⛱ Urlaubszeit ⛺

Newcastle Meine Lieben, es ist so weit: Der Urlaub steht an! Daher ist hier erst mal zweieinhalb Wochen Ruhe im Karton. Rechnet mit einem buchigen Beitrag und vielen Neuzugängen, denn ich plane eine Second Hand Book Shopping Orgie 😉

Ich wünsche allen einen fantastischen Sommer (den soll es ja nun laut Wetterbericht geben): Geht für mich ins Freibad, denn ich werde in England vielleicht einfach nur nass 🙂

Der Horror. Gelesenes im August, Teil 1

Charlotte Perkins Gilman: Die gelbe Tapete

Brillante Kurzgeschichte mit einer Spur Gothic. Hier die Rezension für alle, die es gerne etwas genauer hätten.

Kenneth Grahame: The Wind in the Willows

Mit diesem Klassiker bin ich nicht richtig warm geworden. Toad, reich, egozentrisch, adrenalinversessen, war einfach nicht auszuhalten. Die kurzen Episoden über Badger, Ratty und Mole waren dagegen einfach zu kurz. Insgesamt wird hier ein etwas zu behäbiges Leben angepriesen, das doch ganz schön angestaubt ist.

Suzanne Collins: Flammender Zorn (Die Tribute von Panem 3)

Wie die anderen beiden Bände der Tribute von Panem war ich auch hiermit innerhalb zweier Tage durch. Ich hatte mich gewundert, warum so viele Leser dieses Buch am schwächsten bewerten. Während mir das Ende eigentlich nicht so verkehrt vorkam, hat mich etwas anderes zunehmend gestört: Katniss war über die anderen Bände eine erstaunlich starke Protagonistin. Leider verfällt Collins auf den letzten Meilen in typische Muster und stellt Katniss als kaltblütige Opportunistin und als Vamp dar. Und mehr kann ich nicht sagen wegen Spoilern für die Reihe. Insgesamt also ein zwiegespaltenes Leseerlebnis.

Charlotte Perkins Gilman: Die gelbe Tapete

Wie gut, dass diese Kurzgeschichte gerade wiederentdeckt wird – sonst hätte ich sie wohl nicht so schnell gelesen.

Bildquelle: 29364131@N07 (Flickr)

Wir lesen die Aufzeichnungen einer jungen Frau, die scheinbar krank ist. Ihr Mann John, der Arzt ist, hat ihr Ruhe verordnet, um ihre ‚Nervenschwäche‘ zu kurieren. In einem vermeintlichen Kinderzimmer mit gelber Tapete bringt sie ihre meiste Zeit zu und langweilt sich. Die schriftlichen Aufzeichnungen erleichtern ihr diesen Zustand, bis sie immer mehr versucht, dem Muster der gelben Tapete auf den Grund zu gehen.

Was Charlotte Perkins Gilman hier im Jahr 1892 gelungen ist, ist ein absolutes Meisterwerk: Es ist schockierend, gruselig und durchweg ambivalent.
Während von Beginn an Johns Herablassung der namenlosen Protagonistin gegenüber klar ist, liegen seine Motive genauso im Dunkeln wie der geistige Zustand der Erzählerin.

Ich habe vorher noch nie so eine Geschichte gelesen; tatsächlich habe ich sie zweimal hintereinander gelesen, beim zweiten Mal mit einem Stift griffbereit. Hier wird ein cleveres Netz aus möglichen Lügen und Anschuldigungen gesponnen, bei dem es letztendlich die vollkommene Ohnmacht der Frau in einer Männerwelt ist, die diese Situation eskalieren lässt.

„Die gelbe Tapete“ ist direkt an die Spitze meiner Kurzgeschichten-Favoriten gesprungen und ich könnte hier noch ewig über einzelne Sätze und meine Analysen schreiben. Aber das würde nur jedem das Lesevergnügen nehmen. Stattdessen spreche ich eine eindrückliche Leseempfehlung aus! 🙂

Die Geschichte ist im Original bereits public domain, den Text gibt es also online. Wer eine Übersetzung bevorzugt: ich habe eine Anthologie mit „Frauengeschichten“ gekauft, die mit dieser Story eröffnet und weitermacht mit Autorinnen wie Edith Warton, Virginia Woolf und Katherine Mansfield. Sie heißt „Die Frau hinter der gelben Tapete“ und ist meines Wissens auch nur noch gebraucht zu haben.

