Das Werk eines Lebens: Ursula Le Guins Erdsee

Erdsee BĂŒcher Ursula Le Guin{Heute mal endlich mit einer weiteren Rezension, und dann noch gleich mit 6 BĂŒchern aus dem 101 Fantasy Projekt. Wahrscheinlich nicht die beste Option, um wieder in den Flow zu kommen, aber bitte sehr. In Zukunft bin ich dann auch hoffentlich weniger krank und mehr hier aktiv 🙂 *Daumen drĂŒck*}

Erdsee gehört zu den großen Klassikern der Fantasy. Seit Jahren hatte ich bereits den etwas unhandlichen Sammelband des „Erdsee-Quartetts“, doch ich traute mich nicht so recht, es aufzuschlagen. Erdsee ist fĂŒr deutlich jĂŒngere Leser geschrieben und ich hatte die BefĂŒrchtung, schon zu alt zu sein, um es noch richtig genießen zu können. Viele enttĂ€uschte Stimmen anderer Leser schienen das zu bestĂ€tigen. Als ich diesen MĂ€rz krank im Bett lag war die Zeit gekommen, das dicke, dicke Buch zu öffnen.

Die Welt ist hell und licht und schön, aber das ist nicht alles. Die Erde ist auch dunkel und schrecklich und grausam. (Die GrÀber von Atuan)

Eine Sache muss man sich direkt zu Beginn klar machen: Die Reihe ist grĂ¶ĂŸtenteils lose verbunden, es gibt keine ĂŒbergreifende Geschichte, nichts baut wirklich aufeinander auf. Und dann sind die BĂŒcher in teilweise großen ZeitabstĂ€nden voneinander entstanden. Aber gerade dieser lange Entstehungszeitraum hat mich gereizt. Die ersten 3 BĂ€nde erschienen zuerst 1968, 1970 und 1972. Doch viele Jahre spĂ€ter kam Ursula Le Guin zurĂŒck und verfasste weitere Werke der Erdsee, 1990 mit Tehanu und 2001 mit der Kurzgeschichtensammlung Tales from Earthsea und dem finalen Roman The Other Wind. Fast ihre ganze Schriftstellerkarriere verbrachte Le Guin mit Erdsee und ihre Entwicklung lĂ€sst sich an den BĂŒchern ganz gut nachvollziehen. Sie sind mit unterschiedlichen Weltsichten geschrieben, mit unterschiedlich gesetzten Schwerpunkten.

Am Anfang war Der Magier der Erdsee, worin der Junge Ged an der Zaubererschule ausgebildet wird, sich ĂŒberschĂ€tzt und eine Art Loch in die Welt reißt. Den Rest des Buches lĂ€uft er vor der Aufgabe, das wieder gut zu machen davon und stellt sich ihr zuletzt. So weit, so einfallsarm. Doch direkt darauf folgt mein persönlicher Lieblig, Die GrĂ€ber von Atuan. Das Buch öffnet auf einer unbekannten Insel und mit einer neuen Kultur, die Hauptfigur ein MĂ€dchen, dass von seiner Familie entfremdet und zur Hohepriesterin ausgebildet wurde. Dieses hochmĂŒtige, engstirnige Wesen muss seine bereits wankende Weltsicht hinterfragen, als ein Fremder in ihr Leben eindringt.

Es ist, als habe Le Guin die reine MĂ€nnerwelt, die sie selbst geschaffen hatte, revidieren wollen. In diesem, aber vor allem den spĂ€ten BĂ€nden fĂŒhrt sie viele mĂ€chtige und wichtige Frauenfiguren ein und konstruiert eine Entstehungsgeschichte des magischen Patriarchats der Erdsee (im vierten Band menstruiert sogar einer der Charaktere – ganz schön fortschrittlich fĂŒr Fantasy!). Das war wirklich interessant, wenn auch aus einer analytischen Sicht und nicht so sehr wegen der Geschichte.

Doch was alte Frauen zu sagen haben, lohnt sich oft anzuhören. (Das ferne Ufer)

Es fiel mir wirklich schwer, mit Le Guins ErzĂ€hlstil klarzukommen. Einerseits hatte ich immer das GefĂŒhl, als wĂ€re eine Trennwand zwischen mir und den Charakteren – in den frĂŒheren BĂ€nden der Reihe gibt es kaum gesprochenen Dialog und man erfĂ€hrt wenig ĂŒber Denken und FĂŒhlen der Figuren. Erst mit dem letzten Band RĂŒckkehr nach Erdsee (The Other Wind) hatte ich halbwegs das GefĂŒhl, die Figuren zu kennen. Aber die meisten davon kamen tatsĂ€chlich bereits in frĂŒheren BĂ€nden vor, der Eindruck kann also auch dadurch entstanden sein. Zum zweiten waren alle Romane und ErzĂ€hlungen extrem antiklimaktisch aufgebaut und endeten nach dem Finale immer sehr abrupt. Es wurde wenig erklĂ€rt und ich kam mir regelmĂ€ĂŸig ĂŒbertölpelt vor und musste zurĂŒckblĂ€ttern, um noch mal nachzuforschen, was genau passiert war.

