Wozu #readwomen? Warum wir mehr Frauen lesen sollten

Immer noch sind Frauen im Literaturbetrieb benachteiligt. Was das bedeutet und wie tief das Problem sitzt, will ich hier beschreiben. Aber keine Angst, es gibt eine einfache Möglichkeit, etwas gegen diese Ungerechtigkeit zu unternehmen: Ihr müsst bloß mehr Frauen lesen!

Beispiel 1: Covergestaltung

Meg Wolitzer schrieb 2012 in der New York Times über die Diskriminierung von Autorinnen allgemein. Wenn ihr keinen Elan fürden langen Essay habt: Der Part über Buchgestaltung beginnt unter dem zweiten Beitragsbild. Die Illustrationen allein sprechen schon Bände.

Beispiel 2: „Frauenthemen“

Dana Buchzik fasst es in der Welt prägnant zusammen: „Wenn Frauen über Liebe schreiben, platzieren Kritiker sie in die Kitschecke, bei Männern gilt das als besonders einfühlsam.“  Wenn Frauen über Gefühle schreiben, werden sie nicht ernst genommen, weil sie nur als gefühlsduselige Fräuleins wahrgenommen werden. Schreiben Männer darüber, werden sie schnell gelobt.

Buch mit Flieder zwischen den Seiten: Frauen lesen Kitsch, Frauen schreiben Kitsch?
Flieder im Buch: Kann nur was Romantisches sein? (Quelle)

Autorinnen greifen nicht selten zu männlichen Pseudonymen, um ihre Bücher besser zu vermarkten. Berühmtestes Beispiel unserer Zeit ist wohl J. K. Rowlings nom de guerre Robert Galbraith, eine Entscheidung, die die Autorin mit dem Sexismus der Branche begründete. Übrigens stehen auf den Harry Potter Bänden nur Initialen, weil der Verlag der Meinung war, das Buch würde sich schlechter verkaufen, wenn die Zielgruppe (Jungs) sähe, dass eine Frau sie geschrieben hatte (zum Beispiel hier nachzulesen).

Eine ganz andere Richtung hat Daniela Thiele eingeschlagen, die unter dem Namen Nicolas Barreau Romanzen veröffentlicht, die sich gezielt an Frauen richten. Teil der Strategie ist das Foto eines romantisch anmutenden jungen Manns, das man in jedem Roman Barreaus findet und das die Autorfigur verbildlichen soll.

Beispiel 3: Frauen und Literaturpreise

Wie bereits der in Beispiel 2 zitierte Welt-Artikel zeigt, sind Frauen bei der Vergabe von Literaturpreisen im Nachteil. Etwas genauer hat sich Autorin Nicola Griffith mit dem Thema Frauen und literarische Anerkennung auseinander gesetzt. Ihre Statistiken berücksichtigen auch die Erzählperspektive (weibliche, männliche sowie gemischte). Sie hat mehrere bekannte Literaturauszeichnungen unter die Lupe genommen. Es zeigt sich: Weibliche Perspektiven sind weitestgehend unerwünscht.

Beispiel 4: Frauen im Feuilleton

Bücher von Autorinnen werden auch signifikant seltener in den (von männlichen Journalisten dominierten) literarischen Zeitschriften und Feuilletons besprochen. Hier ist als Beispiel die letzte Erhebung der VIDA, eines Vereins, der sich gezielt mit der Rolle von Frauen in Kunst und Kultur auseinandersetzt. Zu sehen ist die Verteilung von Buchbesprechungen von Büchern von Frauen versus Büchern von Männern in der New York Times Book Review:

VIDA Count
© VIDA

Die einfache Lösung des Problems ist: Mehr Frauen lesen. Kaufkraft ist eine deutliche Stimme im kapitalistischen System: Eine simple Frage von Angebot und Nachfrage. Damit sagen wir den Verlagen und Feuilletons deutlich, was wir wollen. Aber das ist natürlich nur ein kleiner Schritt. Ich bin in jedem Fall für Aufklärung: Informiert euch, bildet eure eigene Meinung und schafft auch bei anderen Bewusstsein für die Situation.

10 Gedanken zu “Wozu #readwomen? Warum wir mehr Frauen lesen sollten

  1. Ich finde das auch ziemlich frustrierend und gerade das, was Dana Buchzik schreibt, ist mir auch schon öfter aufgefallen. Die Illustrationen zur Buchgestaltung in der New York Times bekomme ich leider nicht angezeigt.
    Ich möchte allerdings nicht unbedingt bewusst noch mehr von Frauen lesen. Bei mir ist es so, dass es sich relativ die Waage hält (alles in allem lese ich etwas mehr Bücher von Frauen als von Männern) und es würde dann also darauf hinauslaufen, dass ich bewusst auf Bücher von Männern verzichten müsste, auch wenn sie mich interessieren. Ich werde also wohl weiter so lesen wie bisher und einfach eine Mischung beibehalten (die sich bei mir eigentlich von selbst ergibt).

