Camelot Leselog 04: „In Wirklichkeit aber heißt er Wood – Robin Wood.“

Wir kommen zu einem in sich abgeschlossenen Teil aus Das Schwert im Stein, in dem einige ungewöhnliche Charaktere auftreten. Und damit ist der erste Band auch schon zur Hälfte durch.

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Kapitel 10-12: Das passiert

Kays Abenteuer beginnt, nimmt seinen Lauf und wird erfolgreich beendet: Wart und Kay treffen den legendären Rebellen Robin Hood Wood. Gemeinsam mit den geächteten Sachsen stürmen sie Morgan Le Fays Schloss, um Bruder Tuck, den verrückten Watt und den Hundejungen zu befreien. Zuletzt besiegt Kay einen Greif, dessen Kopf nun seine Wand ziert.


Mischmasch aus Urmythen

Dieser Teil irritiert mich jedes Mal vollends. Nicht, weil Robin Hood und Maid Marian nicht zur Artuslegende zählen, sondern weil diese Episode scheinbar nichts mit dem Rest zu tun hat. Das ganze Abenteuer kann für sich selbst gelesen werden – White fügte es tatsächlich erst in der überarbeiteten Fassung in sein Buch. Hier mischen sich die Urmythen irisch-angelsächsischer Zivilisation zu einem großen Kuddelmuddel: Robin Hood und Arthur treffen auf Faerie und irische Dichtung.

Die Antagonistin ist Morgan Le Fay, auf deren Schloss die Gefangenen festgehalten werden:

Sie war eine fett-feiste schlampige Dame mittleren Alters mit schwarzen Haaren und der Andeutung eines Schnurrbarts.

Frederick Sandys: Morgan-le-Fay, Öl auf HolzNiemand genau weiß, wer oder was sie eigentlich ist. Wohl ein Seitenhieb auf die Literaturgeschichte, die Morgan schon in verschiedensten Auswüchsen dargestellt hat. Hier ist sie wahrscheinlich eine Feenkönigin, die auf Castle Chariot lebt. Dieser Ort wird schon in der Biblia Vulgata als Wohnort Morgans genannt. Wie in allen Fairy Tales ist es Besuchern strengstens verboten, dort etwas zu essen, denn bekanntermaßen können nur diejenigen das Feenreich wieder verlassen, die Speis und Trank entsagen.

White verbindet diesen Feenglauben mit einem irischen Gedicht, dass sicher zu den erfreulicheren Studienobjekten britischer Literaturgeschichte zählt: Für die Beschreibung von Castle Chariot zitiert White aus dem Aislinge Meic Con Glinne, einer zeitgenössischen Parodie auf die Textsorte des Aisling (der christlichen Vision). Das Schloss besteht komplett aus Essbarem. In dem Gedicht sieht ein Mönch dieses Schloss in einer Vision und erfährt, dass diese Vision die einzige Rettung für den von einem Schlemmerdämon besessenen König Cathal sei. Bevor es noch verwirrender wird, belasse ich es bei dem Link zum Wikipedia-Eintrag, wo man den Inhalt des Gedichts nachlesen kann.

Wart und Kay jedenfalls ziehen mit den Geächteten durchs Unterholz, um unbemerkt zum bestialisch stinkenden Schloss zu kommen. Der Witz besteht darin, dass sie nicht im Traum auf die Idee kämen, hier naschen zu wollen, wie es die Geschichten von verzauberten Feenspeisen und auch das Aisling nahelegen.

Hippiekriegerin Marian

Interessanterweise sieht man Robin die meiste Zeit über nicht; die Jungs werden Maid Marian zugeteilt und erleben eine Überraschung:

Außerdem war sie, im Gegensatz zu ihnen, soldatisch ausgebildet, mit allen Wassern gewaschen, von allen Hunden gehetzt: eine wahre Buschkämpferin – abgesehen von den langen Haaren. (Die meisten weiblichen Outlaws jener Zeit trugen sie kurz geschnitten.)

