Hermann Hesse: Klingsors letzter Sommer

Klingsor BuchKlingsors letzter Sommer erzählt von den letzten Bildern, die Klingsor, ein fiktiver Maler, in Italien malte. Er ist gefangen zwischen Lebensgier und Lebensmüdigkeit und dem Verlangen, ein perfektes Bild zu malen, das nicht einfach nur die Natur nachahmt, sondern sie perfekt abbildet, ihr Innerstes wiedergibt.

Typisch Hesse. Klingsor ist eindeutig ein alter ego des getriebenen Künstlers. Wie Klingsor lebte Hesse einige Zeit in Italien, wo er, wie Klingsor, sich von einer schwierigen Beziehung zu einer Frau erholte. In dem warmen Land fand Hesse neue Kraft, neue Liebe und schrieb Klingsors letzter Sommer.

Sprachlich hat mir die Erzählung gut gefallen: Der Text strotzt vor Farbadjektiven und synästhetischen Beschreibungen und überhaupt wird man mit vielen visuellen Eindrücken versorgt.

Sommer hauchte heiß über den Berg, Licht floß senkrecht herab, Farbe dampfte hundertfältig aus der Tiefe herauf.

Hesse, der selbst auch gemalt hat, hat die Weltanschauung des Malers Klingsor meisterhaft zu Papier gebracht. Was ich in diesem Büchlein aber weniger nachvollziehbar fand, war Klingsors wechselhaftes Wesen. Die ganze Geschichte ist eine Orgie aus Farben, Eindrücken und Gefühlen, fast wie ein impressionistisches Gemälde.

Klingsors letzter Sommer bietet einige (scheinbar Hesse-typische) Motive: Der Zusammenhang von Tortur und Kunst, das Verzweifeln an dem Wandel der Zeit und das Leben im Augenblick, ein paar fernöstliche Anklänge und viel Wein und Weib. Besonders ein Absatz über Zeit hat mir gefallen und verkörpert für mich Klingsors unersättliches Gemüt:

Gott im Himmel, so viel tausend Dinge warteten, so viel tausend Becher standen eingeschenkt! Kein Ding auf der Erde, das man nicht hätte malen müssen! Keine Frau in der Welt, die man nicht hätte lieben müssen! Warum gab es Zeit! Warum immer nur dies idiotische Nacheinander, und kein brausendes, sättigendes Zugleich?

Das Ende der Erzählung hat mich sowohl an Lenz von Georg Büchner als auch an Das Bildnis des Dorian Gray erinnert.



Klingsor malt ein Selbstporträt, in dem er es scheinbar schafft, sich wahrhaft abzubilden, ohne rein photographisch vorzugehen. Er bringt sein Wesen auf die Leinwand. Danach erscheint er grau, als sei sein ganzer Lebenssaft in das Bild geflossen. Im Vorwort heißt es, er sei wenige Wochen danach gestorben, dies sei sein letztes Bild gewesen.

Wirklich gefallen hat mir die Erzählung leider nicht, Narziß und Goldmund, das ich letztes Jahr gelesen habe, war da irgendwie besser nachzuvollziehen. Die Themen sind ähnlich, aber geordneter, weniger rauschhaft.

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Und damit sind 2 von 8 gelesen

2 Gedanken zu “Hermann Hesse: Klingsors letzter Sommer

  1. Schade, dass dich der Roman nicht so ganz überzeugen konnte. Bei mir wars mit Hesse auch immer ein wenig ein Auf und Ab, wobei ich „Klingsors letzter Sommer“ noch nicht gelesen habe. Bisher dachte ich ja, es würde sich da um denselben Klingsor handeln wie im Sängerkrieg auf der Wartburg, aber da war ich wohl ganz auf dem Holzweg. *hüstel*

    1. Zum Glück waren es nur wenige Dutzend Seiten, sodass ich die ganze Erzählung lesen konnte, ohne durch Langeweile Herzstillstand zu erleiden 😉

      Laut Wikipedia ist Klingsor so eine Art deutscher Merlin. Die Liederhandschrift habe ich nicht gelesen; wird Klingsor da auch wie ein Magie rbeschrieben? Vielleicht, weil er so übersinnlich gut vorträgt? Der Hesse’sche Klingsor entpuppt sich auch als eine Art Magier der Leinwand. So weit hergeholt ist der Gedanke also nicht, aber es ist nicht dieselbe Figur. Ich wusste zum Beispiel gar nichts vom einem Klingsor, weil ich keinen der Texte kenne, in denen eine seiner Varianten vorkommt…

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