Deweys 24 Hour Readathon April 2017

Dewey 24 hour readathon April 2017So … in wenigen Minuten geht es los! Ich habe schon meine Leseecke vorbereitet, den Bücherstapel und Snacks griffbereit und warte jetzt nur noch auf den „Gong“. Um 14 Uhr startet für mich der erste 24-Stunden-Lesemarathon meines Lebens 🙂

Ich werde im Verlauf des Lesemarathons hier und auf Twitter über meinen Stand berichten. Allen Teilnehmern wünsche ich viele schöne Lesestunden!

Samstag, 17 Uhr: Buch eins beendet!

Gerade bin ich mit Die Seltsamen von Stefan Bachmann fertig geworden. Mein Eindruck während dem Lesen hat sich bestätigt: Kein Lesehighlight für mich, aber ein paar schöne Ideen und Wendungen.

Zwischendurch habe ich auch etwas auf dem Balkon gesessen. Jetzt möchte ich, mit einem Hörbuch bewaffnet, einen kleinen Spaziergang machen, denn das Wetter ist doch noch schön geworden. Ich werde Further Chronicles of Avonlea von L.M. Montgomery hören. Die erste Geschichte habe ich gestern schon gehört und es ist wieder der typische Montgomery-Ton, den ich so gemütlich finde und auf den ich mich freue. Zwischendurch habe ich auch ein wenig in Han Kangs Die Vegetarierin gehört, ein wuchtiges Buch.

Übrigens kann ich im Moment zwei weitere Teilnehmer im deutschsprachigen Raum ausmachen: Natürlich Neyasha und dann noch Taaya.

Samstag, 20:30 Uhr

Deweys Readathon WetterIn der Zwischenzeit bin ich mit meinen Hörbüchern weitergekommen, die mir beide gut gefallen, und habe einen Comic über die jüdische Gemeinde in Rendsburg gelesen und beendet. Vor allem Montgomery’s Kurzgeschichten reißen mich gerade mit. Die bekannten Namen und wiederkehrenden Themen sind zwar nicht originell, aber es ist ein bisschen wie nach Hause kommen, weil ich alles schon so gut kenne, ohne exakt diese Geschichten bereits gelesen zu haben.

Als nächstes nehme ich mir doch mal Die Schule der Rätselmeister vor.

Samstag, 23:00 Uhr

Ich habe mich jetzt in mein Bett verkrochen und bin inzwischen fast halb fertig mit Die Schule der Rätselmeister. Beim zweiten Anlauf ist es doch viel unterhaltsamer, auch wenn der Einstieg mit all den Namen und Orten echt schwierig war. Ich werde noch ein wenig weiterlesen und mich dann aufs Ohr hauen. Daher melde ich mich erst wieder morgen früh. Gute Nacht!

Sonntag, 09:00 Uhr

Frühstück und Patricia McKillip!

Deweys readathon Frühstück

Sonntag, 12:00 Uhr

Ich bin gerade fertig geworden mit Die Schule der Rätselmeister und es hat mir wirklich gut gefallen! Nachdem ich den etwas schwierigen Anfang überwunden hatte und eigentlich nicht viel erwartete, entfaltete sich eine immer komplexer werdende Geschichte. Das Buch ließ sich nicht so schnell lesen, wie für einen Lesemarathon passend wäre, aber ich bin trotzdem froh, es jetzt und in einem Rutsch gelesen zu haben.

Als nächstes will ich Further Chronicles of Avonlea beenden, womit ich in der Zwischenzeit schon zu zwei Dritteln durch bin. Und dann lese ich entweder noch etwas in Rejected Princesses oder Moby-Dick oder ich fange doch noch mit Maus an – im Moment kann ich mich nicht entscheiden!

