#Horrorctober 2/13: Shining (Stephen King)

Das archetypisch gruselige spukende Hotel trifft auf lebensechte Charaktere mit echten Problemen und übernatürlichen Erlebnissen: Willkommen im Overlook Hotel und damit in Stephen Kings Welt.

Der kleine Danny ist nicht wie andere Kinder: Durch seine hellseherischen Fähigkeiten findet er nicht nur verlorene Gegenstände, sondern spürt auch, was seine Eltern beschäftigt, was sie denken. Und da gäbe es einiges: Des Vaters Jack gescheiterte Laufbahn als Lehrer aufgrund seines Alkoholismus, die übersteigerten Ängste der Mutter Wendy, beider Überforderung. Doch Danny sieht noch weiter: Sein unsichtbarer Freund Tony zeigt ihm auch Dinge, die noch gar nicht passiert sind.
Als Verdienstmöglichkeit übernimmt Jack den Job eines Hausmeisters in einem alten Hotel, das über den Winter von der Außenwelt abgeschottet ist. Er will die Ruhe zum Schreiben nutzen, doch schon bald lenkt ihn das Overlook mit seiner faszinierenden Geschichte von seinen Pflichten ab und zieht ihn immer mehr in den Bann …

Keine Frage, dieses Buch ist lang. Daher direkt am Anfang meine Empfehlung: Das Hörbuch, gänsehauterzeugend gelesen von Dietmar Wunder, ist die Audioversion eines Pageturners! (Übrigens bei Spotify in voller Länge verfügbar.) Ich habe das Buch in diesem Oktober zum zweiten Mal angehört und finde es immer noch sehr gruselig und um Längen gruseliger als Stanley Kubricks Filmversion, die eh nicht allzu viel mit der Geschichte zu tun hat (auch hierzu sind natürlich andere Meinungen vorhanden).

Direkt in der Eröffnungsszene des Buchs hat man den Eindruck, dass es unter der Oberfläche des Losers Jack Torrance brodelt: Er ist im Overlook Hotel und spricht mit dem Manager, als bereits feststeht, dass er den Hausmeister im kommenden Winter geben soll. Wir hören seine Gedanken, die immer wieder plötzlich bedrohlich und gewalttätig werden: So, als der Manager ihm sagt, dass er ihn nicht für geeignet hält, oder als er Nachfragen zu Jacks Entlassung aus seinem vorherigen Job stellt. Am Ende der Szene ist im Wesentlichen klar, wer Jack ist: Einer, der Verantwortung scheut, aber seine Familie liebt. Er will das Richtige tun, hat aber Künstlerambitionen. Und dann ist im Hintergrund immer der Wunsch nach einem Drink da.

King kann unglaublich gut erzählen und erschafft Charaktere, die so real wirken, als hätte man sie an der Supermarktkasse getroffen. Jeder der Torrances ist sehr glaubhaft und fassbar, und das macht für mich einen großen Reiz der Geschichte aus. Jeden ihrer Schritte kann ich vollkommen nachvollziehen, ohne dass die Handlung vorhersehbar wäre.

Das zweite Standbein eines Kingschen Horrors ist das Übernatürliche, und hier kommen tiefsitzende Urängste zusammen, um den Horror des Overlook zu kreieren: Dinge, die sich im Augenwinkel bewegen, Kontrollverlust, Hotelgäste, die lange nach ihrem (gewaltsamen) Tod noch nicht endgültig ausgecheckt haben, Masken, Gewalt, Isolation, … all das kombiniert King zu einem ultragruseligen Cocktail.

Beim zweiten Lesen ist mir besonders bewusst gewesen, wie viel von Kings eigenen Ängsten hierin stecken muss, die Parallelen zu Jack Torrance sind vielfältig. Ich finde es faszinierend, wie viel King in diesem King steckt, und bewundere die Offenheit.

Ich werde Shining bestimmt auch im nächsten Oktober wieder anhören.

#Horrorctober 1/13: Die Frau in Schwarz

#Horrorctober Returns! 2018Ich bin direkt mal kopfüber in den Horrorctober gestürzt und habe mich einem Film erneut gestellt, den ich als extrem gruselig in Erinnerung hatte: Die Frau in Schwarz von 2012 (IMDb | Letterboxd). Darin spielt der damals gerade frisch dem Harry Potter Franchise entkommene Daniel Radcliffe einen jung verwitweten Anwalt mit Namen Arthur Kipps, der es in einem alten Anwesen mit einem Geist zu tun bekommt.

