Terry Pratchett: Nation (Eine Insel)

Von Terry Pratchett habe ich bisher ausschließlich seine Scheibenwelt-Romane gelesen. Nicht alle, aber ein bis zwei Dutzend sind es schon. Nation, zu deutsch Eine Insel, ist etwas ganz anderes. Und doch typisch Pratchett.

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Hernan Piñera (CC BY-SA)

Maus Stamm hat schon immer auf Nation gelebt. Doch während er auf einer anderen Insel einen Ritus erfüllen soll, der ihn zum Erwachsenen macht, löscht eine Riesenwelle seinen gesamten Stamm und damit seine Geschichte aus. Als er bald darauf auf das „Geistmädchen“ trifft, öffnet sich ihm eine völlig neue Welt.
Daphne, neben einem fluchenden Papagei die einzige Überlebende der im Sturm beschädigten und vor Nation gekenterten „Sweet Judy“, versucht sich auf der fremden Insel zurechtzufinden. Auch sie, die im Umfeld der Royal Society aufgewachsen ist, wird von den neuen Umständen überwältigt.

Mir ist vorher nie so klar geworden, wie genau Pratchett menschliches Verhalten und die Seltsamkeiten unseres Denkens erfasst. Dabei wird er aber nicht zynisch, sein Witz ist immer wohlwollend und freundlich. In Nation treffen zwei Weltbilder aufeinander, aber auch zwei junge Menschen, die sich verstehen lernen. Dass das alles so gut verläuft, ist Teil dieser Sicht auf die Welt. Der Zyniker in mir sagt: „Wahrscheinlicher wäre doch, dass die beiden Angst voreinander haben und es zu Mord und Totschlag kommt.“ Doch Terry Pratchett zeigt diese Möglichkeit, diesen vielleicht unwahrscheinlichen Fall, der aber viel schöner zu lesen ist als die Alternativen.

beach-sand-island-shore-coast-vacation-waterDie Hauptcharaktere Mau und Daphne sind sich im Grunde sehr ähnlich: Beide mutig, zupackend und freundlich im Angesicht von traumatischen Ereignissen. Obwohl sie keinen größeren Anteil an der Geschichte hat als Mau, bin ich ein Daphne-Fan. Nach und nach lässt sie die Masken der (viktorianischen?) Gesellschaft fallen und entwickelt einen ganz eigenen, starken Charakter. Die anfängliche Hoffnung, ihr Vater werde sie retten kommen, tritt immer mehr in den Hintergrund.  Gemeinsam legen die beiden den Grundstein für eine neue Nation und entdecken auch alte Geheimnisse von Maus Ahnen.

Eine schöne Coming-of-Age-Story, in der noch einiges mehr steckt. Am Ende habe ich sogar eine kleine Träne verdrückt.

Neues im Bücherregal. Die England-Ausgabe

Einen besonderen Buchbummel, auf den ich mich schon lange gefreut hatte, war mein Englandurlaub mit Abstecher nach Hay-on-Wye, der Bücherstadt. Da ich den Rummel vor Ort schon kannte, war ich vorbereitet: Eine wohlorganisierte Wunschliste im Schlepp zog ich los, sie alle zu fangen 🙂

Meine Liste enthielt ausschließlich Bücher, die nie oder noch nicht übersetzt wurden oder solche, die ich einfach lieber auf Englisch lesen möchte. Einige Bücher waren auch dabei, die ich erst einmal in der Hand halten wollte, bevor ich sie bestelle und es vielleicht bereue.Bücherstapel Science Fiction Fantasy

Spider Robinson: Callahan’s Crosstime Saloon
Kurt Vonnegut: Cat’s Cradle
Richard Matheson: I Am Legend
Joe Haldeman: The Forever War
Ray Bradbury: Something Wicked This Way Comes
Guy Kavriel Kay: A Song For Arbonne
Steven Erikson: Gardens of the Moon
Joanne M. Harris: The Gospel of Loki

Von Callahan’s Crosstime Saloon habe ich ja bereits berichtet. Andere Bücher, die ich auf Empfehlungen hin gekauft habe, waren A Song for Arbonne (Neyashas Tipp als Alternative zu Tigana vom selben Autor) und I Am Legend (was von Ariana kam).

