Camelot Leselog 04: „In Wirklichkeit aber heißt er Wood – Robin Wood.“

Wir kommen zu einem in sich abgeschlossenen Teil aus Das Schwert im Stein, in dem einige ungewöhnliche Charaktere auftreten. Und damit ist der erste Band auch schon zur Hälfte durch.

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Kapitel 10-12: Das passiert

Kays Abenteuer beginnt, nimmt seinen Lauf und wird erfolgreich beendet: Wart und Kay treffen den legendären Rebellen Robin Hood Wood. Gemeinsam mit den geächteten Sachsen stürmen sie Morgan Le Fays Schloss, um Bruder Tuck, den verrückten Watt und den Hundejungen zu befreien. Zuletzt besiegt Kay einen Greif, dessen Kopf nun seine Wand ziert.


Mischmasch aus Urmythen

Dieser Teil irritiert mich jedes Mal vollends. Nicht, weil Robin Hood und Maid Marian nicht zur Artuslegende zählen, sondern weil diese Episode scheinbar nichts mit dem Rest zu tun hat. Das ganze Abenteuer kann für sich selbst gelesen werden – White fügte es tatsächlich erst in der überarbeiteten Fassung in sein Buch. Hier mischen sich die Urmythen irisch-angelsächsischer Zivilisation zu einem großen Kuddelmuddel: Robin Hood und Arthur treffen auf Faerie und irische Dichtung.

Die Antagonistin ist Morgan Le Fay, auf deren Schloss die Gefangenen festgehalten werden:

Sie war eine fett-feiste schlampige Dame mittleren Alters mit schwarzen Haaren und der Andeutung eines Schnurrbarts.

Frederick Sandys: Morgan-le-Fay, Öl auf HolzNiemand genau weiß, wer oder was sie eigentlich ist. Wohl ein Seitenhieb auf die Literaturgeschichte, die Morgan schon in verschiedensten Auswüchsen dargestellt hat. Hier ist sie wahrscheinlich eine Feenkönigin, die auf Castle Chariot lebt. Dieser Ort wird schon in der Biblia Vulgata als Wohnort Morgans genannt. Wie in allen Fairy Tales ist es Besuchern strengstens verboten, dort etwas zu essen, denn bekanntermaßen können nur diejenigen das Feenreich wieder verlassen, die Speis und Trank entsagen.

White verbindet diesen Feenglauben mit einem irischen Gedicht, dass sicher zu den erfreulicheren Studienobjekten britischer Literaturgeschichte zählt: Für die Beschreibung von Castle Chariot zitiert White aus dem Aislinge Meic Con Glinne, einer zeitgenössischen Parodie auf die Textsorte des Aisling (der christlichen Vision). Das Schloss besteht komplett aus Essbarem. In dem Gedicht sieht ein Mönch dieses Schloss in einer Vision und erfährt, dass diese Vision die einzige Rettung für den von einem Schlemmerdämon besessenen König Cathal sei. Bevor es noch verwirrender wird, belasse ich es bei dem Link zum Wikipedia-Eintrag, wo man den Inhalt des Gedichts nachlesen kann.

Wart und Kay jedenfalls ziehen mit den Geächteten durchs Unterholz, um unbemerkt zum bestialisch stinkenden Schloss zu kommen. Der Witz besteht darin, dass sie nicht im Traum auf die Idee kämen, hier naschen zu wollen, wie es die Geschichten von verzauberten Feenspeisen und auch das Aisling nahelegen.

Hippiekriegerin Marian

Interessanterweise sieht man Robin die meiste Zeit über nicht; die Jungs werden Maid Marian zugeteilt und erleben eine Überraschung:

Außerdem war sie, im Gegensatz zu ihnen, soldatisch ausgebildet, mit allen Wassern gewaschen, von allen Hunden gehetzt: eine wahre Buschkämpferin – abgesehen von den langen Haaren. (Die meisten weiblichen Outlaws jener Zeit trugen sie kurz geschnitten.)