Arthur Kipps soll in den englischen Norden reisen, um die Papiere einer verstorbenen Dame zu sichten. Ein todlangweiliger Job, könnte man meinen. In dem ländlichen Ort wird er von den Einheimischen angefeindet, als klar wird, dass er zu dem alten Anwesen muss. Lange hat man keine Ahnung, warum die Leute damit ein Problem haben, doch die Zeichen sind überall.

Die Frau in Schwarz setzt nicht auf Ekel und Schock durch jede Menge Blut wie viele andere neuere Horrorstreifen. Er ist sich seiner Tradition als Produktion aus dem Haus Hammer bewusst und setzt seine Jump Scares gezielt und dankenswerterweise spärlich ein. Stattdessen sind durch den athmosphärischen Soundtrack, ein sehr effektives Sound Design und gezielt eingesetzte Stille die Nerven ständig zum Zerreissen gespannt. Dazu ist das Haus perfekt für die Geistergeschichte ausgestattet: In praktisch jeder Kameraeinstellung ist irgendwo ein Gesicht in einem Portrait an der Wand, einem Gobelin oder Büsten; mit Vorhängen und düsteren Korridoren wird nicht gegeizt. Das erzeugt ungemein viel Unbehagen. Ich war jedenfalls meistens damit beschäftigt, die Peripherie der Kamera im Auge zu behalten, und dort passiert auch vieles. Ich kann mich noch erinnern, dass mir beim ersten Ansehen in einer gewissen Szene mit einer Wundertrommel der eigentliche Schockmoment entgangen ist, er war zu versteckt. Nur Tonspur und Reaction Shot haben mir verraten, dass hier wohl irgendetwas zu sehen gewesen sein muss. Diesmal habe ich es gesehen. Brrr.

Wenn ich etwas an Die Frau in Schwarz kritisieren soll, dann ist es ein an einigen Stellen schwaches Storytelling. Der Film verbirgt an einigen Stellen wesentliche Fakten vorm Publikum einfach durch einen Protagonisten, der keine Fragen stellt. Arthur sieht viel, sagt aber wenig. Gleichzeitig ist dieses Schweigen eine der Stärken des Films: Im Mittelteil gibt es eine ca. 20-minütige Sequenz, in der gar nicht gesprochen wird und Arthur allein im mit dem Haus ist.

Eine andere Schwachstelle ist die Frau in Schwarz selbst: Ihr Handlungsmotiv ist am Ende etwas einfach gestrickt, die „Mythologie“ um sie zu simpel. Ein Vergleich mit der literarischen Vorlage von Susan Hill wäre interessant! Ich habe schon mitbekommen, dass das Ende der Geschichte in dieser Adaption umgestrickt wurde. Das Buch werde ich mir irgendwann auf jeden Fall mal vornehmen, aber nicht in diesem Oktober.

Fazit: Auch beim zweiten Ansehen war Die Frau in Schwarz echt gruselig. Ein eher langsamer, aber wirkungsvoller Geisterfilm mit Liebe zum Detail. Allein schon deshalb wächst er mir langsam ans Herz und ich werde ihn wohl auch noch ein weiteres Mal ansehen.

Bildnachweis: José María Pérez Nuñez, „El hombre sin sombra, y su sombra“ (CC BY-ND 4.0)

Kleine Schritte: Oktober

In diesem Jahr habe ich einfach kein Glück mit dem Arbeitspensum: Es bleibt keine Energie fürs Lesen und Bloggen. Eine kleine Blogpause hier und da, das hat noch keinem geschadet. Aber es fuchst mich maßlos, dass ich so gar keine Kraft habe für die Sachen, die mir eigentlich am meisten Spaß machen. Darum zuerst auch ein großes DANKE an diejenigen, die hier trotzdem noch vorbeischauen. Ich weiß noch nicht, wie ich die Zeit und Lust zum Bloggen wieder finde. Dies ist kein Schlussstrich! Ich weiß nur noch nicht, wie ich es in Zukunft angehen kann.

Mir tut besonders leid, nicht mit meinem Herzensprojekt rund um Camelot fortfahren zu können. Wie man sich denken kann, ist es mit viel Recherche verbunden und dafür ist leider keine Energie da. Irgendwann möchte ich damit weitermachen, aber im Auenblick finde ich es zunehmend schwierig, überhaupt über Bücher zu reden. Ich lese kaum, beinahe alles was auf Goodreads von mir zu sehen ist, hat mit geliehenen Hörbüchern zu tun. Ich habe einfach keine Muße, mir Gedanken zu den Büchern zu machen, die ich lese, geschweige denn, diese zu formulieren. Und in den kleinen Zeitoasen zwischendrin erhole ich mich. Es wäre auch kein Spaß, in diesen Minizeiteinheiten Blogposts zusammenzutragen.

