Regalexperiment: Das Chaos hinter der Ordnung

Als ich Anfang Juni ein Experiment mit meinem Regal anstellte, ahnte ich ja noch nicht, welche Schwierigkeiten daraus erwachsen würden. Ja, es ist Zeit für ein weiteres Update zu der Alphabetisierung meiner Regale.

Ob es nun an der Umstellung nach dem Studium, dem bevorstehenden Ortswechsel und damit verbundener Torschlusspanik oder tatsächlich an der alphabetischen Ordnung meiner Bücher liegt, Tatsache ist, dass ich seit Juni kaum noch Bücher von meinem SuB angerührt habe. Von 41 teils gelesenen, teils abgebrochenen Büchern stammen 19 aus meinem Regal. Das ist eine echt hohe Zahl an Ausleihen für mich. In dem Zeitraum habe ich auch (wenigstens gefühlt) mehr Bücher neu gekauft, als in den Monaten und Jahren vorher. So ist mein SuB in letzter Zeit etwas gewachsen statt kleiner zu werden. Jetzt erst wird mir klar, warum das alles: Ich sehe meinen SuB vor lauter Büchern nicht mehr.

Das anfängliche Gefühl von Ordnung und Assoziationsmöglichkeiten weicht leiser Verwirrung: Ach, ein ungelesener Auster? Wo kommt der denn her? Wie viele Bücher hier sind eigentlich noch zu erlebende Abenteuer? Kurz: Ich habe keine Vorstellung mehr von der Menge meiner ungelesenen Bücher. Vorher war alles glasklar, eine Regalhälfte war ungelesen, alles andere kannte ich schon. Wollte ich mir klar machen, wie groß mein SuB räumlich gesehen ist, musste ich mich nur vor besagtes Regal stellen. Jetzt verschwinden die ungelesenen zwischen den anderen Büchern, und so nimmt das Regalexperiment eine unvermutete Wendung. Die Stadtbibliothek freut sich.

Da hier in naher Zukunft ein Umzug bevorsteht (lange geplant, nimmt das Vorhaben endlich reale Züge an), nutze ich die Gunst der Stunde, das ABC wieder durchzurütteln. Ich will meinen SuB zurück. Er hat gewonnen und bekommt in der neuen Wohnung wieder seinen eigenen Platz. In Köln werde ich außerdem erst mal ohne Bibliotheksausweis zurechtkommen. Dann ist der SuB erst mal meine einzige Quelle für Lesestoff. Ich hoffe auf eine SuB-Schrumpfung *Daumen drück*

Damit ist das Regal-Experiment doch noch gescheitert. Doch die Erfahrung war interessant und lehrreich. Und die Moral von der Geschicht‘? Vielleicht bin ich ein visueller Typ, dem eine abstrakte Liste ungelesener Bücher nicht klarmacht, dass er keine weiteren Bücher kaufen sollte. Vielleicht drehe ich einfach nur am Rad, weil ich bald umziehe und noch so viel zu tun ist. Dass ich bei Stress zum willenlosen Konsumenten werde, hatte ich ja schon öfters festgestellt. Auf jeden Fall werde ich in der nächsten Wohnung ein neues, natürlich noch besseres Katalogisierungssystem für meine Bücher ersinnen. Ist doch logisch 🙂

Juli Zeh: Die Stille ist ein Geräusch. Eine Reise durch Bosnien

Die Stille ist ein GeräuschDas klingt vor allem viel düsterer, als es zu lesen war. Juli Zeh reist trotz aller Widrigkeiten mit ihrem Hund Othello als Begleitung in das von Krieg erschütterte Gebiet, in dem noch keiner so richtig weiß, wie es weitergehen kann. Nur, dass es weitergehen muss und wird.

Ich habe diesen sehr unterhaltsamen Reisebericht mit in den Italienurlaub genommen. Keine schlechte Entscheidung. Denn Juli Zeh beschreibt vor allem aus der Introspektive, versucht, ihre eigenen Gefühle vor Ort zu verstehen. Es geht also meist indirekt um den Krieg, an zwei, drei Stellen werden sogar Vergleiche zu Rom angestellt. Der deutschen Berichterstattung misstrauend, prüft Juli Zeh vor Ort, ob Bosnien existiert und ob man es bereisen kann.

Meine Füße, tastend beim ersten Kontakt mit bosnischem Boden: Alles klar. Trägt. (S.26)

Sie fährt mit ihrem Leihwagen, in Zügen, Bussen und zerrupften Taxis durch das weite Land und ist verwundert, wie normal und gleichzeitig unglaublich alles ist. Bis auf die Granatenlöcher in den Hauswänden und den Minen im Boden des Landes scheint es eine Art Alltag zu geben. Es gibt drei Regierungen und jede Menge militärische Hilfsorganisationen. Die meisten Bewohner tragen schwer an ihren Erinnerungen, machen aber weiter. In diesem Staat gewordenen Paradoxon lebt Juli Zeh eine Weile, ohne seinem Rätsel auf die Schliche zu kommen, doch nahe daran.

