There’s the insanity of life! Moby-Dick Leselog 04

Moby-Dick Leselog{Kapitel 30-41}

Und zum erstem Mal langweile ich mich ein klein wenig. Dabei entwickelt sich das Buch immer mehr zu einem Acid Trip. Es ist, als hätte Ishmael genug von seinem konventionellen Erzählton: Jetzt fängt er an, zu halluzinieren und seinen Mitmenschen Worte in den Mund zu legen.

Da gibt es innere Monologe von Crewmitgliedern, Kapitel nach Stil eines Dramas und dann natürlich die Kapitel über Wale.
Auf dem Höhepunkt dieses Abschnitts in Kapitel 37 eröffnet Ahab die Jagd auf seinen Erzfeind und verspricht dem, der ihn tötet, spanisches Gold. Klingt nach einem Deal mit dem Teufel, würde ich mal sagen.
Auf dem Schiff herrscht weiter eine seltsame Stimmung. In diesen Kapiteln wird hervorgehoben, welche seltsame Mischung an Nationalitäten und Gesinnungen hier zusammen gekommen ist. Ishmael mit seinem Weltschmerz ist da eher ein Außenseiter, es gibt kein Kapitel, in dem er mit anderen der Crew interagiert. Es gibt auch ein Kapitel zum Essverhalten in der Kapitänskajüte unter Ahab und den Maats (still, stark hierarchisiert) und dem der Harpuniere (laut und ungezügelt, inklusive bedrohlicher Kaugeräusche).

Der Finsterling Starbuck hat Skrupel, sich an der Jagd auf Moby-Dick zu beteiligen, während der fröhliche Stubb im Traum lernt, Ahab zu achten. Immer wieder wird Ahab in die Nähe des Göttlichen gerückt, ob nun durch andere und deren Wahrnehmung oder durch ihn selbst in seinem Wahn.

Nach all diesen bizarren Kapiteln bekomme ich eine Ahnung, wie das Buch auf die erste Generation an Lesern gewirkt haben muss. Kein Wunder, dass es im großen Stil floppte. Das längste und kurioseste Kapitel hier war aber wohl das, in dem Ishmael Wale klassifiziert. Und zwar in Bücher, nach Größe in Folios, Octavos und Duodecimos. In dem ganzen Kapitel wird der Zusammnehang von Meer und Literatur bemüht: „I have swam through libraries and sailed through oceans“ sagt Ishmael zum Beispiel, ein schönes Bild finde ich. Sonst steht viel Blödsinn in diesem Kapitel, sowohl aus wissenschaftlicher Sicht als auch literarisch. Es gibt bizarre Zitate aus der Fachliteratur* und ein zweits Leitmotiv, das ich allerdings null verstehe, ist England. Ständig heißt es: „das ist wie damals am Trafalgar Square“ oder ähnliches. Ich meine, warum England?

Aber gut, gemessen an den Kapitelüberschriften des nächsten Abschnitts steht mir die erste Begegnung mit der Titelfigur bevor! Yay. Und gerade zufällig entdeckt: Scheinbar stammen viele der Crew-Namen von geografischen Namen ab: Es gibt beim Berg Fedallah (der in einer der Kapitelüberschriften vorkommt) wohl ein Pip-Kliff und ein Flask-Gletscher. Erwischt, Melville! Mal schauen, was es mit diesem Fedallah noch auf sich hat. Aber dazu dann nächste Woche!

*Das Zitat stammt von Carl von Linné (ich habs überprüft, schockierenderweise ist es kein Fake): „On account of their warm bilocular heart, their lungs, their movable eyelids, their hollow ears, penem intrantem feminam mammis lactantem […] ex lege naturae jure meritoque.“ Linné hat natürlich alles auf Lateinisch geschrieben; Ishmael übersetzt den unsittlichen Teil aber hier nicht. Gott bewahre, käme das Wort „Penis“ in seinem Bericht vor! (Oder sind es die weiblichen Brüste, die ihm Sorge bereiten?) Ishmael berichtet im selben Absatz, er und seine Kameraden hielten diese Argumente, den Wal nicht zu den Fischen zu zählen, für Humbug. Was doppelt lustig ist, einerseits wegen des unschicklichen Lateins, wegen dem man nicht ohne Weiteres versteht, worum es geht, andererseits weil Wale nun mal keine Fische sind. Sorry, Ishmael!