*Bildquelle: 29364131@N07 (Flickr), CC2.0, Remix von mir.

Gender Trouble: Gelesenes im Juli (Teil 2)

Meine Leseflaute hält weiter an, immer noch bin ich vollkommen im Witch please Fieber. Dazu kommen ausführliche Planungsorgien für den bevorstehenden Englandurlaub.

Irmgard Keun: Das Mädchen mit dem die Kinder nicht verkehren durften

irmgard-keunKurzweilige Story um ein ungezogenes Mädchen aus dem Köln während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Da wir die Geschichte aus der Perspektive des Kindes lesen, sehen wir die eindeutig guten Absichten der Kleinen: Sie missversteht die Welt der Eltern und umgekehrt.

Sie essen die Schnecken, sie essen immerzu alles und erzählen Kindern, daß man Schnecken ansingen soll und Osterhasen lieben muß. Ich weiß wirklich nicht, warum sie nicht lieber böse dicke Männer essen, die sie nicht leiden können und die nicht niedlich sind und an denen auch mehr dran ist.  — S. 133

Irmgard Keuns Stil ist unverkennbar, unter der flatterhaften Oberfläche gibt es viel zu entdecken. Die eigentliche Geschichte ist eher episodenhaft und das Ende sehr abrupt.

Marcel Proust: Sodom und Gomorra (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit #4)

So langsam entwickelt sich ein Problem mit diesen Büchern: Proust liebt Rück- und Vorverweise, die sich bei der Buchlänge natürlich kein Normalsterblicher merken kann.

Noch eine zweite Anmerkung: Soo viele versteckte Petting-Szenen!

Ich lehnte die Decke ab, die ich an den folgenden Abenden, bei denen Albertine dabei war, annehmen sollte, freilich weniger wegen der Gefahr einer Erkältung, als um der Geheimhaltung unserer Vergnügungen willen.

In diesem Buch geht es hauptsächlich um Sexualität, vor allem um homoerotische. Die dabei vertretene Meinung, Homosexuelle seien „eigentlich“ des jeweils anderen Geschlechts (also ein schwuler Mann sei eigentlich eine Frau und umgekehrt) war dabei dermaßen präsent, dass mir das Lesen teilweise schwer fiel. So viel als Warnung an Interessierte.

Carlos Ruiz Zafón: Der Fürst des Parnass

Mein Lückenbüßer des Monats ist diese wenig erfreuliche Prequel zu der beliebten Buchreihe um den Friedhof der vergessenen Bücher. Vieles erinnert an Don Quijote (Cervantes ist die Hauptfigur, aber es wird doch mehr „geliehen“, als mir gerechtfertigt erschien) und vor allem an bereits Dagewesenes in Zafóns eigenen Romanen. Und feministisch gelesen ist das Buch eine Katastrophe. Dabei bleibt die Textqualität weit hinter den „richtigen“ Friedhofsbüchern zurück, Zafóns Charme verkommt hier zu überdrehtem Pathos.

Suzanne Collins: Gefährliche Liebe (Die Tribute von Panem #2)

Meine Frustleihe, nachdem ich zwei andere Bücher in der Bibliothek nicht finden konnte, obwohl der Katalog sagte, sie seien vor Ort. Gut, dass es so kam, denn ich habe den Roman an einem Tag gelesen. Katniss ist immer noch eine komplexe, starke Figur, und dass die Spiele nur ein Drittel des Buches einnehmen war mir nur recht.

The Intimidating TBR ❁ Der furchterregende SuB

Dieses Tag hat sich in die deutschsprachige Buchblogs geschlichen und auch ich finde die Fragen ganz interessant, um einen neuen Blickwinkel auf den eigenen SuB einzunehmen.

1. Ein Buch, das du nicht beendet hast: Don Quijote

Cervantes Don QuijoteDas erste von zwei Büchern habe ich gelesen und damals wegen Unistress abgebrochen. Das Problem: Die zweite Hälfte, so heißt es, ist eine ungefähre Spiegelung der ersten; und schon in der ersten Hälfte gab es genug Wiederholungen, um mich abzuschrecken. Irgendwann habe ich den Mut, noch mal da ranzugehen.