Louis Rhead: "Robin and Maid Marion". Public domain, via Wikimedia CommonsMaid Marian ist mit das Beste, was dieser Abschnitt zu bieten hat. Und ich sage das als absoluter Robin Hood Geek. Sie wird als potente Kämpferin beschrieben, die den Jungs das Schleichen und Bogenschießen beibringt. Sie führt die Sachsen gegen das Castle. Außerdem ist sie natürlich wunderschön und singt wie ein Engel; eine Superfrau eben, aber eine mit Biss.

Was mich an der ganzen Aventiure dagegen stört, ist wie viel Exposition das Ganze benötigt, um zu funktionieren: Die ganzen Feenreichregeln, die vielzähligen Ereignisse und die verschiedenen eingewobenen Sagengestalten lassen diesen Teil aus allen Nähten platzen. Allein die Herleitung, warum der Hundejunge und Konsorten ins Feenreich verschleppt wurden, ist hahnebüchen und zu kompliziert, um es hier zu wiederholen. Und das alles nur, damit Kay auch mal was erlebt. Eine Fundgrube an Referenzen, aber ein erzähltechnisch ein einziges Chaos.

Übrigens treffen wir hier die Krähe wieder, die Kays Pfeil in Kapitel 6 entführt hat: Er sitzt auf den Burgzinnen, den Pfeil noch immer im Schnabel. So als hätte White irgendwie versucht, den Anschein von Kontinuität herzustellen und diese Episode wie auch immer mit dem restlichen Buch zu verbinden.

Etwas zeigt dieses Abenteuer aber: Im Wald zu Pendragons Zeiten galten wirklich noch andere Regeln! Man weiß nicht, was einen erwartet, man weiß nur, dass es nicht den Regeln der Vernunft gehorcht, dass hier eigene Gesetze herrschen.

Antiklimax

Wenn ich Kay wäre, käme ich mir etwas veräppelt vor. Der Junge wollte sich beweisen, doch als er Morgan auffordert, die Gefangenen frei zu lassen, schmilzt einfach das ganze Castle inklusive Feenwächter hinweg und Hundejunge, Watt und Tuck sind frei.

Eine zweite Chance auf Ruhm bekommt er, als Morgan le Fay den Greif von der Leine lässt, der sie auf dem Rückweg angreift. Doch ohne großen Kampf trifft Kay ihn im Auge und das Biest stirbt. Klar, Kay hat das Monster erlegt, aber etwas mehr Drama wäre schon nett gewesen. Das Ende kam so plötzlich wie in einigen epischen Gedichten, die ellenlang über Moral philosophieren und die lästige Action in wenigen Versen abhandeln.


Randnotiz

Dank Hörbuch ist mir bisher nie aufgefallen, dass als eine Art Running Gag das Wort Ausbildung stets falsch geschrieben und gesprochen wird. Nämlich Auswildung (im Englischen eddication statt education). Man hört und liest halt nur, was man erwartet.

Camelot Leselog 03: „Es ist ungerecht.“

Banner Der König auf Camelot LeselogKapitel 7 bis 9: Das passiert

An einem besonders langweiligen Tag wünscht sich Wart Action und bekommt sie auch: Dank Merlins Zauberkunst werden beide Zeuge einer Tjost.
Zu anderer Zeit bekommt Wart eine weitere Lektion in Tierform. Als Falke verwandelt, verbringt er eine Nacht im Falknerturm, muss dort eine Mutprobe bestehen und kommt mit List und knapper Not davon.
Am Morgen darauf ist Kay auf Warts Lektionen bei Merlin eifersüchtig. Als Wart Merlin auf diese Ungerechtigkeit anspricht, wird er enttäuscht, denn Merlin kann nicht für Kay zaubern. Doch der Zauberer hat eine Idee, beide Jungs zu beschäftigen.