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Ann Patchett: Bel Canto
Caitlin Moran: How To Build A Girl
Ann Carol Duffy: The World’s Wife

Bel Canto habe ich gar nicht gekauft, sondern in einer wunderschönen Kirche am Meer in einem Tauschregal entdeckt! Ich musste einfach ein Buch mitnehmen und von Ann Patchett schwärmen ja viele. The World’s Wife wiederum war auf meiner Wunschliste: Ein Gedichtband über die Frauen hinter den „großen Männern“. Die Gedichte scheinen auf den ersten Blick witzig und clever.

Ich fühlte mich sehr erfolgreich nach dem Bummel in Hay-on-Wye: Ich hatte wenig ausgegeben, fast nur die geplanten Bücher gekauft und auch einige Wünsche von der Liste gestrichen, weil mir die Bücher doch nicht gefallen haben. Und dann kam Oxford.nf-quantum-subliminal-victorians-british-history

Brian Cox / Jeff Forshaw: The Quantum Universe
Leonard Mlodinow: Subliminal
Caroline Rochford: Great Victorian Discoveries
John O’Farrell: An Utterly Impartial History Of Britain

Ich habe einen neuen Grund gefunden, dankbar für die Buchpreisbindung in Deutschland zu sein. Ein halbe Stunde in Blackwell (einem renommierten und sehr großen Buchladen) und nur ein klarer Moment rettete mich vor dem Bankrott. In der wissenschaftlichen Abteilung bemerkte ich die Aufkleber auf den Taschenbüchern „3 for 2“. Darum die 3 Sachbücher im Einkauf. Befriedigt stieg ich in den dritten Stock, um die Second Hand Abteilung zu erkunden. Viele Studenten verringern durch den Wiederverkauf ihrer Bücher ihre Studienkosten. Dort fand ich etwas, das ich schon lange suchte: Eine humorvolle, leichte Geschichte Großbritanniens. Ich bin keine Historikerin und brauche es nicht allzu genau, daher habe ich gerne ein paar Pfund in ein sehr gut erhaltenes Hardback investiert. Als ich wieder runterkam sah ich, dass die fatalen „3 for 2“-Aufkleber auch auf Belletristik-Bänden, ja, eigentlich auf allen möglichen Büchern klebten! Nach einem kurzen Aussetzer (so viele Möglichkeiten!) verließ ich schnurstracks das Geschäft. Aus Sicherheitsgründen.

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Zwei Bücher, die ich inspiriert durch Leonard Mlodinows Das Fenster zum Universum (eine Geschichte der Geometrie) haben wollte. Dieses Buch hatte ich auf Englisch gelesen und dadurch jegliche Angst vor der englischen Sprache verloren und wollte nun mehr über Stringtheorie und die Beschaffenheit der Welt erfahren. Darum war The Quantum Universe auf meiner Liste gelandet. Subliminal habe ich dann wegen dem Autor, Mlodiow selbst, eingesackt. Das Unbewusste und der Zusammenhang mit unserem mehr oder weniger freien Willen interessiert mich natürlich auch.

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Great Victorian Discoveries war das dritte Buch meines „3 for 2“-Bundles. Nachdem mich die Dokumentarserie What the Victorians did for us von der BBC vor Jahren auf diese Periode gestoßen hat, nahm ich ohne groß zu überlegen dieses Sammelsurium an Fakten und Anekdoten mit. John O’Farrells Buch hat mich zwischen Bänden über verschiedene Kriege und wichtige Männer der Geschichte besonders angesprochen. Es sieht mächtig aus, enthält aber vergleichsweise leichte Kost. Die ersten Seiten waren schon sehr lustig und lassen auf mehr hoffen.

