Valerie Lawson: Mary Poppins, she wrote

Cover Mary Poppins, she wroteDas Leben der P. L. Travers wurde 2013 in Saving Mr. Banks Thema eines Spielflms. Hauptquelle für den Film: Mary Poppins, she wrote, die bis dato einzige Biographie über eine Frau, die ihr Leben gerne so anonym wie möglich führte.

Meine Erfahrung mit Biographien steckt leider noch in Babyschuhen: Soweit ich mich entsinne, habe ich nur eine Tolkien-Biographie und Ich bin Malala gelesen. Daher musste ich mich erst einmal darauf besinnen, wozu es Biographien gibt: Für jede dieser Personen gibt es einen allgemeinen Fokus, ein Auslöser, warum man ein Buch über ihr Leben lesen möchte. Bei Tolkien sind es die Quellen und Themen für Mittelerde, bei Malala sucht man vielleicht nach dem Grund für ihre Standhaftigkeit und wie sie mit dem ungewöhnlichen Leben umgeht, das sie führt. Mary Poppins, she wrote wollte ich lesen, um die wahre Travers kennen zu lernen und zu erfahren, woher Mary Poppins kam.

Das größte Problem an einer Biographie über Pamela Lyndon Travers (eigentlich Lyndon Goff) ist, dass diese selbst ein großes Geheimnis aus ihrem Leben machte: Ihre australische Herkunft vertuschte sie, erfand neue Biographien für ihren Vater und sich selbst, weil die Wirklichkeit ihr zu peinlich oder traurig war. Auch ihr Alter war geheim, nicht einmal ihrem Grabstein kann man Geburts- oder Todesjahr entnehmen. Die Biographie ist also vor allem der Versuch, möglichst viele Fakten über P.L. zu sammeln. Den Eindruck hatte ich jedenfalls. Verknüpfungen, Assoziationen oder gar Interpretationen fehlen hier oft ganz.

Mich hätte zum Beispiel, da Mary Poppins oft mit Zen in Verbindung gebracht wurde und P. L. offenbar ihr Leben lang auf einer spirituellen Suche war, diese Entwicklung interessiert. Es hätte ein guter Fokus für die Biographie werden können. Aber so ein Fokus fehlte. Travers ist nicht wirklich greifbar geworden, denn die Analyse ihres Lebens bleibt dem Leser überlassen, offensichtliche Ursachen für ihre Entwicklung zu der schwierigen Dame mittleren Alters, die man ihm Film sieht, werden nicht angesprochen. Es kam mir so vor, als habe Lawson zu großen Respekt vor dem Objekt ihres Buches gehabt, um irgendwelche Schlüsse zu ziehen.

Bei anderer Gelegenheit war die Autorin aber mit einem Urteil äußerst schnell bei der Hand: Walt Disney wird immer wieder „the great convincer“ genannt und als Verführer dargestellt, der aus Mary Poppins eine überzuckerte Farce gemacht hat. Einiges an der Kritik finde ich durchaus nachvollziehbar, aber der herablassende, urteilende Ton dabei ist einfach unsachlich und unangenehm für den Leser.Interessant ist, wie Travers erst scheinbar begeistert war von der Idee, ihre Mary auf Celluloid gebannt zu sehen. Nach Fertigstellung des Films betrieb sie einigen Aufwand, um mit Disney auf freundlichem Fuß zu bleiben, da sie auf eine Fortsetzung hoffte (während Disney selbst aus Prinzip gegen Fortsetzungen war – wüsste er von der heutigen Firmenpolitik der Company würde er im Grab rotieren). Für Geld war Travers schon zu einigem bereit. Als klar wurde, dass es keine Fortsetzung geben würde, wurde ihre Einschätzung des Poppins-Films zunehmend negativ. Zuletzt behauptete sie, von Disney hereingelegt worden zu sein.

Zum Glück ist die Zusammenarbeit mit Disney nur ein Kapitel im Leben der P. L.Travers. Travers war zunächst als Schauspielerin in Australien unterwegs und schrieb Kolumnen für eine kleine Zeitung. Als sich ihr die Möglichkeit bot, nach England zu gehen, zögerte sie nicht. Sie befreundete sich mit den irischen und englischen Persönlichkeiten der Zeit (Yeats, Blake, George William Russell) und arbeitete weiterhin als Journalistin.

