Die Säulen der Erde von Ken Follett (Spoiler: Ich mochte es nicht sehr)

Je mehr ich über das Buch nachdenke, desto weniger mag ich es. Zwar war es weit entfernt von den schlechtesten Büchern, die ich je gelesen habe, aber da ich in der Schule mal einen Groschenroman lesen musste, liegt die Messlatte auch recht hoch. Da Follett so beliebt ist, hatte ich deutlich mehr erwartet. Vor allem der Schreibstil war in meinen Augen nur so là là: In den letzten 30 Minuten des Hörbuchs fiel mir ganze sieben Mal das Wort „Entourage“ auf – als gäbe es hierfür keine Synonyme!

Ich muss zugeben, ein bisschen bin ich auch an meinem Unglück mit dem Kingsbridge-Wälzer schuld: Ich war davon ausgegangen, dass sich die Geschichte vor allem um den Bau der Salisbury Cathedral drehen würde. Was nicht stimmte. Hätte man zwar drauf kommen können („Kingsbridge“ …) aber ich hatte nun mal diese Falschinformation in meinem Hirn gespeichert.

Salisbury Cathedral (eigenes Foto)

Schlimmer aber war, dass ich in der Annahme, es gehe um Sakralbau, enttäuscht wurde. Das war nämlich der eigentliche Grund, warum ich Die Säulen der Erde lesen wollte. Dass lange vor der Industrialisierung Menschen diese großen schönen Gebäude hochzogen, buchstäblich mit Blut und Schweiß bezahlt, beeindruckt mich. Aber Follett interessiert sich nur wenig für die Wissenschaft hinter den schönen Fenstern, der Kirchenbau verkommt zum MacGuffin der Story. Zwar bekommt man ein bisschen was vom Übergang der Romanik zur Gothik mit und ich habe jeden Informationsfitzel über Buntglasfenster und Rippenbögen aufgesogen, aber auf beinahe 1300 Seiten war der Anteil daran sehr schmal. Klar, dass ich enttäuscht war, hier deutlich mehr Beschreibungen von weiblichen als architektonischen Rundungen zu finden. Und bis die überhaupt erst mal mit dem Bau anfangen …!

Mit der Zeit sind mir dann immer mehr negative Dinge aufgefallen: Nicht mal George R. R. Martin könnte so viele Vergewaltigungsszenen in einem Buch unterbringen und jeder der männlichen Figuren scheint eine unangenehme Faszination für weibliche Brüste zu hegen. Und der Hauptbösewicht ist ja mal so was von übertrieben! Er ist natürlich endlos brutal und kann nur Sex haben, wenn die Frau Todesangst hat. Wie einseitig und vorhersehbar! Durch solche Charakterisierungen (die auch für den Verlauf des Romans nicht wesentliche Entwicklungen durchmachten) hatte das Buch einige Längen, weil man das Verhalten der Figuren schon im Voraus berechnen konnte. Ohne allzu viele unbekannte Variablen.

Eine weitere Kritik, die eher auf meine Vorlieben zurückzuführen ist: Mir war nicht klar, dass der Protagonist mitten im Buch einfach mal ausgetauscht wird. Irgendwann bekam ich so das Gefühl, in einem dieser Endloswitze gefangen zu sein, wo man ewig auf die Pointe wartet, die es aber eigentlich nie die Zeit wert ist. Das gepaart mit ellenlangen Beschreibungen von Kreuzrippenbögen und nicht gerade hochliterarischer Sprache hat mir den Spaß gründlich verdorben.

Viel schlechter kann ein Leseerlebnis wohl kaum sein. Und wenn ich statt dem Hörbuch das Taschenbuch gelesen hätte und das Buch nicht auch Teil einer Goodreads-Diskussion gewesen wäre, ich wäre wohl kaum durch den ganzen Wälzer gekommen.

2 Gedanken zu “Die Säulen der Erde von Ken Follett (Spoiler: Ich mochte es nicht sehr)

  1. Uiuiui, dein Urteil fällt ja wirklich recht vernichtend aus. Wobei ich mal anmerken möchte, dass man bei einem deiner Kritikpunkte – dem zum Schreibstil – zumindest noch prüfen müsste, ob der wirklich dem Autor oder ggf. der Übersetzung/dem dt. Lektorat angelastet werden muss. Für Inhalt und Aufbau sowie Figuren ist aber natürlich Follett selbst verantwortlich.

    Wie schon an anderer Stelle geschrieben, kenne ich den Roman nur in der gekürzten Hörfassung, die Joachim Kerzel liest. Die mochte ich recht gern. Allerdings könnte mir dieser Sprecher auch das Telefonbuch vorlesen, weil ich seine Stimme so angenehm finde, insofern bin ich dadurch vermutlich deutlich weniger objektiv, was deine inhaltlichen Kritikpunkte betrifft. Und ggf. wurden auch so manche der angesprochenen Längen in der Fassung, die ich kenne, weggekürzt.

    Was den stereotypen Hauptbösewicht und die vielen Vergewaltigungen im Buch angeht, habe ich das Gefühl, dass so was zu einer bestimmten Art historischem Roman aus dem Mittelalter dazugehört und von den Lesern vielleicht sogar erwartet wird. Ist mir jedenfalls auch in anderen derartigen Büchern fast identisch untergekommen (und dabei habe ich wirklich nicht besonders viel aus diesem Genre gelesen).

    Bin jedenfalls sehr gespannt, wie es mir mit der kompletten Fassung des Romans ergehen wird, wenn ich mir diese für mein Big-Read-Leseprojekt vornehme.

    1. Ich weiß ja, dass ich mit meiner Meinung da in der Minderheit bin 😉 Und die richtige Lesestimme macht einiges aus! Bei mir ist es Andreas Fröhlich, der mir gerne auch Zahlenreihen rezitieren könnte …

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