Irischer März: Endstand

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Nach 31 Tagen bin ich Irland schon deutlich näher gekommen. 4 Bücher und 3 Filme habe ich kennen gelernt oder mir noch mal vorgenommen. Leider bin ich in meinem Irischen März nicht zu all den Büchern und Filmen gekommen, die ich gerne ausprobiert hätte, daher habe ich am Ende dieses Beitrags eine kleine Wunschliste angehängt. Hier kann man noch meinen Zwischenstand lesen, in dem ich über Brooklyn, Dubliner und Die Melodie des Meeres berichte. Neu dazugekommen sind:

 

paul murray skippy diesPaul Murray: Skippy Dies

Mit diesem Buch bin ich nicht richtig warm geworden. Irgendwie konnte ich keine Verbindung zu auch nur einer der Figuren aufbauen. Dabei war die Geschichte selbst eigentlich nicht schlecht oder schlecht geschrieben. Sie dreht sich um mehrere Schüler und Lehrer eines altehrwürdigen Jungencollege in Dublin, ihre Probleme und Hoffnungen. Selbst die immer wieder auftauchenden Exkurse in die Astrophysik (eine Figur ist ziemlich nerdig), die mich auch begeistert, haben da nicht geholfen.

 

Ian Sansom: Bücher auf Rädern

ian sansom bücher auf rädernDiesen Roman habe ich zufällig in der minibib entdeckt und mitgenommen. Nicht, weil ich besonders viel von der Geschichte erwartet hätte, sondern weil ich ein Buch brauchte, das man schnell durchlesen kann. Kennt ihr das Gefühl? Ich war vorher an einigen dickeren Büchern verzweifelt und wollte ein Erfolgsgefühl. In Bücher auf Rädern wird ein englischer Bilbiothekar zum Detektiv wider Willen, nachdem alle Bücher seines neuen Jobs (eine kleine Gemeindebibliothek) verschwunden sind. Ich würde es niemandem empfehlen, denn es eignet sich weder als komische Lektüre noch als Detektivgeschichte. Aber schnell lesen konnte ich es doch und hat damit seinen Zweck erfüllt.

 

Philomena (2013)

Philomena DVDZu Judy Dench kann ich einfach nicht Nein sagen 🙂 Der Film behandelt eine wahre Geschichte, in der die katholische Kirche alles andere als christlich dasteht. Viele ledige Schwangere kamen im Irland der Fünfziger und Sechsziger in Klöstern unter. Ihre Kinder wurden ihnen aber weggenommen und verkauft, meist in die USA. Auch als viele Mütter später nach ihren verlorenen Kindern suchten, tat die Kirche alles, um ihre Schicksale zu vertuschen; den ebenfalls suchenden Kindern versuchte man ebenfalls, das Interesse an den Müttern auszutreiben. Eine von ihnen, Philomena Lee, macht sich mit der Hilfe eines verbitterten Journalisten auf die Suche nach ihrem Sohn Anthony.
Leider war sich der Film nicht sicher, wie viel Humor die Story vertragen würde, und das merkt man. Keiner der Witze war wirklich lustig. Mir wäre lieber gewesen, man hätte auf diese Versuche verzichtet, denn abgesehen davon war der Film nicht schlecht und die Geschichte hat mich echt wütend gemacht. Die Beziehung zwischen Philomena (Judy Dench) und dem Journalisten Martin Sixsmith (Steve Coogan) ist vielschichtig und beide Schauspieler verstehen es, das Interesse an den Figuren aufrecht zu erhalten.

