Hexen, Schriftstellerei und Geschichten vom Leben: Neues auf dem SuB III/2017

Es ist verrückt: Ich (ausschließlicher Sommer-Fan) bin dieses Jahr richtig in Herbststimmung! Ich liebe diesen Duft, wenn die tief stehende Sonne auf totes Laub fällt! Wahrscheinlich freue ich mich aber nur, diesem langen Elend namens „Sommer 2017“ zu entrinnen, hoffentlich in einen goldenen Herbst! Das schlechte Wetter hat mich zwar vor allzu großen Anschaffungen bewahrt, wie es scheint, aber ganz Buchkauf-abstinent war ich nun doch nicht. Werft doch mit mir einen Blick auf die Neulinge 🙂

Alice Hoffman Zauberhafte Schwestern & Gregory Maguirs Wicked
Bücher mit Hexen drin 🙂

Alice Hoffman: Im Hexenhaus (Zauberhafte Schwestern)

Seit ich weiß, dass Zauberhafte Schwestern auf einem Alice Hoffman Roman beruht, wollte ich mit diesem in ihr Werk eintauchen. Den Film habe ich als Kind gesehen und kann mich nicht detailliert daran erinnern, verbinde damit aber eine unterhaltsame Rom Com. Ich erwarte auch keine allzu großen Gemeinsamkeiten, bin aber auf die Vorlage gespannt und nach Hoffmans Ruf erwarte ich eine interessante Verwendung des Salem-Settings.

Gregory Maguire: Wicked

Hierzu habe ich ja bereits einige Worte in meinem letzten Update zum 101 Fantasy Projekt verloren. Ich bin gespannt auf die Umsetzung.

Maya Angelou I know why the Caged Bird Sings & Janet Mock Redefining Realness
Memoiren

Maya Angelou: I know why the caged bird sings

Diese Autobiographie wollte ich schon lange lesen, denn ich stolpere immer mal wieder online über das Buch, das auch mit ein paar genresprengenden magischen Elementen aufwarten soll. Da ich sowohl Biographien als auch magischen Realismus mag, interessiert mich der Titel.

Janet Mock: Redefining Realness

Ich glaube, von diesem Memoir habe ich auf BookTube erfahren (vielleicht bei Jean Bookishthoughts). Die Transfrau Janet Mock erzählt darin von ihrer Frauwerdung, für mich ein faszinierender Blickwinkel auf mein eigenes Geschlecht und damit verbundene Rollen.

Ray Bradbury Zen in the Art of Writing und Louise Doughty A Novel in a Year
Zwei Bücher über das Schreiben

Ray Bradbury: Zen in the Art of Writing

Ein Buch, das ich bereits seit Jahren in die Finger zu kriegen versuche! Es handelt sich um eine Sammlung verschiedener Texte Bradburys, die sich mit dem kreativen Prozess und der Textproduktion befassen. Ray Bradbury kenne ich natürlich als den Autor von Fahrenheit 451 und Something Wicked this Way Comes, aber er ist mir auch durch einige Vorträge und Interviews (YouTube und Radio, leider nicht in Person :)) als sympathischer Philanthrop erschienen.

Louise Doughty: A Novel in a Year

Eine echte Rarität auf meinem SuB, da ganz spontan mitgenommen. A Novel in a Year stellt Texte einer wöchentlichen literarischen Kolumne Doughtys zusammen. Zwei Aspekte sind mir erst nach dem Kauf aufgefallen: Der Name Louise Doughty kam mir so bekannt vor, weil ich vor Jahren ihre Familiensaga Die steinerne Wiege gelesen habe. Und dann gibt es nach jedem Eintrag scheinbar eine kleine Schreibübung; ich ahne ein Projekt voraus 🙂

John Logan und Kit de Waal
Bücher über Kindheit und Erwachsenwerden

Kit de Waal: My Name is Leon

Noch ein BookTube-Titel (zuerst auf Kathys Channel gesehen). Der junge Leon gerät in die Jugendamtmaschinerie, als seine Mutter nach der Geburt seines Halbbruders überfordert ist. Dabei hat er mit Vorurteilen und Rassismus zu kämpfen, denn Leon ist farbig.

 

John Logan: Peter and Alice

Ein Theaterstück, dass in meiner Traumbesetzung im Westend lief. Leider konnte ich es nicht ansehen, aber den Text kann ich wenigstens lesen. Die echte Alice im Wunderland, Alice Liddell, eröffnete 1932 eine Ausstellung über Lewis Carroll. An ihrer Seite stand der wahre Peter Pan, Peter Davies. In diesem Drama spinnt Logan eine Geschichte, was die beiden wohl einander zu sagen hatten.

