Juli Zeh: Die Stille ist ein Geräusch. Eine Reise durch Bosnien

Die Stille ist ein GeräuschDas klingt vor allem viel düsterer, als es zu lesen war. Juli Zeh reist trotz aller Widrigkeiten mit ihrem Hund Othello als Begleitung in das von Krieg erschütterte Gebiet, in dem noch keiner so richtig weiß, wie es weitergehen kann. Nur, dass es weitergehen muss und wird.

Ich habe diesen sehr unterhaltsamen Reisebericht mit in den Italienurlaub genommen. Keine schlechte Entscheidung. Denn Juli Zeh beschreibt vor allem aus der Introspektive, versucht, ihre eigenen Gefühle vor Ort zu verstehen. Es geht also meist indirekt um den Krieg, an zwei, drei Stellen werden sogar Vergleiche zu Rom angestellt. Der deutschen Berichterstattung misstrauend, prüft Juli Zeh vor Ort, ob Bosnien existiert und ob man es bereisen kann.

Meine Füße, tastend beim ersten Kontakt mit bosnischem Boden: Alles klar. Trägt. (S.26)

Sie fährt mit ihrem Leihwagen, in Zügen, Bussen und zerrupften Taxis durch das weite Land und ist verwundert, wie normal und gleichzeitig unglaublich alles ist. Bis auf die Granatenlöcher in den Hauswänden und den Minen im Boden des Landes scheint es eine Art Alltag zu geben. Es gibt drei Regierungen und jede Menge militärische Hilfsorganisationen. Die meisten Bewohner tragen schwer an ihren Erinnerungen, machen aber weiter. In diesem Staat gewordenen Paradoxon lebt Juli Zeh eine Weile, ohne seinem Rätsel auf die Schliche zu kommen, doch nahe daran.

Unterschwellig wächst die Angst, irgendwann zu verstehen und nie wieder vergessen zu können, nicht mehr in der Lage zu sein, ins eigene Leben zurückzukehren. (S.94)

Als glossophile Leseratte hat mich Juli Zeh natürlich, ich gebe es gerne zu, auch mit ihrem spielerischen Umgang mit Sprache fasziniert. Da werden bekannte Phrasen vollkommen umfunktioniert oder in neuem Kontext wieder richtig bewusst gelesen. Ein Satz, den ich tatsächlich zweimal lesen musste, beschrieb eine nächtliche Autofahrt:

Wenn die Autoscheinwerfer den Waldrand streifen, wirft dieser Hände voll Vögel in die Luft. (S.244)

Wem das zu viel ist, der wird sich beim Lesen von Die Stille ist ein Geräusch vielleicht ein paar Mal ärgern oder den Kopf schütteln. Ich fand das aber wunderbar und es steht nun fest, dass ich mehr Juli Zeh in meinem Leben brauche. Alles in allem habe ich immer noch kein Basiswissen über Bosnien-Herzegowina vorzuweisen, habe aber ein Gefühl für das Land im Jahr 2001 gewonnen.

3 Gedanken zu “Juli Zeh: Die Stille ist ein Geräusch. Eine Reise durch Bosnien

  1. Ich habe schon einiges von Juli Zeh gelesen (und alles hat mir – mal mehr, mal etwas weniger – gefallen) und ja, manchmal sind mir ihre Metaphern und sprachlichen Bilder schon etwas zu viel geworden. Aber alles in allem ist sie doch eine Autorin, zu der ich immer gerne greife. Ich denke, meine Favoriten sind „Spieltrieb“ und „Corpus delicti“.
    Das von dir rezensierte Buch ist mir bislang noch ganz durch die Lappen gegangen, aber das werde ich mir definitiv mal merken.

  2. Ich habe mir das Buch zu Weihnachten gewünscht , weil meine Tochter einen bosnischen Freund hat,und ich gemerkt habe , daß Bosnien eigentlich ein weißer Fleck bei mir ist ,nach dem Krieg einfach verschwunden.Und ich kann mit eigenen Eindrücken meist mehr anfangen als mit Reiseberichten.Juli Zeh mag ich als eigenständige Denkerin sehr , das Buch mit Essays,“Denn nachts sind es Tiere „, daß ich für die Challenge gelesen habe , fand ich sehr gut.

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