Camelot Leselog 02: „Du wirst schon sehen, was es heißt, ein König zu sein.“

Und schon erleben wir Warts erste Lektion! Dass es so bald losgeht mit dem Unterricht hatte ich nicht in Erinnerung. Inzwischen habe ich auch schon bemerkt, das ich die Hälfte der Lektionen vergessen hatte. Aber ich muss ja auch nicht als einstiger und zukünftiger König England retten.

Banner Der König auf Camelot LeselogKapitel 4 bis 6: Das passiert

Merlin kommt auf Sir Ectors Burg an; Ector glaubt nicht an Zauberei, lässt Merlin aber als Warts und Kays Tutor bleiben.

Warts erster Unterricht besteht in einem Besuch beim König des Burggrabens: Er und Merlin nehmen Fischform an, erkunden die Burggewässer und treffen auf nervöse Plötzen und einen despotischen Hecht, dem sie mit knapper Not und etwas Magie entkommen.

Als Kay und Wart Bogenschießen, schnappt eine vorbeiziehende Krähe Kays Pfeil aus der Luft.

Die vielen Gesichter des Sir Kay

Bemerkenswert an Merlins Ankunft auf dem Castle of the Forst Sauvage finde ich weniger die Zaubertricks interessant, die Sir Ector als Scharlatanerei abtut, sondern Merlins Kommentar, als Kay sich mal wieder daneben benimmt:

»Kay«, sagte Merlin, plötzlich furchterregend, »du warst immer schon ein stolzer und hochmütiger Mensch mit böser Zunge – und vom Missgeschick verfolgt. Dein Unglück wird aus deinem eigenen Munde kommen.

Ein erstaunlicher Gefühlsausbruch, selbst für den temperamentvollen Zauberer. Sir Cei ist eine der ältesten Figuren rund um die Artuslegende, doch seine Rolle hat sich mit der Zeit verändert. Von Anfang an war er Arthurs Ziehbruder. Er wurde sogar von einer Amme gesäugt und Arthur von Ceis Mutter. Cei werden in den walisischen Sagen viele magische Gaben zugerechnet. Er taucht wiederholt als König Arthurs Statthalter auf. Die Hitzköpfigkeit ist ihm von Anfang an zu eigen. In der französischen Tradition wird er dann zum untalentierten Stänkerer, als den wir ihn hier auch sehen.

Doch White wirft selbst die Frage auf, welcher der Kays seine Figur ist. Als jeder von Merlins Aussage noch in Schockstarre verweilt, schaltet sich der Erzähler ein:

Eigentlich war er gar kein unangenehmer Mensch, nur flink, schlau, stolz, leidenschaftlich und ehrgeizig. Er gehörte zu denen, die weder Gefolgsmann noch Führer sind, nur mit heißem Herzen streben und dem Körper zürnen, der es gefangen hält.

Als Leser dieses Buchs erscheint mir dieser Kommentar allerdings vollkommen aus der Luft gegriffen, weil Kay sich bisher als engstirnig und herablassend gezeigt hat und auch nicht viel für Wart übrig zu haben scheint.

Neben Merlins Prophezeihung kommt es dann im sechsten Kapitel auch noch zu dem vielsagenden entführten Pfeil. Kay glaubt sofort, die räuberische Krähe müsse eine Hexe gewesen sein. Wir werden sehen, wie sich Kay in der Reihe weiter entwickelt und was es mit diesem bedrohlichen Omen auf sich hat.

„Ich wollt ich wär ein Fisch“

Es ist August und die Hitze ist kaum auszuhalten. Auf Warts Wunsch hin verwandelt Merlin sie beide in Fische. Die Beschreibung der Weltsicht aus Fischperspektive ist absolut faszinierend. Ich frage mich wirklich, wie White es geschafft hat, sich dermaßen in einen Fisch zu versetzen. Er beschreibt, wie ein Fisch die Welt sieht und wie der verwandelte Wart seine Beine, nun „eins mit dem Rückgrat geworden“, vollkommen neu zu bewegen lernen muss. Die Darstellung im Disney-Film ist darin übrigens wortgetreu. Diese Fähigkeit, sich völlig andere Perspektiven zu eigen zu machen, ist für die Ausbildung des zukünftigen Königs essenziell, aber White schafft es, diesen Aspekt auch realistisch wirken zu lassen. Bravo.