Altbekannte Motive

Wieder mal fällt Warts absoluter Gerechtigkeitssinn auf: Hat er noch kurz zuvor betrauert, durch seine Stellung kein Ritter werden zu können wie Kay, so steht er dennoch für den Pflegebruder bei Merlin ein. Warum kann Kay nicht auch an dem Unterricht teilnehmen und in ein Tier verwandelt werden? Merlin versucht Wart zu erklären, dass es eben manchmal so zugeht im Leben, doch das will Wart nicht einsehen. Dass Kay auch in diesem Abschnitt untalentiert, etwas brutal und verzogen daherkommt, muss ich sicher nicht wiederholen. Umso bewunderswerter ist Warts Einsatz für den Kerl.

Zuletzt hat Merlin eine Idee: Er schickt Wart und Kay zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort, dort solle etwas geschehen. Ob das Ganze ein Ablenkungsmanöver ist, das dem entnervten Lehrer eine Pause verschafft, oder ein Schlüsselereignis für Kay und Wart wird, erfahren wir erst im nächsten Kapitel.

Mir geht gerade auf, dass ein anderer magischer Lehrmeister Merlin in seiner schusseligen aber weisen Art nicht unähnlich ist: Dumbledore. Zumindest der Dumbledore der ersten Harry Potter Bände.

Lanzenstechen: Ein chaotisches Spektakel

So wiederholen sich auch andere Motive: In der durch Merlin ins Rollen gebrachten Tjost, in der König Pellinore auf Sir Grummore Grummursum trifft, werden wieder sämtliche Klischees bedient. Da die Ritter zu Schutzzwecken Unmengen an Metall an sich tragen, ist das Lanzenstechen nicht der elegante spannende Sport, wie er in „Ritter aus Leidenschaft“ porträtiert wird – auch wenn der Film in einer frühen Szene Whites Exkurs zu Trainingsmethoden sehr nahe kommt. Man stelle sich eher zwei fette Katzen auf Parkettboden vor, die ihr Momentum nicht unter Kontrolle haben: Die Kontrahenten kommen kaum in Fahrt und bremsen ist auch nicht drin. Dazu sieht man durch den Helm nichts und das Schlimmste: Der Kampf wird durch stark formelhafte Sprache noch komplexer.

Als Sport lässt sich das Spektakel kaum begreifen, dennoch geht es um Fairplay im britischsten Sinn. Die beiden Antihelden Pellinore und Grummore glänzen einmal mehr als totale Versager im Ritterdasein. Aber: Wart ist begeistert. Mein Verdacht ist, dass Merlin Wart mit diesem Schauspiel zeigen wollte, dass Rittersein gar nicht so doll ist, wie der sich das vorstellt. Dieser Aspekt wird im Disneyfilm sehr hervorgekehrt, wo Merlin sogar wütend auf Wart ist, überhaupt diesen Berufswunsch zu hegen. Im Buch lässt ihn das völlig kalt.

White treibt mit dieser Kampfszene eine Formel, ja einen Running Gag der Morte d’Arthur auf die Spitze: „Treffen sich zwei Ritter …“ so wird erst mal tjostiert. Oft finden sie erst nach Stunden des Kampfes die Identität des anderen heraus – und schämen sich dann oft, gegen diesen oder jenen gekämpft zu haben.

Wart wird zum Falken

Aber zu dem Neuen: der Lektion in Form eines Merlins, also eines Zwergfalken. Warts zweite Lektion in der Haut eines anderen Lebewesens ist riskant: Er soll eine Nacht mit den anderen Beizvögeln verbringen. Davor bekommt er eine kurze Einführung in die Gesellschaft, die ihn dort erwartet. Die Falken begreifen sich als Offiziersschule für Greifvögel von Adel. Merlin vergleicht sie mit Rittern. Sie sind strikt durchorganisiert und werden von „Madam“ Offizier ausgebildet und geführt. Alle verehren und fürchten sie. Doch die größere Gefahr im Turm ist Cully, der als Wahnsinniger dargestellt wird, der seinen Verstand in der Drill verloren hat. Übrigens werden zwei Falken Balin und Balan genannt, nach Rittern der Artuslegende (Brüder, die sich am Ende gegenseitig erschlagen).