Louis Rhead: "Robin and Maid Marion". Public domain, via Wikimedia CommonsMaid Marian ist mit das Beste, was dieser Abschnitt zu bieten hat. Und ich sage das als absoluter Robin Hood Geek. Sie wird als potente Kämpferin beschrieben, die den Jungs das Schleichen und Bogenschießen beibringt. Sie führt die Sachsen gegen das Castle. Außerdem ist sie natürlich wunderschön und singt wie ein Engel; eine Superfrau eben, aber eine mit Biss.

Was mich an der ganzen Aventiure dagegen stört, ist wie viel Exposition das Ganze benötigt, um zu funktionieren: Die ganzen Feenreichregeln, die vielzähligen Ereignisse und die verschiedenen eingewobenen Sagengestalten lassen diesen Teil aus allen Nähten platzen. Allein die Herleitung, warum der Hundejunge und Konsorten ins Feenreich verschleppt wurden, ist hahnebüchen und zu kompliziert, um es hier zu wiederholen. Und das alles nur, damit Kay auch mal was erlebt. Eine Fundgrube an Referenzen, aber ein erzähltechnisch ein einziges Chaos.

Übrigens treffen wir hier die Krähe wieder, die Kays Pfeil in Kapitel 6 entführt hat: Er sitzt auf den Burgzinnen, den Pfeil noch immer im Schnabel. So als hätte White irgendwie versucht, den Anschein von Kontinuität herzustellen und diese Episode wie auch immer mit dem restlichen Buch zu verbinden.

Etwas zeigt dieses Abenteuer aber: Im Wald zu Pendragons Zeiten galten wirklich noch andere Regeln! Man weiß nicht, was einen erwartet, man weiß nur, dass es nicht den Regeln der Vernunft gehorcht, dass hier eigene Gesetze herrschen.

Antiklimax

Wenn ich Kay wäre, käme ich mir etwas veräppelt vor. Der Junge wollte sich beweisen, doch als er Morgan auffordert, die Gefangenen frei zu lassen, schmilzt einfach das ganze Castle inklusive Feenwächter hinweg und Hundejunge, Watt und Tuck sind frei.

Eine zweite Chance auf Ruhm bekommt er, als Morgan le Fay den Greif von der Leine lässt, der sie auf dem Rückweg angreift. Doch ohne großen Kampf trifft Kay ihn im Auge und das Biest stirbt. Klar, Kay hat das Monster erlegt, aber etwas mehr Drama wäre schon nett gewesen. Das Ende kam so plötzlich wie in einigen epischen Gedichten, die ellenlang über Moral philosophieren und die lästige Action in wenigen Versen abhandeln.


Randnotiz

Dank Hörbuch ist mir bisher nie aufgefallen, dass als eine Art Running Gag das Wort Ausbildung stets falsch geschrieben und gesprochen wird. Nämlich Auswildung (im Englischen eddication statt education). Man hört und liest halt nur, was man erwartet.

Ein Gedanke zu “Camelot Leselog 04: „In Wirklichkeit aber heißt er Wood – Robin Wood.“

  1. Dia dhuit, Lady Sam.
    Quasi das Äquivalent zum Bonus-Material der geschnittenen Szenen auf jeder gut sortierten DVD – der Griff in die Ablage…
    Möglicherweise auch dem eklatanten Mangel an Frauenfiguren geschuldet!?

    Vermutlich war Morgan Le Fay schon immer eine geduldige Projektion allerlei Männerphantasien & gehorteter Ängste. Der „Konterpart“ zur christlich geprägten „Veste Mann“ (für was sich Männer eben so hielten & halten).
    Hier tritt der Antagonistin Morgan immerhin eine toughe Kämpferin Marion entgegen.

    Möglichweise unterstreicht das (von Dir monierte) erzählerische Winden lediglich die Privilegien (oder Gedöns um) Kay, der all diesen Aufwand erfordert, um ihn auch einmal in strahlender Rüstung glänzen zu lassen.
    Der Mangel an Epik in seinen Plänkeleien wäre dann voller Spott/Ironie angelegt.

    bonté

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