Neil Gaiman: Niemalsland / Neverwhere

Neil Gaiman NeverwhereRichard Mayhews Leben ist ruhig und vorhersehbar: Er wird Jessica, seine anstrengende Verlobte, heiraten und bis zur Rente in seinem Bürojob festkleben. Doch das alles ändert sich, als er ein verletztes Mädchen namens Door von der Straße aufliest und in seine Wohnung bringt … Denn Door ist kein Mensch des überirdischen London. Richard ist nun selbst wider Willen Teil des London Below, der Stadt unter der Stadt, und für seine Mitmenschen unsichtbar, wie ausradiert.
Da ihm nichts anderes übrigbleibt, zieht er mit Door durch das unterirdische London. Nur zu dumm, dass es hier nur so vor Gefahren wimmelt – und Door auch noch von den gedungenen Mördern Mister Croup und Mister Vandemar verfolgt wird.

Gaimans erster allein verfasster Roman ist praktisch die Textfassung einer Miniserie, die er für die BBC geschrieben hatte. Leider habe ich diese bisher nicht sehen können, was ich noch gerne bei Gelegenheit nachholen möchte. Auch wenn der Autor sagt, das Buch sei entstanden, das er mit der Umsetzung seines Skripts nicht zufrieden gewesen sei.

Man merkt Neverwhere schon ein paar Schwächen an: Wozu dient der Prolog? Warum um Himmels willen ist Richard mit Jessica verlobt (und sie mit ihm)? Daneben macht die Geschichte ein paar opulente Schlenker und nutzt die verwendeten Ideen und Charaktere nicht vollständig. Ich hätte zum Beispiel gerne mehr über Hunter erfahren, oder über Doors Familie. Was ist mit Anaesthesia passiert? Woher kommen die Black Friars? Die meisten offenen Enden weiß ich aber zu schätzen. Ich mag es, wenn man einfach in eine fertige Welt geworfen wird und nicht alles erklärt wird. Außerdem hat Neil Gaiman erst vor Kurzem eine Fortsetzung angekündigt, sodass meine Fragen vielleicht doch noch beantwortet werden.

Vor allem wartet schon diese frühe Geschichte mit den typisch geschliffen schön formulierten Sätzen und Ideen auf, die erkennbar Gaimans sind. Wenn auch noch einen Ticken düsterer als spätere Werke, was mir sehr gefallen hat. Die Herren Croup und Vandemar sind einfach wunderbar fies und London Below sowohl gefährlich als auch magisch. Richard als Protagonist ist dagegen ein wenig blass geblieben. Da er aber wirklich zu großen Teilen das Opfer der Vorkommnisse ist, hat mich auch das nicht richtig gestört.

Das Buch habe ich teils in der englischen Fassung gelesen und teils der deutschen Hörbuchfassung gelauscht. Stefan Kaminski liest gerade die verschlagenen Mörder mit der ihm eigenen Hingebung, die das Hören einfach noch einmal besser machen als es selbst zu lesen. In Gaimans Geschichten konnte ich nie so ganz versinken, wie es für viele Leser der Fall zu sein scheint. Aber dieser Roman ist für mich die Ausnahme und mein neuer Liebling des Autors.

7 Gedanken zu “Neil Gaiman: Niemalsland / Neverwhere

  1. Ich werde mit Gaimans Werken ja nicht so ganz warm. Ich finde ihn als Mensch sympathisch (soweit ich das sagen kann, nach dem wenigen, was ich über ihn weiß) und die Ideen seiner Geschichten sprechen mich auch immer an, aber so recht packt es mich am Ende nicht. Was du aber über „Neverwhere“ schreibst klingt nett und Stefan Kaminski mag ich als Sprecher auch, also sollte ich vielleicht dem Hörbuch mal eine Chance geben und hoffen, dass es endlich mit Gaiman und mir funkt.

    1. Da ich auch nicht so ganz den Hype um Gaiman als Erzähler verstehe (seine Essays und seine Art finde ich auch absolut sympathisch), kann ich dir das Hörbuch noch mal extra ans Herz legen. Die Zeit verfliegt dank Kaminskis Verve unbemerkt.

  2. „Neverwhere“ ist eins der Bücher, das meine Nichte in Wales gekauft hat und das ich von ihr gern mal ausleihen möchte. Ich war früher auch von Gaimans Romanen eher nicht so angetan (vor allem „American Gods“ finde ich sehr überbewertet), aber „The Ocean at the End of the Lane“ hat mir so gut gefallen, dass ich es doch wieder mit ihm versuchen möchte.
    Bei Neverwhere reizt mich (und meine Nichte) vor allem die Idee mit London Below.

    1. Ich hatte vor langer Zeit ein Buch von Christoph Marzi gelesen, dass auch im Londoner Untergrund spielte. Das hatte mich aber sehr enttäuscht, sodass ich Neverwhere auch teils wegen dem Handlungsort lesen wollte! Ich hoffe, dir gefällt der Roman, wenn du dazu kommst (und deiner Nichte auch).

Kommentar verfassen