Die Beizvögel lassen den neuen Rekruten als Mutprobe neben Cully sitzen. So muss Wart ausharren, bis eine Klingel zum dritten Mal geläutet wurde. Cully versucht gewaltsam gegen seinen Killerinstinkt anzukommen, doch zuletzt muss Wart – nach dem dritten Klingeln – aus dem Käfig flüchten. Er wird in der Mitte der Falken akzeptiert.

Zum Einen wird hier eine weitere Spielart des Rittertums gezeigt: Diesmal nicht lächerlich den Krieg imitierend, sondern wirklich militärisch und gefährlich. Doch auch hier geht es vor allem um Macht und Unterdrückung. So vergeht ein Peregrin beinahe vor Scham, als ein ihm ein kleiner Lapsus unterläuft, und er wird von Madam zur Schnecke gemacht. Die Falken singen auch ein Lied, in dem es um ihre Todesangst und ihren Umgang damit geht. Am Ende des Liedes heißt es: „Timor mortis, das sind wir.“ Sie sind die personifizierte Angst. So sind diese „Soldaten“ effizient im Feld, aber durch Angst angetrieben, von dem Falkner ausgehungert und so kontrolliert. Kay erinnert mich mit seiner Art, aus Angst gewalttätig zu werden, an die Falken.

Denkt an meine Worte: Dieser junge Kandidat wird einst ein richtiger König.

—Balan

Holländische Souvenirs: Neuzugänge II/2018

Was, kein Camelot-Leselog? Leider hat mich diese Woche die Arbeit von Warts Abenteuern fern gehalten. Stattdessen gibt es heute darum einen Buchbeute-Beitrag.

Im April und Mai war ich ganz abstinent vom Bücherkauf. War auch besser so, denn in Fortsetzung einer meiner liebsten Traditionen habe ich im Urlaub zugeschlagen. Wer hätte gedacht, dass es in Holland englische Second Hand Bücher gibt?

In Amsterdam habe ich einen gut sortierten und an das geordnete Chaos der Book Shops Hay-on-Wyes erinnernden Laden entdeckt. Der Besitzer war total lieb und hat sich noch ein wenig mit mir unterhalten, nachdem ich ihm vier seiner Fantasy-Bücher abgekauft hatte. Sogar ein Stück seiner Schokolade wollte er mir anbieten!

Aber zu den Büchern. Trotz der spektakulären Auswahl an Sachbüchern habe ich am Ende ein bisschen was für mein Fantasy-Leseprojekt eingekauft:

Mercedes Lackey: Magic‘s Pawn, Magic‘s Promise, Magic‘s Price

Valdemar, Last Herald-Mage heißt die ältere Reihe um Magie und Musik, die ich schon erfolglos in Hay-on-Wye gesucht habe. Hier standen alle drei Bände brav nebeneinander, zwar etwas vergilbt, aber sonst gut erhalten.

 

 

 

Hope Mirrlees: Lud-in-the-Mist

Ein ganz alter Klassiker ist Flucht ins Feenland von Hope Mirrlees, das ich vor Kurzem auch auf einem anderen Blog gesehen habe. Die Mischung aus Krimi und Märchen aus den Zwanzigern verspricht ein echter Schmöker zu sein.

 

 

Eleanor Catton: The Luminaries

Und dann dachte ich, es reicht mit den neuen Büchern. Bis ich Tage später in Middelburg rein zufällig wohl das einzig englischsprachige Buch in einem Second-Hand-Buchladen entdeckte. The Luminaries will ich schon seit beinahe zwei Jahren aus der Stadtbibliothek ausleihen, aber es ist nie auffindbar. Als ich den Wälzer für 2 € sah, musste er einfach mit. Vielleicht ist es auch besser, das komplexe Buch auf unbegrenzte Zeit zu haben und vor allem auch drin rummalen zu dürfen.