    Das Problem dürfte, nach dem was ich bisher im Umfeld und auch im Lehrgang so mitbekommen habe, vor allem sein, dass viele Jungs und Männer prinzipiell keine Bücher von Frauen lesen wollen. Da müsste man meiner Meinung nach vor allem ansetzen – aber wie, das ist die Frage.

    1. Das erstaunt und irritiert mich, da ich selbst keine Vergleichmöglichkeit habe. Dieser Fakt ist mir neu und ich verstehe nicht, woher das kommen könnte. Daher fällt mir auch keine Lösung ein. Das ist ja echt schlimm. Aber mal ehrlich: Was diese Verweigerer alles verpassen!

  2. Vielen Dank für den interessanten Post und die ebenso interessanten Links.
    Mir fällt auch häufig auf, wie wenige Frauen auf den Listen wichtiger Literaturpreise stehen oder auch an „ernsthafter“ Stelle besprochen werden. An der mangelnden Qualität kann’s eigentlich nicht liegen, auch wenn erst vor wenigen Wochen die Veranstalter des „Grand Prix d’Angoulême“ damit argumentierten. Eigentlich sollte man meinen, dass sich was geändert hätte, seit Charlotte Brontë als Currer Bell publizieren musste.
    Umgekehrt finde ich es aber auch eine Zumutung, was als „Frauenliteratur“ vermarktet wird – anzunehmen, dass Frauen sich vor allem für seichte Liebesromane interessieren, ist mindestens unverschämt. Auch wenn es sicher mehr Frauen gibt als Männer, die Sparks lesen, finde ich den Begriff doch schwierig. Und was ist denn dann Männerliteratur?
    Ich selbst achte nicht bewusst darauf, ob die Bücher, die ich lese, von Männern oder Frauen geschrieben wurde. Unterbewusst vielleicht, das kann natürlich sein. Eigentlich aber wähle ich Bücher nach Themen aus und damit steht es dieses Jahr bisher 5:3 für die Männer.

    1. Es ist für Frauen wie für Männer diskriminierend, von „Frauenliteratur“ zu sprechen. Allein die Tatsache, das es keine klare Vorstellung von „Männerliteratur“ gibt, scheint mir ein Zeichen dafür zu sein, dass der Begriff Frauenliteratur irgendwie abwertend ist.
      Ich bin durch einen Artikel zum Thema auf den Gedanken gekommen, mal auf das Geschlecht der Autoren zu achten, die ich lese. In 8 von 10 Fällen waren es Männer. Was an und für sich nicht schlimm ist, aber da es genauso gute und wichtige Literatur von Frauen gibt und einige meiner Lieblingsbücher von Frauen geschrieben wurden, versuche ich jetzt für’s Erste, gezielt mehr Frauen zu lesen.

  3. Die „Frauenliteratur“ haut ja letztendlich in dieselbe Kerbe wie „Frauenzeitschriften“. Der anhaltende Erfolg scheint der Sparte Recht zu geben, schwierig finde ich den Begriff dennoch. Es schwingt einfach mit, dass die Publikationen nicht so richtig ernst zu nehmen sind. Ein bisschen Diät, Shoppen, Kuchen backen. Was Frauen halt so machen.
    Kennst Du den Blog der Bücherphilosophin? https://buecherphilosophin.com/
    Dort werden (bis auf den Quotenmann) ausschließlich Bücher von Autorinnen vorgestellt.

  4. Sehr interessant! Bis jetzt hatte ich, zumindest auf den Blogs, eher das Gefühl, dass Bücher von Frauen in der Überzahl sind. Ich merke aber auch, dass ich doch eher Männer lese, was im Bereich der Klassiker ja schon fast normal ist. Irgendwie springen einen die männlichen Autoren regelrecht an. Ich habe aber auch herausgefunden, dass es gerade die Romane von Frauen sind, die mich emotional mehr ansprechen. Hier ist mein Beitrag dazu: http://derbuchsalon.blogspot.de/2015/06/was-statistiken-uber-mich-verraten.html

    Den Begriff „Frauenliteratur“ finde ich ehrlich gesagt nicht abwertend. Dass Liebesromane nunmal nicht unbedingt Must-Reads der Männer sind, finde ich schon nachvollziehbar. Dass Frauen dafür gerne auch mal darin versinken, finde ich dagegen auch legitim. Ebenso den Begriff der „Frauenzeitschriften“ – für mich gibt es ja auch eindeutig „Männerzeitschriften“. Ich kann mit der Cosmopolitan nun mal mehr anfangen als beispielsweise mit einer Autozeitschrift oder dem Playboy (auch wenn es hier natürlich auch umgekehrt sein kann, das wird ja nicht ausgeschlossen).