2. Ein Buch für das du einfach noch keine Zeit hattest: Herr der Krähen

Ngugi wa Thiongo Herr der KrähenDieses Buch habe ich auch schon ewig und freue mich wie ein Idiot darauf, es zu lesen. Magischer Realismus aus Afrika ist für mich neues Terrain und ich kann nicht erwarten, es zu betreten. Trotzdem ist das Buch echt lang und kürzere Bücher schieben sich dazwischen.

3. Ein Buch, dass du nicht gelesen hast, weil es sich um eine Fortsetzung handelt: Der Riva Kodex

David Eddings Belgarath der Zauberer, Polgara die Zauberin und Der Riva-KodexDrei dicke, dicke Bücher warten schon seit Jahren auf mich, weil ich erst die ursprünglichen 10 Bücher (!) noch mal lesen wollte, bevor ich zum ersten Mal die Prequel-Reihe zur Hand nehme nehme. Tja, der Reread ist zeitlich leicht aus dem Rahmen gefallen (*hust*) und der Riva Kodex immer noch Teil des SuBs.

4. Ein Buch, dass du nicht gelesen hat, weil es brandneu ist: Die Jahre des Schwarzen Todes von Connie Willis

Connie Willis Die Jahre des schwarzen TodesDas Buch habe ich endlich bestellt, nachdem ich tagelang das Bett hüten msste und dabei mit wachsender Enttäuschung A Disocvery Of Witches angehört habe. Der Zusammenhang? Beide spielen in Oxford, einer meiner Lieblingsorte! Vielleicht wird mir dieser Zeitreiseroman ja besser gefallen.

5. Ein Buch von einem Autor, von dem du schon etwas gelesen hast, das du nicht wirklich mochtest: Verschiedenes von Paul Auster

paul-auster-miscIn der Schule hat mich Moon Palace von Paul Auster voll umgehauen. Statt das einfach wieder zu lesen, habe ich neue Bücher von ihm angehäuft. Bisher konnte mich noch keines so treffen wie meine erste Begegnung mit ihm. Da ich Optimist bin, liegen noch 3 seiner Werke auf meinem ungelesenen Bücherstapel. Eins davon geht sogar Richtung SciFi, darauf bin ich besonders gespannt.

6. Ein Buch, für das du einfach nicht in der richtigen Stimmung bist: The Winter People

Jennifer McMahon The Winter PeopleDas Buch klingt nicht nur spannend, es fühlt sich auch in der Hand göttlich weich an. Anfang des 20. Jahrhunderts wird die kleine Gertie ermordet. Ihre Mutter kann sie aber dank eines alten Spruchs für sieben Tage von den Toten zurückholen. Natürlich kommt für eine Wintergeschichte nur der Winter als Lesezeit in Frage. Und in genau dieser Zeitspanne dann Lust und Zeit auf den englischsprachigen Roman zu haben, ist gar nicht so einfach, wie es klingt.

7. Ein Buch, das du noch gelesen hast, weil es ENORM ist: Vom Winde verweht

Margaret Mitchell Vom Winde verweht DetailEin ziemlicher Wälzer mit dem Ruf, dank der Protagonistin frustrierend und allgemein rassistisch zu sein. Trotzdem steht es auf meiner Sommerleseliste (*I can do this*) und ich bin sehr gespannt, da ich einige begeisterte Leser kenne.

8. Ein Buch, das du wegen des Covers gekauft hast: Little Women

Louisa May Alcott Little WomenLittle Women hätte ich auch locker aus der Bibliothek leihen können. Wäre da nicht diese Puffin Classic Ausgabe, die so schnuckelig war, dass ich beim Auspacken tatsächlich laut gequietscht habe. Ich habe auch schon ein wenig in den Roman reingelesen, bin aber noch nicht zum Rest gekommen.

