What could be more full of meaning? Moby-Dick Leselog 02

Moby-Dick LeselogIn der zweiten Runde mit Moby-Dick (Kapitel 4 bis 13) hat Ishmael Gelegenheit für viele Beobachtungen: Zu seinem Zimmergenossen Queequeg, den anderen Walfängern, der Stadt New Bedford. Er verbringt pflichtschuldig den Sonntagmorgen in der Kirche und freundet sich auch mit Queequeg an, der doch endlich auftaut und stehenden Fußes sein bester Freund wird. Gemeinsam machen die zwei sich auf zur Fähre nach Nantucket.

Walfang muss schon sehr spezielle Menschen anlocken, denn was Ishmael uns hier erzählt ist nicht von schlechten Eltern: Seine Kameraden im Inn benehmen sich wie gescholtene Schulbuben. Alle scheinen beim Frühstück peinlich berührt und schweigen sich an. „A curious sight; these bashful bears, these timid warrior whalemen!“ Den Grund dafür konnte ich mir nicht erklären, außer dass ich mich als Leser ja nur auf Ishmael und Queequeg konzentrieren soll.

Und was macht so eine ungesellige Sorte Mensch auf dem Weh in den fast sicheren Tod? Na klar, man geht in die Kirche. So also auch Ishmael (wenn auch jeder für sich). Und hier hat Melville einen kleinen Clou eingebaut: Die Kirche als Schiff, der Walfang als Kreuzzug. Und drückt einem die Metapher so sehr auf’s Auge, dass man den Druck beim Lesen spürt. Denn dieses Kirchenschiff ist echt maritim, mit Ex-Seemann auf einer Kanzel, die mehr Ähnlichkeit mit einem Krähennest hat und der in echt Seemännisch predigt: Mit vielem starboard gangways, midships und shipmates. Natürlich wird von Jonah und dem Wal berichtet. Das Hörbuch wird in diesem Kapitel übrigens ganz toll gelesen von Simon Callow.

Kommen wir lieber zu Queequeg. Ishmael ist bei jeder Gelegenheit sehr bemüht, ihn möglichst positiv darzustellen: wie manierlich er sich ankleidet, wie sehr sein Kopf dem von George Washington ähnelt (kein Witz!), wie er sich zwar fremdländisch, doch dabei äußerst pfleglich verhält. Kein Wunder, dass sich im Verlauf dieses Parts herausstellt, dass Queequeg ein Königssohn ist. Im jedem Sinne des Begriffs ein „edler Wilder“. Es ist schon verrückt, wie sich Melville abrackert, den guten Queequeg gleichzeitig so normal wie möglich zu machen und ihn gleichzeitig immer wieder als savage und cannibal abstempelt, mit angespitzten Zähnen und allem. Aber vielleicht war das für seine Zeit schon das Höchste der Gefühle.
Queequeg jedenfalls steht da als jemand zwischen den Stühlen, „neither caterpillar nor butterfly.“ Er hat seine Erziehung noch tief in sich, kennt aber auch die sozialen Regeln der Weißen recht gut.

Bei einem Gespräch und einer geteilten Pfeife werden Ishmael und Queequeg Freunde. Wie in beinahe allen Beschreibungen ihrer Beziehung fehlt auch hier nicht der Hint auf mehr: „henceforth we were married; meaning, in his country’s phrase, that we were bosom friends.“ Danach teilt Queequeg seine Habe und sein Schicksal mit Ishmael. Sein Verhalten wärmt Ishmaels Herz: „I felt a melting in me. No more my splintered heart and maddened hand were turned against the wolfish world. This soothing savage had redeemed it.“
Ishmael steckt voll solcher liebenswerter Sätze, wenn es um seinen Freund Queequeg geht.
Dabei ist es auch Ishmaels vergleichsweise offene Weltsicht, die diese Freundschaft möglich macht. Er schließt sich zum Beispiel auf Queequegs Bitte dessen Gebet an. Seine Zweifel, ob es okay sei, die Anbetung eines Idols zu unterstützen, schiebt Ishmael kurzerhand beiseite: „But what is the will of God? To do to my fellow man what I would have my fellow man to do to me—that is the will of God.“

Eine letzte schöne Beobachtung möchte ich noch mit euch teilen, bevor ich ins Bett falle: An verschiedenen Stellen wird sehr schön demonstriert, dass die Weißen, wenn sie sich als den einzig wahren Standard betrachten, damit vollkommen daneben liegen.
Queequeg berichtet, wie er anfangs Schubkarren getragen hätte, weil er sie nicht kannte. Als Ishmael ihn fragt, ob denn nicht die Leute ihn ausgelacht hätten, antwortet er mit einer peinlichen Geschichte: Ein weißer Kapitän sei zufällig bei der Hochzeit seiner Schwester anwesend gewesen. In seiner Heimat ist es üblich, eine Schale mit Kokosnussmilch herumzureichen, aus der jeder trinkt, doch zuerst taucht der Priester seine geweihten Hände hinein. Der Kapitän, der als erster aus der Schale trinken sollte, ahmte einfach den Priester nach und wusch sich die Hände in der so entweihten Milch wie selbstverständlich.

Melville spielt auch mit Vorurteilen und dreht die Perspektive einfach mal um. Queequeg kan noch nicht nach Hause kehren, weil er sieht, wie sehr die armen Christen leiden. „We cannibals must help these Christians.“ Auch legt er Queequeg vielsagende Worte in den Mund: Bei Ankunft auf der Fähre von New Bedford nach Nantucket will man Queequeg erst nicht an Board lassen; einer der Grünschnäbel fühlt sich durch ihn besonders bedroht. Als der Kapitän ihn darauf anspricht, sagt Queequeg: „Queequeg no kill-e so small-e fish-e; Queequeg kill-e big whale!“ Einfach und prägnant. Warum sollte er jetzt gewalttätig werden, außer weil man es von ihm als Wilden erwartet? Queequeg will doch nur Wale töten, so wie wohl die meisten auf der Fähre auch. Als er dann in einer halsbrecherischen Aktion einen Mann über Bord rettet, nimmt man ihn mit Kusshand auf der Fähre an.

Auch diese Passage hat sich als unterhaltsam und vielschichtig erwiesen. Das mit dem Sich-kurz-fassen schaffe ich hoffentlich in der nächsten Woche – jetzt habe ich keine Zeit mehr für Kürzungen, der Tag war lang und die Woche zu kurz. Ich hoffe ihr seht es mir nach!

2 Gedanken zu “What could be more full of meaning? Moby-Dick Leselog 02

  1. Ich keuche weiterhin hinterher … 😉
    Diese Kapitel habe ich auch sehr unterhaltsam gefunden – besonders über die Predigt, die so schön over-the-top ist, habe ich mich amüsiert. Queequeg fällt ja schon recht stark in dieses Klischeebild des „edlen Wilden“, aber gut, Melville ist halt auch ein Kind seiner Zeit und Queequeg hat durchaus Charakter.

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