P. L. Travers: Mary Poppins

Mary Poppins (Mary Poppins, #1)Das zauberhafte Kindermädchen, das mit dem Ostwind in den Kirschbaumweg 17 geweht wird, ist heute den meisten aus dem Disney-Film von 1964 bekannt. Aber schon lange davor gab es mehrere Bücher über Mary Poppins, die sich großer Beliebtheit erfreuten.

Der erste Band, der 1934 erschien, versammelt zwölf Kurzgeschichten, in denen die Banks-Sprösslinge mit ihrem neuen Kindermädchen Abenteuer erleben. Aber es gibt auch Geschichten über andere Personen, die im Kirschbaumweg leben oder die Mary Poppins zu kennen scheint. Da gibt es eine Kuh, die nicht aufhören kann, zu tanzen, und einen Hund, der sich nichts sehnlicher wünscht, als dass sein Freund nicht mehr wie ein Straßenköter behandelt wird. Auf dem Weihnachtsbummel begegnet man dem Stern Maia und mit einem Kompass umreist man die Welt in wenigen Minuten.

Wer die gewitzte Julie Andrews-Version der Mary Poppins erwartet und die unverkennbare Magie eines Walt Disney, der wird hier aber enttäuscht. P. L. Travers‘ Buch ist ganz anders, viel mehr in seiner Zeit verhaftet (einige Szenen mussten wegen rassistischer Beschreibungen sogar in späteren Ausgaben umgeschrieben werden). Mary Poppins ist nicht schön, aber eitel. Sie ist störrisch und beharrt auf ihrem guten Ruf. Es steht außer Frage, dass sie eine hohe Stellung in der Schöpfung einnimmt. Da kommt es schon vor, dass ihr zu Ehren nachts im Zoo von den Tieren ein Geburtstagsfest veranstaltet wird. Es ist eine ganz andere Art der Magie, die in diesem Buch steckt.

Die Familie Banks lebt keinesfalls in einem pompösen Haushalt mit mehreren Angestellten. Mrs. Banks musste sich entscheiden: Entweder ein schönes Haus oder vier Kinder. Denn es sind vier: Jane und Michael und die Zwillinge, Barbara und John, um die sich ein besonders schönes Kapitel rankt.

P. L. Travers‘ Buch steckt voller spiritueller Anklänge, ohne für eine bestimmte Richtung zu stehen. Die Schöpfung erscheint als großes Ganzes und in vielen der Kapitel spielen Sterne eine große Rolle. In dem Büchlein, dass man ganz schnell durchgelesen hat, scheint mehr zu stecken, als es den Anschein hat. Das empfindet man, nach den Leserstimmen im Internet zu schließen, entweder als magisch oder als wahlloses Chaos ohne Charme. Da ich mit dem Disney-Film aufgewachsen bin und das Buch zuerst 2009 las, steht für mich der Favorit für immer fest. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass man Kinder auch heute noch mit Mary Poppins begeistern kann (in der politisch korrekten Version). Die kleinen Geschichten sind vielfältig und einfallsreich. Ich glaube, ich bin da einfach zu parteiisch.

Den Film habe ich mir übrigens auch noch mal angesehen. Der Vergleich folgt morgen.

3 Gedanken zu “P. L. Travers: Mary Poppins

  1. Ist dir zufällig bekannt, wann das Umschreiben der Geschichten begonnen hat? Nach dem Lesen deiner Rezension habe ich nämlich das Gefühl, ich würde nur überarbeitete Fassungen kennen.

    Ich habe übrigens die Bücher lange vor dem Film kennengelernt und war immer etwas irritiert von den Unterschieden. So sehr ich Julie Andrews mag, so sehr habe ich mir beim ersten Anschauen gewünscht, sie hätten sich etwas näher an die Romane gehalten. 😉

    1. Ja, in der Biographie stand, in den frühen 60ern seien zunächst die Bezeichnungen „negro lady“ und „piccaninny“ geändert worden. 1981 wurde das Kapitel komplett umgeschrieben, sodass alle zuvor menschlichen Figuren durch Tiere ersetzt wurden. Im Original kommen Inuit, Indianer, Chinesen und Afrikaner vor.
      Lustigerweise folgte meine Hörbuchausgabe (Brigitte Edition) der ersten Änderung, nicht der mit den Tieren.
      Das kann ich total gut verstehen; wenn ich zuerst das Original gekannt hätte, ginge es mir mit dem Film totsicher genauso. So wie mit vielen Adaptionen. Und der Film ist definitiv sehr verschieden von den Büchern, aus denen er sich bedient.

      1. Danke! Dann gehe ich davon aus, dass ich die bereinigte, aber nicht vollkommen umgeschriebene Fassung kennengelernt (und später gekauft) habe.

        Dabei finde ich Julie Andrews als Mary Poppins und Dick van Dyke toll besetzt, aber die Familie Banks hätte ich mir doch mehr wie in den Romanen gewünscht. Ich muss aber zugeben, dass ich häufig ein Problem mit den Kindern und Eltern in älteren Disney(real)filmen habe. *g*

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