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Zwei dicke Bücher! Warum hat mich niemand gewarnt, wie viele Malazan-Bücher es gibt?!

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Fast unsere Welt: Eine Bar, ein Zirkus. Aber etwas ist entschieden anders.

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Ein paar Klassiker verschiedener Subgenres.

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Trotz gemischter Bewertungen mitgenommen. Das Cover ist aber auch schön.

Mit dieser kleinen Orgie habe ich meine SuB-Abbaupläne natürlich zurückgeworfen. Ich hoffe, den Rest des Jahres deutlich kürzer zu treten und mich ganz besonders auf mein eigenes Regal zu konzentrieren. Die Shoppingtour hatte ich mir aber redlich verdient und ich bereue nichts 🙂

#wklm2016

wklm2016Raus  aus dem Urlaub und rein ins Lesevergnügen!

Etwas verspätet steige ich in Kerstins Lesemarathon ein. Dafür habe ich aus dem Urlaub (wie versprochen) jede Menge neue Bücher mitgebracht. Am liebsten hätte ich noch ne Woche Urlaub, um mit dem Lesen richtig loszulegen. Aber dafür ist ja der Marathon auch gut 🙂

Einen richtigen Leseplan muss ich mir noch überlegen, dafür ist hier noch zu viel Chaos. Leider wird ein Teil meiner Zeit auch in unangenehme Urlaubschaos-Beseitigungsmaßnahmen fließen müssen; Wäsche waschen, einkaufen, etc.

Als Erstes verschwinde ich jetzt in die Badewanne, bewaffnet mit einer uralten Ausgabe von Die Zeitreisenden in Callahans Saloon. Das habe ich im Urlaub endlich ergattern können und schon die ersten paar Seiten gelesen. Aber mehr später!


Nachdem ich mich um Administratives gekümmert habe, ist es Zeit für einen Leseplan. Ich stelle euch einfach ein paar Bücher vor, die mich gerade anlächeln:

callahan's crosstime saloonSpider Robinson: Callahan’s Crosstime Saloon

Mit dieser Kurzgeschichtensammlung habe ich ja bereits begonnen. Darauf aufmerksam geworden bin ich durch Patrick Rothfuss, dem Autor von Der Name des Windes. Robinsons Texte spielen sämtlich in dem berüchtigten Saloon von Callahan, ein Ort mit Herz und Hang zum Absurden. In der ersten Geschichte war ein Außerirdischer zu Gast und in der jetzigen ist ein Zeitreisender Mittelpunkt des Geschehens.

Weitere Optionen. Bücher, auf die ich gerade Lust habe

Peter S. Beagle: He! Rebeck!

Liegt schon viel zu lange ungelesen im Regal. Ich liebe Das letzte Einhorn und erinnere mich, dass der Beginn des Romans in einem meiner Schulbücher abgedruckt war und mich faszinierte. Vielleicht habe ich nur Angst, dass es nicht so gut ist wie erhofft.

Sina Beerwald: Mordsmöwen

Hat mir Leser RoM freundlicherweise zum Tag des Buches geschenkt (letztes Jahr *schock*). Meine letzten Urlaubstage scheinen mir der perfekte Zeitpunkt für diese Lektüre.

Carol Ann Duffy: The Worlds Wife

Ganz neu auf meinem SuB, sozusagen eine weitere Vorschau auf den kommenden Beitrag über das Bücherkaufen in Großbritannien. Für Gedichte braucht es etwas Zeit, aber mal hier und dort zwischendrin ein Gedicht ist vielleicht genau das Richtige.


