Jules und Jim (Buch und Film)

Henri-Pierre Rochés Jules & Jim (1953)

Cover der Brigitte-Ausgabe von Jules und JimUnerwartet gut hat mir diese Geschichte um eine Männerfreundschaft und ihre Liebschaften gefallen. Denn es geht hier auch um die Liebe zum Leben selbst und um das Leben im Augenblick. Diese Überzeugung spricht aus jeder Zeile, das Buch ist sehr ungewöhnlich geschrieben. Zum Beispiel sitzen Jules und Jim in einem Café und Jules zeichnet mit Kreide das Gesicht eines hübschen Mädchens, das er kennt, auf den Tisch. Am Ende des Kapitels heißt es dann:

Jim wollte den Tisch kaufen, aber der Wirt war nicht bereit, ihn abzugeben, es sei denn, alle zwölf auf einmal.

Es ist eine Alltäglichkeit genauso wie eine Kuriosität. So ist das ganze Buch; die Figuren wurden mir sympathisch und erinnern auch ein wenig an eigene Erlebnisse. Gut, einen Cafétisch habe ich noch nicht zu kaufen versucht, aber ähnlich verrückte Sachen habe ich schon erlebt, vor allem mit meinen Freunden, und dieses Buch ist vor allem eines über Freundschaft. Die Figuren urteilen so wenig übereinander wie der Autor sie beurteilt. Denn Jules und Jim teilen neben der Liebe zum geschriebenen Wort vor allem ihre Liebhaberinnen ohne Neid. Und diese Damen sind Freigeister erster Güte, bei denen es schon leicht fällt, ein Urteil zu fällen. Aber das geschieht hier nie, sondern jede kleine Verrücktheit wird als so selbstverständlich wie unschuldig dargestellt.

Roché hat seine Freundschaft mit dem Schriftsteller Franz Hessel als Basis für die Geschichte genommen, und die Echtheit vieler eingestreuter Details schien mir klar, einfach weil sie innerhalb des Romans keinen Zweck zu erfüllen schienen, wie die Tischszene, die nie wieder erwähnt wird.

Ich kann sagen, das Buch hat mich durch seine ungewohnte Sprache und Betrachtungsweise sehr inspiriert. Sicher werde ich es immer wieder zur Hand nehmen, und wenn auch nur, um ein paar Lieblingssätze wiederzulesen.

François Truffauts Jules et Jim (1962)

Truffaut soll so begeistert von Rochés Roman gewesen sein, dass er den Text auswendig lernte. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber dass ihn die Geschichte von anhaltender Freundschaft und bedingungsloser Liebe faszinierte, zeigt auch seine Adaption mit Jeanne Moreau, Oskar Werner und Henri Serre.

Die Dreieckbeziehung, die im Buch erst nach einigen anderen Frauengeschichten in den Vordergrund rückt, bekommt im Film bereits nach 25 Minuten die volle Aufmerksamkeit, ich hatte ein wneig das Gefühl, dass hier „vorgespult“ wird. Ständig war eine Erzählstimme tätig, die erst nach Zusammenführung der Ménage-à-trois ein wenig Ruhe fand. Auch sonst wurden viele Details des Buchs zusammengestrichen und anders eingesetzt; im Grunde aber hat der Film das Gefühl des Romans gut übersetzt.

Truffauts Schwarzweißfilm verwendet dokumentarische Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg und historische Aufnahmen von Paris und arbeitet mit zwei verschiedenen Filmformaten {Ich bin stolz, das mal bemerkt zu haben; im Kino verpasse ich das immer, wie bei Life of Pi oder Grand Budapest Hotel.} sowie Standbildern.

Im Film ist deutlicher, dass die Stimmung nach dem Krieg ganz anders und befangener ist als die davor, wo alles voller Möglichkeiten steckt. Das Buch habe ich beim Lesen nicht so begriffen, vielleicht auch, weil darin noch so viele andere Dinge vor sich gehen.

Alles in allem ein künstlerisch und darstellerisch sehr sehenswerter Film, der kaum gealtert scheint. Dennoch gewinnt, wie so oft, das Buch. Wenn Truffaut es wirklich so sehr mochte, er wäre derselben Meinung.

Ein Gedanke zu “Jules und Jim (Buch und Film)

  1. Salut, Sam.
    Was das Verständnis von Lebensgefühl (beispielhaft an Paris) angeht, so legt sich der Weltkrieg auch hier wie eine schwärende Narbe über die Menschen. Denke ich.

    bonté

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