Also, was tue ich eigentlich? Ich schaue sehr viele Filme, gehe raus wenn ich kann. Ehrlich gesagt mache ich nicht viel. Gerade habe ich eine wunderbar erholsame Woche Urlaub hinter mir und darum auch mal die Kraft, mich zu melden. Ich mache mir Gedanken, was ich tun kann, um hier wenigstens ab und zu in Erscheinung zu treten, und habe mir für den Oktober Folgendes überlegt:

Eine Aktion, die ich schon lange mitverfolge, ist der Horrorctober. 13 mal Horror in jeder Form wird von den Teilnehmern vorgestellt. Ich bin zwar nicht der größte Horror-Fan, aber es gibt schon Spielarten davon, die mich begeistern. Außerdem kann ich die Aktion auch dafür nutzen, einige Lieblinge noch mal zu lesen bzw. anzusehen. Es kann also eine Art gemütlich bis finstere Film-und-Buch-Reihe werden. Als kleiner Ausblick: Slasher und Exploitation sind meine Sache nicht; der Grusel packt mich bei Geistergeschichten und Übernatürlichem. Ich mag The Others, Shining und Das Bildnis des Dorian Gray, zum Beispiel.

Die zweite Gelegenheit, sich einfach zu melden, ist natürlich Dewey’s Lesemarathon am 20. Oktober. Den lasse ich mir nicht mehr entgehen. Kissing the Witch von Emma Donoghue scheint der perfekte Buchkandidat hierfür zu sein.

Das ist erst mal die Idee, wie ich im Oktober hier ein wenig Blut durch die Blogvenen gepumpt bekomme. Auf Dauer werde ich mir natürlich etwas einfallen lassen müssen, wie ich hier regelmäßig weiterschreiben kann. Von Kommentaren auf anderen Blogs ganz zu schweigen. Wie andere mit weit stressigeren Jobs so was auf die Reihe bekommen, ist mir schleierhaft, aber meine Energiereserven sind offensichtlich schneller aufgebraucht. Und damit muss ich erst mal umzugehen lernen.

Try a Chapter, oder: Lies den SuB

Momentan habe ich so überhaupt keine Lust zu lesen. Das ist zwar auch mal in Ordnung, trotzdem wollte ich die Situation nutzen, um in einige meiner seit längerem ungelesenen Bücher einen Blick zu werfen und so entweder mehr Lust darauf zu bekommen oder mich von ihnen zu verabschieden.

Ich habe mich also ein paar Stunden mit einem Stapel in eine Leseecke verzogen und bin am Ende wenigstens ein kleines bisschen motivierter, was das Lesen angeht. Hier meine Ergebnisse!

Try a chapter Bücherauswahl
Meine kleine bunte Auswahl für den Test aufs Exempel

 

Patricia Highsmith: Zwei Fremde im Zug

Hier habe ich das Lesen schon nach drei Seiten beendet. Ich weiß, das ich das Buch behalten will. „The Talented Mr. Ripley“ war damals eine Überraschung für mich und dieser Roman wäre nun der dritte von Highsmith für mich. Da ich mich noch gut an die Hitchcock-Verfilmung erinnern kann, war ich mir nicht sicher, ob ich das Buch trotzdem lesen will. Aber da Highsmith vor allem meisterhaft das Innenleben ihrer Figuren nach außen kehrt, macht es vermutlich nichts aus, die Handlung grob zu kennen.

Gregory Maguire: Wicked

Ich bin kein Fan der Oz-Bücher oder des Films und daher war ich mir unsicher, ob Wicked wirklich etwas für mich ist. Es beginnt mit einem dreiseitigen Prolog, in dem die Wicked Witch of the West Dorothy und ihre Mitstreiter auf dem Weg in die Smaragdstadt heimlich belauscht. Wilde Gerüchte über die Hexe werden ausgetauscht. Mir hat direkt gefallen, wie sie als möglicherweise nicht „richtig weiblich“ dargestellt wird und das als Anlass für ihre Bösartigkeit zu gelten scheint. Ich erahne interessante Motive in diesem Buch. Am Ende wird die Wahrheit, die vor allem mit politischer Intrige zu tun hat, angedeutet. Somit bin ich gespannt auf mehr.