Random Quotes

„Far above of al hunted whales, his [des Pottwals] is an unwritten life.“
„Philologically considered, it is absurd.“ Das lasse ich mal so stehen 🙂
Ishmael zu seiner Wal-Taxonomie: „God keep me from ever completing anything.“
Ahab wandert rastlos über Deck und hinterlässt „footprints of his one unsleeping, ever-pacing thought.“
Ahab: „I’d strike the sun if it insulted me.“ Mehr Ahab: „Is, then, the crown to heavy that I wear?“ Noch mehr Ahab: „Damned in the midst of paradise!“

Is he mad? Anyway, there’s something on his mind. Moby-Dick Leselog 03

Moby-Dick Leselog

{Kapitel 14-29}

In diesem Abschnitt kommen Queequeg und Ishmael erst in einem Nantucketer Inn und dann auf ihrem Schicksalsschiff, der Pequod, unter. Während der Vorbereitungen zum Auslaufen zieht Weihnachten an den Schiffsleuten unbemerkt vorbei. Zuletzt, nachdem die Pequod schon einige Zeit auf dem Meer ist, lässt sich Kapitän Ahab endlich blicken.

Unheilsboten

Biblische Anleihen mehren sich, unter anderem taucht ein Seemann auf, der Ishmael und Queequeg verfolgt und praktisch über Ahab lästert. Aber natürlich nicht so, dass man irgendwas verstehen könnte, sondern schön praktisch in Andeutungen. Da ist es doch einfacher, sich auf die Bibel zu berufen, denn der Kerl heißt Elijah. Also der Prophet, der König Ahab einen göttlichen Shitstorm voraussagt, weil der (ich glaube durch die Hochzeit mit der Baal-Anbeterin Isebel) praktisch zum religiösen Nestbeschmutzer wurde. Alles sehr ominös also.

Die Wahl des Schiffs dagegen ist glasklar verständlich.

Es stehen drei Schiffe zur Wahl: die Pequod (Name eines ausgerotteten Indianerstammes), die Devil-Dam („Mutter des Teufels“) und die Titbit („Leckerbissen“). Man sieht deutlich, was Melville getan hat: Ishmael als gottesfürchtiger Mann kann die Debildam nicht besteigen, und einem Schiff, dass sich Leckerbissen nennt, sollte wohl niemand vertrauen. Er wählt sozusagen das geringste Übel.
Doch die Pequod gehört vielen Anteilhabern und hat neben Ahab, der sich nicht blicken lässt, zwei Kapitäne: Bildad und Peleg, der eine belesener Quäker, der andere mehr zupackend und gesprächig. Die beiden kümmern sich um die Angelegenheiten des Schiffes bis zum Auslauf, wenn Ahab das Kommando übernimmt. Ishmael lässt sich viel Zeit, die wichtigsten Personen der Mannschaft kurz zu umreißen. Die drei Maats (der finstere Starbuck, der lustige Stubb, der rachsüchtige Flask) und die Harpuniere (Queequeg, Tashtego, der edle Indianer, und Daggoo, ein wild wirkender Afrikaner). Die Stimmung an Deck vereint demnach viele Facetten zwischen wild und „zivilisiert“, zwischen Abenteuerlust und Rachsucht; von Ahab habe ich noch nicht viel gesehen, aber es ist fast,  als seien es alles abgespaltene Persönlichkeiten seiner selbst.

Ahab ist bislang wortkarg.