Unterschwellig wächst die Angst, irgendwann zu verstehen und nie wieder vergessen zu können, nicht mehr in der Lage zu sein, ins eigene Leben zurückzukehren. (S.94)

Als glossophile Leseratte hat mich Juli Zeh natürlich, ich gebe es gerne zu, auch mit ihrem spielerischen Umgang mit Sprache fasziniert. Da werden bekannte Phrasen vollkommen umfunktioniert oder in neuem Kontext wieder richtig bewusst gelesen. Ein Satz, den ich tatsächlich zweimal lesen musste, beschrieb eine nächtliche Autofahrt:

Wenn die Autoscheinwerfer den Waldrand streifen, wirft dieser Hände voll Vögel in die Luft. (S.244)

Wem das zu viel ist, der wird sich beim Lesen von Die Stille ist ein Geräusch vielleicht ein paar Mal ärgern oder den Kopf schütteln. Ich fand das aber wunderbar und es steht nun fest, dass ich mehr Juli Zeh in meinem Leben brauche. Alles in allem habe ich immer noch kein Basiswissen über Bosnien-Herzegowina vorzuweisen, habe aber ein Gefühl für das Land im Jahr 2001 gewonnen.

Bye, bye, Sommer

Vor zweieinhalb Monaten, am 9.7., habe ich hier eine Top 10 der Dinge gepostet, die ich im Sommer machen wollte. Nun ist es offiziell vorbei mit den heißen Tagen, die Nächte werden zusehends länger und die Natur bereitet sich auf den Winter vor. Weil es irgendwie unvollständig wäre, zwar von den Top 10, nicht aber dem Ergebnis meines Sommers zu berichten, kommt hier die teils abgehakte Liste, ein paar Erlebnisse und lockeres Geblubber über einen Sommer, der zu Ende ist.sommer-roma

Ich wollte…
mindestens einmal ins Freibad gehen: Es ist bei dem einen Mal geblieben; dafür war ich aber häufiger in Parks und an der Mosel, halt nur, ohne ins Wasser zu gehen. Und von Rom aus bin ich einen Nachmittag ans Meer gefahren (war aber zu kalt zum Schwimmen). Ist doch auch was.

ein Familienwochenende erleben: Das haben wir sogar zweimal hinbekommen. Ich bin stolz auf uns 😉

eine Radtour an der Mosel machen: Zeitlich war eine mehrtagige Tour nicht mehr unterzukriegen, aber mehrere Tagestouren, auch mal mit Freunden, haben einen schönen Ausgleich dafür geschaffen. Das waren meine letzten Tage als Moselaner, bald bin ich endlich wieder am Rhein heimisch und ich freue mich schon, die Kölner Bucht zu erkunden!

rudern: Das hat gar nicht funktioniert. Um ein Boot aufs Wasser zu bekommen, ist aber schließlich die Terminabsprache aller Beteiligten nötig. Daher ist der Schwierigkeitsgrad hier hoch. Ich freue mich aber darauf, hoffentlich ab diesem Winter wieder regelmäßig auf dem Rhein zu rudern und im KCFW eine neue Rudererhomebase zu finden.

alte Freunde besuchen: Ich kann mich nicht beklagen. Bei ganz vielen Leutchen bin ich untergekommen, wir haben gefeiert, gegessen und auch mal geschwiegen. Außerdem durfte ich eine Hochzeit im Freundeskreis miterleben. So schön. Eine zweite steht auch noch bevor 😀

abends lange draußen sein (ohne zu frieren!): Hatte ich zur Genüge (falls das möglich ist!). In Köln war ich Cocktails schlürfen, an der Mosel spazieren, in Rom Pasta und Eis futtern, und auch den Balkon meiner Ma darf ich zu den besten Schauplätzen der diesjährigen Sommernächte zählen. Da kann man nämlich die Schiffe auf dem Rhein beobachten, was erstaunlich interessant ist. Auch die Yogagruppe am gegenüberliegenden Flussufer sorgte für Unterhaltung.

Geschichte für einen Augenblick lesen: Ein wunderbares Buch! Es hat mich förmlich mit Denkanstößen erschlagen und ich werde es sicher irgendwann wieder lesen.

das nächste Kinosemester mitplanen: Zum Glück kann ich neben der Planung der kommenden Filme sogar noch zum Markt der Möglichkeiten und der O-Woche im Oktober kommen. Das sind Events vor Veranstaltungsbeginn, wo sich das Kino vorstellen und neue Mitglieder erreichen kann. Ein letztes Mal Kasse machen und nachher aufräumen, das wird schon schwer fallen.

die Bib nutzen, solange es geht: Die Unibib kam durch die größere Enfernung etwas kurz. Das macht aber nichts, schließlich habe ich hier große Teile meines Studiums gerne verbracht. Und in der Stadtbibliothek habe ich entliehen, was das Zeug hält.

mal wieder Naturkundeposts schreiben: Geschafft! Um wieder öfter Naturkundliches posten zu können, habe ich auf meinem Laptop einen Ordner angelegt, wo ich alle passenden Fotos direkt reinwerfe. Warum bin ich nicht direkt auf diese Idee gekommen?