Sonntag, 14:00 Uhr

Und schon ist der Readathon zu Ende! Leider bin ich nicht mehr ganz fertig geworden mit Further Chronicles of Avonlea, mir bleiben noch an die 40 Minuten. Beim Hören habe ich das Wohnzimmer auf Vordermann gebracht und so noch etwas Nützliches geschafft 🙂

Während Dewey’s habe ich insgesamt gelesen:

Die Seltsamen (vor Dewey’s begonnen, beendet): 184 Seiten
Die Schule der Rätselmeister (beendet): 246 Seiten
Rendsberg Prinzessinstraße (beendet): 54 Seiten
Die Vegetarierin (vor Dewey’s begonnen): 21-58/108 = 1:48 h
Further Chronicles of Avonlea (vor Dewey’s begonnen): 3-26/30 = 5:35 h

Insgesamt 484 Seiten und 7 Stunden und 13 Minuten Hörbuch habe ich in dieser Zeit verschlungen. Ich war wohl etwas über 17 Stunden aktiv dabei.

Es hat mir viel Spaß gemacht, mich mal in aller Ruhe allein aufs Lesen zu konzentrieren. So kam ich auch zu Titeln, die ich ein wenig vor mir hergeschoben habe; siehe McKillip. Ich habe immer noch keine Ahnung,m wie es einige Teilnehmer schaffenm, 24 Stunden ohne Schlaf auszukommen und noch zu kapieren, was sie da lesen und werde es wohl nie selber probieren, aber ich bin hoffentlich beim nächsten Mal im Oktober wieder mit dabei 🙂

So, und jetzt höre ich noch mein Hörbuch zu Ende und wer weiß, vielleicht lese ich dann einfach auf dem Balkon weiter!

There’s the insanity of life! Moby-Dick Leselog 04

Moby-Dick Leselog{Kapitel 30-41}

Und zum erstem Mal langweile ich mich ein klein wenig. Dabei entwickelt sich das Buch immer mehr zu einem Acid Trip. Es ist, als hätte Ishmael genug von seinem konventionellen Erzählton: Jetzt fängt er an, zu halluzinieren und seinen Mitmenschen Worte in den Mund zu legen.

Da gibt es innere Monologe von Crewmitgliedern, Kapitel nach Stil eines Dramas und dann natürlich die Kapitel über Wale.
Auf dem Höhepunkt dieses Abschnitts in Kapitel 37 eröffnet Ahab die Jagd auf seinen Erzfeind und verspricht dem, der ihn tötet, spanisches Gold. Klingt nach einem Deal mit dem Teufel, würde ich mal sagen.
Auf dem Schiff herrscht weiter eine seltsame Stimmung. In diesen Kapiteln wird hervorgehoben, welche seltsame Mischung an Nationalitäten und Gesinnungen hier zusammen gekommen ist. Ishmael mit seinem Weltschmerz ist da eher ein Außenseiter, es gibt kein Kapitel, in dem er mit anderen der Crew interagiert. Es gibt auch ein Kapitel zum Essverhalten in der Kapitänskajüte unter Ahab und den Maats (still, stark hierarchisiert) und dem der Harpuniere (laut und ungezügelt, inklusive bedrohlicher Kaugeräusche).

Der Finsterling Starbuck hat Skrupel, sich an der Jagd auf Moby-Dick zu beteiligen, während der fröhliche Stubb im Traum lernt, Ahab zu achten. Immer wieder wird Ahab in die Nähe des Göttlichen gerückt, ob nun durch andere und deren Wahrnehmung oder durch ihn selbst in seinem Wahn.

Nach all diesen bizarren Kapiteln bekomme ich eine Ahnung, wie das Buch auf die erste Generation an Lesern gewirkt haben muss. Kein Wunder, dass es im großen Stil floppte. Das längste und kurioseste Kapitel hier war aber wohl das, in dem Ishmael Wale klassifiziert. Und zwar in Bücher, nach Größe in Folios, Octavos und Duodecimos. In dem ganzen Kapitel wird der Zusammnehang von Meer und Literatur bemüht: „I have swam through libraries and sailed through oceans“ sagt Ishmael zum Beispiel, ein schönes Bild finde ich. Sonst steht viel Blödsinn in diesem Kapitel, sowohl aus wissenschaftlicher Sicht als auch literarisch. Es gibt bizarre Zitate aus der Fachliteratur* und ein zweits Leitmotiv, das ich allerdings null verstehe, ist England. Ständig heißt es: „das ist wie damals am Trafalgar Square“ oder ähnliches. Ich meine, warum England?