Sein Ersatzbein besteht aus Elfenbein (?), auf dem Schiffsdeck gibt es eine Kerbe im Boden, in der er das Ende dieses Beins festhaken kann, um an Deck standhaft zu bleiben. Eine weiße Narbe verläuft quer über seinen Körper, vom Scheitel zur Sohle scheinbar. Die Metaphorik hier ist klar, auch wenn aus heutiger Sicht nicht gerade die feine englische Art. (Eins meiner verhasstesten Klischees: Körperliche Anomalien als Audruck seelischer Anomalien. Na toll, aber mal sehen, wohin uns das hier führt.)

Kleines Schmankerl zum Schluss:

Auf der Pequod muss Queequeg die Stellvertreterkapitäne erst von seinem Können überzeugen (was ihm keine Mühe bereitet), bevor er einen Vertrag unterschreiben darf. Peleg erwartet nicht, dass Queequeg schreiben kann und sagt, er solle einfach sein Zeichen unter den Vertrag setzen. Ironischerweise kann er Queequegs Namen nicht aussprechen und nennt ihn Quohog (was eine Muschelart bezeichnet). Rozfrech (und vollkommen gerechtfertigt) unterzeichnet Queequeg mit „Quohog. his X mark.“ Loved it!

Lesemarathon für Fortgeschrittene: Dewey’s

Banner des Dewey 24 hour readathonSeit Jahren umschleiche ich den wohl härtesten Lesemarathon: Dewey’s 24-Stunden-Lesemarathon. Er findet zweimal jährlich statt und dauert, ihr habt es erfasst, 24 Stunden. Jetzt ist der Zeitpunkt günstig, den Schritt zu wagen, denn die nächste Runde findet von 29.-30. April statt. Mit anderen Worten: Man kann sich am ersten Mai von den Strapazen des Dauerlesens erholen.

Natürlich habe ich nicht vor, 24 Stunden ohne Pause zu lesen. Ich möchte die Zeit einfach bewusst mit Büchern verbringen, zwischendurch ein paar Blogs abklappern, twittern und dabei möglichst viel lesen. Essen und Schlafen sind absolut erwünscht, denn ohne werde ich ganz schnell zu einer äußerst unbequemen Person 😀

Der Plan

Der Start hängt von der Zeitzone ab, und für mich heißt das einen Startschuss um 14 Uhr. Perfekt, um vorher noch ein paar Snacks zu besorgen und alles vorzubereiten. Außerdem endet der Readathon so nicht während ich schlafe, sondern ich erlebe den Schluss live mit. Es gibt auch sogenannte Mini-Challenges; mal sehen, ob und inwiefern ich da mitmache.

Als Lektüre habe ich mehrere Bücher ins Auge gefasst:

  • Maus: Diese Graphic Novel wollte ich schon sehr lange lesen und habe sie jetzt endlich zur Hand. Keine leichte Lektüre, aber trotzdem guter Puffer zwischen dickeren Büchern.
  • Apropos dick: Moby-Dick. Natürlich will ich die Gelegenheit nutzen, mit Ishmaels Story weiter zu kommen.
  • Der Pfad im Schnee: Den zweiten Band der Otori-Reihe habe ich mir als Hörbuch ausgeliehen. Der perfekte Lückenfüller für einen Spaziergang oder als Begleitung beim Kochen.
  • Erdzauber: Drei kurze Fantasy-Bücher, die man schnell wegliest. So hoffe ich. Zumindest ein Band sollte drin sein.

Andere Möglichkeiten vom heimischen Bücherstapel (je nach Laune)

  • Versform: Die Edda
  • Kurzgeschichten: Roboter-Geschichten (Isaac Asimov)
  • Spannend: I am Legend, Piraten!
  • Hauptsache kurz: Schlafes Bruder, Im Land der letzten Dinge, Lieber Frühling komm doch bald
  • Kleine Häppchen: Rejected Princesses

… mh, ich brauche eher einen 72 Stunden-Lesemarathon 🙂

What could be more full of meaning? Moby-Dick Leselog 02

Moby-Dick LeselogIn der zweiten Runde mit Moby-Dick (Kapitel 4 bis 13) hat Ishmael Gelegenheit für viele Beobachtungen: Zu seinem Zimmergenossen Queequeg, den anderen Walfängern, der Stadt New Bedford. Er verbringt pflichtschuldig den Sonntagmorgen in der Kirche und freundet sich auch mit Queequeg an, der doch endlich auftaut und stehenden Fußes sein bester Freund wird. Gemeinsam machen die zwei sich auf zur Fähre nach Nantucket.