 

James Joyce: Ulysses (Hörspielfassung, SWR 2012)

Nachdem ich Dubliner abgebrochen hatte, habe ich mir den Ulysses vorgenommen, den ich bereits gelesen hatte und auch diese Hörspielfassung kannte ich bereits. Sie wurde zuerst am Bloomsday 2012 in einem 24-stündigen Marathon im Radio ausgestrahlt. Es ist eine fulminante Umsetzung mit tollen Stimmen und wohl die bestmögliche Verkörperung des Joyce’schen Epos. Denn im Buch hat man es in jedem Kapitel mit anderen Erzählstilen und Motiven zu tun. Das Buch ist schon vollkommen schräg, und das Hörspiel ist es definitiv auch. Ohne Kenntnis des Buches hätte ich aber wohl Probleme mit dem Verständnis bekommen, denn zum Teil wird es schon arg experimentell. Andererseits ging es mir mit dem Buch damals auch so: ein WTF-Moment nach dem anderen.

 

Was bleibt: Eine irische Wunschliste

Zu einigen Filmen und Büchern bin ich in der kurzen Zeit noch nicht gekommen. So erweist sich Sing Street als Dauerbrenner in unserer Bibliothek und alle DVDs sind entliehen. Was sehr für den Film spricht, den ich im Kino leider verpasst habe. Darin geht es um eine Schülerband in Dublin, um das Erwachsenwerden. Ein anderer musikalischer Film ist The Commitments, den ich dank RoM doch noch sehen will (@RoM: The Matchmaker gibt es leider bei uns nicht 🙁 ).

An Utterly Impartial History of Britain hatte ich als potenzielle Lektüre ins Auge gefasst, da das Buch auf meinem SuB liegt und der Autor Ire ist. Ich habe es aber nicht eilig damit gehabt und mich eher auf irische Geschichten konzentriert und darum dieses auf Großbritannien fokussierte Sachbuch darum außer Acht gelassen.

Zuletzt möchte ich noch einmal The Secret of Kells ansehen, den ersten Film der Leute hinter Melodie des Meeres und einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Von dem ich hier noch gar nichts berichtet habe. Das muss ich auf jeden Fall ändern!

 

Honorable mentions

Es ist ja nicht so, dass ich vorher noch keine irischen Filme und Bücher gekannt hätte 🙂 Hier also eine handvoll Empfehlungen:

Filme

Albert Nobbs: Glenn Close in der Rolle ihres Lebens. Albert ist Butler in einer der ersten Adressen Dublins im 19. Jahrhundert. Doch Albert ist eigentlich eine Frau.

Once: Sehr traurig-schöne Independent-Produktion um einen Straßenmusiker und eine polnische Immigrantin, die füreinander geschaffen sind; doch sie hat einen Mann in der Heimat zurückgelassen.

The Wind that shakes the Barley: Achtung, nichts für Zartbesaitete! Ich habe beim Schauen einen Heulkrampf und echten Hass auf die Briten bekommen. Allerdings auch ein vielschichtiges Portrait des Irischen Unabhängigkeitskrieges; etwas Vergleichliches habe ich noch nicht gesehen.

Shadow Dancer: Um mal etwas Nordirisches zu nennen 🙂 Auch hier geht es um die IRA, auch dies ist ein finsterer Film. Es geht um eine junge Frau in den 1990ern, die zur Informantin des MI5 wird, um ihren Sohn zu schützen. Die Spirale aus Gewalt wird zur hoffnungslosen Pattsituation für alle Beteiligten.

Bücher

Das Gespenst von Canterville: Da Oscar Wildes Meisterwerk um den ewig jugendlichen Mr. Gray sowieso jedem irgendwie bekannt ist, empfehle ich die Erzählung um ein Gespenst, das eine amerikanische Familie einfach nicht zu erschrecken vermag. Erstaunlich lustig und herzerwärmend.

Raum: Noch so ein Buch, das wahrscheinlich eh schon jeder kennt. Falls nicht: Lesen! Emma Donoghues Kurzgeschichtensammlung „Kissing the Witch“ sieht auch interessant aus, ich bin aber selbst noch nicht dazu gekommen, und es gibt leider keine deutsche Übersetzung.

Dracula: Noch mal Basiswissen für Popkultur. Doch das Buch ist die Lektüre wert, denn es experimentiert mit verschiedenen Erzählmedien von Tagebuch bis Gedächtnisprotokoll und einige Szenen jagen auch heute noch Schauer über den Rücken.