    Dass Jungs von Autorinnen abgeschreckt werden, finde ich schade, zumal jetzt das Beispiel „Harry Potter“ ziemlich geschlechtsneutral ist, da der Bereich der Fantasy für alle Geschlechter ansprechend ist.

    Literaturpreise (und Preise im Allgemeinen) sind aber, meiner Meinung nach, eh irgendwie auf gewisse Weise elitär. Da glaube ich auch, dass Frauen mehr beachtet werden sollten. Wie tief das Problem reicht, war mir tatsächlich bisher noch nicht klar.

    1. Problematisch an den Begriffen finde ich vor allem, dass sie eine durch Geschlecht identifizierbare Zielgruppe implizieren. Klar finden sich viele darin wieder, und dagegen ist auch rein gar nichts einzuwenden. Aber gerade um die Männer, die vielleicht doch mal was Romantisches oder einfach nur Leichtes lesen wollen, tut es mir leid. Und ich kenne Jungs, die im Kino weinen. Dafür sollte sich keiner schämen müssen; leider wird Männern das Leben in dieser Hinsicht sehr schwer gemacht. Andererseits impliziert es auch, dass Frauen gefühlsduselig und für „richtige“ Literatur zu dumm sind. Von den Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren, die sich hier überhaupt nicht wieder finden, mal ganz zu schweigen.
      Dass Literaturpreise, so wie die meisten Preise (gerade wieder bei den Oscars zu verfolgen), etwas an der Realität vorbeigehen, ist ja nichts Neues. Es ist nur ein weiterer Faktor, der uns zeigt, wie ungerecht die Branche immer noch ist. Und dass wir Leser uns darüber meist nicht mal bewusst sind… Hier ist Aufklärung (im Kant’schen Sinn, auch wenn der von Frauen nicht viel hielt) nötig.

      1. Ich verstehe was du meinst, sehe das aber nicht ganz so kritisch. Um erfolgreiches Marketing zu betreiben, muss man sich über die Zielgruppe bewusst werden. Da ist es also klar, dass der geringe Prozentsatz, der auch zu Büchern und/oder Zeitschriften greift, der auf den ersten Blick nicht der Zielgruppe angehört, nicht repräsentiert wird. Allerdings scheinen dann ja die Inhalte, die geliefert werden, trotzdem ansprechend zu sein – und es ist ja nicht verboten, als Mann Frauenzeitschriften zu kaufen und umgekehrt. Ebenso wie ich denke, dass ein Mann, der gerne Liebesschnulzen schaut oder im Kino weint, dass auch tut – so habe ich es erlebt und davon gehe ich auch aus. Genauso kenne ich Frauen, die sich sehr für „männerlastige“ Dinge interessieren und das auch offen und gerne tun, sich dadurch sogar ein wenig von der Masse abheben. Ich glaube, wenn man wirklich hinter dem eigenen Tun steht, erscheinen solche, ich sage jetzt bewusst „banalen“, Begrifflichkeiten nicht problematisch. Aber gut, da kommt es eben auch darauf an, wie man das selbst erlebt hat, heutzutage wird sehr vieles sehr kritisch gesehen, was einerseits gut ist, weil es Aufmerksamkeit schafft, andererseits kriege ich manchmal von Problemen mit, die in meinen Augen keine sind. Was ich manchmal höre, was schon als „sexistisch“ angesehen wird, kräuselt mir manchmal die Zehennägel hoch! Ich plädiere da für ein gesundes, zielorientiertes Mittelmaß.

        1. So habe ich das auch nicht gemeint. Ich führe Begrifflichkeiten und Co nur als Beispiel dafür an, wie ungleiches Denken immer noch verankert ist. Ich bin auch dagegen, unser Vokabular aufzuräumen und alles Problematische ersatzlos zu streichen; so kann man nur am Ende über nichts Wichtiges mehr reden.
          Es hindert natürlich niemanden am Lesen romantischer Bücher, wenn die Frauenliteratur heißen (wobei…); aber es ist Ausdruck eines Denkens, das weder angebracht noch zeitgemäß ist.

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