Lian Hearn: Das Schwert in der Stille (Der Clan der Otori 1)

JapanTomasu wächst als „Verborgener“ in der Provinz auf, bis Iida vom Tohan Clan sein Dorf attackiert und alle, die Tomasu kannte, für ihren Glauben ermordet werden. Als einziger Überlebender flüchtet Tomasu, verfolgt von den Tohan. Otori Shigeru, ein reisender Adliger, rettet ihn und nimmt den Jungen unter dem Namen Takeo unter seine Fittiche. Doch so gelangt Takeo mitten in den Kampf zwischen den Clans.
Das Mädchen Kaede lebt jahrelang als Geisel am Hof der Noguchi auf. Durch unglückliche Ereignisse hat sie bald den Ruf, den Männern, die sie begehren, den Tod zu bringen. Sie soll keinen anderen als Shigeru heiraten, um das Bündnis zwischen Otori und Tohan und damit den Frieden zu besiegeln.

Das 54. Buch meines Fantasy-Projekts war eine angenehme Überraschung. Es handelt sich auch weniger um einen Fantasy-Roman als um einen mit Magie gewürzten historischen Roman für Jugendliche. Es entwickeln sich spannende politische Intrigen und Verwicklungen zwischen den unterschiedlichen Figuren, sodass es nie langweilig wird. Von japanischer Geschichte habe ich keinen Schimmer und ich glaube auch, es handelt sich hierbei eher um ein alternatives Japan. Allerdings gibt es schöne Details (wie Nachtigallenböden), die Namen sind realistische japanische Namen und die dargestellte Gesellschaft wäre so, wie ich das feudale Japan erwarten würde.

Von der Struktur her handelt es sich um eine klassische Heldenreise mit wenigen Überraschungen, inklusive der Ausbildung in Kultur- und Kampftechniken und dem Entdecken außergewöhnlicher Talente. Für mich war die Lektüre sozusagen ein Gemütlichkeitsfaktor: eine Prise Vertrautes. Was ich dagegen wirklich weniger schön fand, war ein mieser Fall von Instalove. Natürlich muss sich Takeo in das einzige Mädchen in seinem Alter verlieben, und sie sich in ihn. Und dass, obwohl sie sich gar nicht richtig kennen. Das ist total unnötig und nervig.
Kaedes Geschichte fand ich ebenfalls spannend; sie gibt eine prima Heldin ab. Leider steht ihre Reise immer ein wenig der Takeos nach, der die eindeutige Hauptfigur ist. Trotz einiger Mängel hatte ich viel Spaß beim Lesen. Sie halten mich natürlich nicht davon ab, die Reihe fortzusetzen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht!

Call me Ishmael. Moby-Dick Leselog 01

Moby-Dick LeselogDie ersten drei Kapitel konnte ich von Moby-Dick lesen. Übrigens höre ich mir dazu diese Lesung mit vielen bekannten Stimmen an und verfolge den Text gleichzeitig in dieser Ebook-Fassung.

Ishmael ist vor allem eins: Ein schillernder Erzähler. Da er die Erlebnisse aus dem Buch (vielleicht schon lange) hinter sich hat, wechselt der Erzählton zwischen grüblerisch und weltfremd, ausladend wie Dickens und überdreht karikaturistisch.

Dabei behauptet er gerne mal Unglaubliches: Er zitiert zum Beispiel einen Autor, „of whose works I possess the only copy extant“. Etwas seltsam ist das schon. Soll mich das vor der Zuverlässigkeit des Erzählers warnen? Oder zeigt es nur Ishmaels Weltmännischkeit und Bildung? Im Augenblick tendiere ich zu ersterem, allein weil es lustiger ist 🙂

Doch was passiert eigentlich? Ishmael erklärt im ersten Kapitel, warum er auf Walfang ging (in Kurzfassung: Um der Welt zu entgehen, weil ihn Wale als Monstrositäten des Meeres faszinieren und weil er die sportliche Betätigung des Walfangs zu schätzen weiß). Er macht sich also zu einer Zeit auf den Weg, in der ich kaum einen Fuß vor die Tür setze: Im Dezember. Soll das eine gute Zeit für Walfang und Seefahrt sein?! Brrr!

Vor Ort sucht er die billigste Absteige, die zu haben ist. Stellt sich heraus: Der „Spouter-Inn“ (Spouter bedeutet Springquelle oder Wasserspeier, ist aber anscheinend auch Walfängerslang für ein Walfangschiff) ist bis an die niedrige Decke vollgestopft mit Walanspielungen, inklusive einem kaum erkennbaren Gemälde, das die Wirkung eines Rochschachtests nicht verfehlt, und einem Barkeeper, den alle Jonah nennen. Weil die Bar anscheinend auch „whale’s mouth“ genannt wird. Womit wir schon mitten in den biblischen Metaphern wären. Aber davon kommen später sicher noch genug.