 

Barry Hughart Die Insel der Mandarine alte AusgabeBarry Hughart: Die Insel der Mandarine (Meister Li #3)

Endlich habe ich mir den dritten Teil der Meister Li Romane in der alten deutschen Ausgabe geleistet. Die ersten beiden konnte ich in Tauschregalen finden und da ich sie bald lesen möchte, habe ich den dritten nun ausnahmsweise online bestellt.


Die meisten Titel (alle bis auf den ersten und die letzten zwei) habe ich übrigens während meines London-Urlaubs gekauft. Wer mal etwas Zeit in Brixton verbringt, dem lege ich den Secondhand Bookshop Book Mongers ans Herz. Sehr gut sortiert und einen verkuschelten Ladenhund gibt es auch noch. Und zwar habe ich dort nichts gekauft, aber als zusätzlicher Tipp darf der schwimmende Buchladen Word on the Water nicht unerwähnt bleiben!

Lieblingsmusik: Discovery von Daft Punk

In den letzten Wochen bin ich mal wieder zu einem meiner Lieblingsalben zurückgekehrt . Ich höre es bereits seit 16 Jahren, was es zu der Musik macht, die mich am längsten in meinem Leben begleitet, ohne dass ich müde davon geworden wäre.

Daft Punk Discovery BookletEs geht um Discovery von Daft Punk. Das Album erschien Anfang 2001, als ich gerade 13 Jahre alt war. Wahrscheinlich können sich noch viele an das Jahr erinnern, als sie ständig One More Time im Radio spielten. Es ging sogar mir irgendwann auf den Nerv. Doch in Daft Punk verbanden sich einige Mysterien, durch die ich damals als absolute Hasserin elekronischer Musik den Klängen der beiden Franzosen verfiel.

Denn die beiden Typen mit den Helmen hatten begonnen, sich als Maschinenmenschen zu stilisieren. Spannendes Konzept. Damals waren ja auch die zunächst gesichtlosen Gorillaz unterwegs. Was mir von damals in Erinnerung geblieben ist: Zu One More Time gab es lange kein Musikvideo, weil der in Japan animierte Film noch nicht fertig war. Also konnte man damals häufig ein Standbild auf MTV, Viva und Co. sehen, bevor das richtige Video rauskam.

Ob Absicht oder nicht, das baute Spannung auf. Das finale Video ist ein Anime mit offenem Ende. Schon als Kind liebte ich japanische Zeichentrickserien, auch die des Studios, das für One More Time verantwortlich zeichnet.

Doch was der Grund ist, warum ich euch mit einem uralten (wenn auch revolutionären) Musikalbum daherkomme: Eine Erklärung für meine nicht abreißende Faszination mit Discovery ist, dass es sich um eine gelungene Sound-Geschichte handelt. Bitte bedenkt, dass das Internet 2001 noch verhältnismäßig übersichtlich und dazu relativ unerforscht war. Daher erfuhr ich erst viel später, dass jeder Track auf Discovery ein Musikvideo hat, nicht nur die Singles. Wenn man alle in der Albumreihenfolge ansieht, ergibt sich daraus ein Spielfilm: Die Space-Oper Interstella 5555.

Ich war baff, als ich das rausfand. Denn für meine Freunde und mich war es vollkommen einleuchtend, dass hier eine zusammenhängende Geschichte erzählt wird. Discovery ist darum nicht nur eine großartige Samples großer und auch kitschige Disco-Musik (Discovery – very disco, kapiert?). Es erzählt auch eine abenteuerliche Geschichte von Ruhm, Liebe und natürlich Musik in einem intergalaktischen SciFi-Setting. Damit war meine Liebe zu diesem Album meiner Liebe zur Science Fiction um Jahre voraus.

Daft Punk Discovery CDWenn ich heute Discovery anhöre (meistens beim Arbeiten, da ich mich super konzentrieren kann bei diesen altbekannten Sounds, die meist ohne Gesang auskommen), dann spielt irgendwo im Hintergrund meiner Gedanken ein kleiner Film ab. Nicht exakt Interstella 5555, denn am Stück gesehen habe ich den nur einmal. Sondern meine eigene Version, die mit ihrer 16-jährigen Geschichte gewachsen ist. Vielleicht ist es inzwischen zu einem Perpetuum Mobile geworden, weil immer mehr hinzukommt an Erinnerungen und Entdeckungen, sodass mir mit Discovery vielleicht nie langweilig werden kann.

