Beowulf

beowulfHeldenepen haben einfach etwas für sich. Ich liebe die Übertreibungen, die zu einer guten Kampfszene schon vor Jahrhunderten einfach zum guten Ton gehörten, und die ehrenhaften Helden, die ach so toll und ach so bescheiden daherkommen und allen ein Beispiel sind.

Deshalb (und natürlich auch als ewige Tolkienleserin) war klar, dass ich irgendwann einmal den Beowulf lesen würde, das älteste englische Langgedicht. Natürlich habe ich nicht das altenglische Original gelesen, davon versteht man praktisch nichts. Stattdessen machte ich mich kundig und griff zuletzt zu der vielgelobten Übersetzung ins moderne Englisch von Seamus Heaney (der ein irischer Dichter war). In der zweisprachigen Ausgabe konnte ich mich dennoch ab und zu am O-Ton versuchen und Vergleiche anstellen.

Beowulf ist der mächtigste gautische Krieger, der dem Dänenkönig Hrothgar zu Hilfe kommt, als in dessen Reich ein Schatten sein Unwesen treibt. Im Lauf der Geschichte kämpft Beowulf gegen drei immer stärkere Gegner, während er selbst älter wird. Eine im Vergleich zu anderen Heldenepen, die ich kenne, nachdenkliche und zurückhaltende Geschichte wird hier erzählt.

Natürlich geht es hier aber auch ordentlich zur Sache: Da wird einem Monster schon mal der Arm ausgerissen (mit bloßen Händen!), um einen Beweis für den Sieg über das Biest zu haben. Und es gibt eifersüchtige Krieger, denen Beowulf klug und ehrenhaft begegnet. Überhaupt war Beowulf vor allem das: Ein Musterbeispiel an Ehre und Benimm, an dem Kerl war kein Fehler zu finden. Außer vielleicht, dass er selbst keine Hilfe annehmen kann…

Auf Charakterisierungen sollte man in solcherlei Texten nicht hoffen. Die Namen sprechen da noch am ehesten. Beowulf zum Beispiel heißt Bienenwolf, eine Art poetische Umschreibung für Bär. Solche Wortspielereien finde ich super; Heaney nennt weitere Beispiele in seiner Einleitung (oder war es der Anhang?). Seine Übersetzung war übrigens fantastisch. In der Einleitung beschreibt er, wie er langsam zu einem Konzept kam, dass ihn auch selbst von dem Vorhaben der Übersetzung überzeugte. Das war wirklich spannend und ich finde, das Gedicht hat genau den Erzählton, den Heaney erreichen wollte: Als könne er von einer besonders kernigen Sorte von Iren vorgelesen werden. Beowulf war mehr Spaß und weniger Arbeit als ich erwartet hatte; zumindest in dieser englischen Übersetzung hat es Freude gemacht, das Epos zu lesen.

4 Gedanken zu “Beowulf

  1. Guten Morgen Sam,
    das ist sehr, sehr spannend! Ich finde es toll, dass du dich an den Beowolf getraut hast. Das ist doch vom Format her vergleichbar mit der Niebelungensage, oder?
    LG
    loralee

    1. Ja, beides sind Versepen. Aber die Nibelungen sind viel martialischer und haben mehrere Protagonisten. Das ist teilweise sehr verwirrend. Beowulf ist sowohl, was die Figuren angeht, als auch die Story, wesentlich mehr straightforward. Wenn du die Nibelungen gelesen hast, dann ist Bowulf ein Klacks.

      1. Interessant! Die Niebelungen stehen seit gefühlt 100 Jahren in meinem Regal. Über die ersten paar Seiten bin ich nie gekommen. Wie du sagst: verwirrend. Vielleicht sollte ich erst Beowolf lesen und mich dann an die Niebelungen wagen.
        I

  2. Latha math, Sam.
    „Beowulf and Grendel“ – ich erinnere mich noch an die Englischstunden, in denen wir uns sprachlich der Story annahmen. Nicht in Versen, nur in einer Nacherzählung, aber es ging um die Mythologie dahinter.

    So besehen könnte man/frau den Krieger der Gauten auch als prä-arthurianischen Ritter, ohne Runde Tafel ansehen.
    Rein spontan vermute ich ja, daß die alten Angelsachsen sich den Plot direkt von den Nordmännern ausgeliehen haben, als die ihre „Handelsbeziehungen“ auf der Insel pflegten.

    „For never there is good in any evil – unless is there done.“
    (Samaire O’Boinor)

    bonté

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