Freitag

Puh, so richtig zum Lesen komme ich heute nicht. Tatsächlich haben sich zwei andere Bücher in meinen Tag gedrängt: Zwischendurch lese ich immer wieder etwas in Die Kinder aus Bullerbü. Das eignet sich super für kleine Pausen, weil die Kapitel sehr kurz sind und zwischen den Kapiteln wenig Zusammenhang besteht.
Dann habe ich gestern vergessen, mein Hörbuch der Stunde zu erwähnen: Die Gefangene von Marcel Proust ist der fünfte Teil von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. In diesem Band konzentriert sich der Erzähler zum Glück wieder mehr auf äußere Ereignisse. Die letzten Teile handelten ja größtenteils von sehr kurzen Zeitspannen, die sich über endlose Verschachtelungen und Exkurse ausdehnten. Allerdings bin ich noch nicht sehr weite gekommen – es ist also noch alles möglich.

Da ich sonst nichts zu berichten habe, komme ich zu Kerstins heutiger Frage:
So ziemlich jeder hat einen Lieblingsprotagonisten, aber wenige einen Fiesling als besonderen Liebling. Wie ist es bei euch?

Ich habe weder das eine noch das andere, weiß aber beides sehr zu schätzen! Unter den Fieslingen jagen mir zum Beispiel Mrs. Danvers aus Rebecca oder Dolores Umbridge (Klassiker, ich weiß) wohlige Schauer über den Rücken, ich will das Buch anschreien und in die Ecke werfen. Ich tue es natürlich nicht. Sowas macht man nicht mit unschuldigen Büchern.


Samstag

Heute bekomme ich Besuch und werde also nicht allzu viel lesen können. Darum noch schnell die heutige Frage:
Frage 6: Welches Buch würdet ihr gerne noch einmal zum allerersten Mal lesen?

Ganz klar Der Herr der Ringe. Das Buch habe ich gelesen als ich 12 oder 13 war und es war mein erstes ‚Erwachsenenbuch‘. Und der Beginn einer großen Liebe 🙂
Würde ich das Buch heute zum ersten Mal lesen, hätte ich eine ganz andere Beziehung dazu, vielleicht sogar eine problematische. Ich meine, in Tolkiens Fiktionen gibt es praktisch keine Frauen. Und sich Zeit für 1000 Seiten zu nehmen fällt mir heute auch deutlich schwerer.

Gestern habe ich noch die zweite CD von Die Gefangene beendet, die größtenteils von Marcels Gejammere über seine Geliebte, die er nicht mehr liebt, handelt. Hat schon ein schweres Leben, der arme Junge 😉 In Callahan’s Crosstime Saloon bin ich jetzt ungefähr auf der Hälfte. Was für eine ungewöhnliche Mischung aus Wortspielen und liebenswerten Wendungen. Ich bin hin und hergerissen wegen dem Englisch: Einerseits gehen mir dadurch bestimmt einige Witze und Feinheiten durch die Lappen, andererseits lässt sich sowas sowieso schlecht übersetzen, sodass eine deutsche Ausgabe mir auch nichts gebracht hätte.
Die Kinder aus Bullerbü plätschert unaufgeregt vor sich hin. Ein paar Szenen lassen mich schon in Erinnerungen an die eigene Kindheit eintauchen.


Sonntag

Schon ist die Woche zu Ende! Trotz jeder Menge Ablenkung bin ich doch noch ein wenig zum Lesen gekommen. Vor allem, dass ich die ersten 3 CDs von Die Gefangene (Proust, ihr erinnert euch) schaffe, war eine Überraschung. Die letzten Sonnenstunden genieße ich nun hoffentlich auf unserem Balkon und lese Callahan’s Crosstime Saloon zu Ende. In der jetzigen Geschichte hat sich ein weibliches Wesen in die Bar verirrt, was für wesentlich mehr Verwirrung sorgt als die üblichen Aliens und Zeitreisenden 🙂

Update: Bin fertig mit den Bar-Kurzgeschichten. Sehr liebenswert. Ob ich jemals den zweiten Band bekommen kann? Als nächstes fange ich mit Jenseits von Eden an. Weit kommen werde ich wohl nicht, aber loslegen kann ich ja trotzdem.

