buchflimmern goes #fbm15

Die Buchmesse von Frankfurt habe zum ersten Mal 2014 besucht, als ich mit Freunden einen Tag als Besucher dort verbrachte. In diesem Jahr konnte ich als Journalistin mehrere Tage in den heiligen Hallen verbringen. Ziemlich spontan hatte ich mich dazu entschlossen, immerhin stand am Samstag unser Umzug bevor. Ich hatte also weder Visitenkarten noch einen Plan, und auch leider keine Kamera, nur mein Handy. Mit den letzten greifbaren Klamotten fuhr ich also nach Frankfurt und habe ein wenig Verlagsbranche geschnuppert, bin aber vor allem nach Herzenslust an den Ständen entlanggeschlendert.

#fbm15 IndonesienAm Mittwoch traf ich dank der Aktion Bloggerbande, durch die viele Blogger an einem türkisen Band erkennbar waren, Jenny von Tintenträume. Zusammen haben wir den wunderschönen indonesischen Pavillion erkundet und uns Jojo Moyes im Interview angesehen. Ein lustiges Foto von uns gibt’s auch, dank ARD Fotobox. Was soll ich sagen? Der Tag war schnell vorbei.

Märchenhaft: Fotobox-Resultat #fbm15

Der Donnerstag begann mit ebenso fiesem Wetter wie der Tag zuvor, doch das stört wenig, sobald man die gut geheizten Messehallen betreten hat. Angestachelt vom tollen Programm ließ ich mich von Interview zu Interview treiben und habe so viele bekannte Gesichter gesehen. Bei der BBC waren Charlotte Roche und die wunderbare Isabel Allende im Gespräch. Letztere sah ich später auf dem blauen Sofa wieder, wo sie allerdings wesentlich langweiligere Fragen gestellt bekam. Ulrich Wickert sprach in der ARD über seinen neuen Krimi, das Schreiben und natürlich auch ein bisschen über Frankreich und Politisches, wie gewohnt in seiner unaufdringlichen, unter-haltenden Art. Zufällig stolperte ich über Manfred Lütz, der eine Anti-Anleitung für Glück geschrieben hat. Das interessierte mich eher wenig, aber Lütz war ungemein unter-haltsam und auch provokant. So bekomme ich hier die meisten neuen Autoren auf den Schirm, abgesehen natürlich von Covern, die aus der Menge hervorstechen und meine Aufmerksamkeit erwecken. So zum Beispiel Liz Evers‘ Zu jeder Zeit, eine Geschichte der Kalendarisierung der Welt, die ich beim Anaconda-Stand entdeckte. Oder das Bilderbuch Josephine Meerschwein – Freunde sind ein großes Glück; echt süß.#fbm15 schöne Bücher

Am Stand von Leuchtturm 1917 habe ich ein neues Lesejournal entdeckt und konnte sogar ein Rezensionsexemplar mitnehmen! Die Vorstellung folgt in den nächsten Wochen, aber ich kann schon mal verraten, dass es sich rein optisch um ein wahres Schmuckstück handelt.

Der letzte Tag begann endlich mal ohne Regen. Eine ganze Weile verbrachte ich beim blauen sofa, wo ich zuerst Navid Kermani hören konnte, der über sein neues Buch über das Christentum sprach, um dann – ich hatte lange darauf gewartet – Neil MacGregor zu sehen. Er war Leiter des British Museum in London und hat ganz wunderbare Ausstellungen auf die Beine gestellt, die ich meist nur durch begleitende Sendungen in der BBC mitbekam, in denen sich MacGregor als toller Erzähler herausstellte. Mit Enthusiasmus und ganz unpretentiös hat er in diesen Sendungen Geschichten so erzählt, dass selbst eine Speerspitze zu einem Faszinosum wurde und ich viel über meine Heimat gelernt habe. Sein jetzt auf deutsch erschienenes Buch Deutschland – Erinnerungen einer Nation basiert auf seiner letzten Ausstellung und daher empfehle ich es blind, da ich eben bereits die Pdcasts gehört habe. Aber genug der Schwärmerei; wen es interessiert: Die Podcasts sind bei der BBC auf unbegrenzte Zeit herunterladbar und wirklich toll.