Camelot Leselog 02: „Du wirst schon sehen, was es heißt, ein König zu sein.“

Und schon erleben wir Warts erste Lektion! Dass es so bald losgeht mit dem Unterricht hatte ich nicht in Erinnerung. Inzwischen habe ich auch schon bemerkt, das ich die Hälfte der Lektionen vergessen hatte. Aber ich muss ja auch nicht als einstiger und zukünftiger König England retten.

Banner Der König auf Camelot LeselogKapitel 4 bis 6: Das passiert

Merlin kommt auf Sir Ectors Burg an; Ector glaubt nicht an Zauberei, lässt Merlin aber als Warts und Kays Tutor bleiben.

Warts erster Unterricht besteht in einem Besuch beim König des Burggrabens: Er und Merlin nehmen Fischform an, erkunden die Burggewässer und treffen auf nervöse Plötzen und einen despotischen Hecht, dem sie mit knapper Not und etwas Magie entkommen.

Als Kay und Wart Bogenschießen, schnappt eine vorbeiziehende Krähe Kays Pfeil aus der Luft.

Die vielen Gesichter des Sir Kay

Bemerkenswert an Merlins Ankunft auf dem Castle of the Forst Sauvage finde ich weniger die Zaubertricks interessant, die Sir Ector als Scharlatanerei abtut, sondern Merlins Kommentar, als Kay sich mal wieder daneben benimmt:

»Kay«, sagte Merlin, plötzlich furchterregend, »du warst immer schon ein stolzer und hochmütiger Mensch mit böser Zunge – und vom Missgeschick verfolgt. Dein Unglück wird aus deinem eigenen Munde kommen.

Ein erstaunlicher Gefühlsausbruch, selbst für den temperamentvollen Zauberer. Sir Cei ist eine der ältesten Figuren rund um die Artuslegende, doch seine Rolle hat sich mit der Zeit verändert. Von Anfang an war er Arthurs Ziehbruder. Er wurde sogar von einer Amme gesäugt und Arthur von Ceis Mutter. Cei werden in den walisischen Sagen viele magische Gaben zugerechnet. Er taucht wiederholt als König Arthurs Statthalter auf. Die Hitzköpfigkeit ist ihm von Anfang an zu eigen. In der französischen Tradition wird er dann zum untalentierten Stänkerer, als den wir ihn hier auch sehen.

Doch White wirft selbst die Frage auf, welcher der Kays seine Figur ist. Als jeder von Merlins Aussage noch in Schockstarre verweilt, schaltet sich der Erzähler ein:

Eigentlich war er gar kein unangenehmer Mensch, nur flink, schlau, stolz, leidenschaftlich und ehrgeizig. Er gehörte zu denen, die weder Gefolgsmann noch Führer sind, nur mit heißem Herzen streben und dem Körper zürnen, der es gefangen hält.

Als Leser dieses Buchs erscheint mir dieser Kommentar allerdings vollkommen aus der Luft gegriffen, weil Kay sich bisher als engstirnig und herablassend gezeigt hat und auch nicht viel für Wart übrig zu haben scheint.

Neben Merlins Prophezeihung kommt es dann im sechsten Kapitel auch noch zu dem vielsagenden entführten Pfeil. Kay glaubt sofort, die räuberische Krähe müsse eine Hexe gewesen sein. Wir werden sehen, wie sich Kay in der Reihe weiter entwickelt und was es mit diesem bedrohlichen Omen auf sich hat.

