Sigrid Undset: Frau Marta Oulie

Hierzulande kennt man die Nobelpreisträgerin Sigrid Undset wohl vor allem für ihr Mittelalterepos Kristin Lavransdatter. Frau Marta Oulie ist ihr Erstlingswerk und sorgte für einen Skandal, als es 1907 erschien. Der erste Satz zeigt warum: „Ich habe meinen Mann betrogen.

Marta Oulie versucht sich in Tagebucheinträgen ihr Verhalten selbst zu erklären, Gründe dahinter zu erkennen und sich selbst zu analysieren. Die Geschichte entspinnt sich so aus der Retrospektive und als Leser lernt man ihren Mann Otto durch ihre Augen betrachtet kennen. Frau Oulie scheint das perfekte Eheleben zu führen, sie hat einen freundlichen, nachsichtigen Mann und Kinder, die ihr Freude bereiten. Doch genau diese Freude kommt ihr immer mehr abhanden. Marta erzählt sich selbst die Geschichte ihrer Liebe: Wie sie Otto mit einundzwanzig kennenlernte, wie er sie umwarb und sie sich verliebten.

Ich brauchte einen, den ich lieben konnte und der mich liebte – ich brauchte kein Mannsbild, das mich ‚verstand‘. Ach, wie recht hatte ich damals, wenn ich das schnöde, freche Frauenzimmergeschrei nach ‚Verständnis‘ verachtete – solche Frauen wollen nur einen Mann, der bei ihren langweiligen, verdrehten kleinen Gehirnen den Uhrmacher spielt und seine Zeit damit verschwendet, ihre Eitelkeiten zu befriedigen. (S. 30)

Otto ist kein Uhrmacher von Martas Geist, sondern sie führen Gespräche über Gott und die Welt, er respektiert sie als gleichgestellte Persönlichkeit. Zumindest zu Beginn ihrer Beziehung. In ihrem Tagebuch zieht sie nicht nur die Entwicklung ihrer Beziehung von Leidenschaft zu Gewohnheit und alltäglichen Sorgen nach, sondern auch ihre Entwicklung als Frau wird sichtbar. Sie reift in ihren Erkenntnissen und emanzipiert sich, am Rande erfährt man von ihren Umtrieben als Frauenrechtlerin.

Gleich am Anfang erfahren wir auch, dass ihr Mann seit langem lungenkrank im Sanatorium liegt. Krankheit und Ehebruch fallen zusammen, aber Undset beschwört keine Metaphorik à la alttestamentarische Strafe herauf, sondern lässt auch hier Raum für eigene Interpretation. Sie urteilt nicht über ihre Figuren.

Immer wieder kommt das Thema Glaube und Religion ins Spiel und hier gehen Marta und Otto ebenfalls verschiedene Wege: Marta sieht keinen Sinn in der Beichte und glaubt nicht an einen Gott, ihr Mann, der sich dem Tode nahe glaubt, findet durch diese Todesnähe zu seinem Glauben. Auch hier bleibt es dem Leser selbst überlassen, ein Urteil zu fällen.

Insgesamt geschieht nicht viel in dem kurzen Werk; am Ende hat man Marta immer noch nicht ganz zu fassen bekommen, und auch sie gibt am Ende den Analyseversuch auf. Faszinierend ist, wie lebensecht Marta Oulie wirkt. Sie ist so komplex, dass sie auch mal widersprüchlich wird. Zum Beispiel in ihrem Umgang mit Bekanntschaften. Auch wenn sie deren Freundschaft und Güte erkennt, merkt man immer wieder an kleinen Bemerkungen, dass sie sich nie in die kleine ländliche Gemeinde einleben konnte, in die sie durch ihre Heirat geriet. An anderer Stelle gesteht sie, die Damen in ihrer Umgebung hätten einen größeren Einfluss auf sie gewonnen, als ihr bewusst gewesen sei. So kann man Marta durch das Lesen ihres Tagebuchs studieren, ohne sie je ganz zu ergründen.

Trotzdem: Als mitreißend oder spannend kann ich Frau Marta Oulie nicht bezeichnen. Die Erzählung plätschert so dahin und überzeugt mehr durch die Komplexität Martas auf so wenigen Seiten (gerade mal 125). Auch die kontroversen Themen Ehe, Leidenschaft und Gottesfurcht in einem Roman von 1907 wiederzufinden, war spannend und lohnenswert. Darum empfehle ich den kurzen Text nur denen, die sich auch für speziell diese Themen interessieren und vielleicht auf der Suche nach weiblichen Stimmen dazu aus verschiedenen Epochen und Regionen sind. Es war eher lehrreich als unterhaltend, aber langweilig eben auch nicht.

4 Gedanken zu “Sigrid Undset: Frau Marta Oulie

  1. Hm, angesichts der Länge bzw. Kürze könnte ich diesen Text noch auf meine Nobelpreisträgerliste für dieses Jahr setzen. Würde die Chance erhöhen, dass ich die 5 Titel noch schaffe. 😉 Und auch wenn du jetzt nicht so wirklich begeistert von dem Buch warst, neugierig hast du mich mit deiner Rezi doch gemacht.

      1. Ich hab gerade bemerkt, dass das mit dem Lesen von „Frau Marta Oulie“ gar nicht so einfach sein dürfte. Das Buch ist vergriffen und auch bei uns in der Bibliothek nicht erhältlich. Dafür gäbe es „Jenny“, das mir thematisch ähnlich gelagert zu sein scheint. Das hat aber auch 300 Seiten. Hm … dann muss ich wohl mal nach gebrauchten Ausgaben Ausschau halten.

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