Neil MacGregor #fbm15Den Abschluss der Messe erlebte ich auf dem Bloggertreff im Orbanism Space, wo ich viele wunderbare Leute kennengelernt habe. So habe ich Miri getroffen, die erst seit kurzem bloggt, und habe lange mit Su Steiger gesprochen, die sich unter anderem um die PR bei Der kleine Buchverlag kümmert. Auch Doro Martin von Egmont und Silke Hartmann konnte ich hallo sagen. Wenn man erst mal anfängt, lernt man von selbst immer mehr Leute kennen. Zuletzt habe ich lange mit zweien der Mädels von Das Debüt gequatscht. Es war ein lockeres Treffen und hat viel Spaß gemacht. Schade, dass ich praktisch direkt danach los musste.

Und das war in groben Zügen die #fbm15. Dass die iranischen Verlage streikten, da Salman Rushdie die Messe eröffnete, habe ich nur am Rande mitbekommen. Im Vorbeigehen dachte ich, die haben halt ihre Stände noch nicht fertig eingeräumt. Aber nein: Ein Teil war direkt daheim geblieben, die anderen weigerten sich, ihre Bücher auszustellen. Das las ich erst auf der Rückfahrt in der taz. Buchmesse, das kann auch Politik sein. Wer hätte das gedacht?

Rudyard Kipling: Die Dschungelbücher (Hörbuch)

Die DschungelbücherLange war ich verwirrt, ob es nun Das Dschungelbuch oder Die Dschungelbücher heißt, wo der Unterschied ist und ob das Ganze nun für Kinder oder Erwachsene ist. Also: Kiplings Dschungelbuch erschien in zwei Hälften in den Jahren 1895 und 1896, daher die Unterteilung in Erstes und Zweites Dschungelbuch. Bei der gemeinsamen Publikation beider Teile hat sich der Titel Die Dschungelbücher eingebürgert.

Diese Bücher enthalten mehrere teils verknüpfte episodische Geschichten über Mowgli, das Wolfskind. Es gibt auch andere Geschichten wie die über die Robbe Kotick oder den Mungo Rikki-Tikki-Tavi, die gar nicht oder lose in den Mowgli-Kosmos eingebunden sind. Zwischen den Kapiteln gibt es auch noch Gedichte, die häufig Gesänge der Tiere des Dschungels sind. Die Dschungelbücher richten sich nicht speziell an Kinder und sind in großen Teilen auch zu komplex für kleine Leser; aber philosophische Überforderung gehört ja nicht zur schlechten Sorte. Übrigens ist Rudyard Kipling bis heute der jüngste Literaturnobelpreisgewinner (und mit jung ist knapp 42 gemeint).

In the Tahiti Jungle von Tom Moffatt
Bild: Tim Moffatt, CC BY 2.0

Selten war ich so begeistert von einem Hörbuch! Martin Baltscheit hat die zahlreichen sehr unterschiedlichen Figuren richtig zum Leben erweckt und so hatte man mehr das Gefühl eines Hörspiels als eines Hörbuchs. Ich erwähne das direkt am Anfang, weil ich Die Dschungelbücher in Buchform bestimmt nicht halb so toll gefunden hätte. Wie angedeutet gibt es moralische Exkurse, Geschichten in Geschichten und die Gedichte zwischen den Geschichten sind teilweise sehr abgefahren. Da hätte ich mich nur ratlos am Kopf gekratzt und umgeblättert. Baltscheit hat auch ihnen den Singsang des Dschungels eingehaucht, den ich zwar nicht kannte, aber doch erkannte. Wenn das Sinn ergibt. Alles passte so wunderbar zusammen, auch die Vielzahl der unterschiedlichen Geschichten, die oft sehr humorvoll, manchmal aber arg lang waren, fügten sich zu einem fantastischen Flickenteppich, so vielfältig wie ich mir den indischen Dschungel vorstelle. Eine Hörprobe gibt es bei der Hörcompany.

Die Charaktere, in den allermeisten Fällen Tiere, sind sehr komplex und nicht rein vermenschlicht gezeigt. Die Tiere des Dschungels haben eigene Mythen, ein Gesetz und jede Art ihre eigenen Verhaltensweisen. Der Unterschied Mensch-Tier ist weniger präsent als der von Tier zu Tier. Dadurch sind Die Dschungelbücher viel mehr ein Sammelsurium des wahren Dschungellebens (wenn auch immer noch durch die Augen eines Menschen), als ich erwartet hätte. Die Würde, die wir bestimmten Tieren andichten, ist genauso präsent wie ein Humor, den wir Tieren vollkommen streitig machen.