Herr Hecht, oder: Die Einsamkeit des Potentaten

Am Ende begegnet Wart dem Herrscher des Burgsees, einem unberechenbaren Raubfisch, vor dem die anderen Bewohner des Sees so sehr zittern, dass ihn viele nicht mal beim Namen nennen.

Hecht jagt Elritzen, Ilustration von Louis Rhead

Der Hecht steht an der Spitze einer unerbittlichen Hackordnung. Als Wart ein Hechtbaby sieht, heißt es: „Wenn es einmal erwachsen war, würde es ein Räuber sein.“ Das zeigt, dass aus jedem etwas Bedrohliches werden kann. White lässt Wart in dem Burggraben die verborgene Gefahr hinter der Gesellschaft und auch hinter allem Schönen — denn die Unterwasserwelt wird als ungemein schön beschrieben — erblicken.

Herr Hecht ist besessen von der Macht, die er in diesem winzigen Gewässer hat. Er ist buchstäblich ein großer Fisch in einem kleinen Teich. Er hält einen Monolog über das Wesen der Macht. Er ist davon überzeugt, dass sich Macht durch körperliche Stärke definiert und dass diese Macht durch Liebe und Verlangen bedroht wird. Und „Macht ist Recht“. Er spiegelt so die harte Realität der Nahrungskette seiner Welt wider.

Er war unbarmherzig, desillusioniert, logisch-berechnend, räuberisch, grimmig-wild und kannte keine Gnade. Doch sein großes Edelsteinauge war das eines tödlich getroffenen Rehs, geweitet, ängstlich, sensitiv und voller Trauer.

Doch hinter der mächtigen Fassade verbirgt der Hecht seine Angst und Einsamkeit. In einer durch körperliche Überlegenheit definierte Gesellschaft kann ein Herrscher sich nur allein behaupten, er muss seine Einsamkeit aufrecht erhalten, um seine Macht aufrecht zu erhalten. Der Hecht hat keine intellektuellen Fähigkeiten, die ihn zu einem guten König machen; er ist einfach an der Spitze der Nahrungskette. Darum herrscht er als Tyrann. Eine mächtige Lektion für den zukünftigen König Wart.

Ein Gedanke zu “Camelot Leselog 02: „Du wirst schon sehen, was es heißt, ein König zu sein.“

  1. Salvate, Sam.
    Man/frau könnte auch anfügen, daß Kay nichts weniger als ein verzogener Bengel ist, der sich auf dem Status seiner „hohen“ Geburt ausruht & sich in allem Weiteren für sakrosant halten darf. Der eingeredete Möchtegern – ein Wesenszug, der heute nicht weniger intensiv weiter gepeppelt wird (weil ma/frau schließlich besser sei als andere).
    Die Konstelation von Wart & Kay läßt sich vielleicht auch ein wenig in Twains „Der Prinz und der Bettelknabe“ wiederfinden.

    Der sprichwörtliche Teich-Hecht, dem seine Beschränkung auf einen Tümpel nicht bewußt sein kann – ein wohlgelungenes Bild über alle Illusion von Macht. Nicht zu vergessen, daß Hechti an den wenigen Tagen seiner Exitenz knabbert. Das Ganze im Großen sehen – interessanterweise sind all die Alpha-Führer dieser Welt nicht in der Lage den Witz vom Teich & dem eigenen Tod zu sehen. Zu zentral stricken sie alles um die Erhöhung des eigenen Egos.
    Vermutlich halte ich Nasen wie Friedrich, Karl oder Alexander deswegen für keineswegs groß.

    bonté

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