Neuzugänge 2017/I: Starke Frauen, der ferne Osten und ein bisschen Magie

Einige schöne und spannende neue Bücher sind in diesem Jahr in mein Regal eingezogen. Natürlich will ich euch von ihnen erzählen, auch wenn ich fast noch nichts gelesen habe!

 

Rejected Princesses

rejected princessesDieses Buch startete als Kickstarter-Projekt und versammelt Frauen aus der Weltgeschichte, die als Disney-Prinzessinnen keine Chance hätten, weil viel zu bad ass! Begleitet werden die kurzen Texte von Disney-artigen Illsturationen. Die meisten der Frauen kenne ich tatsächlich nicht, aber unter anderem habe ich Ada Lovelace wiedererkannt. Ein spannendes Projekt, zu dem es auch ein Blog gibt mit vielen weiteren faszinierenden Frauenfiguren!

 

Christopher Priest: The Prestige

christopher priest the prestigeSeit Jahren will ich dieses Buch lesen! Den Film kenne ich inzwischen, aber das Wissen um die Pointe soll mich nicht davon abhalten, diese Lektüre nachzuholen. Es geht um Zauberer, den Beginn des elektrischen Zeitalters und natürlich auch Liebe. Sahnehäubchen: Ich habe erst anhand meiner eigenen Ausgabe herausgefunden, dass es sich um einen Briefroman handelt!

 

Pankaj Mishra: Begegnungen mit China und seinen Nachbarn

pankaj mishra china und seine nachbarnMal was ganz anderes: Dieses Sachbuch hat mich in der Buchhandlung so angestrahlt, dass ich es mitnehmen musste. Es gibt nur wenige Länder, die mich so wütend machen wie das „Große Reich der Mitte“. Daher bin ich der Beschäftigung mit der Lebenswirklichkeit in China immer aus dem Weg gegangen. Diese Bildungslücke suche ich hiermit zu schließen.

 

Irmgard Keun: Kind aller Länder

irmgard keun kind aller länderSchön, dass Irmgard Keun wieder neu entdeckt wird. Das kunstseidene Mädchen gehörte in der Oberstufe zu den erfreulicheren Lektüren im Deutschkurs. Ich bin gespannt, was uns Frau Keun hier zu erzählen hat. Die schöne Hardcover-Ausgabe stammt übrigens von der Büchergilde (und ja, ist noch eingeschweißt).

 

Vegan Grillen

vegan grillenSo ein schön gestaltetes Kochbuch konnte ich nicht außen vor lassen. Noch sind wir nicht dazu gekommen, die Grillsaison zu eröffnen, aber die Rezepte für diesen Sommer stehen fest! Kleines Extra: Einige Desserts und Drinks haben es auch ins Buch geschafft.

 

Noelle Stevenson: Nimona

noelle stephenson nimonaNimona fängt als Sidekick ihres liebsten Bösewichts an und sie hat Talent: Ihre Pläne sind brutaler und schurkiger als die Blackhearts. Sie erregt die Aufmerksamkeit der Behörden, denn als Gestaltwandlerin ist sie eine gefährliche Waffe. Doch wer ist sie wirklich? Nimona, ihr einarmiger Chef und ihr Feind Sir Goldenloin werden in allerlei Abenteuer verwickelt. Ein unwiderstehlich bunter Comic mit einer Fantasy-Welt, in der auch mal der Alarm gegen Einbrecher losgeht oder Breaking News im TV laufen. (schon mit Begeisterung gelesen)

 

Kate Atkinson: Life after Life

kate atkinson life after lifeEin wenig blind bin ich in diesen Roman gestolpert. Ich hatte was im Hinterkopf Richtung „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (einer meiner Lieblingsfilme); es geht um eine Frau, die ihr Leben immer wieder leben kann. Beim Durchblättern wird klar, dass es hier jede Menge Berührungen mit dem Zweiten Weltkrieg zu geben scheint.

