst von seinem Können überzeugen (was ihm keine Mühe bereitet), bevor er einen Vertrag unterschreiben darf. Peleg erwartet nicht, dass Queequeg schreiben kann und sagt, er solle einfach sein Zeichen unter den Vertrag setzen. Ironischerweise kann er Queequegs Namen nicht aussprechen und nennt ihn Quohog (was eine Muschelart bezeichnet). Rozfrech (und vollkommen gerechtfertigt) unterzeichnet Queequeg mit „Quohog. his X mark.“ Loved it!

Lesemarathon für Fortgeschrittene: Dewey’s

Banner des Dewey 24 hour readathonSeit Jahren umschleiche ich den wohl härtesten Lesemarathon: Dewey’s 24-Stunden-Lesemarathon. Er findet zweimal jährlich statt und dauert, ihr habt es erfasst, 24 Stunden. Jetzt ist der Zeitpunkt günstig, den Schritt zu wagen, denn die nächste Runde findet von 29.-30. April statt. Mit anderen Worten: Man kann sich am ersten Mai von den Strapazen des Dauerlesens erholen.

Natürlich habe ich nicht vor, 24 Stunden ohne Pause zu lesen. Ich möchte die Zeit einfach bewusst mit Büchern verbringen, zwischendurch ein paar Blogs abklappern, twittern und dabei möglichst viel lesen. Essen und Schlafen sind absolut erwünscht, denn ohne werde ich ganz schnell zu einer äußerst unbequemen Person 😀

Der Plan

Der Start hängt von der Zeitzone ab, und für mich heißt das einen Startschuss um 14 Uhr. Perfekt, um vorher noch ein paar Snacks zu besorgen und alles vorzubereiten. Außerdem endet der Readathon so nicht während ich schlafe, sondern ich erlebe den Schluss live mit. Es gibt auch sogenannte Mini-Challenges; mal sehen, ob und inwiefern ich da mitmache.

Als Lektüre habe ich mehrere Bücher ins Auge gefasst:

  • Maus: Diese Graphic Novel wollte ich schon sehr lange lesen und habe sie jetzt endlich zur Hand. Keine leichte Lektüre, aber trotzdem guter Puffer zwischen dickeren Büchern.
  • Apropos dick: Moby-Dick. Natürlich will ich die Gelegenheit nutzen, mit Ishmaels Story weiter zu kommen.
  • Der Pfad im Schnee: Den zweiten Band der Otori-Reihe habe ich mir als Hörbuch ausgeliehen. Der perfekte Lückenfüller für einen Spaziergang oder als Begleitung beim Kochen.
  • Erdzauber: Drei kurze Fantasy-Bücher, die man schnell wegliest. So hoffe ich. Zumindest ein Band sollte drin sein.

Andere Möglichkeiten vom heimischen Bücherstapel (je nach Laune)

  • Versform: Die Edda
  • Kurzgeschichten: Roboter-Geschichten (Isaac Asimov)
  • Spannend: I am Legend, Piraten!
  • Hauptsache kurz: Schlafes Bruder, Im Land der letzten Dinge, Lieber Frühling komm doch bald
  • Kleine Häppchen: Rejected Princesses

… mh, ich brauche eher einen 72 Stunden-Lesemarathon 🙂

What could be more full of meaning? Moby-Dick Leselog 02

Moby-Dick LeselogIn der zweiten Runde mit Moby-Dick (Kapitel 4 bis 13) hat Ishmael Gelegenheit für viele Beobachtungen: Zu seinem Zimmergenossen Queequeg, den anderen Walfängern, der Stadt New Bedford. Er verbringt pflichtschuldig den Sonntagmorgen in der Kirche und freundet sich auch mit Queequeg an, der doch endlich auftaut und stehenden Fußes sein bester Freund wird. Gemeinsam machen die zwei sich auf zur Fähre nach Nantucket.

Walfang muss schon sehr spezielle Menschen anlocken, denn was Ishmael uns hier erzählt ist nicht von schlechten Eltern: Seine Kameraden im Inn benehmen sich wie gescholtene Schulbuben. Alle scheinen beim Frühstück peinlich berührt und schweigen sich an. „A curious sight; these bashful bears, these timid warrior whalemen!“ Den Grund dafür konnte ich mir nicht erklären, außer dass ich mich als Leser ja nur auf Ishmael und Queequeg konzentrieren soll.

