Never Let Me Go von Kazuo Ishiguro

Kazuo Ishiguro habe ich ja nach einigen Fehlschlägen erst vor wenigen Jahren für mich entdeckt. In Remains of the Day (Was vom Tage übrig blieb) traf ich auf einen ausgereiften Protagonisten, der als Erzähler deutlich mehr zwischen den Zeilen zu sagen hatte. Never Let Me Go (Was wir geben mussten) ist da nur bedingt gleich.

Kazuo Ishiguro Never Let Me GoWir lernen die Erzählerin Kathy mit Anfang dreißig kennen. In einer Welt, die man sich als Leser erst Stück für Stück erschließen muss, erzählt sie von ihrer Kindheit in Hailsham, einer Art Eliteinternat. Oder mehr? Immer mehr seltsame Details fallen einem beim Lesen auf, doch bis man erfährt, was sich hinter Hailsham und Kathys Job als care-taker verbirgt, dauert es lange. Ich werde nichts darüber verraten.

Kathy war mir als Erzählerin sympathisch, aber ich habe sie die ganze Zeit verdächtigt. Sie war schließlich Pflegerin und damit zwangsläufig Mitwisserin in einem System, in dem irgendetwas nicht stimmt. Dadurch fand ich die ganze Erzählung etwas deprimierend und düster. Kathys Beziehungen zu ihren Mitschülern war aber sehr realistisch und hat mich irgendwie auch an meine eigene frühe Schulzeit erinnert: Man versucht sich in kleinen sinnlosen Wettstreits, es gibt geheime Orte und gruppenspezifische Trends. Nur, dass in Hailsham noch das Gefühl einer unbestimmten Überwachung hinzukommt. Das war eine interessante Mischung: Das Vertraute und das Misstrauen habe ich gleichzeitig beim Lesen empfunden.

Ich würde Never Let Me Go nicht als spannend bezeichnen. Ähnlich wie Remains of the Day liegt der Nervenkitzel in den ganz kleinen Dingen, in dem Umgang der Charaktere miteinander. Darin glänzt Ishiguro auch hier. Was mir bis zum Ende nicht ganz real vorkam, ist der Weltenbau, der sich langsam vor einem entfaltet. Vor allem der enge Blick auf die Welt, den Kathy bis zum Schluss beibehält, schien mir schwer glaubhaft. Natürlich passt es zu dem System, in dem sie lebt, dass die Schüler nicht gerade zu Wissbegier erzogen werden und vieles für gegeben annehmen. Trotzdem fand ich die Unwissenheit aller Schüler nicht ganz nachvollziehbar.

Ishiguro bleibt für mich weiterhin ein sehr interessanter Autor, der in jedem seiner Bücher scheinbar neue Genres ausprobiert und doch eine unverwechselbare Art des Erzählens hat. Früher oder später werde ich wieder eines seiner Bücher lesen.

3 Gedanken zu “Never Let Me Go von Kazuo Ishiguro

  1. Bore da, Sam.
    Ich denke, es ist die Intension per se der Story, ein düsteres, deprimierendes Bild einer Gesellschaft aufzubauen, die solche Dinge wie in Hailsham beschliesst, plant & durchführt. Im Grunde sind wir heute ethisch nicht sonderlich entfernt davon, besieht man/frau sich den illegalen Handel mit menschlichen Organen.
    Von daher schwebt der Realismus im Raum der Erzählung.
    Tatsächlich wünscht man/frau sich aber auch ein Aufbegehren der Figuren hinzu…

    ‚The Big Sick‘ steht ja nun für Ende November endlich an! 😁

    Und für den 15. Dezember habe ich mir bereits das passende T-Shirt besorgt.✨

    bonté

  2. Mit diesem engen Blick und dem Nicht-Hinterfragen hatte ich beim Film auch meine Probleme. Leider habe ich auch nicht mehr so viel Interesse, das Buch noch zu lesen. Bei mir ist jetzt von Ishiguro erst mal „The Remains of the Day“ eingezogen.

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