„Ich wollt ich wär ein Fisch“

Es ist August und die Hitze ist kaum auszuhalten. Auf Warts Wunsch hin verwandelt Merlin sie beide in Fische. Die Beschreibung der Weltsicht aus Fischperspektive ist absolut faszinierend. Ich frage mich wirklich, wie White es geschafft hat, sich dermaßen in einen Fisch zu versetzen. Er beschreibt, wie ein Fisch die Welt sieht und wie der verwandelte Wart seine Beine, nun „eins mit dem Rückgrat geworden“, vollkommen neu zu bewegen lernen muss. Die Darstellung im Disney-Film ist darin übrigens wortgetreu. Diese Fähigkeit, sich völlig andere Perspektiven zu eigen zu machen, ist für die Ausbildung des zukünftigen Königs essenziell, aber White schafft es, diesen Aspekt auch realistisch wirken zu lassen. Bravo.

Herr Hecht, oder: Die Einsamkeit des Potentaten

Am Ende begegnet Wart dem Herrscher des Burgsees, einem unberechenbaren Raubfisch, vor dem die anderen Bewohner des Sees so sehr zittern, dass ihn viele nicht mal beim Namen nennen.

Hecht jagt Elritzen, Ilustration von Louis Rhead

Der Hecht steht an der Spitze einer unerbittlichen Hackordnung. Als Wart ein Hechtbaby sieht, heißt es: „Wenn es einmal erwachsen war, würde es ein Räuber sein.“ Das zeigt, dass aus jedem etwas Bedrohliches werden kann. White lässt Wart in dem Burggraben die verborgene Gefahr hinter der Gesellschaft und auch hinter allem Schönen — denn die Unterwasserwelt wird als ungemein schön beschrieben — erblicken.

Herr Hecht ist besessen von der Macht, die er in diesem winzigen Gewässer hat. Er ist buchstäblich ein großer Fisch in einem kleinen Teich. Er hält einen Monolog über das Wesen der Macht. Er ist davon überzeugt, dass sich Macht durch körperliche Stärke definiert und dass diese Macht durch Liebe und Verlangen bedroht wird. Und „Macht ist Recht“. Er spiegelt so die harte Realität der Nahrungskette seiner Welt wider.

Er war unbarmherzig, desillusioniert, logisch-berechnend, räuberisch, grimmig-wild und kannte keine Gnade. Doch sein großes Edelsteinauge war das eines tödlich getroffenen Rehs, geweitet, ängstlich, sensitiv und voller Trauer.

Doch hinter der mächtigen Fassade verbirgt der Hecht seine Angst und Einsamkeit. In einer durch körperliche Überlegenheit definierte Gesellschaft kann ein Herrscher sich nur allein behaupten, er muss seine Einsamkeit aufrecht erhalten, um seine Macht aufrecht zu erhalten. Der Hecht hat keine intellektuellen Fähigkeiten, die ihn zu einem guten König machen; er ist einfach an der Spitze der Nahrungskette. Darum herrscht er als Tyrann. Eine mächtige Lektion für den zukünftigen König Wart.

Camelot Leselog 01: „Ziemlich begrenzte Erziehung“

Auf geht’s in die Aventiure! Für den Beginn des Leselogs zu Der König auf Camelot von T. H. White habe ich mir die ersten drei Kapitel vorgenommen. Ich musste mich zurückhalten, keinen vollständigen Essay zu schreiben; schon jetzt weiß ich ein wenig besser, warum ich das Quartett so sehr mag.

Banner Der König auf Camelot LeselogKapitel 1 bis 3: Das passiert

Arthur, Wart genannt, wächst als Mündel im Haushalt Sir Ectors auf. Etwas älter ist dessen Sohn Kay, der als Erbe in allem bevorzugt behandelt wird. Ector und ein befreundeter Ritter diskutieren die beste Art, für die Erziehung der Jungen zu sorgen; Ector beschließt, einen Hauslehrer zu engagieren.

Kay und Wart wollen sich mit einem der Habichte des Hofs die Zeit vertreiben. Durch Kays Unachtsamkeit macht der Vogel sich aus dem Staub. Kay lässt Wart den Habicht einfangen. Er verirrt sich immer tiefer in den finsteren, berüchtigten Wald. Es wird Nacht.
Wart begegnet im Wald dem Aventiuren-Ritter König Pellinore, dessen Schicksal es ist, das Aventiuren-Tier zu fangen. Als besagtes Biest sich nähert, setzt Pellinore zum Angriff an und ist wieder verschwunden.