⛱ Urlaubszeit ⛺

Newcastle Meine Lieben, es ist so weit: Der Urlaub steht an! Daher ist hier erst mal zweieinhalb Wochen Ruhe im Karton. Rechnet mit einem buchigen Beitrag und vielen Neuzugängen, denn ich plane eine Second Hand Book Shopping Orgie 😉

Ich wünsche allen einen fantastischen Sommer (den soll es ja nun laut Wetterbericht geben): Geht für mich ins Freibad, denn ich werde in England vielleicht einfach nur nass 🙂

Der Horror. Gelesenes im August, Teil 1

Charlotte Perkins Gilman: Die gelbe Tapete

Brillante Kurzgeschichte mit einer Spur Gothic. Hier die Rezension für alle, die es gerne etwas genauer hätten.

Kenneth Grahame: The Wind in the Willows

Mit diesem Klassiker bin ich nicht richtig warm geworden. Toad, reich, egozentrisch, adrenalinversessen, war einfach nicht auszuhalten. Die kurzen Episoden über Badger, Ratty und Mole waren dagegen einfach zu kurz. Insgesamt wird hier ein etwas zu behäbiges Leben angepriesen, das doch ganz schön angestaubt ist.

Suzanne Collins: Flammender Zorn (Die Tribute von Panem 3)

Wie die anderen beiden Bände der Tribute von Panem war ich auch hiermit innerhalb zweier Tage durch. Ich hatte mich gewundert, warum so viele Leser dieses Buch am schwächsten bewerten. Während mir das Ende eigentlich nicht so verkehrt vorkam, hat mich etwas anderes zunehmend gestört: Katniss war über die anderen Bände eine erstaunlich starke Protagonistin. Leider verfällt Collins auf den letzten Meilen in typische Muster und stellt Katniss als kaltblütige Opportunistin und als Vamp dar. Und mehr kann ich nicht sagen wegen Spoilern für die Reihe. Insgesamt also ein zwiegespaltenes Leseerlebnis.

Charlotte Perkins Gilman: Die gelbe Tapete

Wie gut, dass diese Kurzgeschichte gerade wiederentdeckt wird – sonst hätte ich sie wohl nicht so schnell gelesen.

Bildquelle: 29364131@N07 (Flickr)

Wir lesen die Aufzeichnungen einer jungen Frau, die scheinbar krank ist. Ihr Mann John, der Arzt ist, hat ihr Ruhe verordnet, um ihre ‚Nervenschwäche‘ zu kurieren. In einem vermeintlichen Kinderzimmer mit gelber Tapete bringt sie ihre meiste Zeit zu und langweilt sich. Die schriftlichen Aufzeichnungen erleichtern ihr diesen Zustand, bis sie immer mehr versucht, dem Muster der gelben Tapete auf den Grund zu gehen.

Was Charlotte Perkins Gilman hier im Jahr 1892 gelungen ist, ist ein absolutes Meisterwerk: Es ist schockierend, gruselig und durchweg ambivalent.
Während von Beginn an Johns Herablassung der namenlosen Protagonistin gegenüber klar ist, liegen seine Motive genauso im Dunkeln wie der geistige Zustand der Erzählerin.

Ich habe vorher noch nie so eine Geschichte gelesen; tatsächlich habe ich sie zweimal hintereinander gelesen, beim zweiten Mal mit einem Stift griffbereit. Hier wird ein cleveres Netz aus möglichen Lügen und Anschuldigungen gesponnen, bei dem es letztendlich die vollkommene Ohnmacht der Frau in einer Männerwelt ist, die diese Situation eskalieren lässt.