Ishmael kommt mir besonders in diesem Kapitel sehr jung vor. Obwohl er beteuert, er sei nicht mehr grün hinter den Ohren, treibt der Inn Keeper seinen Schabernack mit ihm. Denn Ishmael bleibt nichts anderes übrig, als das Bett mit einem Harpunier zu teilen. Widerstrebend willigt er ein, ist aber vollkommen überfordert, als der farbige Queequeg, der erst jetzt von Besorgungen zurückkehrt, mitten in der Nacht zu ihm ins Bett steigt, ihn für einen Eindringling hält und etwas ungehalten reagiert. Zwischen Panikattacke (ein schwarzer Fremdling!) und Raison (Der andere ist auch nur ein Mensch) schwankend, macht sich der junge Seefahrer ganz schön lächerlich. Besonders schön fand ich, wie sein Auge über das Inventar des noch abwesenden Queequeg schweift und den Tomahawk nur kurz zur Kenntnis nimmt. Als er sich aber in direkter Konfrontation mit dem Fremden befindet, bekommt der Gegenstand plötzlich etwas Lebensbedrohliches: „He [Queequeg] might take a fancy to mine [Ishmaels Kopf] – heavens! look at that tomahawk!“ Genauso klingen die Gedanken einer Person, die gerade in Panik ausbricht und allen Humanismus hinter sich lässt.

Die Szene ruft zwei Themen im Buch hervor, die mich besonders interessieren: Zum Einen die Darstellung des Fremden (hier in Form eines farbigen Mannes fremder Sprache und Religion). Das zweite Thema ist die angebliche homoerotische Lesart, von der ich immer wieder höre. Es interessiert mich einfach, ob da was dran ist. Bisher kann ich auf jeden Fall viele Zweideutigkeiten erkennen, sobald es um Walfang geht. Zum Beispiel sagt der Inn Keeper zu Ishmael, er solle sich schon mal daran gewöhnen, mit einem Mann das Bett zu teilen: „s’pose you are goin‘ a-whalin‘, so you’d better get used to that sort of thing.“ Okay, es wird also kuschelig an Board. Das wäre doch direkt eine ganz andere Story …

Den Einstieg habe ich also ganz gut überstanden. Mir gefällt, wie Ishmael jede Szene lebendig werden lässt (Details, Details, und kleine Exkurse). Außerdem ist er auch lustig. Und anspielungsreich. Über jede Seite könnte man wohl problemlos schreiben und diskutieren. Ich hoffe, ich kann mich in Zukunft kurz fassen, wenn direkt zehn oder so Kapitel in einen Post passen sollen. Bisher erweist sich Ishmael auch als sehr zitierfähig. Daher bleibt mir nur noch, ein vielversprechendes Zitat unseres Erzählers wiederzugeben:

But no more of this blubbering now, we are going a-whaling, and there is plenty of that yet to come.

Kein Aprilscherz: Ich lese und blogge Moby-Dick

Moby-Dick Leselog
Da kommt was Großes!

Moby-Dick gehört sicher zu den bekanntesten gemiedenen Werken der westlichen Literatur: Praktisch jeder hat schon mal von Ishmael und Captain Ahab gehört, doch den dicken Wälzer über den großen weißen Wal zu lesen ist noch einmal eine eigene Disziplin.

Vielleicht habt ihr auch schon mal mit dem Gedanken gespielt, das Buch zu lesen, und seid vor dem schieren Gewicht der knapp 1.000 Seiten zurückgeschreckt? Es wäre keine Schande. Aber für alle Lesemüden doch Interessierten werfe ich mich jetzt in die Bresche: Ich werde in den nächsten Wochen und Monaten sozusagen live von dem Walfängerschiff Pequod berichten. Ein Leselog dieser Art wollte ich schon lange mal ausprobieren, und Moby-Dick scheint mir genau das richtige Buch, um es endlich zu tun. Was kann man bei 135 Kapiteln geballten Walfangwissens schon falsch machen? Plus Epilog versteht sich, denn was wäre ein dickes Buch ohne Epilog?

Jeden Dienstag (schon ab nächster Woche!) bis Ende Juni liefere ich den aktuellen Lesestand, Grad des Wahnsinns und Walfakten-Dichte in Melvilles klassischem Walfanghandbuch. Weil ich schon die wildesten Sachen über den Roman das Teil gehört habe, nehme ich es nicht allzu ernst mit dem literarischen Genie; dass es sich um einen Klassiker handelt, muss ich ja auch wirklich niemandem mehr erzählen.

Wer Lust hat, kann natürlich gerne mit an Board kommen; ihr seid aber auch dazu eingeladen, das Spektakel (Sam gegen Wälzer) vom sicheren Land aus zu verfolgen, das Geschehen zu kommentieren und eurem Favoriten zuzujubeln 🙂