Und was macht so eine ungesellige Sorte Mensch auf dem Weh in den fast sicheren Tod? Na klar, man geht in die Kirche. So also auch Ishmael (wenn auch jeder für sich). Und hier hat Melville einen kleinen Clou eingebaut: Die Kirche als Schiff, der Walfang als Kreuzzug. Und drückt einem die Metapher so sehr auf’s Auge, dass man den Druck beim Lesen spürt. Denn dieses Kirchenschiff ist echt maritim, mit Ex-Seemann auf einer Kanzel, die mehr Ähnlichkeit mit einem Krähennest hat und der in echt Seemännisch predigt: Mit vielem starboard gangways, midships und shipmates. Natürlich wird von Jonah und dem Wal berichtet. Das Hörbuch wird in diesem Kapitel übrigens ganz toll gelesen von Simon Callow.

Kommen wir lieber zu Queequeg. Ishmael ist bei jeder Gelegenheit sehr bemüht, ihn möglichst positiv darzustellen: wie manierlich er sich ankleidet, wie sehr sein Kopf dem von George Washington ähnelt (kein Witz!), wie er sich zwar fremdländisch, doch dabei äußerst pfleglich verhält. Kein Wunder, dass sich im Verlauf dieses Parts herausstellt, dass Queequeg ein Königssohn ist. Im jedem Sinne des Begriffs ein „edler Wilder“. Es ist schon verrückt, wie sich Melville abrackert, den guten Queequeg gleichzeitig so normal wie möglich zu machen und ihn gleichzeitig immer wieder als savage und cannibal abstempelt, mit angespitzten Zähnen und allem. Aber vielleicht war das für seine Zeit schon das Höchste der Gefühle.
Queequeg jedenfalls steht da als jemand zwischen den Stühlen, „neither caterpillar nor butterfly.“ Er hat seine Erziehung noch tief in sich, kennt aber auch die sozialen Regeln der Weißen recht gut.

Bei einem Gespräch und einer geteilten Pfeife werden Ishmael und Queequeg Freunde. Wie in beinahe allen Beschreibungen ihrer Beziehung fehlt auch hier nicht der Hint auf mehr: „henceforth we were married; meaning, in his country’s phrase, that we were bosom friends.“ Danach teilt Queequeg seine Habe und sein Schicksal mit Ishmael. Sein Verhalten wärmt Ishmaels Herz: „I felt a melting in me. No more my splintered heart and maddened hand were turned against the wolfish world. This soothing savage had redeemed it.“
Ishmael steckt voll solcher liebenswerter Sätze, wenn es um seinen Freund Queequeg geht.
Dabei ist es auch Ishmaels vergleichsweise offene Weltsicht, die diese Freundschaft möglich macht. Er schließt sich zum Beispiel auf Queequegs Bitte dessen Gebet an. Seine Zweifel, ob es okay sei, die Anbetung eines Idols zu unterstützen, schiebt Ishmael kurzerhand beiseite: „But what is the will of God? To do to my fellow man what I would have my fellow man to do to me—that is the will of God.“

Eine letzte schöne Beobachtung möchte ich noch mit euch teilen, bevor ich ins Bett falle: An verschiedenen Stellen wird sehr schön demonstriert, dass die Weißen, wenn sie sich als den einzig wahren Standard betrachten, damit vollkommen daneben liegen.
Queequeg berichtet, wie er anfangs Schubkarren getragen hätte, weil er sie nicht kannte. Als Ishmael ihn fragt, ob denn nicht die Leute ihn ausgelacht hätten, antwortet er mit einer peinlichen Geschichte: Ein weißer Kapitän sei zufällig bei der Hochzeit seiner Schwester anwesend gewesen. In seiner Heimat ist es üblich, eine Schale mit Kokosnussmilch herumzureichen, aus der jeder trinkt, doch zuerst taucht der Priester seine geweihten Hände hinein. Der Kapitän, der als erster aus der Schale trinken sollte, ahmte einfach den Priester nach und wusch sich die Hände in der so entweihten Milch wie selbstverständlich.

Melville spielt auch mit Vorurteilen und dreht die Perspektive einfach mal um. Queequeg kan noch nicht nach Hause kehren, weil er sieht, wie sehr die armen Christen leiden. „We cannibals must help these Christians.“ Auch legt er Queequeg vielsagende Worte in den Mund: Bei Ankunft auf der Fähre von New Bedford nach Nantucket will man Queequeg erst nicht an Board lassen; einer der Grünschnäbel fühlt sich durch ihn besonders bedroht. Als der Kapitän ihn darauf anspricht, sagt Queequeg: „Queequeg no kill-e so small-e fish-e; Queequeg kill-e big whale!“ Einfach und prägnant. Warum sollte er jetzt gewalttätig werden, außer weil man es von ihm als Wilden erwartet? Queequeg will doch nur Wale töten, so wie wohl die meisten auf der Fähre auch. Als er dann in einer halsbrecherischen Aktion einen Mann über Bord rettet, nimmt man ihn mit Kusshand auf der Fähre an.