9. Das ehrfurchtgebietendste Buch auf deinem SuB: 2666

Roberto Bolano 26661000 Seiten unentwirrbarer Plot, der „Unendliche Spaß“ Lateinamerikas. Viele Meinungen zu 2666 sorgten für meine Faszination und meine Ehrfurcht vor diesem Buch. Dazu kommt, dass meine Taschenbuchausgabe gebraucht ist und auch so aussieht. Ein bisschen Angst, dass mir das Teil einfach zerfällt, ist irgendwie auch dabei.

 

Kennt ihr diese Bücher? Könnt ihr mir ein wenig Motivation einimpfen? Oder eine Warnung aussprechen?
Wenn ihr diesen Tag ebenfalls gemacht habt, lasst mir doch einen Link auf euren Beitrag da 🙂

Fremde Welten, liebeskranke Hexen und verzweifelte Hausfrauen: Gelesenes im Juli, Teil 1

Oh witch, please! und einige andere Podcasts, die ich momentan non-stop höre, nehmen mir die Zeit zu lesen. Muss auch mal sein 😉
Das sind die Bücher, die ich trotzdem in den letzten Wochen gelesen habe:

Tonke Dragt: Meere von Zeit. Auf der anderen Seite der Tür

Tonke Dragt Meere von ZeitTonke Dragt war eine Heldin meiner Kinderjahre: Geboren in einem nicht mehr existierendem Land, war sie nicht nur die Autorin meiner Lieblingsbücher, sondern selbst eine faszinierende Persönlichkeit. Doch mit der bis heute unvollendeten „Meere von Zeit“-Reihe bin ich von Anfang an schlecht klargekommen. Die Figuren sprechen seltsam ruppig und eigentlich hat man bis zum Ende höchstens eine wage Vorstellung, was überhaupt los ist. Dazu frustrierte mich Hauptfigur Otto durch sein grundloses Schweigen, wann immer neugieriges Nachfragen angebracht gewesen wäre. Eine faule Masche ist das, um Hintergrundwissen vor dem Leser zu verbergen. Außer ein paar Physik- und Science Fiction-Anspielungen konnte ich aus diesem Jugendroman leider nichts gewinnen.

Deborah Harkness: A Discovery of Witches

Noch ein herber Reinfall war der Auftakt zur All Souls-Trilogie. Dabei fing alles so gut an: Eine junge Wissenschaftlerin stößt in Oxford auf ein verhextes Manuskript und plötzlich haben es sämtliche Zauberwesen auf sie abgesehen. Die Beschreibungen der Stadt und der Bodleian Bibliothek machten mich richtig nostalgisch; auch die Ruderszenen sprachen mir aus der Seele (das Meditative an diesem Sport habe ich noch nirgendwo so treffend beschrieben gesehen). Doch plötzlich verwandelte sich der Roman in eine unsägliche Schnulze. Unfassbar langweilige und so gar nicht romantische Passagen folgten. Am Ende stellte sich sogar heraus, dass der gesamte Band als Prolog für den Rest der Serie zu verstehen ist. Ach ja, und Logik sucht man hier ebenso vergebens wie Spannung. Eine herbe Enttäuschung.

Patricia Highsmith: Ediths Tagebuch

Familie, Haus in den Suburbs, Garten, Freunde: Edith lebt das perfekte amerikanische Leben. Doch die Fassade bröckelt und mit ihr Ediths Psyche.
Patricia Highsmith ist unbestritten die Königin des psychologischen Thrillers. Ihre Beobachtungen sind so präzise wie schockierend. Dabei ist dieser Roman eher bedrückend als spannend. Meine Begeisterung für The talented Mr. Ripley ist immer noch ungeschlagen. Wenn man aber bedenkt, dass Ediths Tagebuch in der amerikanischen Vorstadtidylle derFünziger und Sechziger spielt, passt der gemächlichere Ton vollkommen. Ein „langsamer“ Schocker.

Das Leben: ein Fest, ein Kampf, und immer wieder überraschend. Gelesenes

Leider lag ich eine Woche krank im Bett und habe darum in der zweiten Junihälfte nicht viel gelesen. Ich kann mich einfach nicht genug konzentrieren, wenn ich Fieber und Kopfschmerzen habe, leider.

