Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Baba Dunjas letzte LiebeIch hatte keine Ahnung, worauf ich mich mit Alina Bronskys Roman einlassen würde. Ich hatte nur Gutes darüber gehört, also lieh ich es bei Gelegenheit als Hörbuch, gelesen von Sophie Rois, aus.

Baba Dunja ist die erste, die nach dem Reaktorunglück in ihr Heimatdorf Tschernowo zurückkehrt. Bald folgen andere, doch aus Baba Dunja wird eine Berühmtheit über die Todeszone hinaus. Die resolute Alte hat mit Ruhm aber nichts am Hut, sondern nimmt an, was ihr das Leben bietet: Ein kleiner Garten, verkorkste Nachbarn und vor allem eine Enkelin in Deutschland, die sie noch nie gesehen hat.

Außerdem begleiten Baba Dunja die Geister ihrer Vergangenheit: Mit ihrem verstorbenen Ehemann spricht sie ebenso wie mit dem dahingeschiedenen Hahn der Nachbarin.

Bis heute wundere ich mich jeden Tag darüber, dass ich noch da bin. Jeden zweiten frage ich mich, ob ich vielleicht eine von den Toten bin, die umhergeistern und nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass ihr Name bereits auf einem Grabstein steht. Einer müsste es ihnen sagen, aber wer ist schon so dreist.

Alina Bronsky zeichnet hier ein warmherziges Portrait einer „unrussischen“ (Bronskys Worte in einem Interview) Seniorin, die ihr altes Leben komplett hinter sich gelassen hat und sich keine Vorschriften machen lässt. Die Reaktorkatastrophe spielt in ihrem Leben kaum eine Rolle. Nur, wenn sie mit einem Pinsel ihre Tomaten selbst bestäuben muss oder wenn sie, um in die Stadt zu gelangen, zwei Stunden zur nächsten Bushaltestelle laufen muss. Aber die paar Unannehmlichkeiten sind kaum der Rede wert, denn dafür muss Baba Dunja nicht in einer Mietwohnung in der Stadt leben und bleibt ihr eigener Chef.

Baba Dunja war mir sofort sympathisch, sie kommt gut allein zurecht. Ihr weicher Kern ist gut verborgen, tritt aber doch im Verlauf der Geschichte zutage. Auf der Hälfte des Buches nimmt die Geschichte eine wahrhaft unvorhergesehene Wendung, an die ich mich nicht ganz gewöhnen konnte. Doch auch weiterhin blieb sich Baba Dunja treu. Sophie Rois liest mit schnodderiger, knarziger Stimme und erweckt die alte ‚Grande Dame wider Willen‘ zum Leben.

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