 

Tad Williams: Otherland 1. Stadt der goldenen Schatten

tad williams otherlandUnd ein Nachzügler, der es nicht mehr auf’s Gruppenfoto geschafft hat 🙂 Otherland will ich tatsächlich schon lesen, seit es auf Deutsch erschien! Die Cover haben mich sehr fasziniert und mich des öfteren von meiner Tolkien-Lektüre abgelenkt, denn die Reihe erscheint, genau wie Der Herr der Ringe, in der Hobbit-Presse. In meiner ersten Ausgabe war Werbung für die dicken Bände von Tad Williams, den ich inzwischen bereits auf anderem Wege kennen gelernt habe.

Habt ihr eines meiner neuen Bücher vielleicht schon gelesen und könnt es empfehlen? Ich freue mich jedenfalls bereits über jedes einzelne und werde darüber berichten!

Irischer März Zwischenstand

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Der Monat ist schon wieder halb vorbei – Zeit für einen Zwischenstand zum Irischen März! In Vorbereitung für meinen kommenden Sommerurlaub und weil die Iren im März ihren Nationalheiligen Patrick feiern, beschäftige ich mich zurzeit mit den irischen Autoren auf meinem Regal. Weil ich ein bisschen kränkele und nicht so viel zum Lesen komme, habe ich das Projekt auf Filme ausgeweitet. Wieso habe ich nicht gleich daran gedacht! (Wer mitmachen will, ist weiterhin dazu eingeladen :))

Bisher habe ich in diesem Monat gesehen/gelesen:

Brooklyn (2015)

Eilis sucht ihr Glück in Amerika, doch ihr Herz ist noch in der Heimat. Schöner ruhiger Film von dem Schmerz, ins Exil zu gehen und nirgendwo mehr richtig daheim zu sein. Zeitweise dachte ich, der Film geht in eine ganz böse Richtung, dem war aber zum Glück nicht so. Das Buch von Colm Toíbín hab ich übrigens nicht gelesen; ich hatte schon mehrfach gehört, der Film sei besser, und die erstaunliche Saoirse Ronan lasse ich mir nicht entgehen. Der Film erwies sich auch unerwartet als tauglich für meinen Lieblingsadmin, der sich zu Beginn des Films zu mir setzte und am Ende selbst ein wenig erstaunt war, bis zum Schluss geblieben zu sein.

James Joyce: Dubliner

Dubliner ist eine Kurzgeschichtensammlung, in der es um Bewohner der irischen Hauptstadt geht. Weit bin ich mit diesem Buch nicht gekommen. Schon nach der ersten Geschichte war klar: Ich will lieber den Ulysses noch mal lesen. Denn die Pointe (sofern es eine gab) habe ich nicht begriffen. Von daher verbringe ich lieber noch mal Zeit mit meiner alten Hassliebe als mit neuen Geschichten von Joyce. Den Ulysses nehme ich mir für die zweite Monatshälfte vor, diesmal aber nicht in Buchform, sondern als Hörspiel. Mehr dazu nächstes Mal.

Irischer März: Brooklyn, Skippy dies, Song of the Sea

 

Die Melodie des Meeres (2014)

Von diesem Kinderzeichentrikfilm habe ich hier bereits geschwärmt. Inzwischen bin ich stolze Besitzerin der Blu-Ray-Ausgabe und habe den Film erneut gesehen. Es gibt wohl keine bessere Möglichkeit als die Filme Tomm Moores, um sich auf Irland einzustimmen. Irische Folklore trifft hier auf Zeichnungen, in die man einfach versinken will. Die Melodie des Meeres richtet sich dabei an ein junges Publikum; das Erstlingswerk Moores, Das Geheimnis von Kells, bleibt sicherlich mein Lieblingsfilm aus dem bisher nur diese beide Feature-Filme umfassenden Werk. Hoffentlich kommen noch viele Filme hinzu!

