Call me Ishmael. Moby-Dick Leselog 01

Moby-Dick LeselogDie ersten drei Kapitel konnte ich von Moby-Dick lesen. Übrigens höre ich mir dazu diese Lesung mit vielen bekannten Stimmen an und verfolge den Text gleichzeitig in dieser Ebook-Fassung.

Ishmael ist vor allem eins: Ein schillernder Erzähler. Da er die Erlebnisse aus dem Buch (vielleicht schon lange) hinter sich hat, wechselt der Erzählton zwischen grüblerisch und weltfremd, ausladend wie Dickens und überdreht karikaturistisch.

Dabei behauptet er gerne mal Unglaubliches: Er zitiert zum Beispiel einen Autor, „of whose works I possess the only copy extant“. Etwas seltsam ist das schon. Soll mich das vor der Zuverlässigkeit des Erzählers warnen? Oder zeigt es nur Ishmaels Weltmännischkeit und Bildung? Im Augenblick tendiere ich zu ersterem, allein weil es lustiger ist 🙂

Doch was passiert eigentlich? Ishmael erklärt im ersten Kapitel, warum er auf Walfang ging (in Kurzfassung: Um der Welt zu entgehen, weil ihn Wale als Monstrositäten des Meeres faszinieren und weil er die sportliche Betätigung des Walfangs zu schätzen weiß). Er macht sich also zu einer Zeit auf den Weg, in der ich kaum einen Fuß vor die Tür setze: Im Dezember. Soll das eine gute Zeit für Walfang und Seefahrt sein?! Brrr!

Vor Ort sucht er die billigste Absteige, die zu haben ist. Stellt sich heraus: Der „Spouter-Inn“ (Spouter bedeutet Springquelle oder Wasserspeier, ist aber anscheinend auch Walfängerslang für ein Walfangschiff) ist bis an die niedrige Decke vollgestopft mit Walanspielungen, inklusive einem kaum erkennbaren Gemälde, das die Wirkung eines Rochschachtests nicht verfehlt, und einem Barkeeper, den alle Jonah nennen. Weil die Bar anscheinend auch „whale’s mouth“ genannt wird. Womit wir schon mitten in den biblischen Metaphern wären. Aber davon kommen später sicher noch genug.

Ishmael kommt mir besonders in diesem Kapitel sehr jung vor. Obwohl er beteuert, er sei nicht mehr grün hinter den Ohren, treibt der Inn Keeper seinen Schabernack mit ihm. Denn Ishmael bleibt nichts anderes übrig, als das Bett mit einem Harpunier zu teilen. Widerstrebend willigt er ein, ist aber vollkommen überfordert, als der farbige Queequeg, der erst jetzt von Besorgungen zurückkehrt, mitten in der Nacht zu ihm ins Bett steigt, ihn für einen Eindringling hält und etwas ungehalten reagiert. Zwischen Panikattacke (ein schwarzer Fremdling!) und Raison (Der andere ist auch nur ein Mensch) schwankend, macht sich der junge Seefahrer ganz schön lächerlich. Besonders schön fand ich, wie sein Auge über das Inventar des noch abwesenden Queequeg schweift und den Tomahawk nur kurz zur Kenntnis nimmt. Als er sich aber in direkter Konfrontation mit dem Fremden befindet, bekommt der Gegenstand plötzlich etwas Lebensbedrohliches: „He [Queequeg] might take a fancy to mine [Ishmaels Kopf] – heavens! look at that tomahawk!“ Genauso klingen die Gedanken einer Person, die gerade in Panik ausbricht und allen Humanismus hinter sich lässt.

Die Szene ruft zwei Themen im Buch hervor, die mich besonders interessieren: Zum Einen die Darstellung des Fremden (hier in Form eines farbigen Mannes fremder Sprache und Religion). Das zweite Thema ist die angebliche homoerotische Lesart, von der ich immer wieder höre. Es interessiert mich einfach, ob da was dran ist. Bisher kann ich auf jeden Fall viele Zweideutigkeiten erkennen, sobald es um Walfang geht. Zum Beispiel sagt der Inn Keeper zu Ishmael, er solle sich schon mal daran gewöhnen, mit einem Mann das Bett zu teilen: „s’pose you are goin‘ a-whalin‘, so you’d better get used to that sort of thing.“ Okay, es wird also kuschelig an Board. Das wäre doch direkt eine ganz andere Story …