 

Ich hoffe, euer Sommer war mindestens genauso bunt und ereignisreich! Jetzt bräuchte es eigentlich eine Top 10 für den Herbst, aber es reicht für heute, denke ich. Außerdem bin ich noch gar nicht in Herbststimmung, auch wenn das Wetter sich sehr ins Zeug gelegt hat, diese heraufzubeschwören. Ihr etwa?

Warum das Leben wie ein Buch ist

Gerade wieder gefunden in meinen Entwürfen: Nicht mehr ganz aktuell, da ich das erwähnte Buch bereits ausgelesen habe, aber dennoch.

Ich lese gerade Geschichte für einen Augenblick von Ruth Ozeki, ein Buch, das zum Nachdenken anregt wie selten etwas.
Das Buch dreht sich vor allem um das Thema Zeit und spielt mit Konzepten, Metaphern und Vorstellungen davon, während es eine Geschichte von zwei sehr unterschiedlichen Frauen erzählt. Ruth findet am Strand das Tagebuch von Naoko. Während sie es liest, versucht sie parallel, online Beweise für Naokos Geschichte zu finden.

Und hier ist das, was mich erst irritierte und jetzt berührt: Ruth blättert niemals vor, um mehr Informationen über Naoko zu bekommen, um leichter an Hinweise im Netz zu gelangen. Stattdessen hält sie sich dogmatisch an die Struktur eines Buchs und liest linear.

„Das Leben ist wie ein Buch. Jeden Tag blättert das Schicksal eine Seite um.“
Dieser und ähnliche Sprüche wird auf Tassen, Untersetzer oder Postkarten gedruckt und überall ver- und gekauft.

Aber auch in Geschichte für einen Augenblick findet man diese Denkart in Ruths Verhalten wieder: Zeit empfinden wir als eine lineare Bewegung, die sich nicht ändern lässt. Man kann nicht an einen späteren Zeitpunkt springen, sondern muss sich auf die Erinnerungen und Erfahrungen verlassen, die man bisher gesammelt hat.

Das gleiche tut Ruth, wenn sie Naos Tagebuch nicht als Datenquelle, sondern als schriftlich fixierte Zeitlinie begreift, ohne jemals vorzublättern. Im eigenen Leben vorzugreifen, zum Beispiel, indem man zur Wahrsagerin geht, wäre damit ein mega Spoiler.

Ich mag diesen Gedanken. Vielleicht ist es auch nur Chaos, aber das geht mir gerade durch den Kopf.

Nebenbei ein echt tolles Buch.  😉

Naturkunde: Natternkopf

Spaziergang am PetrisbergNeulich am Wegesrand…
Bei einem Spaziergang in den Trierer Weinbergen (bei dem mir leider nur mein Handy als Kamera zur Verfügung stand) bin ich immer wieder auf eine lila Staude gestoßen, die mir gut gefiel. Auch die Bienen und Schmetterlinge hatten großes Interesse an der robust wirkenden Pflanze.

Es ist ein Verwandter des Vergissmeinnicht, der Gewöhnliche Natternkopf oder Blauer Heinrich (Echium vulgare), der mir da auffiel. Wie er zu diesem Namen kam, bleibt mir ein Rätsel, aber auch in Österreich gibt man dem Blümchen gerne Männernamen wie Starrer Hansl oder Stolzer Heinrich, oder auch Himmelbrand. Nu ja.Natternkopf

Ich hatte ja insgeheim auf ein Heilkraut gehofft oder eine nette Erweiterung für den Garten, aber beides ist eher umstritten. Essen kann man die Blätter, aber sie sind haarig, da wäre ich nicht so begeistert.

Am Weinberg hat sich der Heinrich übrigens so wohl gefühlt, weil dort die Erde so trocken und steinig ist; wers also doch mal im Garten versuchen will: Bisschen Sand untermischen. Den Winter schafft der Natternkopf nicht in vollständigem Rückzug unter die Erde, sondern durch Verkleinerung. Also gibt es auch im Winter einige Knospen, wenn auch nichts Weltbewegendes. So eine Pflanze nennt sich übrigens Hemikryptophyt. Nach zwei Jahren ist aber Schluss.

NatternkopfImker nutzen die zuckrige Pflanze (25% Zucker im Nektar) ganz gerne als – Achtung – Trachtpflanze, also als Nutzpflanze auf der Bienenweide. Was die heilende Wirkung angeht, habe ich unterschiedliches gelesen: Einerseits, dass der Natterkopf praktisch nicht für Heilzwecke verwendet wird und keine nennenswerte Wirkung hat; dem entgegen steht die Rezeptliste für unterschiedlichste Wehwehchen, die es unter heilkraeuter.de gibt.

Insgesamt also viele verschiedene Meinungen zum Natternkopf. Ich bin jedenfalls ein bisschen schlauer geworden und werde bestimmt noch bei so manchem Spaziergang auf Heinrich treffen.