Paul Murray: Skippy dies

Mit diesem Buch bin ich leider noch nicht sehr weit gekommen. Viel passiert ist also noch nicht, aber es ist düsterer als ich erwartet hatte. Die Jungs in dem Buch nehmen Drogen und einer der Lehrer scheint in einer destruktiven Beziehung gefangen zu sein. Etwas deprimierend also, aber bisher erstaunlich fluffig zu lesen mit ironiegeladenen Dialogen.

 

Könnt ihr irische Autoren oder Filme empfehlen? Oder vielleicht etwas anderes, das mich auf Irland einstimmen könnte?

Gaby Wood: Edison’s Eve

Gaby Wood Edison's Eve
„Die Suche nach mechanischem Leben“ heißt der Untertitel dieses Sachbuchs, in dem die Journalistin Gaby Wood einem sehr speziellen Thema nachgeht: Seit Jahrhunderten versuchen wir, mit den uns gegebenen Mitteln den Menschen nachzubauen, teils um uns selbst zu verstehen, teils um uns zu einem Erschaffer aufzuschwingen. In Edison’s Eve stellt die Autorin Automaten seit dem 18. Jahrhundert vor, die menschliche (und tierische) Fähigkeiten nachahmten und so ihre Zeitgenossen in Erstaunen versetzten.

 

Ich bin wirklich zwigespalten, was dieses Sachbuch angeht. Einerseits fasziniert mich das Thema sehr, sowohl die Automaten als auch die Philosophien dahinter. Andererseits hatte das Buch leider einige Schwächen.

In jedem Kapitel geht es um einen anderen Erfinder. Dabei wird relativ weit im biografischen Werdegang ausgeholt, aber den jeweiligen Automaten auch viel Raum gewährt. Die Verbindung von Erfindung und Philosophie ging mir oft nicht weit genug; oft bleibt es bei Andeutungen und einzelnen Sätzen. Ein weiteres grundsätzliches Problem mit der Darstellung in Buchform ist, dass die Funktionsweise der Erfindungen durch Beschreibungen verständlich gemacht werden muss. Selbst ein Schaubild wäre schwierig gewesen, da es ja um bewegliche Objekte geht. An der Stelle wünscht man sich fast einen Film.

Die Highlights

Schachautomat Türke RacknitzZwei Kapitel haben mir besonders gefallen: In einem geht es um einen der wohl bekanntesten Automaten, den Schachtürken.
Dieser stellte sich zwar nach einigen Jahrzehnten als Fälschung heraus, da er von einem Menschen im Inneren gelenkt wurde, aber seine unheimliche Fähigkeit, eine explizit menschliche Tätigkeit, das Schachspielen, nachzuahmen, hat viele Zeitgenossen zu Theorien angestachelt, wie das sein könne. Es bestand der kollektive Wunsch, dass es sich um einen echten Automaten handele, dass das Wunderding wie magisch Schachmeister und Könige besiegte. In dem Kapitel kam also auch der Wunsch nach dem Magischen, nach der unerklärlich zum Leben erweckten Mechanik, zum Ausdruck.

Le Voyage dans la luneDas andere Kapitel drehte sich um Georges Méliès, dem Erfinder des Films als narratives Medium. Zwar ist auch das schon Grenzterrain des Themas, aber auch hier geht es um das Erschaffen von Leben, nur eben auf der Leinwand. Natürlich hat Méliès (im Gegensatz zu den Brüdern Lumière) Film vor allem für das Magische, nicht Reale verwendet, aber viele seiner Tricks beziehen sich auf Möglichkeiten des menschlichen Körpers: In seinen Filmen verselbständigen sich Köpfe, Menschen verschwinden in einer Rauchwolke oder schrumpfen und Statuen erwachen zum Leben. Insofern war dieses Kapitel nachvollziehbar, aber vor allem als Méliès-Fan habe ich mich darüber gefreut.