Le Guin hat einige wirklich schöne Gedanken und konkrete Ideen, an denen ich mich entlanghangeln konnte. Aber gleichzeitig konnte ich mit dem Gesamtkonzept Erdsee nicht so viel anfangen.

Neben dem Perspektivwechsel von MĂ€nnern unter sich auf eine etwas vollstĂ€ndigere Gesellschaft ist mir sehr schnell aufgefallen, wie viel sich Erdsee mit Sterben und Tod auseinandersetzt. Die Menschen der Erdsee gehen nach dem Tod an einen Ort, der durch eine Steinmauer von der Welt der Lebenden abgetrennt ist. Dieser Ort wird wiederholt zum Zentrum von Le Guins Geschichten, was teilweise dĂŒsterer als erwartet fĂŒr mich war. Die Toten erkennen einander nicht wieder, sondern verbringen ihre Zeit allein unter vielen. DĂŒster, wie ich bereits sagte. Im vierten Band, Tehanu, treten zwei frĂŒhere Charaktere in fortgeschrittenem Alter in den Vordergrund. auch das ist sehr ungewöhnlich. In diesem Band, der mir auch sehr gut gefallen hat, geht es viel um das „normale Leben“ abseits von Magierschulen und Weltpolitik. Es geht um Familie, das Älterwerden und das Leben in einer lĂ€ndlichen Gemeinde. Gerade diese Abstecher haben mir gefallen, was mir noch einmal  bestĂ€tigt, dass ich mit Erdsee bereits Jahre zu spĂ€t angefangen habe zu lesen.

Zuletzt möchte ich noch etwas ĂŒber den Kurzgeschichtenband Das VermĂ€chtnis der Erdsee (Tales from Earthsea) sagen: Er beginnt mit dem Kurzroman Der Finder, der deutlich vor Geds Zeit spielt und von der Entstehung der Zauberschule Rok erzĂ€hlt. Die restlichen Kurzgeschichten spielen zwar auf der Erdsee, enthalten aber keine großen Hinweise zu ZusammenhĂ€ngen, sondern vertiefen meist Ideen, die schon andernorts angelegt sind. Falls sich jemand fĂŒr die UrsprĂŒnge der in Der Magier von Erdsee gezeigten Magierwelt interessiert, ist dieser Band genau das richtige. Der Finder ist im Deutschen nicht separat erhĂ€ltlich.

3 Gedanken zu “Das Werk eines Lebens: Ursula Le Guins Erdsee

  1. Ach, da werden Erinnerungen wach. Ich habe das „Erdsee-Quartett“, wie du es so treffend bezeichnest, in meiner Jugend gelesen und wirklich sehr gemocht. Deine Kritikpunkte sind mir so gar nicht im GedĂ€chtnis geblieben. Vielleicht werde ich die Reihe erneut lesen…
    Viele GrĂŒĂŸe
    A. Disia

  2. Aloha, Sam.
    Ich denke, bei „Erdsee“ ist der gewachsene Nimbus mehr ausschlaggebend fĂŒr die Bezeichnung als Fantasy-Klassiker. Ist man/frau in die Serie hineingewachsen verbinden sich andere Assoziationen damit, als wenn die Geschichten spĂ€ter & in einem Ruck gelesen werden. Eine Sache der Generation eben.

    Anmerkenswert erscheint mir, dass Le Guins SF-Ceuvre noch keine Adaption fand – Erdsee aber schon. Vermutbar, weil sich die Fantasy-Elemente leichter in die Standards einer biederen TV-Verfilmung verwursten ließ.
    Die futuristischen Gesellschaften der Autorin sind hier wohl zu heikel geraten fĂŒr.

    bonté

    1. Es gibt zwei Adaptionen von Die Geißel des Himmels, aber keine großen Produktionen. Aber lass mal ein bisschen abwarten. Wo jetzt der eintrĂ€gliche Nachruhm Le Guins einsetzt, kann sich das schnell Ă€ndern. Ich halte ihre Romane nicht fĂŒr unverfilmbar und könnte mir zum Beispiel super eine (Mini-)Serie basierend auf Die Enteigneten vorstellen, wo sich dann auch weitere Details des Hainish-Zyklus einbauen ließen.

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