Elfriede Jelinek: Die Klavierspielerin

Manche Bücher meidet man. Erst drängeln sich andere Bücher vor, dann häufen sich Zweifel, ob es nicht zu schwere Kost ist. So was verselbständigt sich schnell. Die Klavierspielerin wurde mir von meiner Lieblingsprofessorin ans Herz gelegt. Ihre Lesetipps waren mir Lesebefehle, weil sie es schaffte, ihre Faszination zu transportieren und einen damit anzustecken. Die Klavierspielerin ließ sie anspruchsvoll, aber auch interessant klingen. Doch kurz nach dem Kauf setzte der Zweifel ein: Ein Roman über eine tyrannische Mutter-Tochter-Beziehung und sexuelle Abweichungen?

Vorspulen auf 2015: Das Buch fängt immer noch Staub, der nächste Umzug steht bevor – das nagt am Ego. Das grüne Cover sticht so sehr hervor, dass es mich verfolgt. Es muss endlich gelesen werden. So viel zum Prolog.

Elfriede Jelinek KlaverspielerinErika Kohut lebt, nicht mehr ganz jung, mit ihrer Mutter in Wien. Ihr Leben wird von den Wünschen der Älteren diktiert, die sie als große Pianistin und vor allem stets unter ihrer mütterlichen Obhut sieht. Bald entsteht der Eindruck, da lebten zwei gleich alte Jungfern zusammen. Erika wird als verkümmernde Pflanze geschildert, die sich diesen Verhältnissen angepasst, sich der mütterlich- en Gewalt unterworfen und ihre Individualität aufgegeben hat. Sie lebt in einem engen Korsett aus den Vorstellungen anderer, die sich immer weniger von ihren eigenen unterscheiden lassen.

[D]amit das Kind den Weg durch die Intrigen auch findet, schlägt sie an jeder Ecke Wegweiser in den Boden und Erika gleich mit, wenn diese nicht üben will.

Elfriede Jelinek erzählt dieses Leben in einem zynisch-sachlichen Ton, der abstoßend ist und Ekel vor der Gesellschaft im Allgemeinen und vor dieser manipulativen Mutter-Tocher-Beziehung im Besonderen erregt. Auf verdrehte Weise erinnerte mich die Wortwahl öfters an Erich Kästner oder Tucholsky, nur ohne den Frohsinn, bitter. An den messerscharfen Beschreibungen hatte ich, sprachverliebt wie ich bin, große Freude. Ich war wie hypnotisiert.

Ein großes Thema in Die Klavierspielerin ist die Sexualität. Erika, von der Mutter fast erdrückt und immer unter dem Zwang der Perfektion, kann keine Lust empfinden, weiß mit ihrem eigenen Körper nichts anzufangen. Als einer ihrer Musikschüler beschließt, sie zu erobern, gerät das Konstrukt ihres Lebens aus den Fugen und sie wird direkt mit gut versteckten Wünschen konfrontiert.

Ihr Körper ist ein einziger großer Kühlschrank, in dem sich die Kunst gut hält.

Unter allen Büchern dieses Jahres war dies das schwierigste, unzugänglichste. Es ist keines, das man verschenkt, keines, das man Familienmitgliedern empfiehlt. Es ist eines, das man leise liest. Zu viele Tabus werden darin gebrochen, das Lesen selbst beengt. Dabei würde das Sprechen darüber den im Roman geschilderten Teufelskreis aus Befehl und Gehorsam erst brechen.

Ich bin froh, Die Klavierspielerin nun doch gelesen zu haben. Das Buch wird mir sicher noch lange in unangenehmer Erinnerung bleiben. Manche Bücher sind gerade durch diese Unbequemlichkeit gut.

4 Gedanken zu “Elfriede Jelinek: Die Klavierspielerin

  1. Damit beschreibst du haargenau, wie es auch mir mit Jelinek geht – unzugänglich, unangenehm, aber sprachlich sehr faszinierend. Ich habe von ihr allerdings bislang nur „Gier“ gelesen und kenne von der Klavierspielerin nur die Verfilmung.

  2. Ich hab deine Rezension jetzt bewusst nur quergelesen, weil ich das Buch selbst auch noch lesen möchte – möglichst unvoreingenommen. Aber dass du es als lesenswert erachtest, stimmt mich schon mal zuversichtlich. Bin gespannt, ob es dieses Jahr bei mir noch klappt oder dann erst im nächsten.

    1. Ich habe ja Jahre gebraucht, bis ich in der richtigen Stimmung für das Buch war und würde jedem auch empfehlen, auf den richtigen Moment zu warten. Zu dem hier kann man sich absolut nicht zwingen.

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