Amanda Palmer: The Art of Asking

Amanda Palmer: The Art of Asking. Cover Detail Manche Bücher geben einem Informationen und Zahlen, wie Tiere essen von Jonathan Safran Foer. The Art of Asking vermittelt stattdessen ein Gefühl: Es ist okay. Nimm die Hilfe an. Du darfst fragen. Du darfst auch helfen. Und: Sei du selbst. Das ist vielleicht nicht bahnbrechend oder neu, aber so wohltuend. Ein Memoir über das Geben und Nehmen ist, leider, eine Seltenheit.

Nach Hilfe zu fragen und Hilfe schamlos anzunehmen, ist mir schon immer schwer gefallen. Ich wolllte immer stark und unabhängig wirken, emanzipiert und erwachsen. Dabei ist das irgendwie Quatsch.

Soweit ich beobachten konnte, ist es nicht das Bitte-Sagen an sich, das uns paralysiert – es ist vielmehr das, was dahinterliegt: die Angst, sich verletzbar zu machen, die Angst vor Zurückweisung, die Angst, bedürftig oder schwach zu wirken. Die Angst, der Gemeinschaft zur Last zu fallen, statt sie zu bereichern. Sie ist ein Hinweis darauf, wie abgeschottet voneinander wir leben. (S.27)

Ich fühlte mich ertappt. Und verstanden. Wenn es jedem so geht, welchen Sinn hat diese Angst dann noch?

Amanda schreibt über ihre lebenslangen Erfahrungen mit dem Geben und Nehmen. Sie gibt dabei, wie man bald lernt Amanda-typisch, rückhaltlos ihr Innerstes preis, um zu zeigen, dass es okay ist, Schwäche zu zeigen. Das es heilsam sein kann. Denn auch die Schwäche gehört zu uns, wer sich treu bleiben will, sollte sie nicht verstecken.

Wenn du die Menschen genügend liebst, werden sie dir alles geben.

Zwei Kernpunkte hebt Amanda immer wieder hervor, die für ein gesundes Weitergeben der Gabe nötig sind, also das Erbitten und Erteilen von Hilfe:

  • Zuversicht und Vertrauen: Die meisten Menschen helfen gerne. Ihr sicher auch. Trotzdem haben wir oft Angst, abgewiesen zu werden. Auch als Helfender braucht es das Vertrauen, dass man nicht nur ausgenutzt wird. An einer leider zu kurzen Stelle erinnert Amanda an die introvertierten und scheuen Menschen, die Probleme haben, Vetrauen zu fühlen oder es zu zeigen. Aber sie ist ja auch keine Psychologin und erzählt hier nur ihre eigene Geschichte.
  • Andere wirklich sehen: Als lebendige Statue hat Amanda Momente ungewöhnlicher Nähe mit völlig Fremden erlebt. Es waren die Momente, in denen sie anderen ohne Worte ein Stück ihrer Selbst geben konnte. Um anderen zu helfen oder um Hilfe zu bitten, begibt man sich am besten auf dieselbe Ebene, eine, auf der man einander nicht verurteilt, sondern einfach wahrhaftig sieht und nicht nur ansieht. Sonst kommt sich der Bittende wie ein Bettelnder vor, der Gebende wird zum Vormund. Eine eher unangenehme Situation.

Amanda Palmer: The Art of Asking. MarkerBei all dem hatte ich oft den Eindruck, hier zu viel aus einem fremden Leben zu lesen und teilweise sehr Privates. Einiges war mir sogar leicht unangenehm. Dass Amanda mit Neil Gaiman verheiratet ist, dessen Bücher ich in letzter Zeit praktisch am Laufband lese, hat es nicht leichter gemacht. Während dem Lesen habe ich mir gesagt, dass jedes der geschilderten privaten Details etwas zum Thema des Buchs beiträgt und also eine Daseinsberechtigung hat. Doch im Nachhinein sehe ich auch, wie diese Intimität dem Eindruck entgegenwirkte, von einer Fremden zum Thema Bitten belehrt zu werden. Amanda hat mir das Gefühl gegeben, mit einer Freundin zu quatschen; sie vermittelt den Eindruck, ich könnte sie jederzeit anhauen, wenn es mir dreckig geht. Auch wenn wir uns nicht kennen. Wir waren auf einer Ebene.

The Art of Asking ist nicht perfekt. Es ist ein wenig chaotisch und szenenhaft, aber ich wollte ja auch keine Amanda Palmer Biographie. Auch eine Anleitung bietet das Buch nicht, jedenfalls keine für Verzagte. Einfach rausgehen und machen, heißt die Devise. Auch über das Crowdfunding schreibt Amanda viel, denn für sie ist es eine wirtschaftliche Erweiterung desBittens. Dass ihre spektakulär erfolgreiche Crowdfundingaktion um ein Musikalbum auch kritisch beäugt wurde, zeigt ihr nur einmal mehr, wie sehr wir Bitten und Betteln verwechseln und wie wenig Vertrauen und Wirtschaft im klassischen Sinn zusammenpassen.

Manchmal wollen die Leute einfach nur helfen. Das weiß man aber erst, wenn man sie fragt. (S.332)

Es braucht den Mut, das Risiko eines Neins einzugehen. Denn es gibt keinen Grund, sich dann bloßgestellt zu fühlen. Die Angst vor der Ablehnung zu überwinden geht am besten, indem man sich klarmacht, wie gerne man selbst hilft. Wer gerne gibt, sollte auch nehmen können. Oder wenigstens fragen. Es ist ein Kreislauf, denn irgendwann werden die Rollen vertauscht und du wirst auch jemandem helfen. Auch das ist kein revolutionärer Gedanke, aber er ist uns trotzdem viel zu fremd. The Art of Asking zeigt, was man alles erreichen kann, wenn man nur um Hilfe bittet, wenn Hilfe gebraucht wird.

Aristoteles sagte: Um Kritik zu vermeiden, sage nichts, tue nichts und sei nichts. Ich glaube, das ist der logische Schluss aus Amanda Palmers Memoir: Wer keine Angst hat, er selbst zu sein, der wird auch keine Angst haben, andere um Hilfe zu bitten. Denn dann zeigt er dadurch keine Schwäche, sondern einfach ein Stück seiner Persönlichkeit. Und dieses Gefühl, dass es toll ist, man selbst zu sein, überträgt sich beim Lesen auf den Leser. Ein inspirierendes Buch, das ich gerne weiterempfehle.

2 Gedanken zu “Amanda Palmer: The Art of Asking

  1. Hmm, ich habe eine Freundin, der ich so ein Buch gut schenken könnte. Sie traut sich wirklich seltenst irgendetwas zu fragen und begründet immer, dass sie nichts annehmen will.
    Ihre Familie ist nicht gerade die reichste aber trotzdem fragt sie viel seltener um etwas, obwohl es nie ein Problem wäre…

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