Walfang muss schon sehr spezielle Menschen anlocken, denn was Ishmael uns hier erzählt ist nicht von schlechten Eltern: Seine Kameraden im Inn benehmen sich wie gescholtene Schulbuben. Alle scheinen beim Frühstück peinlich berührt und schweigen sich an. „A curious sight; these bashful bears, these timid warrior whalemen!“ Den Grund dafür konnte ich mir nicht erklären, außer dass ich mich als Leser ja nur auf Ishmael und Queequeg konzentrieren soll.

Und was macht so eine ungesellige Sorte Mensch auf dem Weh in den fast sicheren Tod? Na klar, man geht in die Kirche. So also auch Ishmael (wenn auch jeder für sich). Und hier hat Melville einen kleinen Clou eingebaut: Die Kirche als Schiff, der Walfang als Kreuzzug. Und drückt einem die Metapher so sehr auf’s Auge, dass man den Druck beim Lesen spürt. Denn dieses Kirchenschiff ist echt maritim, mit Ex-Seemann auf einer Kanzel, die mehr Ähnlichkeit mit einem Krähennest hat und der in echt Seemännisch predigt: Mit vielem starboard gangways, midships und shipmates. Natürlich wird von Jonah und dem Wal berichtet. Das Hörbuch wird in diesem Kapitel übrigens ganz toll gelesen von Simon Callow.

Kommen wir lieber zu Queequeg. Ishmael ist bei jeder Gelegenheit sehr bemüht, ihn möglichst positiv darzustellen: wie manierlich er sich ankleidet, wie sehr sein Kopf dem von George Washington ähnelt (kein Witz!), wie er sich zwar fremdländisch, doch dabei äußerst pfleglich verhält. Kein Wunder, dass sich im Verlauf dieses Parts herausstellt, dass Queequeg ein Königssohn ist. Im jedem Sinne des Begriffs ein „edler Wilder“. Es ist schon verrückt, wie sich Melville abrackert, den guten Queequeg gleichzeitig so normal wie möglich zu machen und ihn gleichzeitig immer wieder als savage und cannibal abstempelt, mit angespitzten Zähnen und allem. Aber vielleicht war das für seine Zeit schon das Höchste der Gefühle.
Queequeg jedenfalls steht da als jemand zwischen den Stühlen, „neither caterpillar nor butterfly.“ Er hat seine Erziehung noch tief in sich, kennt aber auch die sozialen Regeln der Weißen recht gut.

Bei einem Gespräch und einer geteilten Pfeife werden Ishmael und Queequeg Freunde. Wie in beinahe allen Beschreibungen ihrer Beziehung fehlt auch hier nicht der Hint auf mehr: „henceforth we were married; meaning, in his country’s phrase, that we were bosom friends.“ Danach teilt Queequeg seine Habe und sein Schicksal mit Ishmael. Sein Verhalten wärmt Ishmaels Herz: „I felt a melting in me. No more my splintered heart and maddened hand were turned against the wolfish world. This soothing savage had redeemed it.“
Ishmael steckt voll solcher liebenswerter Sätze, wenn es um seinen Freund Queequeg geht.
Dabei ist es auch Ishmaels vergleichsweise offene Weltsicht, die diese Freundschaft möglich macht. Er schließt sich zum Beispiel auf Queequegs Bitte dessen Gebet an. Seine Zweifel, ob es okay sei, die Anbetung eines Idols zu unterstützen, schiebt Ishmael kurzerhand beiseite: „But what is the will of God? To do to my fellow man what I would have my fellow man to do to me—that is the will of God.“