Aber gut, gemessen an den Kapitelüberschriften des nächsten Abschnitts steht mir die erste Begegnung mit der Titelfigur bevor! Yay. Und gerade zufällig entdeckt: Scheinbar stammen viele der Crew-Namen von geografischen Namen ab: Es gibt beim Berg Fedallah (der in einer der Kapitelüberschriften vorkommt) wohl ein Pip-Kliff und ein Flask-Gletscher. Erwischt, Melville! Mal schauen, was es mit diesem Fedallah noch auf sich hat. Aber dazu dann nächste Woche!

*Das Zitat stammt von Carl von Linné (ich habs überprüft, schockierenderweise ist es kein Fake): „On account of their warm bilocular heart, their lungs, their movable eyelids, their hollow ears, penem intrantem feminam mammis lactantem […] ex lege naturae jure meritoque.“ Linné hat natürlich alles auf Lateinisch geschrieben; Ishmael übersetzt den unsittlichen Teil aber hier nicht. Gott bewahre, käme das Wort „Penis“ in seinem Bericht vor! (Oder sind es die weiblichen Brüste, die ihm Sorge bereiten?) Ishmael berichtet im selben Absatz, er und seine Kameraden hielten diese Argumente, den Wal nicht zu den Fischen zu zählen, für Humbug. Was doppelt lustig ist, einerseits wegen des unschicklichen Lateins, wegen dem man nicht ohne Weiteres versteht, worum es geht, andererseits weil Wale nun mal keine Fische sind. Sorry, Ishmael!

Random Quotes

„Far above of al hunted whales, his [des Pottwals] is an unwritten life.“
„Philologically considered, it is absurd.“ Das lasse ich mal so stehen 🙂
Ishmael zu seiner Wal-Taxonomie: „God keep me from ever completing anything.“
Ahab wandert rastlos über Deck und hinterlässt „footprints of his one unsleeping, ever-pacing thought.“
Ahab: „I’d strike the sun if it insulted me.“ Mehr Ahab: „Is, then, the crown to heavy that I wear?“ Noch mehr Ahab: „Damned in the midst of paradise!“

Is he mad? Anyway, there’s something on his mind. Moby-Dick Leselog 03

Moby-Dick Leselog

{Kapitel 14-29}

In diesem Abschnitt kommen Queequeg und Ishmael erst in einem Nantucketer Inn und dann auf ihrem Schicksalsschiff, der Pequod, unter. Während der Vorbereitungen zum Auslaufen zieht Weihnachten an den Schiffsleuten unbemerkt vorbei. Zuletzt, nachdem die Pequod schon einige Zeit auf dem Meer ist, lässt sich Kapitän Ahab endlich blicken.

Unheilsboten

Biblische Anleihen mehren sich, unter anderem taucht ein Seemann auf, der Ishmael und Queequeg verfolgt und praktisch über Ahab lästert. Aber natürlich nicht so, dass man irgendwas verstehen könnte, sondern schön praktisch in Andeutungen. Da ist es doch einfacher, sich auf die Bibel zu berufen, denn der Kerl heißt Elijah. Also der Prophet, der König Ahab einen göttlichen Shitstorm voraussagt, weil der (ich glaube durch die Hochzeit mit der Baal-Anbeterin Isebel) praktisch zum religiösen Nestbeschmutzer wurde. Alles sehr ominös also.

Die Wahl des Schiffs dagegen ist glasklar verständlich.

