Ernest Hemingway: Paris. Ein Fest fürs Leben

Hemingway ParisIch bin hin und hergerissen, was Hemingway betrifft: Seine Prosa war mir zu spröde, während seine Geschichten mich immer faszinierten. Seine Frauenfiguren waren unausgegoren und allzu klischiert, doch die Protagonisten Mikrokosmen der Komplexität.
Obwohl Paris: Ein Fest fürs Leben als Erinnerungstext nicht dieselben Probleme für mich bereithielt, war es doch wieder mal ein typisches Hemingway-Leseerlebnis.

Die Liste der Dinge, die bezaubernd und spannend fand, ist lang: Seine exzellenten Beobachtungen über die Parser Jahreszeiten; wie er sich an ein Thema nähert und den Leser teilhaben lässt; sein unverhohlener Abscheu gegenüber einigen Autoren war einfach köstlich fies; seine Verwunderung über die eigene Loyalität zu F. Scott Fitzgerald; die Schilderungen über die literarischen Cafés und Bekanntschaften mit anderen Literaten der Zeit; Reminiszenzen an Hungertage, an denen er den Hunger zu einer Inspirationsquelle erhebt, um ihm einen Sinn zu geben.

Dieses Buch liest sich auch viel leichter als Hemingways Romane. Er erzählt leichtfüßig und transportiert so ein Lebensgefühl, das vielleicht konstruiert ist, aber so gut zu unserem Bild von Paris zu dieser Zeit passt. Denn es ist ganz eindeutig, dass Hemingway sich hier äußerst positiv darzustellen versucht und unangenehme Themen umgeht. Da fallen eigene Unzulänglichkeiten unter den Tisch. Was genau zwischen ihm und Stein zu Unfrieden führte? Natürlich Frau Steins Wankelmut und ihre Überheblichkeit.
Auch schildert Hemingway nonchalant, dass er sein Kind von der Katze bewachen lässt, um ausgehen zu können. Zuguterletzt beschreibt er seinen Ehebruch, als wäre er ohne sein Zutun geschehen und unausweichlich gewesen. Ja klar, Hemingway, Ehebrecher wider Willen, du konntest nicht nein sagen, du warst das Opfer gnadenloser Verführung … So konstruiert Hemingway, sehr clever allerdings, so nahtlos, als habe er sich diese Geschichte so auch immer selbst erzählt, ein Bild des jungen, unbescholtenen Schriftstellers mit hohen Ambitionen und klaren Vorstellungen.

Als Portrait von Paris und der literarischen Szene dort in den Zwanzigern ist das Buch weit mehr geeignet als als Portrait Hemingways. Schön zu lesen war es aber unbedingt. Ich bin froh, das nun endlich getan zu haben.

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Baba Dunjas letzte LiebeIch hatte keine Ahnung, worauf ich mich mit Alina Bronskys Roman einlassen würde. Ich hatte nur Gutes darüber gehört, also lieh ich es bei Gelegenheit als Hörbuch, gelesen von Sophie Rois, aus.

Baba Dunja ist die erste, die nach dem Reaktorunglück in ihr Heimatdorf Tschernowo zurückkehrt. Bald folgen andere, doch aus Baba Dunja wird eine Berühmtheit über die Todeszone hinaus. Die resolute Alte hat mit Ruhm aber nichts am Hut, sondern nimmt an, was ihr das Leben bietet: Ein kleiner Garten, verkorkste Nachbarn und vor allem eine Enkelin in Deutschland, die sie noch nie gesehen hat.

Außerdem begleiten Baba Dunja die Geister ihrer Vergangenheit: Mit ihrem verstorbenen Ehemann spricht sie ebenso wie mit dem dahingeschiedenen Hahn der Nachbarin.

Bis heute wundere ich mich jeden Tag darüber, dass ich noch da bin. Jeden zweiten frage ich mich, ob ich vielleicht eine von den Toten bin, die umhergeistern und nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass ihr Name bereits auf einem Grabstein steht. Einer müsste es ihnen sagen, aber wer ist schon so dreist.