„Die gelbe Tapete“ ist direkt an die Spitze meiner Kurzgeschichten-Favoriten gesprungen und ich könnte hier noch ewig über einzelne Sätze und meine Analysen schreiben. Aber das würde nur jedem das Lesevergnügen nehmen. Stattdessen spreche ich eine eindrückliche Leseempfehlung aus! 🙂

Die Geschichte ist im Original bereits public domain, den Text gibt es also online. Wer eine Übersetzung bevorzugt: ich habe eine Anthologie mit „Frauengeschichten“ gekauft, die mit dieser Story eröffnet und weitermacht mit Autorinnen wie Edith Warton, Virginia Woolf und Katherine Mansfield. Sie heißt „Die Frau hinter der gelben Tapete“ und ist meines Wissens auch nur noch gebraucht zu haben.

*Bildquelle: 29364131@N07 (Flickr), CC2.0, Remix von mir.

Gender Trouble: Gelesenes im Juli (Teil 2)

Meine Leseflaute hält weiter an, immer noch bin ich vollkommen im Witch please Fieber. Dazu kommen ausführliche Planungsorgien für den bevorstehenden Englandurlaub.

Irmgard Keun: Das Mädchen mit dem die Kinder nicht verkehren durften

irmgard-keunKurzweilige Story um ein ungezogenes Mädchen aus dem Köln während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Da wir die Geschichte aus der Perspektive des Kindes lesen, sehen wir die eindeutig guten Absichten der Kleinen: Sie missversteht die Welt der Eltern und umgekehrt.

Sie essen die Schnecken, sie essen immerzu alles und erzählen Kindern, daß man Schnecken ansingen soll und Osterhasen lieben muß. Ich weiß wirklich nicht, warum sie nicht lieber böse dicke Männer essen, die sie nicht leiden können und die nicht niedlich sind und an denen auch mehr dran ist.  — S. 133

Irmgard Keuns Stil ist unverkennbar, unter der flatterhaften Oberfläche gibt es viel zu entdecken. Die eigentliche Geschichte ist eher episodenhaft und das Ende sehr abrupt.

Marcel Proust: Sodom und Gomorra (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit #4)

So langsam entwickelt sich ein Problem mit diesen Büchern: Proust liebt Rück- und Vorverweise, die sich bei der Buchlänge natürlich kein Normalsterblicher merken kann.

Noch eine zweite Anmerkung: Soo viele versteckte Petting-Szenen!

Ich lehnte die Decke ab, die ich an den folgenden Abenden, bei denen Albertine dabei war, annehmen sollte, freilich weniger wegen der Gefahr einer Erkältung, als um der Geheimhaltung unserer Vergnügungen willen.

In diesem Buch geht es hauptsächlich um Sexualität, vor allem um homoerotische. Die dabei vertretene Meinung, Homosexuelle seien „eigentlich“ des jeweils anderen Geschlechts (also ein schwuler Mann sei eigentlich eine Frau und umgekehrt) war dabei dermaßen präsent, dass mir das Lesen teilweise schwer fiel. So viel als Warnung an Interessierte.

Carlos Ruiz Zafón: Der Fürst des Parnass

Mein Lückenbüßer des Monats ist diese wenig erfreuliche Prequel zu der beliebten Buchreihe um den Friedhof der vergessenen Bücher. Vieles erinnert an Don Quijote (Cervantes ist die Hauptfigur, aber es wird doch mehr „geliehen“, als mir gerechtfertigt erschien) und vor allem an bereits Dagewesenes in Zafóns eigenen Romanen. Und feministisch gelesen ist das Buch eine Katastrophe. Dabei bleibt die Textqualität weit hinter den „richtigen“ Friedhofsbüchern zurück, Zafóns Charme verkommt hier zu überdrehtem Pathos.