Kein glorreiches Finale

Was mich andererseits wirklich etwas enttäuscht hat, ist das letzte Kapitel: Anstatt den logischen Schritt zu modernen Forschungen rund um künstliche Intelligenz zu gehen, macht Gaby Woods etwas komplett anderes und schwer nachvollziehbares: Das letzte Kapitel gilt den Dolls, einer Familie von Kleinwüchsigen, die in den USA durch Shows und Filmrollen (unter anderem in Freaks) zu Bekanntheit gelangten. Während die Objektifizierung von Zwergwüchsigen und ihre Fetischisierung als lebende Puppen noch am Rande zum Thema passt, war mir das Kapitel eher weit hergeholt und uninteressant im Kontext dieses Buches.

So bleiben die im Vorwort angesprochenen Visionen in Blade Runner und realeren modernen Beschäftigungen mit künstlichem Leben und künstlicher Intelligenz in diesem Buch leider unkommentiert.

Carol Rifka Brunt: Tell the Wolves I’m Home

Carol Rifka Brunt Tell the Wolves I'm Home Cover
Als Junes Onkel stirbt, verliert sie ihren einzigen wirklichen Freund. Nur in Gesellschaft des bekannten Malers konnte sie sie selbst sein. Ihre Schwester gibt sich unbeteiligt, sie hat die enge Beziehung zwischen June und Finn immer neidisch beäugt. Die Mutter hegt einen alten Groll gegen ihren toten Bruder, über den sie nicht sprechen kann, genausowenig wie über die mysteriöse Krankheit, an der er starb. Und dann ist da noch der fremde Mann, der für Finns Tod verantwortlich sein soll, als ungebetener Gast auf der Beerdigung auftaucht und heimlich Kontakt zu June aufzunehmen versucht …

 

Wahrscheinlich habe ich mich noch nie so sehr in einem Buchcharakter wiedergefunden wie in June Elbus. Dabei haben June und ich äußerlich nicht viel gemeinsam: In ihrem Alter war ich eher mager, ich war auch nicht in einen Verwandten verliebt oder bin in den Achtzigern aufgewachsen. Aber ich weiß, wie es ist, in den Wald zu gehen und sich vorzustellen, man sei in einer anderen Zeit. Ich kenne das Gefühl, sich wie ein Fremdling unter Menschen vorzukommen, schüchtern zu sein.

The worst thing is the stupid hopefulness. Every new party, every new bunch of people, and I start thinking that maybe this is my chance. That I’m going to be normal this time. A new leaf. A fresh start. But then I find myself at the party, thinking, Oh, yeah. This again.

Allein deshalb schon hat mir Carol Rifka Brunt mit ihrem Debütroman aus der Seele gesprochen. Es sind aber die Beziehungen zwischen den Figuren des Romans, die diesen so real und brillant machen. Niemand hier ist perfekt, sondern benimmt sich auch mal daneben. Dies könnte schnell „out of character“ wirken, aber im Gegenteil funktionieren die Charaktere so erst richtig gut als vollständige Persönlichkeiten.

Auch die Rivalitäten zwischen June und ihrer Schwester Greta fand ich sehr überzeugend, wenn auch meist auf traurige Art. Denn Greta gilt als das Wunderkind der Familie, auf dem die Erwartungen der Eltern lasten. So hält jede Schwester die andere für das Glückskind.

Die Panik rund um die noch eher unbekannte Krankheit AIDS und die unglaublichen Vorurteile, die daraus entstehen konnten, haben mich beim Lesen richtig wütend gemacht. Auch darin war der Roman sehr überzeugend, so hatte ich mir diese Zeit vorgestellt: Ein bisschen Weltendstimmung und die daraus resultierende Suche nach Schuldigen, das alles zu dem Soundtrack von 99 Luftballons.

Ich bin also schwer begeistert von Tell the Wolves I’m Home und musste mich zurückhalten, es nicht direkt ein zweites Mal zu lesen. So steht der Roman mit Sicherheit auf der Liste meiner Lieblingsbücher 2017. Meine einzige Frage ist: Warum gibt es von diesem wunderbaren Buch keine deutsche Übersetzung?!