Gibt es ein Album, dass euch geprägt habt? Oder eins, das eine Geschichte erzählt?

Für die, die es interessiert: Eine aufschlussreiche Playlist mit allen bekannten und verfügbaren gesampleten Songs auf Discovery:

Jeannette Walls: Schloss aus Glas

Jeannette Walls: Schloss aus Glas

Wann hat euch ein Buch zuletzt so richtig fertig gemacht? Bei mir war es Jeannette Walls Autobiographie Schloss aus Glas. Walls ist in den USA als Gossip-Journalistin bekannt geworden; mir war sie nur als Autorin von Schloss aus Glas bekannt. Daher bin ich vollkommen unbelastet an ihre Geschichte herangegangen. Und wurde mitgerissen.

In Schloss aus Glas erzählt Jeannette Walls von ihrer ungewöhnlichen Kindheit. Die Eltern sind widersprüchliche Personen, deren hohe moralische und auch pädagogische Ansprüche und Träume nicht mit der unschönen Realität mithalten können. Bedingt durch finanzielle Nöte muss die Familie mit den drei Kindern ständig umziehen und lebte zum Teil in allergrößter Armut.

Das Buch eröffnet Walls mit einer den Ton definierenden Szene: Als Dreijährige verbrennt sie sich schwer, als sie alleine Hot Dogs kocht und ihr Kleid an der Herdflamme Feuer fängt. Zum Einen müssen wir lesen, wie der Vater sie frühzeitig aus dem Krankenhaus entführt; ein kleiner Vorgeschmack auf sein Weltbild. Zum Anderen erwähnt Walls mit keinem Wort die höllischen Schmerzen, die ihr dieser Unfall bereitet haben muss. Sie berichtet mit emotionaler Distanz von den Ereignissen, ohne sich zu sehr darauf einzulassen. Dieses Gefühl von fehlender Reflexion kam mir beim Lesen immer wieder. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es für Jeannette Walls die einzig mögliche Art war, ihre Geschichte zu erzählen.

Während der jahrelangen Odyssee durch trostlose Orte, Schulen und immer schäbigere Behausungen wurde meine Wut auf die Eltern, vor allem die Mutter, immer größer. Der Vater ist ein Zampano mit heftigem Alkoholproblem, doch die Mutter, die eigentlich hätte handeln müssen, flüchtet sich in eine Traumwelt der Kunst. Sie kann sich ihren Problemen nicht stellen, auch nicht zum Wohl ihrer Kinder. Das besonders Frustrierende daran ist vielleicht, dass beide Elternteile durchaus gute Absichten hatten und „nur“ an der Umsetzung so kläglich gescheitert sind.

Auch Begegnungen mit Lehrern und Zufallsbegegnungen haben in mir heftige Reaktionen hervorgerufen, nicht alle negativ. Walls ist eine brilliante Erzählerin, die spielerisch von einem ins andere Thema wechseln kann, immer zum richtigen Zeitpunkt. So flog ich nur so über die Zeilen. Ihr Lebensbericht war ein richtiger Pageturner für mich.

Besonders inspiriert und beeindruckt mich Jeannettes Umgang mit ihrer Vergangenheit und ihren Eltern, nachdem sie sich auf eigene Füße stellen konnte. Sie ist zu einer ehrgeizigen Person geworden, die aber gleichzeitig Liebe und Nähe zu ihren Eltern empfindet. Nach der Lektüre habe ich mir einige Interviews mit Walls angesehen und es ist eindeutig, dass sie hier nichts vortäuscht oder schön redet. Vor dieser Fähigkeit zu vergeben ziehe ich den Hut.

Ich lege dieses Buch allen uneingschränkt ans Herz. Es hat mich tief berührt und es ist erzählerisch hervorragend. Es zeigt ein zum Teil schockierendes Hinterland-Amerika, auf jeden Fall aber einen sicher ungewöhnlichen Blickwinkel. Dabei sollte man sich weder vom Cover noch dem Klappentext ablenken lassen: Beide finde ich nicht sehr gelungen. Ich selbst werde mir auf jeden Fall noch Ein ungezähmtes Leben von Jeannette Walls zu Gemüte führen, in dem sie die Lebensgeschichte ihrer Großmutter erzählt. Und ganz sicher auch Schloss aus Glas irgendwann wieder hervorholen.

Übrigens ist eine Adaption des Buches ab dem 21. September mit Brie Larson, Woody Harrelson und Naomi Watts in deutschen Kinos zu sehen.