Ernest Hemingway: Paris. Ein Fest fürs Leben

Hemingway ParisHemingway und ich – keine Lovestory. Gescheitert sind wir schon des Öfteren, so richtig per du waren wir nie. In seinen Memoiren über die Zwanzigerjahre in Paris weckten in mir aber neue Hoffnung. Ich meine, was gibt es Spannenderes als einen Insider-Bericht über diese Epoche: Midnight in Paris, nur real? Ich hatte tatsächlich viel Freude an dem Buch; doch auch diesmal bleibt die Kritik nicht weit. Meine Rezension „Paris: Ein Fest fürs Leben“ hier.

Sara Gruen: Wasser für die Elefanten

Nach Binewskis mein zweiter Zirkusroman des Jahres, aber der Unterschied könnte nicht größer sein. Hier erzählt ein alter Mann aus dem Altenheim von seinen Erinnerungen als Tierarzt in einem der letzten großen Zirken der USA am Ende einer Ära. Die Rahmengeschichte hätte nicht sein müssen und war teils am Rande des Kitsch. Die Teile über den Zirkus haben mir gut gefallen, doch das Genre ist mir letztendlich doch in die Quere gekommen: Die Liebesgeschichte hat mich genervt, weil sie mehr und mehr Platz in der ansonsten flüssigen Erzählung eingenommen hat. Am Ende bleibt ein nur lauwarmes Gefühl zurück. Als Love Story mit schönen Add-ons kann ich Wasser für die Elefanten aber empfehlen.

Andrew Kaufman: Alle meine Freunde sind Superhelden

Andrew Kaufman: Alle meine Freunde sind SuperheldenTom ist umgeben von Superhelden: Selbst seine Frau, die Perfektionistin, ist „anders“. Auf ihrer Hochzeit hat ein Verflossener sie hypnotisiert, sodass Tom nun für sie tatsächlich unsichtbar ist.
Dieses sehr kurze Büchlein versammelt neben Toms Geschichte auch eine Horde abstruser Superheldenfiguren, die mit einer kurzen Beschreibung als hors d’heuvre eingestreut sind. Während dem Lesen war ich gut unterhalten, aber leider waren es eher die höchst originellen Begabungen, die Kaufman sich hat einfallen lassen, die mich gefesselt haben. Die eigentliche Geschichte war eher so là là und mir zu knapp. Knapp umrissene Figuren sind nicht mein Fall, da halfen auch nicht die wunderbar surrealen Situationen und Ideen, die Kaufman hier eingebaut hat.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

Jahrelang bin ich Remarque ausgewichen – Kriegsgeschichten sind meine Sache nicht. Nachdem ich aber in den letzten Jahren immer wieder begeisterte Stimmen zu dem Roman gehört habe, lieh ich das Buch doch aus. Der Krieg ist hier als menschliche Katastrophe stets präsent, doch geht es ausschließlich darum, wie der Protagonist und seine Kameraden mit der Tatsache umgehen, Teil dieses Krieges zu sein. Mit weiten Gedankengängen zur Menschlichkeit und Unmenschlichkeit des Krieges und teils herzzerreißend schöner Prosa hat mich Remarques Text gewonnen.

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Die Geschichte um Baba Dunjas Leben zwischen verstrahlten Tomaten, ehrfürchtigen Nachbarn und einer fernen Familie in Deutschland hat mir erstaunlich gut gefallen. Eine volle Rezension zu Bronskys Roman habe ich auch geschrieben.

Ernest Hemingway: Paris. Ein Fest fürs Leben

Hemingway ParisIch bin hin und hergerissen, was Hemingway betrifft: Seine Prosa war mir zu spröde, während seine Geschichten mich immer faszinierten. Seine Frauenfiguren waren unausgegoren und allzu klischiert, doch die Protagonisten Mikrokosmen der Komplexität.
Obwohl Paris: Ein Fest fürs Leben als Erinnerungstext nicht dieselben Probleme für mich bereithielt, war es doch wieder mal ein typisches Hemingway-Leseerlebnis.