Eine letzte schöne Beobachtung möchte ich noch mit euch teilen, bevor ich ins Bett falle: An verschiedenen Stellen wird sehr schön demonstriert, dass die Weißen, wenn sie sich als den einzig wahren Standard betrachten, damit vollkommen daneben liegen.
Queequeg berichtet, wie er anfangs Schubkarren getragen hätte, weil er sie nicht kannte. Als Ishmael ihn fragt, ob denn nicht die Leute ihn ausgelacht hätten, antwortet er mit einer peinlichen Geschichte: Ein weißer Kapitän sei zufällig bei der Hochzeit seiner Schwester anwesend gewesen. In seiner Heimat ist es üblich, eine Schale mit Kokosnussmilch herumzureichen, aus der jeder trinkt, doch zuerst taucht der Priester seine geweihten Hände hinein. Der Kapitän, der als erster aus der Schale trinken sollte, ahmte einfach den Priester nach und wusch sich die Hände in der so entweihten Milch wie selbstverständlich.

Melville spielt auch mit Vorurteilen und dreht die Perspektive einfach mal um. Queequeg kan noch nicht nach Hause kehren, weil er sieht, wie sehr die armen Christen leiden. „We cannibals must help these Christians.“ Auch legt er Queequeg vielsagende Worte in den Mund: Bei Ankunft auf der Fähre von New Bedford nach Nantucket will man Queequeg erst nicht an Board lassen; einer der Grünschnäbel fühlt sich durch ihn besonders bedroht. Als der Kapitän ihn darauf anspricht, sagt Queequeg: „Queequeg no kill-e so small-e fish-e; Queequeg kill-e big whale!“ Einfach und prägnant. Warum sollte er jetzt gewalttätig werden, außer weil man es von ihm als Wilden erwartet? Queequeg will doch nur Wale töten, so wie wohl die meisten auf der Fähre auch. Als er dann in einer halsbrecherischen Aktion einen Mann über Bord rettet, nimmt man ihn mit Kusshand auf der Fähre an.

Auch diese Passage hat sich als unterhaltsam und vielschichtig erwiesen. Das mit dem Sich-kurz-fassen schaffe ich hoffentlich in der nächsten Woche – jetzt habe ich keine Zeit mehr für Kürzungen, der Tag war lang und die Woche zu kurz. Ich hoffe ihr seht es mir nach!

Lian Hearn: Das Schwert in der Stille (Der Clan der Otori 1)

JapanTomasu wächst als „Verborgener“ in der Provinz auf, bis Iida vom Tohan Clan sein Dorf attackiert und alle, die Tomasu kannte, für ihren Glauben ermordet werden. Als einziger Überlebender flüchtet Tomasu, verfolgt von den Tohan. Otori Shigeru, ein reisender Adliger, rettet ihn und nimmt den Jungen unter dem Namen Takeo unter seine Fittiche. Doch so gelangt Takeo mitten in den Kampf zwischen den Clans.
Das Mädchen Kaede lebt jahrelang als Geisel am Hof der Noguchi auf. Durch unglückliche Ereignisse hat sie bald den Ruf, den Männern, die sie begehren, den Tod zu bringen. Sie soll keinen anderen als Shigeru heiraten, um das Bündnis zwischen Otori und Tohan und damit den Frieden zu besiegeln.

Das 54. Buch meines Fantasy-Projekts war eine angenehme Überraschung. Es handelt sich auch weniger um einen Fantasy-Roman als um einen mit Magie gewürzten historischen Roman für Jugendliche. Es entwickeln sich spannende politische Intrigen und Verwicklungen zwischen den unterschiedlichen Figuren, sodass es nie langweilig wird. Von japanischer Geschichte habe ich keinen Schimmer und ich glaube auch, es handelt sich hierbei eher um ein alternatives Japan. Allerdings gibt es schöne Details (wie Nachtigallenböden), die Namen sind realistische japanische Namen und die dargestellte Gesellschaft wäre so, wie ich das feudale Japan erwarten würde.