Am Morgen folgt Wart einem Geräusch und landet so bei Merlin’s Hütte, wo der Zauberer gerade an dem quietschenden Brunnen zugange ist. Merlin lädt den hungrigen Jungen zum Frühstück ein und will Wart nach Hause begleiten, um dessen Hauslehrer zu werden.

England in gesellschaftlicher Schieflage

White verrät noch nichts Konkretes über die politische Lage Englands, Uther Pendragon wird mit keinem Wort erwähnt. Doch die gesellschaftlichen Probleme spiegeln sich in Warts himmelschreiend ungerechter Lage wider: Kay ist als Erbe Ectors nicht nur abgesichert, sondern wird wie ein Prinz behandelt. Wart ist als Pflegekind vollkommen der Barmherzigkeit seines Vormunds ausgeliefert, er ist „nichts wert“.

Obwohl Kay weder Interesse noch Können zeigt, wird er beständig gelobt und betüttelt. Im Gegenteil, Kay ist herablassend und gemein gegenüber Wart, der dabei aber immer freundlich bleibt. Das Schlimmste: Wart glaubt selbst an die Richtigkeit dieses ungerechten Systems: „Kay hatte ihm beigebracht, das jeder der anders war, im Unrecht sei.“

Als Kay die Geduld mit dem entflohenen Habicht verliert und nach Hause geht, lässt er den jüngeren Wart am Waldrand alleine zurück. Doch Wart sieht nicht, dass ihm hier Unrecht geschieht. Für ihn ist es unerheblich, durch wessen Fehler der Habicht entkam; er fühlt sich verpflichtet, das Richtige zu tun und den Vogel wieder einzufangen. In diesem Verhalten zeigt Wart die Empathie und den Gerechtigkeitssinn, der ihn zum wahren König Englands macht.

Vom Rittertum und Abenteuern

White flicht seinen ironischen Kommentar in alle ritterlichen Tätigkeiten des Buches ein; er macht einen Großteil des Humors in Der König auf Camelot aus. Zum Einen denke ich hier an Sir Ectors Gespräch mit seinem Kumpel Sir Grummore Grummursum. Sie stellen sich die Frage, wie man die „Jugend von heute“ am besten erziehe. Die Gouvernante ist durch Hysterie arbeitsunfähig geworden (es werden fehlgeschlagene Avancen ihrerseits angedeutet sowie ein vergangener Aufenthalt in einer Geistesheilanstalt). Ein Internat scheint auch keine passende Lösung zu sein.

White lässt ein weiteres Gesprächsthema einfließen: Die Aventiure, also die ritterliche Abenteuerfahrt. Ector und Grummore sind offensichtlich komplett unfähig in dieser Hinsicht, sie beschweren sich darüber, dass man auf der Riesenjagd immer so leicht die Fährte verliert. Ich meine, wer nicht mal einen Riesen ausfindig machen kann! Kein Wunder, dass Ector beschließt, den Hauslehrer nicht aktiv suchen zu gehen, sondern eine Annonce aufzugeben. Als arrivierter Sir hat er es offenbar nicht mehr nötig, sich in Aventiuren zu beweisen (und die Gesellschaftsstruktur zeigt, dass er auch in jüngeren Jahren nicht talentiert sein musste, um diese Stellung zu erreichen). Passend zu dieser Perspektive ist Warts Reaktion, als Merlin am Ende des dritten Kapitels als sein Hauslehrer mit zu Sir Ectors Burg kommen will: „Da muss ich ja auf einer Aventiure gewesen sein!“