Die Liste der Dinge, die bezaubernd und spannend fand, ist lang: Seine exzellenten Beobachtungen über die Parser Jahreszeiten; wie er sich an ein Thema nähert und den Leser teilhaben lässt; sein unverhohlener Abscheu gegenüber einigen Autoren war einfach köstlich fies; seine Verwunderung über die eigene Loyalität zu F. Scott Fitzgerald; die Schilderungen über die literarischen Cafés und Bekanntschaften mit anderen Literaten der Zeit; Reminiszenzen an Hungertage, an denen er den Hunger zu einer Inspirationsquelle erhebt, um ihm einen Sinn zu geben.

Dieses Buch liest sich auch viel leichter als Hemingways Romane. Er erzählt leichtfüßig und transportiert so ein Lebensgefühl, das vielleicht konstruiert ist, aber so gut zu unserem Bild von Paris zu dieser Zeit passt. Denn es ist ganz eindeutig, dass Hemingway sich hier äußerst positiv darzustellen versucht und unangenehme Themen umgeht. Da fallen eigene Unzulänglichkeiten unter den Tisch. Was genau zwischen ihm und Stein zu Unfrieden führte? Natürlich Frau Steins Wankelmut und ihre Überheblichkeit.
Auch schildert Hemingway nonchalant, dass er sein Kind von der Katze bewachen lässt, um ausgehen zu können. Zuguterletzt beschreibt er seinen Ehebruch, als wäre er ohne sein Zutun geschehen und unausweichlich gewesen. Ja klar, Hemingway, Ehebrecher wider Willen, du konntest nicht nein sagen, du warst das Opfer gnadenloser Verführung … So konstruiert Hemingway, sehr clever allerdings, so nahtlos, als habe er sich diese Geschichte so auch immer selbst erzählt, ein Bild des jungen, unbescholtenen Schriftstellers mit hohen Ambitionen und klaren Vorstellungen.

Als Portrait von Paris und der literarischen Szene dort in den Zwanzigern ist das Buch weit mehr geeignet als als Portrait Hemingways. Schön zu lesen war es aber unbedingt. Ich bin froh, das nun endlich getan zu haben.

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Baba Dunjas letzte LiebeIch hatte keine Ahnung, worauf ich mich mit Alina Bronskys Roman einlassen würde. Ich hatte nur Gutes darüber gehört, also lieh ich es bei Gelegenheit als Hörbuch, gelesen von Sophie Rois, aus.

Baba Dunja ist die erste, die nach dem Reaktorunglück in ihr Heimatdorf Tschernowo zurückkehrt. Bald folgen andere, doch aus Baba Dunja wird eine Berühmtheit über die Todeszone hinaus. Die resolute Alte hat mit Ruhm aber nichts am Hut, sondern nimmt an, was ihr das Leben bietet: Ein kleiner Garten, verkorkste Nachbarn und vor allem eine Enkelin in Deutschland, die sie noch nie gesehen hat.

Außerdem begleiten Baba Dunja die Geister ihrer Vergangenheit: Mit ihrem verstorbenen Ehemann spricht sie ebenso wie mit dem dahingeschiedenen Hahn der Nachbarin.

Bis heute wundere ich mich jeden Tag darüber, dass ich noch da bin. Jeden zweiten frage ich mich, ob ich vielleicht eine von den Toten bin, die umhergeistern und nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass ihr Name bereits auf einem Grabstein steht. Einer müsste es ihnen sagen, aber wer ist schon so dreist.

Alina Bronsky zeichnet hier ein warmherziges Portrait einer „unrussischen“ (Bronskys Worte in einem Interview) Seniorin, die ihr altes Leben komplett hinter sich gelassen hat und sich keine Vorschriften machen lässt. Die Reaktorkatastrophe spielt in ihrem Leben kaum eine Rolle. Nur, wenn sie mit einem Pinsel ihre Tomaten selbst bestäuben muss oder wenn sie, um in die Stadt zu gelangen, zwei Stunden zur nächsten Bushaltestelle laufen muss. Aber die paar Unannehmlichkeiten sind kaum der Rede wert, denn dafür muss Baba Dunja nicht in einer Mietwohnung in der Stadt leben und bleibt ihr eigener Chef.

