Haruki Murakami: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

Nach langer Zeit kann ich über einen Murakami mal wieder sagen: Ja, den fand ich wirklich gut. Ironischerweise ist es ein ganz alter. Hier treffen zwei rätselhafte Welten aufeinander, aus denen abwechselnd erzählt wird. Der Clou: Beide Teile erklären sich nach und nach gegenseitig.

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt Die namenlose Hauptfigur der Geschichte lebt in einem Tokio, das zwar eindeutig in den Achtzigern zu verorten ist, aber in dem gleichzeitig ein Datenkrieg ausgebrochen ist, an dem drei Interessengruppen teilnehmen und in den besagte, namenlose Figur ungewollt immer weiter verwickelt wird. Diese Teile spielen in Hard-boiled Wonderland statt, und die Atmosphäre entspricht dem Pulp-Genre genauso wie der unambitionierte Protagonist.

In den anderen Kapiteln, in Das Ende der Welt, lebt dieser in einem abgeschiedenen Städtchen, in dem es seine Aufgabe ist, jeden Tag so viele alte Träume aus Einhornschädeln zu lesen wie nur möglich. Vor Einzug in die Gemeinde wurde ihm sein Schatten abgetrennt und keiner der Einwohner hat eine Seele. Vor den Toren der Stadt leben Einhörner.

Vor den Augen des faszinierten, wenngleich leicht irritierten Lesers entfaltet sich ein actionreicher wie philosophischer Text, in dem man nur eines nicht erwarten darf: Klare Antworten. Alles bleibt mehrfach deutbar, die Teile scheinen sich aufeinander zu beziehen, tun es aber nie explizit.

Murakamis Hauptthemen sind in Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt die Beschaffenheit der Realität und die Frage, ob perfektes Glück existieren kann. Als Linguistin haben mich auch Überlegungen zu Kommunikation und Sprache fasziniert. Dabei gibt es keine eindeutige Lösung der Konflikte. Es wird nicht alles erklärt.

Die typischen, sonst nervigen Murakami-Klischees haben in dem Noir-Setting Sinn ergeben und waren dadurch eher erträglich. Vor allem seine unsäglich platten Frauenfiguren, die scheinbar nur zur Befriedigung männlicher Triebe existieren, und Darstellungen von und Gedanken zu Erotik empfinde ich immer wieder als diskriminierend und verstörend. In Hard-boiled Wonderland fügen sich diese Klischees aber in das heraufbeschworene Genre.

Am Ende bin ich vor allem fasziniert von den ganzen ungelösten Rätseln, von den Denkansätzen und dem Erfindungsreichtum des magischen Realisten Murakami. Streckenweise fühlte ich mich in einen Roman von Kafka versetzt, dann wieder war ich bei Ellroy und eine Seite weiter bei Borges oder William Gibson. Dies ist kein Buch für den Strand, es verwirrt durch doppelte Böden und Fallnetz. Es ist ein dickes, verzwicktes Buch. Aber eins zum Wieder- und Wiederlesen.

Ein Gedanke zu “Haruki Murakami: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

  1. Klingt gut! Ich hab noch kein Buch von Murakami gelesen („Naokos Lächeln“ steht auf dem SuB), daher kann ich zu den Klischees, von denen du sprichst, nichts sagen. Aber die Autoren, mit denen du das Buch am Ende vergleichst, sprechen mich schon mal sehr an. 🙂

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