Die Suche nach der Suche

Aventiuren-Tier von Andrew LaingSir Pellinore (eine meiner Lieblingsfiguren der Romane!) ist wohl die personifizierte Sinnlosigkeit der Aventiure (oder vielleicht einer veraltenden Rittertradition, aber dazu ein andermal): Wir sehen ihn vollkommen verloren im Wald, seit 17 Jahren ist er auf der Suche nach dem Aventiuren-Tier (auch Glatisant oder Questen-Biest). Ihm ist kalt, er langweilt sich zu Tode und ist alles andere als geeignet für den Job. Sein Hund ebenso, der sich ständig in der Leine verheddert und kein Interesse daran zeigt, das Questenbiest wirklich zu fangen. Die Ironie liegt nicht nur darin, dass ein König, von dem nie jemand gehört hat, als unfähigster Ritter aller Zeiten wider Willen durch den Wald stolpert. Das Aventiuren-Tier ist eine aus der Artusepik bekannte Metapher für die Aventiure an sich; es kann nicht gefangen werden. Da Pellinore berichtet, die Jagd nach dem Questenbiest sei die Aufgabe seiner Familie. Damit ist sein Lebensziel eine Tautologie, aus der er nicht entkommen kann. Dementsprechend verfallen er und sein Hund direkt in vollen Jagdmodus, als das Aventiuren-Tier zu hören ist, obwohl beide vorher den Eindruck erweckten, nichts weniger tun zu wollen als weiter diese sinnlose Jagd zu verfolgen.Pellinore nennt es den Fluch der Pellinores und bringt sein Verhalten damit auf den Punkt. Wie White hier das vorhandene mittelalterliche Material für seine Erzählung zu seinem Vorteil nutzbar macht, finde ich besonders clever und dadurch doppelt so lustig.

Merlin

Im dritten Kapitel lernen wir Merlin kennen, der „falsch herum in die Zeit“ geboren wurde. Er lebt rückwärts und vermisst Elektrizität und fließend Wasser an seiner Hütte. Als er Wart fragt, wie lange sich die beiden schon kennten und Wart ihm sagt, sie haben sich gerade erst kennengelernt, wird der Zauberer ganz rührselig. „So wenig Zeit verstrichen.“ In seiner Lebenszeit bedeutet es, dass ihm nur diese kurze Zeit mit seinem alten Schüler und Freund Arthur übrig bleiben. Für ihn ist es ein Abschied.

Merlin wird als äußerst unhygienische Erscheinung beschrieben, mit Vogelkot auf den Schultern, die Frisur ähnlich eines Vogelnests; von seinem Hut seilt sich unbeeindruckt eine Spinne herab, in seinen Taschen verwahrt er Mäuse, die er an seine Eule Archimedes verfüttert. Er könnte locker Modell für den armen Tropf Radagast in den Hobbit-Filmen gestanden haben. Da Merlin sonst bei Weitem nicht verstrahlt genug ist, um dieses Aussehen zu rechtfertigen, sehe ich Merlin vor meinem geistigen Auge etwas vernachlässigt, immerhin hat er andere Dinge im Kopf als sein Äußeres und neigt zu Chaos, aber nicht so verdreckt wie hier beschrieben.

Merlins Hütte ist vollgestopft mit allem möglichen Zeug aus vergangenen und kommenden Zeitaltern. Dabei fallen einige Objekte besonders auf: Die explizit erwähnte 14. Auflage der Encyclodaedia Britannica ist die Ausgabe, die zu Whites Zeit aktuell war und die er wahrscheinlich besaß; auch andere Objekte beziehen sich auf Whites Zeit, die die Bildchen von Peter Scott (gemeint ist wohl Peter Markham Scott). White sah sich selbst als Außenseiter und lebte lange in einer nicht unähnlichen Hütte am Walrand. Irritierend finde ich, dass Merlin einen Waffenschrank besitzt. Einen, der Waffen aus der Zukunft enthält. Merlin wird sonst ausschließlich als Mann des Wissens dargestellt, warum zum Henker sollte er eine Waffensammlung unterhalten? Ich stelle mir einen Schrank mit Morgenstern nebst Bazooka und abgespacten Schusswaffen der Zukunft vor.