Baba Dunja war mir sofort sympathisch, sie kommt gut allein zurecht. Ihr weicher Kern ist gut verborgen, tritt aber doch im Verlauf der Geschichte zutage. Auf der Hälfte des Buches nimmt die Geschichte eine wahrhaft unvorhergesehene Wendung, an die ich mich nicht ganz gewöhnen konnte. Doch auch weiterhin blieb sich Baba Dunja treu. Sophie Rois liest mit schnodderiger, knarziger Stimme und erweckt die alte ‚Grande Dame wider Willen‘ zum Leben.

Von Rotsichtigen, Immigranten und anderen Menschen auf der Suche

Zukunftsvisionen und Bebildertes sind der rote Faden dieser Rückschau. So richtig in Leselaune bin ich nicht gewesen, daher habe ich einige Bücher aus der Comicabteilung geliehen.
Leider kann ich im Moment keine Fotos machen, weil meine Kamera nicht zuhause ist 🙂 Nächstes Mal dann wieder mit Bild.

Jasper Fforde: Grau

„Grau“ ist der erste Band in der Eddie Russett-Reihe von Jasper Fforde. Seine verrückten Ideen kannte ich bereits aus „Der Fall Jane Eyre“, doch in dieser Science Fiction hat er sich selbst übertroffen. In der Zukunft ordnet sich die Gesellschaft in Kasten, die auf Farbsicht basieren. Eddie, nicht besonders intelligent, führungstreu und mit exzellenter Rotsicht, kommt in die Randgebiete als Strafe für ein minderes Vergehen. Und von da an entfaltet sich das Chaos. Genial. Leider existiert bis heute keine Fortsetzung, die weitere Fragen des Romans aufklären könnte. Es sind aber weitere Bände in Planung.

Shaun Tan: Ein neues Land

Dieses wortlose Comic von Shaun Tan schafft es in wundervollen Bildern, einem die Hilfosigkeit zu vermitteln, die Immigranten empfinden, wenn sie ein neues Land zu ihrem Zuhause machen. Die Hauptfigur lässt Frau und Kind zurück und reist in ein fernes, seltsames Land, wo er versucht, sich den Gegebenheiten anzupassen und Arbeit zu finden. Er begegnet anderen Einwanderern, die von ihren Erlebnissen berichten. Eine wunderbare Geschichte, die mich zu Tränen gerührt und mein Verständnis für Exilanten vermehrt hat.

Marjane Satrapi: Huhn mit Pflaumen

Nachdem ich Persepolis so toll fand, wollte ich unbedingt mehr von Marjane Satrapi lesen. „Huhn mit Pflaumen“ ist ebenfalls autobiographisch angehaucht: Erzählt wird die Geschichte von Nasser Ali, einem entfernten Verwandten Marjanes, der eines Tages beschließt, zu sterben. Die Gründe dafür scheinen auf der Hand zu liegen, doch die Wahrheit erfährt man erst ganz am Ende. Der Aufbau der Geschichte und die Dramatik haben für mich leider nicht wirklich funktioniert, unter anderem weil ich Nasser Ali von Anfang an nicht ausstehen konnte und die Auflösung der Geschichte zu konventionell fand. Nur ein Aspekt ging mir wirklich nahe: Dass Nasser Ali die Liebe seines ihm so unähnlichen Sohnes zu ihm ganz falsch einschätzt (mehr zu sagen wäre ein Spoiler).

Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage

Ich denke, ich bin mal wieder die letzte, die dieses Buch noch nicht kannte. Wirklich schönes, eher ruhiges Buch über das Leben nach dem Ende der Zivilisation. Es geht um die Sehnsucht nach dem Unwiederbringlichen und um versteckte Verbindungen zwischen Menschen. Und lasst euch nicht in die Irre führen, weil der Roman von vielen als SciFi beschrieben wird: Das ist er nicht. Und auch ohne umfangreiche Shakespeare-Kenntnisse kommt man auf seine Kosten.

Brian Selznick: Die Entdeckung des Hugo Cabret

In diesem Fall ist die Wirklichkeit magischer als die Fiktion. Die schönsten Dinge an diesem Roman sind die, die tatsächlich existieren: Georges Méliès, das Wunder des Films und der Maillard-Automat (der Schreibautomat). Die Zeichnungen und Figuren dagegen fand ich nicht so ansprechend.