Alina Bronsky zeichnet hier ein warmherziges Portrait einer „unrussischen“ (Bronskys Worte in einem Interview) Seniorin, die ihr altes Leben komplett hinter sich gelassen hat und sich keine Vorschriften machen lässt. Die Reaktorkatastrophe spielt in ihrem Leben kaum eine Rolle. Nur, wenn sie mit einem Pinsel ihre Tomaten selbst bestäuben muss oder wenn sie, um in die Stadt zu gelangen, zwei Stunden zur nächsten Bushaltestelle laufen muss. Aber die paar Unannehmlichkeiten sind kaum der Rede wert, denn dafür muss Baba Dunja nicht in einer Mietwohnung in der Stadt leben und bleibt ihr eigener Chef.

Baba Dunja war mir sofort sympathisch, sie kommt gut allein zurecht. Ihr weicher Kern ist gut verborgen, tritt aber doch im Verlauf der Geschichte zutage. Auf der Hälfte des Buches nimmt die Geschichte eine wahrhaft unvorhergesehene Wendung, an die ich mich nicht ganz gewöhnen konnte. Doch auch weiterhin blieb sich Baba Dunja treu. Sophie Rois liest mit schnodderiger, knarziger Stimme und erweckt die alte ‚Grande Dame wider Willen‘ zum Leben.

Von Rotsichtigen, Immigranten und anderen Menschen auf der Suche

Zukunftsvisionen und Bebildertes sind der rote Faden dieser Rückschau. So richtig in Leselaune bin ich nicht gewesen, daher habe ich einige Bücher aus der Comicabteilung geliehen.
Leider kann ich im Moment keine Fotos machen, weil meine Kamera nicht zuhause ist 🙂 Nächstes Mal dann wieder mit Bild.

Jasper Fforde: Grau

„Grau“ ist der erste Band in der Eddie Russett-Reihe von Jasper Fforde. Seine verrückten Ideen kannte ich bereits aus „Der Fall Jane Eyre“, doch in dieser Science Fiction hat er sich selbst übertroffen. In der Zukunft ordnet sich die Gesellschaft in Kasten, die auf Farbsicht basieren. Eddie, nicht besonders intelligent, führungstreu und mit exzellenter Rotsicht, kommt in die Randgebiete als Strafe für ein minderes Vergehen. Und von da an entfaltet sich das Chaos. Genial. Leider existiert bis heute keine Fortsetzung, die weitere Fragen des Romans aufklären könnte. Es sind aber weitere Bände in Planung.

Shaun Tan: Ein neues Land

Dieses wortlose Comic von Shaun Tan schafft es in wundervollen Bildern, einem die Hilfosigkeit zu vermitteln, die Immigranten empfinden, wenn sie ein neues Land zu ihrem Zuhause machen. Die Hauptfigur lässt Frau und Kind zurück und reist in ein fernes, seltsames Land, wo er versucht, sich den Gegebenheiten anzupassen und Arbeit zu finden. Er begegnet anderen Einwanderern, die von ihren Erlebnissen berichten. Eine wunderbare Geschichte, die mich zu Tränen gerührt und mein Verständnis für Exilanten vermehrt hat.

Marjane Satrapi: Huhn mit Pflaumen

Nachdem ich Persepolis so toll fand, wollte ich unbedingt mehr von Marjane Satrapi lesen. „Huhn mit Pflaumen“ ist ebenfalls autobiographisch angehaucht: Erzählt wird die Geschichte von Nasser Ali, einem entfernten Verwandten Marjanes, der eines Tages beschließt, zu sterben. Die Gründe dafür scheinen auf der Hand zu liegen, doch die Wahrheit erfährt man erst ganz am Ende. Der Aufbau der Geschichte und die Dramatik haben für mich leider nicht wirklich funktioniert, unter anderem weil ich Nasser Ali von Anfang an nicht ausstehen konnte und die Auflösung der Geschichte zu konventionell fand. Nur ein Aspekt ging mir wirklich nahe: Dass Nasser Ali die Liebe seines ihm so unähnlichen Sohnes zu ihm ganz falsch einschätzt (mehr zu sagen wäre ein Spoiler).

Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage

Ich denke, ich bin mal wieder die letzte, die dieses Buch noch nicht kannte. Wirklich schönes, eher ruhiges Buch über das Leben nach dem Ende der Zivilisation. Es geht um die Sehnsucht nach dem Unwiederbringlichen und um versteckte Verbindungen zwischen Menschen. Und lasst euch nicht in die Irre führen, weil der Roman von vielen als SciFi beschrieben wird: Das ist er nicht. Und auch ohne umfangreiche Shakespeare-Kenntnisse kommt man auf seine Kosten.

Brian Selznick: Die Entdeckung des Hugo Cabret

In diesem Fall ist die Wirklichkeit magischer als die Fiktion. Die schönsten Dinge an diesem Roman sind die, die tatsächlich existieren: Georges Méliès, das Wunder des Films und der Maillard-Automat (der Schreibautomat). Die Zeichnungen und Figuren dagegen fand ich nicht so ansprechend.

Sarah Kuttner: Mängelexemplar

Sarah Kuttner: MängelexemplarMeine beste Freundin hat mir dieses Buch mit unerwarteter Begeisterung in die Hand gedrückt. Ich: Kurzer Blick auf die Dicke des Buchs, Größe der Schrift – keine allzu großer Zeitfresser. „Na gut, ich werde es lesen.“ – Ich habe nicht gerade Luftsprünge gemacht. Üüberraschend habe ich das Buch dann in einem Rutsch gelesen.

Die Hauptfigur und Erzählerin in diesem Roman ist Karo, die mir nichts, dir nichts in eine Depression schlittert. Sie schildert, was die Depression ausgelöst hat und ihren Kampf mit Panikattacken, Suizidgedanken und Antriebslosigkeit. Karo ist eine bissige Type mit großer Klappe und liefert so den Humor, der das Thema Depression nicht nur erträglich macht, sondern in einen unterhaltsamen Ton wickelt. Zum Glück macht Kuttner aus der Kombination Krankheit und Humor keine Depri-Comedy (wie die Verfilmung andeutet).

Allerdings hat mich die zweite Hälfte dann etwas enttäuscht: denn da fällt der Roman leider ins typische Frauenroman-Schema, das im Buch selbst in seiner besseren Hälfte veräppelt wird – Eigentor, Frau Kuttner. Plötzlich geht es viel mehr darum, Karo an den Mann zu bringen, da Frau scheinbar ohne Mann nicht glücklich sein kann. Ah ja.

Also, vielleicht bin ich da überkritisch, aber die Moral „Frau ohne Mann = komplettes Chaos. Frau mit Mann = Erfolg“ gefällt mir so überhaupt nicht.

Insgesamt hat mir das Buch trotzdem gefallen. Karo war als Figur schwierig, aber trotzdem liebenswert und damit gerade komplex genug für die rund 260 Seiten. Und das Thema Depression wird einfach viel zu selten aufgegriffen, wenn man mal bedenkt, wie viele Menschen an verschiedenen Varianten leiden. Da ich selbst nicht unter einer Depression leide, aber liebe Menschen in meinem Umfeld, finde ich jeden Annäherungsversuch an das Thema wertvoll. Auch wenn Sarah Kuttner die Depression nur aus Beobachtungen an anderen schildert. Und wenn das dann auch noch nicht in diesem pseudoverständnisvollen Mitleidston geschieht, sondern als unterhaltsame, kurzweilige Geschichte, dann ist das wenigstens nicht verkehrt.

Fazit: Ich spreche eine halbe Leseempfehlung aus, für die erste Hälfte. Den Umbruch merkt man deutlich; mir scheint es fast, als hätte Kuttner ursprünglich diesen Text eingereicht und hat diesen dann um die zweite Hälfte ergänzen müssen, weil sich Novellen so schlecht verkaufen ….