Roberto Bolaño: 2666

Nicht sehr ermutigend sehe ich nach Aufschlagen meiner aus dem Tauschregal stammenden Ausgabe in großer Handschrift die Kurzkritik des Vorbesitzers: „Schrott!!“

Ich fange dennoch an zu lesen. Und nach kurzem verfestigt sich meine Befürchtung: Die Geschichte um den unauffindbaren deutschen Schriftsteller Archimboldi klingt weiterhin interessant, aber ob ich den erzählenden Stil fast ohne direkte Rede über die Länge von 1200 Seiten durchhalten kann, ist fragwürdig. In Form eines Hörbuchs oder vielleicht sogar noch eher Hörspiels wäre ich eher geneigt, so aber denke ich mir: Was soll’s, es gibt genug andere Bücher auf der Welt, sogar mitähnlichen Stories.

Anna Freeman: The Fair Fight

Der historische Roman um eine Boxerin im 19. Jahrhundert liegt seit Weihnachten 2016 hier rum. Nach dem kurzen Probelesen kann ich schon mal erleichtert feststellen, dass die Erzählerin geradeheraus von sich und ihren Umständen berichtet. Ich denke, es wird mir Spaß machen, mehr über sie und die noch nicht aufgetretenen anderen Figuren herauszufinden.

Joseph Heller: Catch-22

Eigentlich wollte ich mich nur überzeugen, dass dieses Buch humorvoller ist, als man erwarten würde. Und es liest sich auch wirklich gut. Nur habe ich auch das Gefühl, bei der englischen Ausgabe ein wenig von dem Humor zu verpassen, kommt doch immer wieder amerikanischer und militärischer Slang vor. Und im Amerikanischen bin ich sowohl sprachlich als auch kulturell nicht so bewandert. Eine deutsche Ausgabe wäre mir lieber. Ich bin mir daher etwas unschlüssig, werde das Buch aber noch behalten.

Kate Atkinson: Life after Life

Okay, normalerweise bin ich bei „Lasst uns Hitler töten“-Stories wegen des Klischees raus, aber Atkinson schafft hier in einer sehr kurzen Vignette eine ganze Welt. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, was die Protagonistin in ihren vielen Leben noch so ausprobiert. Vielleicht lese ich hier direkt weiter!

Camelot Leselog 04: „In Wirklichkeit aber heißt er Wood – Robin Wood.“

Wir kommen zu einem in sich abgeschlossenen Teil aus Das Schwert im Stein, in dem einige ungewöhnliche Charaktere auftreten. Und damit ist der erste Band auch schon zur Hälfte durch.

Banner Der König auf Camelot Leselog
Kapitel 10-12: Das passiert

Kays Abenteuer beginnt, nimmt seinen Lauf und wird erfolgreich beendet: Wart und Kay treffen den legendären Rebellen Robin Hood Wood. Gemeinsam mit den geächteten Sachsen stürmen sie Morgan Le Fays Schloss, um Bruder Tuck, den verrückten Watt und den Hundejungen zu befreien. Zuletzt besiegt Kay einen Greif, dessen Kopf nun seine Wand ziert.


Mischmasch aus Urmythen

Dieser Teil irritiert mich jedes Mal vollends. Nicht, weil Robin Hood und Maid Marian nicht zur Artuslegende zählen, sondern weil diese Episode scheinbar nichts mit dem Rest zu tun hat. Das ganze Abenteuer kann für sich selbst gelesen werden – White fügte es tatsächlich erst in der überarbeiteten Fassung in sein Buch. Hier mischen sich die Urmythen irisch-angelsächsischer Zivilisation zu einem großen Kuddelmuddel: Robin Hood und Arthur treffen auf Faerie und irische Dichtung.

Die Antagonistin ist Morgan Le Fay, auf deren Schloss die Gefangenen festgehalten werden:

Sie war eine fett-feiste schlampige Dame mittleren Alters mit schwarzen Haaren und der Andeutung eines Schnurrbarts.

Frederick Sandys: Morgan-le-Fay, Öl auf HolzNiemand genau weiß, wer oder was sie eigentlich ist. Wohl ein Seitenhieb auf die Literaturgeschichte, die Morgan schon in verschiedensten Auswüchsen dargestellt hat. Hier ist sie wahrscheinlich eine Feenkönigin, die auf Castle Chariot lebt. Dieser Ort wird schon in der Biblia Vulgata als Wohnort Morgans genannt. Wie in allen Fairy Tales ist es Besuchern strengstens verboten, dort etwas zu essen, denn bekanntermaßen können nur diejenigen das Feenreich wieder verlassen, die Speis und Trank entsagen.