Auch diese Passage hat sich als unterhaltsam und vielschichtig erwiesen. Das mit dem Sich-kurz-fassen schaffe ich hoffentlich in der nächsten Woche – jetzt habe ich keine Zeit mehr für Kürzungen, der Tag war lang und die Woche zu kurz. Ich hoffe ihr seht es mir nach!

Call me Ishmael. Moby-Dick Leselog 01

Moby-Dick LeselogDie ersten drei Kapitel konnte ich von Moby-Dick lesen. Übrigens höre ich mir dazu diese Lesung mit vielen bekannten Stimmen an und verfolge den Text gleichzeitig in dieser Ebook-Fassung.

Ishmael ist vor allem eins: Ein schillernder Erzähler. Da er die Erlebnisse aus dem Buch (vielleicht schon lange) hinter sich hat, wechselt der Erzählton zwischen grüblerisch und weltfremd, ausladend wie Dickens und überdreht karikaturistisch.

Dabei behauptet er gerne mal Unglaubliches: Er zitiert zum Beispiel einen Autor, „of whose works I possess the only copy extant“. Etwas seltsam ist das schon. Soll mich das vor der Zuverlässigkeit des Erzählers warnen? Oder zeigt es nur Ishmaels Weltmännischkeit und Bildung? Im Augenblick tendiere ich zu ersterem, allein weil es lustiger ist 🙂

Doch was passiert eigentlich? Ishmael erklärt im ersten Kapitel, warum er auf Walfang ging (in Kurzfassung: Um der Welt zu entgehen, weil ihn Wale als Monstrositäten des Meeres faszinieren und weil er die sportliche Betätigung des Walfangs zu schätzen weiß). Er macht sich also zu einer Zeit auf den Weg, in der ich kaum einen Fuß vor die Tür setze: Im Dezember. Soll das eine gute Zeit für Walfang und Seefahrt sein?! Brrr!

Vor Ort sucht er die billigste Absteige, die zu haben ist. Stellt sich heraus: Der „Spouter-Inn“ (Spouter bedeutet Springquelle oder Wasserspeier, ist aber anscheinend auch Walfängerslang für ein Walfangschiff) ist bis an die niedrige Decke vollgestopft mit Walanspielungen, inklusive einem kaum erkennbaren Gemälde, das die Wirkung eines Rochschachtests nicht verfehlt, und einem Barkeeper, den alle Jonah nennen. Weil die Bar anscheinend auch „whale’s mouth“ genannt wird. Womit wir schon mitten in den biblischen Metaphern wären. Aber davon kommen später sicher noch genug.

Ishmael kommt mir besonders in diesem Kapitel sehr jung vor. Obwohl er beteuert, er sei nicht mehr grün hinter den Ohren, treibt der Inn Keeper seinen Schabernack mit ihm. Denn Ishmael bleibt nichts anderes übrig, als das Bett mit einem Harpunier zu teilen. Widerstrebend willigt er ein, ist aber vollkommen überfordert, als der farbige Queequeg, der erst jetzt von Besorgungen zurückkehrt, mitten in der Nacht zu ihm ins Bett steigt, ihn für einen Eindringling hält und etwas ungehalten reagiert. Zwischen Panikattacke (ein schwarzer Fremdling!) und Raison (Der andere ist auch nur ein Mensch) schwankend, macht sich der junge Seefahrer ganz schön lächerlich. Besonders schön fand ich, wie sein Auge über das Inventar des noch abwesenden Queequeg schweift und den Tomahawk nur kurz zur Kenntnis nimmt. Als er sich aber in direkter Konfrontation mit dem Fremden befindet, bekommt der Gegenstand plötzlich etwas Lebensbedrohliches: „He [Queequeg] might take a fancy to mine [Ishmaels Kopf] – heavens! look at that tomahawk!“ Genauso klingen die Gedanken einer Person, die gerade in Panik ausbricht und allen Humanismus hinter sich lässt.