Den Einstieg habe ich also ganz gut überstanden. Mir gefällt, wie Ishmael jede Szene lebendig werden lässt (Details, Details, und kleine Exkurse). Außerdem ist er auch lustig. Und anspielungsreich. Über jede Seite könnte man wohl problemlos schreiben und diskutieren. Ich hoffe, ich kann mich in Zukunft kurz fassen, wenn direkt zehn oder so Kapitel in einen Post passen sollen. Bisher erweist sich Ishmael auch als sehr zitierfähig. Daher bleibt mir nur noch, ein vielversprechendes Zitat unseres Erzählers wiederzugeben:

But no more of this blubbering now, we are going a-whaling, and there is plenty of that yet to come.

5 Gedanken zu “Call me Ishmael. Moby-Dick Leselog 01

  1. Kia ora, Sam.
    Das quasi aufeinander Leben, über Monate oder (bei Expeditionen) gar Jahre, auf besseren Nußschalen, bringt eine Mannschaft hart an Grenzen. Das Seemannsgarn von vollbusigen Meerjungfreuen – der Umstand, dass diese über keinen Unterleib verfügen, spricht Bände über die Restriktion selbst innerhalb einer Phantasie.
    Dass eine Frau an Bord Unglück brächte, fusst ja auch in der erzwungenen Negierung der eigenen Sexualität & der Projektion enthemmter Begierden.
    Anmerkenswerterweise waren es die klassischen Piraten, die damit keine Probleme hatten & Frauen auch zum Captain wählten. Die grossen Seemächte hielten es da lieber mit knallhartem Drill (Deckschrubben).

    Das mit dem Schlafplatz teilen mag auch einzig daher rühren, dass in den beengten Verhältnissen an Bord in Schichten geschlafen wurde.

    Der Ton in Ishmaels Wiedergabe der Geschenisse spiegelt vermutlich Melvilles Eigensicht als der „allwissende Erzähler“ wieder; es soll zwar vordergründig wie eine Geschichte aus erster Hand wirken, aber der Autor gibt zu erkennen, dass er Herr der Geschehnisse ist.

    bonté

    1. Ich versuche diesmal eine Close Reading Analyse und sehe daher so weit ich kann von Melvilles Position ab, aber natürlich habe ich auch daran gedacht 😛
      Die DVDs sind übrigens heil angekommen; ich freue mich schon, sie bald anzuschauen! Wobei ich gestehen muss, dass mir Rohmer von „Die Marquise von O…“ nicht gerade in guter Erinnerung geblieben ist. Aber jeder verdient ja eine zweite Chance.

      1. …ich könnte Dich insofern beruhigen, was Rohmer angeht, daß ‚Die Marquise‘ nicht sonderlich viel mit den Filmen gemein hat, die auf seinen eigenen Ideen beruhen. Völlig andere Bühne sozusagen (Brecht im Vergleich zu Shakespeare).
        Was seine Eigenprojekte angeht, so ist es Eric Rohmer immer wieder gelungen (über fünf Jahrzehnte) einen Blick auf die jeweilige Twens zu werfen; Lebensgefühl, Ambition, die Liebe natürlich & all die möglichen Beziehungen zwischen den Protagonisten.
        ‚Der Freund Meiner Freundin‘ war damals mein Rohmer-Erstling & seine feine, filmische Poesie, seine Sympathie für das Gefühl der Liebe machten mich zum Fan.

        Eine zweite Chance ist wohlverdient. 😎

        bonté

  2. Hallo Sam,
    das klingt nach einem guten Start in das Buch. Die Website mit der Lesung spricht mich an, danke für den Link dorthin.
    Wie ist das Buch denn auf englisch zu lesen? Gibt es viel Umgangssprache, wie bei dem Inn Keeper?

    Ich bin gespannt, wie deine Erfahrungen weitergehen!

    1. In Kombination mit dem Hörbuch komme ich amit sehr gut klar. Der Stil schwankt von Kapitel zu Kapitel, aber im Allgemeinen scheitere ich nur immer mal wieder an Fachjargon. Aber auch für dieses Problem gibt es eine Lösung: Auf powermobydick.com ist der gesamte Text mit Annotationen versehen. So kann ich immer mal wieder gesammelt ein paar Begriffe und Phrasen nachschauen.

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