Es stehen drei Schiffe zur Wahl: die Pequod (Name eines ausgerotteten Indianerstammes), die Devil-Dam („Mutter des Teufels“) und die Titbit („Leckerbissen“). Man sieht deutlich, was Melville getan hat: Ishmael als gottesfürchtiger Mann kann die Debildam nicht besteigen, und einem Schiff, dass sich Leckerbissen nennt, sollte wohl niemand vertrauen. Er wählt sozusagen das geringste Übel.
Doch die Pequod gehört vielen Anteilhabern und hat neben Ahab, der sich nicht blicken lässt, zwei Kapitäne: Bildad und Peleg, der eine belesener Quäker, der andere mehr zupackend und gesprächig. Die beiden kümmern sich um die Angelegenheiten des Schiffes bis zum Auslauf, wenn Ahab das Kommando übernimmt. Ishmael lässt sich viel Zeit, die wichtigsten Personen der Mannschaft kurz zu umreißen. Die drei Maats (der finstere Starbuck, der lustige Stubb, der rachsüchtige Flask) und die Harpuniere (Queequeg, Tashtego, der edle Indianer, und Daggoo, ein wild wirkender Afrikaner). Die Stimmung an Deck vereint demnach viele Facetten zwischen wild und „zivilisiert“, zwischen Abenteuerlust und Rachsucht; von Ahab habe ich noch nicht viel gesehen, aber es ist fast,  als seien es alles abgespaltene Persönlichkeiten seiner selbst.

Ahab ist bislang wortkarg.

Sein Ersatzbein besteht aus Elfenbein (?), auf dem Schiffsdeck gibt es eine Kerbe im Boden, in der er das Ende dieses Beins festhaken kann, um an Deck standhaft zu bleiben. Eine weiße Narbe verläuft quer über seinen Körper, vom Scheitel zur Sohle scheinbar. Die Metaphorik hier ist klar, auch wenn aus heutiger Sicht nicht gerade die feine englische Art. (Eins meiner verhasstesten Klischees: Körperliche Anomalien als Audruck seelischer Anomalien. Na toll, aber mal sehen, wohin uns das hier führt.)

Kleines Schmankerl zum Schluss:

Auf der Pequod muss Queequeg die Stellvertreterkapitäne erst von seinem Können überzeugen (was ihm keine Mühe bereitet), bevor er einen Vertrag unterschreiben darf. Peleg erwartet nicht, dass Queequeg schreiben kann und sagt, er solle einfach sein Zeichen unter den Vertrag setzen. Ironischerweise kann er Queequegs Namen nicht aussprechen und nennt ihn Quohog (was eine Muschelart bezeichnet). Rozfrech (und vollkommen gerechtfertigt) unterzeichnet Queequeg mit „Quohog. his X mark.“ Loved it!

Lesemarathon für Fortgeschrittene: Dewey’s

Banner des Dewey 24 hour readathonSeit Jahren umschleiche ich den wohl härtesten Lesemarathon: Dewey’s 24-Stunden-Lesemarathon. Er findet zweimal jährlich statt und dauert, ihr habt es erfasst, 24 Stunden. Jetzt ist der Zeitpunkt günstig, den Schritt zu wagen, denn die nächste Runde findet von 29.-30. April statt. Mit anderen Worten: Man kann sich am ersten Mai von den Strapazen des Dauerlesens erholen.

Natürlich habe ich nicht vor, 24 Stunden ohne Pause zu lesen. Ich möchte die Zeit einfach bewusst mit Büchern verbringen, zwischendurch ein paar Blogs abklappern, twittern und dabei möglichst viel lesen. Essen und Schlafen sind absolut erwünscht, denn ohne werde ich ganz schnell zu einer äußerst unbequemen Person 😀

Der Plan

Der Start hängt von der Zeitzone ab, und für mich heißt das einen Startschuss um 14 Uhr. Perfekt, um vorher noch ein paar Snacks zu besorgen und alles vorzubereiten. Außerdem endet der Readathon so nicht während ich schlafe, sondern ich erlebe den Schluss live mit. Es gibt auch sogenannte Mini-Challenges; mal sehen, ob und inwiefern ich da mitmache.