Die Dschungelbücher strotzen gerade durch Baltscheits kongeniale Lesung vor Leben. Ich war vollkommen platt von den ganzen Eindrücken, die ich dem kleinen Hörbuch gar nicht zugetraut hatte. Es steht jetzt, da ich es vorher aus der onleihe hatte, auf meinem Wunschzettel.

Elfriede Jelinek: Die Klavierspielerin

Manche Bücher meidet man. Erst drängeln sich andere Bücher vor, dann häufen sich Zweifel, ob es nicht zu schwere Kost ist. So was verselbständigt sich schnell. Die Klavierspielerin wurde mir von meiner Lieblingsprofessorin ans Herz gelegt. Ihre Lesetipps waren mir Lesebefehle, weil sie es schaffte, ihre Faszination zu transportieren und einen damit anzustecken. Die Klavierspielerin ließ sie anspruchsvoll, aber auch interessant klingen. Doch kurz nach dem Kauf setzte der Zweifel ein: Ein Roman über eine tyrannische Mutter-Tochter-Beziehung und sexuelle Abweichungen?

Vorspulen auf 2015: Das Buch fängt immer noch Staub, der nächste Umzug steht bevor – das nagt am Ego. Das grüne Cover sticht so sehr hervor, dass es mich verfolgt. Es muss endlich gelesen werden. So viel zum Prolog.

Elfriede Jelinek KlaverspielerinErika Kohut lebt, nicht mehr ganz jung, mit ihrer Mutter in Wien. Ihr Leben wird von den Wünschen der Älteren diktiert, die sie als große Pianistin und vor allem stets unter ihrer mütterlichen Obhut sieht. Bald entsteht der Eindruck, da lebten zwei gleich alte Jungfern zusammen. Erika wird als verkümmernde Pflanze geschildert, die sich diesen Verhältnissen angepasst, sich der mütterlich- en Gewalt unterworfen und ihre Individualität aufgegeben hat. Sie lebt in einem engen Korsett aus den Vorstellungen anderer, die sich immer weniger von ihren eigenen unterscheiden lassen.

[D]amit das Kind den Weg durch die Intrigen auch findet, schlägt sie an jeder Ecke Wegweiser in den Boden und Erika gleich mit, wenn diese nicht üben will.

Elfriede Jelinek erzählt dieses Leben in einem zynisch-sachlichen Ton, der abstoßend ist und Ekel vor der Gesellschaft im Allgemeinen und vor dieser manipulativen Mutter-Tocher-Beziehung im Besonderen erregt. Auf verdrehte Weise erinnerte mich die Wortwahl öfters an Erich Kästner oder Tucholsky, nur ohne den Frohsinn, bitter. An den messerscharfen Beschreibungen hatte ich, sprachverliebt wie ich bin, große Freude. Ich war wie hypnotisiert.

Ein großes Thema in Die Klavierspielerin ist die Sexualität. Erika, von der Mutter fast erdrückt und immer unter dem Zwang der Perfektion, kann keine Lust empfinden, weiß mit ihrem eigenen Körper nichts anzufangen. Als einer ihrer Musikschüler beschließt, sie zu erobern, gerät das Konstrukt ihres Lebens aus den Fugen und sie wird direkt mit gut versteckten Wünschen konfrontiert.

Ihr Körper ist ein einziger großer Kühlschrank, in dem sich die Kunst gut hält.

Unter allen Büchern dieses Jahres war dies das schwierigste, unzugänglichste. Es ist keines, das man verschenkt, keines, das man Familienmitgliedern empfiehlt. Es ist eines, das man leise liest. Zu viele Tabus werden darin gebrochen, das Lesen selbst beengt. Dabei würde das Sprechen darüber den im Roman geschilderten Teufelskreis aus Befehl und Gehorsam erst brechen.

Ich bin froh, Die Klavierspielerin nun doch gelesen zu haben. Das Buch wird mir sicher noch lange in unangenehmer Erinnerung bleiben. Manche Bücher sind gerade durch diese Unbequemlichkeit gut.