Im Grunde hat sie ihr Leben lang von der Mary Poppins-Idee gelebt, die sich wiederum aus ihrer trostlosen Kindheit speist, hat Fortsetzungen geschrieben und Vorträge gehalten und auf Ruhm gehofft. Der große Roman, mit dem sie auch die Erwachsenenwelt hätte begeistern können, kam nie.

Bei einer so komplexen Frauenfigur wie Travers hätte ich mir einfach mehr gewünscht als ein Aneinanderreihen von Daten. Ein gelegentliches Abdriften ins Romanhafte hat für weitere Verwirrung gesorgt. Von dem Besuch einer weihnachtlichen Choraufführung ihres Adoptivsohns heißt es: „Pamela felt her own hot, prickly tears at the innocent words [des Liedes]. He [Sohn Camillus] looked so sweet in his gray suit.“ Manche Zitate blieben zudem ohne Quelle. Schön war die Zugabe zahlreicher Fotos in schwarzweiß.

Wer gerne einen anderen als den Disney’schen Standpunkt zur Person P.L. Travers kennenlernen will, der wird um Mary Poppins, she wrote nicht herumkommen. Lesenswert ist es schon, nur eben nicht ganz das, was ich mir erhofft hatte. Auf jeden Fall lernt man mehr über die geheimnisvolle P. L., die als Kind des späten 19. Jahrhunderts definitiv ein spannendes Leben geführt hat und keinesfalls nur klassische Frauenrollen innehatte.

 

8 Gedanken zu “Valerie Lawson: Mary Poppins, she wrote

  1. Ach, schade! Ich hatte wirklich gehofft, dass du Positiveres über das Buch zu erzählen gehabt hättest.

    Auch wenn Travers selber ein großes Geheimnis aus sich und ihrem Leben gemacht hat, so wäre es bestimmt möglich gewesen eine interessantere und schlüssigere Biografie über sie zu schreiben.

        1. Mary Poppins, she wrote hatte durchaus beides. Zwar nicht super fluffig zu lesen, aber auch nicht schwer. Mich hat der Fokus der Informationen wohl etwas ratlos zurückgelassen, weil ich gerne mehr Verknüpfungen und sozusagen Diskussion der Fakten gehabt hätte.
          Mir reicht die Information alleine noch nicht, wenn die Assoziationen fehlen. Das erinnert mich ein wenig an Schulreferate, wo Leute einfach Fakten von Wikipedia runtergerasselt haben und dafür eine 1 haben wollten.
          Deswegen sollte ich vieleicht erst mal mehr Biographien lesen: Um herauszufinden, was in dem Genre üblich oder modern ist. Weil durch die Interpretation der Fakten auch die Subjktivität und möglicherweise Verfälschung steigt, könnte diese Vorgehensweise eher verpönt sein, wenigstens in Fällen wie diesen, wo nur wenig über die Person bekannt ist.

          1. Ich kenne sowohl solche „aufzählenden“, als auch eher persönlich und interpretierend geschriebene Biografien. Bei beiden kann es sein, dass ich mich nicht wohlfühle. Entweder weil es mir so geht wie dir, dass mir der „rote Faden“ fehlt, oder weil ich das Gefühl habe, dass mich der Autor – bewusst oder unbewusst – manipulieren möchte. Ich habe ältere Biografien gelesen, die wild spekulierten, und ältere, die sehr sachlich geschrieben waren und eher Informationen und Lebensstationen auflisteten. So habe ich nicht das Gefühl, es gäbe da einen Trend, sondern es liegt eher an den Autoren, welchen Weg sie wählen. Wichtig ist mir immer, dass ich das Gefühl habe, jemand würde eine Person, ein Ereignis oder ein Sachverhalt – wenn möglich – von mehren Seiten beleuchten und seine Sprache mit Fingerspitzengefühl wählen.

          2. Danke für die Ausführung; im Grunde war es auch das, worauf ich gehofft hatte, eine dreidimensionale Beschreibung. Und, wie ich sagte, hat sich Lawson nicht getraut, Travers kritisch zu beleuchten. Man konnte spüren, wie sie kritische Ansätze direkt ausbremst oder offensichtlichen Fragen aus dem Weg geht. Das war wirklich enttäuschend.

    1. Es war jedenfalls nicht der rote Faden, den ich gerne gesehen hätte 😉 Also einer, der sich mit Travers‘ spiritueller Entwicklung befasst, ihrer Weltsicht meinetwegen. Der einzige rote Faden war die Chronologie ihres Lebens, oder ich habe da was überlesen…

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