Von der Struktur her handelt es sich um eine klassische Heldenreise mit wenigen Überraschungen, inklusive der Ausbildung in Kultur- und Kampftechniken und dem Entdecken außergewöhnlicher Talente. Für mich war die Lektüre sozusagen ein Gemütlichkeitsfaktor: eine Prise Vertrautes. Was ich dagegen wirklich weniger schön fand, war ein mieser Fall von Instalove. Natürlich muss sich Takeo in das einzige Mädchen in seinem Alter verlieben, und sie sich in ihn. Und dass, obwohl sie sich gar nicht richtig kennen. Das ist total unnötig und nervig.
Kaedes Geschichte fand ich ebenfalls spannend; sie gibt eine prima Heldin ab. Leider steht ihre Reise immer ein wenig der Takeos nach, der die eindeutige Hauptfigur ist. Trotz einiger Mängel hatte ich viel Spaß beim Lesen. Sie halten mich natürlich nicht davon ab, die Reihe fortzusetzen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht!

Call me Ishmael. Moby-Dick Leselog 01

Moby-Dick LeselogDie ersten drei Kapitel konnte ich von Moby-Dick lesen. Übrigens höre ich mir dazu diese Lesung mit vielen bekannten Stimmen an und verfolge den Text gleichzeitig in dieser Ebook-Fassung.

Ishmael ist vor allem eins: Ein schillernder Erzähler. Da er die Erlebnisse aus dem Buch (vielleicht schon lange) hinter sich hat, wechselt der Erzählton zwischen grüblerisch und weltfremd, ausladend wie Dickens und überdreht karikaturistisch.

Dabei behauptet er gerne mal Unglaubliches: Er zitiert zum Beispiel einen Autor, „of whose works I possess the only copy extant“. Etwas seltsam ist das schon. Soll mich das vor der Zuverlässigkeit des Erzählers warnen? Oder zeigt es nur Ishmaels Weltmännischkeit und Bildung? Im Augenblick tendiere ich zu ersterem, allein weil es lustiger ist 🙂

Doch was passiert eigentlich? Ishmael erklärt im ersten Kapitel, warum er auf Walfang ging (in Kurzfassung: Um der Welt zu entgehen, weil ihn Wale als Monstrositäten des Meeres faszinieren und weil er die sportliche Betätigung des Walfangs zu schätzen weiß). Er macht sich also zu einer Zeit auf den Weg, in der ich kaum einen Fuß vor die Tür setze: Im Dezember. Soll das eine gute Zeit für Walfang und Seefahrt sein?! Brrr!

Vor Ort sucht er die billigste Absteige, die zu haben ist. Stellt sich heraus: Der „Spouter-Inn“ (Spouter bedeutet Springquelle oder Wasserspeier, ist aber anscheinend auch Walfängerslang für ein Walfangschiff) ist bis an die niedrige Decke vollgestopft mit Walanspielungen, inklusive einem kaum erkennbaren Gemälde, das die Wirkung eines Rochschachtests nicht verfehlt, und einem Barkeeper, den alle Jonah nennen. Weil die Bar anscheinend auch „whale’s mouth“ genannt wird. Womit wir schon mitten in den biblischen Metaphern wären. Aber davon kommen später sicher noch genug.

Ishmael kommt mir besonders in diesem Kapitel sehr jung vor. Obwohl er beteuert, er sei nicht mehr grün hinter den Ohren, treibt der Inn Keeper seinen Schabernack mit ihm. Denn Ishmael bleibt nichts anderes übrig, als das Bett mit einem Harpunier zu teilen. Widerstrebend willigt er ein, ist aber vollkommen überfordert, als der farbige Queequeg, der erst jetzt von Besorgungen zurückkehrt, mitten in der Nacht zu ihm ins Bett steigt, ihn für einen Eindringling hält und etwas ungehalten reagiert. Zwischen Panikattacke (ein schwarzer Fremdling!) und Raison (Der andere ist auch nur ein Mensch) schwankend, macht sich der junge Seefahrer ganz schön lächerlich. Besonders schön fand ich, wie sein Auge über das Inventar des noch abwesenden Queequeg schweift und den Tomahawk nur kurz zur Kenntnis nimmt. Als er sich aber in direkter Konfrontation mit dem Fremden befindet, bekommt der Gegenstand plötzlich etwas Lebensbedrohliches: „He [Queequeg] might take a fancy to mine [Ishmaels Kopf] – heavens! look at that tomahawk!“ Genauso klingen die Gedanken einer Person, die gerade in Panik ausbricht und allen Humanismus hinter sich lässt.