Die Szene ruft zwei Themen im Buch hervor, die mich besonders interessieren: Zum Einen die Darstellung des Fremden (hier in Form eines farbigen Mannes fremder Sprache und Religion). Das zweite Thema ist die angebliche homoerotische Lesart, von der ich immer wieder höre. Es interessiert mich einfach, ob da was dran ist. Bisher kann ich auf jeden Fall viele Zweideutigkeiten erkennen, sobald es um Walfang geht. Zum Beispiel sagt der Inn Keeper zu Ishmael, er solle sich schon mal daran gewöhnen, mit einem Mann das Bett zu teilen: „s’pose you are goin‘ a-whalin‘, so you’d better get used to that sort of thing.“ Okay, es wird also kuschelig an Board. Das wäre doch direkt eine ganz andere Story …

Den Einstieg habe ich also ganz gut überstanden. Mir gefällt, wie Ishmael jede Szene lebendig werden lässt (Details, Details, und kleine Exkurse). Außerdem ist er auch lustig. Und anspielungsreich. Über jede Seite könnte man wohl problemlos schreiben und diskutieren. Ich hoffe, ich kann mich in Zukunft kurz fassen, wenn direkt zehn oder so Kapitel in einen Post passen sollen. Bisher erweist sich Ishmael auch als sehr zitierfähig. Daher bleibt mir nur noch, ein vielversprechendes Zitat unseres Erzählers wiederzugeben:

But no more of this blubbering now, we are going a-whaling, and there is plenty of that yet to come.

Irischer März: Endstand

Irland lesen Banner
Nach 31 Tagen bin ich Irland schon deutlich näher gekommen. 4 Bücher und 3 Filme habe ich kennen gelernt oder mir noch mal vorgenommen. Leider bin ich in meinem Irischen März nicht zu all den Büchern und Filmen gekommen, die ich gerne ausprobiert hätte, daher habe ich am Ende dieses Beitrags eine kleine Wunschliste angehängt. Hier kann man noch meinen Zwischenstand lesen, in dem ich über Brooklyn, Dubliner und Die Melodie des Meeres berichte. Neu dazugekommen sind:

 

paul murray skippy diesPaul Murray: Skippy Dies

Mit diesem Buch bin ich nicht richtig warm geworden. Irgendwie konnte ich keine Verbindung zu auch nur einer der Figuren aufbauen. Dabei war die Geschichte selbst eigentlich nicht schlecht oder schlecht geschrieben. Sie dreht sich um mehrere Schüler und Lehrer eines altehrwürdigen Jungencollege in Dublin, ihre Probleme und Hoffnungen. Selbst die immer wieder auftauchenden Exkurse in die Astrophysik (eine Figur ist ziemlich nerdig), die mich auch begeistert, haben da nicht geholfen.

 

Ian Sansom: Bücher auf Rädern

ian sansom bücher auf rädernDiesen Roman habe ich zufällig in der minibib entdeckt und mitgenommen. Nicht, weil ich besonders viel von der Geschichte erwartet hätte, sondern weil ich ein Buch brauchte, das man schnell durchlesen kann. Kennt ihr das Gefühl? Ich war vorher an einigen dickeren Büchern verzweifelt und wollte ein Erfolgsgefühl. In Bücher auf Rädern wird ein englischer Bilbiothekar zum Detektiv wider Willen, nachdem alle Bücher seines neuen Jobs (eine kleine Gemeindebibliothek) verschwunden sind. Ich würde es niemandem empfehlen, denn es eignet sich weder als komische Lektüre noch als Detektivgeschichte. Aber schnell lesen konnte ich es doch und hat damit seinen Zweck erfüllt.

 

Philomena (2013)

Philomena DVDZu Judy Dench kann ich einfach nicht Nein sagen 🙂 Der Film behandelt eine wahre Geschichte, in der die katholische Kirche alles andere als christlich dasteht. Viele ledige Schwangere kamen im Irland der Fünfziger und Sechsziger in Klöstern unter. Ihre Kinder wurden ihnen aber weggenommen und verkauft, meist in die USA. Auch als viele Mütter später nach ihren verlorenen Kindern suchten, tat die Kirche alles, um ihre Schicksale zu vertuschen; den ebenfalls suchenden Kindern versuchte man ebenfalls, das Interesse an den Müttern auszutreiben. Eine von ihnen, Philomena Lee, macht sich mit der Hilfe eines verbitterten Journalisten auf die Suche nach ihrem Sohn Anthony.
Leider war sich der Film nicht sicher, wie viel Humor die Story vertragen würde, und das merkt man. Keiner der Witze war wirklich lustig. Mir wäre lieber gewesen, man hätte auf diese Versuche verzichtet, denn abgesehen davon war der Film nicht schlecht und die Geschichte hat mich echt wütend gemacht. Die Beziehung zwischen Philomena (Judy Dench) und dem Journalisten Martin Sixsmith (Steve Coogan) ist vielschichtig und beide Schauspieler verstehen es, das Interesse an den Figuren aufrecht zu erhalten.