Als Lektüre habe ich mehrere Bücher ins Auge gefasst:

  • Maus: Diese Graphic Novel wollte ich schon sehr lange lesen und habe sie jetzt endlich zur Hand. Keine leichte Lektüre, aber trotzdem guter Puffer zwischen dickeren Büchern.
  • Apropos dick: Moby-Dick. Natürlich will ich die Gelegenheit nutzen, mit Ishmaels Story weiter zu kommen.
  • Der Pfad im Schnee: Den zweiten Band der Otori-Reihe habe ich mir als Hörbuch ausgeliehen. Der perfekte Lückenfüller für einen Spaziergang oder als Begleitung beim Kochen.
  • Erdzauber: Drei kurze Fantasy-Bücher, die man schnell wegliest. So hoffe ich. Zumindest ein Band sollte drin sein.

Andere Möglichkeiten vom heimischen Bücherstapel (je nach Laune)

  • Versform: Die Edda
  • Kurzgeschichten: Roboter-Geschichten (Isaac Asimov)
  • Spannend: I am Legend, Piraten!
  • Hauptsache kurz: Schlafes Bruder, Im Land der letzten Dinge, Lieber Frühling komm doch bald
  • Kleine Häppchen: Rejected Princesses

… mh, ich brauche eher einen 72 Stunden-Lesemarathon 🙂

What could be more full of meaning? Moby-Dick Leselog 02

Moby-Dick LeselogIn der zweiten Runde mit Moby-Dick (Kapitel 4 bis 13) hat Ishmael Gelegenheit für viele Beobachtungen: Zu seinem Zimmergenossen Queequeg, den anderen Walfängern, der Stadt New Bedford. Er verbringt pflichtschuldig den Sonntagmorgen in der Kirche und freundet sich auch mit Queequeg an, der doch endlich auftaut und stehenden Fußes sein bester Freund wird. Gemeinsam machen die zwei sich auf zur Fähre nach Nantucket.

Walfang muss schon sehr spezielle Menschen anlocken, denn was Ishmael uns hier erzählt ist nicht von schlechten Eltern: Seine Kameraden im Inn benehmen sich wie gescholtene Schulbuben. Alle scheinen beim Frühstück peinlich berührt und schweigen sich an. „A curious sight; these bashful bears, these timid warrior whalemen!“ Den Grund dafür konnte ich mir nicht erklären, außer dass ich mich als Leser ja nur auf Ishmael und Queequeg konzentrieren soll.

Und was macht so eine ungesellige Sorte Mensch auf dem Weh in den fast sicheren Tod? Na klar, man geht in die Kirche. So also auch Ishmael (wenn auch jeder für sich). Und hier hat Melville einen kleinen Clou eingebaut: Die Kirche als Schiff, der Walfang als Kreuzzug. Und drückt einem die Metapher so sehr auf’s Auge, dass man den Druck beim Lesen spürt. Denn dieses Kirchenschiff ist echt maritim, mit Ex-Seemann auf einer Kanzel, die mehr Ähnlichkeit mit einem Krähennest hat und der in echt Seemännisch predigt: Mit vielem starboard gangways, midships und shipmates. Natürlich wird von Jonah und dem Wal berichtet. Das Hörbuch wird in diesem Kapitel übrigens ganz toll gelesen von Simon Callow.

Kommen wir lieber zu Queequeg. Ishmael ist bei jeder Gelegenheit sehr bemüht, ihn möglichst positiv darzustellen: wie manierlich er sich ankleidet, wie sehr sein Kopf dem von George Washington ähnelt (kein Witz!), wie er sich zwar fremdländisch, doch dabei äußerst pfleglich verhält. Kein Wunder, dass sich im Verlauf dieses Parts herausstellt, dass Queequeg ein Königssohn ist. Im jedem Sinne des Begriffs ein „edler Wilder“. Es ist schon verrückt, wie sich Melville abrackert, den guten Queequeg gleichzeitig so normal wie möglich zu machen und ihn gleichzeitig immer wieder als savage und cannibal abstempelt, mit angespitzten Zähnen und allem. Aber vielleicht war das für seine Zeit schon das Höchste der Gefühle.
Queequeg jedenfalls steht da als jemand zwischen den Stühlen, „neither caterpillar nor butterfly.“ Er hat seine Erziehung noch tief in sich, kennt aber auch die sozialen Regeln der Weißen recht gut.