White verbindet diesen Feenglauben mit einem irischen Gedicht, dass sicher zu den erfreulicheren Studienobjekten britischer Literaturgeschichte zählt: Für die Beschreibung von Castle Chariot zitiert White aus dem Aislinge Meic Con Glinne, einer zeitgenössischen Parodie auf die Textsorte des Aisling (der christlichen Vision). Das Schloss besteht komplett aus Essbarem. In dem Gedicht sieht ein Mönch dieses Schloss in einer Vision und erfährt, dass diese Vision die einzige Rettung für den von einem Schlemmerdämon besessenen König Cathal sei. Bevor es noch verwirrender wird, belasse ich es bei dem Link zum Wikipedia-Eintrag, wo man den Inhalt des Gedichts nachlesen kann.

Wart und Kay jedenfalls ziehen mit den Geächteten durchs Unterholz, um unbemerkt zum bestialisch stinkenden Schloss zu kommen. Der Witz besteht darin, dass sie nicht im Traum auf die Idee kämen, hier naschen zu wollen, wie es die Geschichten von verzauberten Feenspeisen und auch das Aisling nahelegen.

Hippiekriegerin Marian

Interessanterweise sieht man Robin die meiste Zeit über nicht; die Jungs werden Maid Marian zugeteilt und erleben eine Überraschung:

Außerdem war sie, im Gegensatz zu ihnen, soldatisch ausgebildet, mit allen Wassern gewaschen, von allen Hunden gehetzt: eine wahre Buschkämpferin – abgesehen von den langen Haaren. (Die meisten weiblichen Outlaws jener Zeit trugen sie kurz geschnitten.)

Louis Rhead: "Robin and Maid Marion". Public domain, via Wikimedia CommonsMaid Marian ist mit das Beste, was dieser Abschnitt zu bieten hat. Und ich sage das als absoluter Robin Hood Geek. Sie wird als potente Kämpferin beschrieben, die den Jungs das Schleichen und Bogenschießen beibringt. Sie führt die Sachsen gegen das Castle. Außerdem ist sie natürlich wunderschön und singt wie ein Engel; eine Superfrau eben, aber eine mit Biss.

Was mich an der ganzen Aventiure dagegen stört, ist wie viel Exposition das Ganze benötigt, um zu funktionieren: Die ganzen Feenreichregeln, die vielzähligen Ereignisse und die verschiedenen eingewobenen Sagengestalten lassen diesen Teil aus allen Nähten platzen. Allein die Herleitung, warum der Hundejunge und Konsorten ins Feenreich verschleppt wurden, ist hahnebüchen und zu kompliziert, um es hier zu wiederholen. Und das alles nur, damit Kay auch mal was erlebt. Eine Fundgrube an Referenzen, aber ein erzähltechnisch ein einziges Chaos.

Übrigens treffen wir hier die Krähe wieder, die Kays Pfeil in Kapitel 6 entführt hat: Er sitzt auf den Burgzinnen, den Pfeil noch immer im Schnabel. So als hätte White irgendwie versucht, den Anschein von Kontinuität herzustellen und diese Episode wie auch immer mit dem restlichen Buch zu verbinden.

Etwas zeigt dieses Abenteuer aber: Im Wald zu Pendragons Zeiten galten wirklich noch andere Regeln! Man weiß nicht, was einen erwartet, man weiß nur, dass es nicht den Regeln der Vernunft gehorcht, dass hier eigene Gesetze herrschen.

Antiklimax

Wenn ich Kay wäre, käme ich mir etwas veräppelt vor. Der Junge wollte sich beweisen, doch als er Morgan auffordert, die Gefangenen frei zu lassen, schmilzt einfach das ganze Castle inklusive Feenwächter hinweg und Hundejunge, Watt und Tuck sind frei.

Eine zweite Chance auf Ruhm bekommt er, als Morgan le Fay den Greif von der Leine lässt, der sie auf dem Rückweg angreift. Doch ohne großen Kampf trifft Kay ihn im Auge und das Biest stirbt. Klar, Kay hat das Monster erlegt, aber etwas mehr Drama wäre schon nett gewesen. Das Ende kam so plötzlich wie in einigen epischen Gedichten, die ellenlang über Moral philosophieren und die lästige Action in wenigen Versen abhandeln.


Randnotiz

Dank Hörbuch ist mir bisher nie aufgefallen, dass als eine Art Running Gag das Wort Ausbildung stets falsch geschrieben und gesprochen wird. Nämlich Auswildung (im Englischen eddication statt education). Man hört und liest halt nur, was man erwartet.