 

James Joyce: Ulysses (Hörspielfassung, SWR 2012)

Nachdem ich Dubliner abgebrochen hatte, habe ich mir den Ulysses vorgenommen, den ich bereits gelesen hatte und auch diese Hörspielfassung kannte ich bereits. Sie wurde zuerst am Bloomsday 2012 in einem 24-stündigen Marathon im Radio ausgestrahlt. Es ist eine fulminante Umsetzung mit tollen Stimmen und wohl die bestmögliche Verkörperung des Joyce’schen Epos. Denn im Buch hat man es in jedem Kapitel mit anderen Erzählstilen und Motiven zu tun. Das Buch ist schon vollkommen schräg, und das Hörspiel ist es definitiv auch. Ohne Kenntnis des Buches hätte ich aber wohl Probleme mit dem Verständnis bekommen, denn zum Teil wird es schon arg experimentell. Andererseits ging es mir mit dem Buch damals auch so: ein WTF-Moment nach dem anderen.

 

Was bleibt: Eine irische Wunschliste

Zu einigen Filmen und Büchern bin ich in der kurzen Zeit noch nicht gekommen. So erweist sich Sing Street als Dauerbrenner in unserer Bibliothek und alle DVDs sind entliehen. Was sehr für den Film spricht, den ich im Kino leider verpasst habe. Darin geht es um eine Schülerband in Dublin, um das Erwachsenwerden. Ein anderer musikalischer Film ist The Commitments, den ich dank RoM doch noch sehen will (@RoM: The Matchmaker gibt es leider bei uns nicht 🙁 ).

An Utterly Impartial History of Britain hatte ich als potenzielle Lektüre ins Auge gefasst, da das Buch auf meinem SuB liegt und der Autor Ire ist. Ich habe es aber nicht eilig damit gehabt und mich eher auf irische Geschichten konzentriert und darum dieses auf Großbritannien fokussierte Sachbuch darum außer Acht gelassen.

Zuletzt möchte ich noch einmal The Secret of Kells ansehen, den ersten Film der Leute hinter Melodie des Meeres und einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Von dem ich hier noch gar nichts berichtet habe. Das muss ich auf jeden Fall ändern!

 

Honorable mentions

Es ist ja nicht so, dass ich vorher noch keine irischen Filme und Bücher gekannt hätte 🙂 Hier also eine handvoll Empfehlungen:

Filme

Albert Nobbs: Glenn Close in der Rolle ihres Lebens. Albert ist Butler in einer der ersten Adressen Dublins im 19. Jahrhundert. Doch Albert ist eigentlich eine Frau.

Once: Sehr traurig-schöne Independent-Produktion um einen Straßenmusiker und eine polnische Immigrantin, die füreinander geschaffen sind; doch sie hat einen Mann in der Heimat zurückgelassen.

The Wind that shakes the Barley: Achtung, nichts für Zartbesaitete! Ich habe beim Schauen einen Heulkrampf und echten Hass auf die Briten bekommen. Allerdings auch ein vielschichtiges Portrait des Irischen Unabhängigkeitskrieges; etwas Vergleichliches habe ich noch nicht gesehen.

Shadow Dancer: Um mal etwas Nordirisches zu nennen 🙂 Auch hier geht es um die IRA, auch dies ist ein finsterer Film. Es geht um eine junge Frau in den 1990ern, die zur Informantin des MI5 wird, um ihren Sohn zu schützen. Die Spirale aus Gewalt wird zur hoffnungslosen Pattsituation für alle Beteiligten.

Bücher

Das Gespenst von Canterville: Da Oscar Wildes Meisterwerk um den ewig jugendlichen Mr. Gray sowieso jedem irgendwie bekannt ist, empfehle ich die Erzählung um ein Gespenst, das eine amerikanische Familie einfach nicht zu erschrecken vermag. Erstaunlich lustig und herzerwärmend.

Raum: Noch so ein Buch, das wahrscheinlich eh schon jeder kennt. Falls nicht: Lesen! Emma Donoghues Kurzgeschichtensammlung „Kissing the Witch“ sieht auch interessant aus, ich bin aber selbst noch nicht dazu gekommen, und es gibt leider keine deutsche Übersetzung.

Dracula: Noch mal Basiswissen für Popkultur. Doch das Buch ist die Lektüre wert, denn es experimentiert mit verschiedenen Erzählmedien von Tagebuch bis Gedächtnisprotokoll und einige Szenen jagen auch heute noch Schauer über den Rücken.