Die Szene ruft zwei Themen im Buch hervor, die mich besonders interessieren: Zum Einen die Darstellung des Fremden (hier in Form eines farbigen Mannes fremder Sprache und Religion). Das zweite Thema ist die angebliche homoerotische Lesart, von der ich immer wieder höre. Es interessiert mich einfach, ob da was dran ist. Bisher kann ich auf jeden Fall viele Zweideutigkeiten erkennen, sobald es um Walfang geht. Zum Beispiel sagt der Inn Keeper zu Ishmael, er solle sich schon mal daran gewöhnen, mit einem Mann das Bett zu teilen: „s’pose you are goin‘ a-whalin‘, so you’d better get used to that sort of thing.“ Okay, es wird also kuschelig an Board. Das wäre doch direkt eine ganz andere Story …

Den Einstieg habe ich also ganz gut überstanden. Mir gefällt, wie Ishmael jede Szene lebendig werden lässt (Details, Details, und kleine Exkurse). Außerdem ist er auch lustig. Und anspielungsreich. Über jede Seite könnte man wohl problemlos schreiben und diskutieren. Ich hoffe, ich kann mich in Zukunft kurz fassen, wenn direkt zehn oder so Kapitel in einen Post passen sollen. Bisher erweist sich Ishmael auch als sehr zitierfähig. Daher bleibt mir nur noch, ein vielversprechendes Zitat unseres Erzählers wiederzugeben:

But no more of this blubbering now, we are going a-whaling, and there is plenty of that yet to come.

Kein Aprilscherz: Ich lese und blogge Moby-Dick

Moby-Dick Leselog
Da kommt was Großes!

Moby-Dick gehört sicher zu den bekanntesten gemiedenen Werken der westlichen Literatur: Praktisch jeder hat schon mal von Ishmael und Captain Ahab gehört, doch den dicken Wälzer über den großen weißen Wal zu lesen ist noch einmal eine eigene Disziplin.

Vielleicht habt ihr auch schon mal mit dem Gedanken gespielt, das Buch zu lesen, und seid vor dem schieren Gewicht der knapp 1.000 Seiten zurückgeschreckt? Es wäre keine Schande. Aber für alle Lesemüden doch Interessierten werfe ich mich jetzt in die Bresche: Ich werde in den nächsten Wochen und Monaten sozusagen live von dem Walfängerschiff Pequod berichten. Ein Leselog dieser Art wollte ich schon lange mal ausprobieren, und Moby-Dick scheint mir genau das richtige Buch, um es endlich zu tun. Was kann man bei 135 Kapiteln geballten Walfangwissens schon falsch machen? Plus Epilog versteht sich, denn was wäre ein dickes Buch ohne Epilog?

Jeden Dienstag (schon ab nächster Woche!) bis Ende Juni liefere ich den aktuellen Lesestand, Grad des Wahnsinns und Walfakten-Dichte in Melvilles klassischem Walfanghandbuch. Weil ich schon die wildesten Sachen über den Roman das Teil gehört habe, nehme ich es nicht allzu ernst mit dem literarischen Genie; dass es sich um einen Klassiker handelt, muss ich ja auch wirklich niemandem mehr erzählen.

Wer Lust hat, kann natürlich gerne mit an Board kommen; ihr seid aber auch dazu eingeladen, das Spektakel (Sam gegen Wälzer) vom sicheren Land aus zu verfolgen, das Geschehen zu kommentieren und eurem Favoriten zuzujubeln 🙂