Bei einem Gespräch und einer geteilten Pfeife werden Ishmael und Queequeg Freunde. Wie in beinahe allen Beschreibungen ihrer Beziehung fehlt auch hier nicht der Hint auf mehr: „henceforth we were married; meaning, in his country’s phrase, that we were bosom friends.“ Danach teilt Queequeg seine Habe und sein Schicksal mit Ishmael. Sein Verhalten wärmt Ishmaels Herz: „I felt a melting in me. No more my splintered heart and maddened hand were turned against the wolfish world. This soothing savage had redeemed it.“
Ishmael steckt voll solcher liebenswerter Sätze, wenn es um seinen Freund Queequeg geht.
Dabei ist es auch Ishmaels vergleichsweise offene Weltsicht, die diese Freundschaft möglich macht. Er schließt sich zum Beispiel auf Queequegs Bitte dessen Gebet an. Seine Zweifel, ob es okay sei, die Anbetung eines Idols zu unterstützen, schiebt Ishmael kurzerhand beiseite: „But what is the will of God? To do to my fellow man what I would have my fellow man to do to me—that is the will of God.“

Eine letzte schöne Beobachtung möchte ich noch mit euch teilen, bevor ich ins Bett falle: An verschiedenen Stellen wird sehr schön demonstriert, dass die Weißen, wenn sie sich als den einzig wahren Standard betrachten, damit vollkommen daneben liegen.
Queequeg berichtet, wie er anfangs Schubkarren getragen hätte, weil er sie nicht kannte. Als Ishmael ihn fragt, ob denn nicht die Leute ihn ausgelacht hätten, antwortet er mit einer peinlichen Geschichte: Ein weißer Kapitän sei zufällig bei der Hochzeit seiner Schwester anwesend gewesen. In seiner Heimat ist es üblich, eine Schale mit Kokosnussmilch herumzureichen, aus der jeder trinkt, doch zuerst taucht der Priester seine geweihten Hände hinein. Der Kapitän, der als erster aus der Schale trinken sollte, ahmte einfach den Priester nach und wusch sich die Hände in der so entweihten Milch wie selbstverständlich.

Melville spielt auch mit Vorurteilen und dreht die Perspektive einfach mal um. Queequeg kan noch nicht nach Hause kehren, weil er sieht, wie sehr die armen Christen leiden. „We cannibals must help these Christians.“ Auch legt er Queequeg vielsagende Worte in den Mund: Bei Ankunft auf der Fähre von New Bedford nach Nantucket will man Queequeg erst nicht an Board lassen; einer der Grünschnäbel fühlt sich durch ihn besonders bedroht. Als der Kapitän ihn darauf anspricht, sagt Queequeg: „Queequeg no kill-e so small-e fish-e; Queequeg kill-e big whale!“ Einfach und prägnant. Warum sollte er jetzt gewalttätig werden, außer weil man es von ihm als Wilden erwartet? Queequeg will doch nur Wale töten, so wie wohl die meisten auf der Fähre auch. Als er dann in einer halsbrecherischen Aktion einen Mann über Bord rettet, nimmt man ihn mit Kusshand auf der Fähre an.

Auch diese Passage hat sich als unterhaltsam und vielschichtig erwiesen. Das mit dem Sich-kurz-fassen schaffe ich hoffentlich in der nächsten Woche – jetzt habe ich keine Zeit mehr für Kürzungen, der Tag war lang und die Woche zu kurz. Ich hoffe ihr seht es mir nach!