Suzanne Collins: Gefährliche Liebe (Die Tribute von Panem #2)

Meine Frustleihe, nachdem ich zwei andere Bücher in der Bibliothek nicht finden konnte, obwohl der Katalog sagte, sie seien vor Ort. Gut, dass es so kam, denn ich habe den Roman an einem Tag gelesen. Katniss ist immer noch eine komplexe, starke Figur, und dass die Spiele nur ein Drittel des Buches einnehmen war mir nur recht.

The Intimidating TBR ❁ Der furchterregende SuB

Dieses Tag hat sich in die deutschsprachige Buchblogs geschlichen und auch ich finde die Fragen ganz interessant, um einen neuen Blickwinkel auf den eigenen SuB einzunehmen.

1. Ein Buch, das du nicht beendet hast: Don Quijote

Cervantes Don QuijoteDas erste von zwei Büchern habe ich gelesen und damals wegen Unistress abgebrochen. Das Problem: Die zweite Hälfte, so heißt es, ist eine ungefähre Spiegelung der ersten; und schon in der ersten Hälfte gab es genug Wiederholungen, um mich abzuschrecken. Irgendwann habe ich den Mut, noch mal da ranzugehen.

2. Ein Buch für das du einfach noch keine Zeit hattest: Herr der Krähen

Ngugi wa Thiongo Herr der KrähenDieses Buch habe ich auch schon ewig und freue mich wie ein Idiot darauf, es zu lesen. Magischer Realismus aus Afrika ist für mich neues Terrain und ich kann nicht erwarten, es zu betreten. Trotzdem ist das Buch echt lang und kürzere Bücher schieben sich dazwischen.

3. Ein Buch, dass du nicht gelesen hast, weil es sich um eine Fortsetzung handelt: Der Riva Kodex

David Eddings Belgarath der Zauberer, Polgara die Zauberin und Der Riva-KodexDrei dicke, dicke Bücher warten schon seit Jahren auf mich, weil ich erst die ursprünglichen 10 Bücher (!) noch mal lesen wollte, bevor ich zum ersten Mal die Prequel-Reihe zur Hand nehme nehme. Tja, der Reread ist zeitlich leicht aus dem Rahmen gefallen (*hust*) und der Riva Kodex immer noch Teil des SuBs.

4. Ein Buch, dass du nicht gelesen hat, weil es brandneu ist: Die Jahre des Schwarzen Todes von Connie Willis

Connie Willis Die Jahre des schwarzen TodesDas Buch habe ich endlich bestellt, nachdem ich tagelang das Bett hüten msste und dabei mit wachsender Enttäuschung A Disocvery Of Witches angehört habe. Der Zusammenhang? Beide spielen in Oxford, einer meiner Lieblingsorte! Vielleicht wird mir dieser Zeitreiseroman ja besser gefallen.

5. Ein Buch von einem Autor, von dem du schon etwas gelesen hast, das du nicht wirklich mochtest: Verschiedenes von Paul Auster

paul-auster-miscIn der Schule hat mich Moon Palace von Paul Auster voll umgehauen. Statt das einfach wieder zu lesen, habe ich neue Bücher von ihm angehäuft. Bisher konnte mich noch keines so treffen wie meine erste Begegnung mit ihm. Da ich Optimist bin, liegen noch 3 seiner Werke auf meinem ungelesenen Bücherstapel. Eins davon geht sogar Richtung SciFi, darauf bin ich besonders gespannt.

6. Ein Buch, für das du einfach nicht in der richtigen Stimmung bist: The Winter People

Jennifer McMahon The Winter PeopleDas Buch klingt nicht nur spannend, es fühlt sich auch in der Hand göttlich weich an. Anfang des 20. Jahrhunderts wird die kleine Gertie ermordet. Ihre Mutter kann sie aber dank eines alten Spruchs für sieben Tage von den Toten zurückholen. Natürlich kommt für eine Wintergeschichte nur der Winter als Lesezeit in Frage. Und in genau dieser Zeitspanne dann Lust und Zeit auf den englischsprachigen Roman zu haben, ist gar nicht so einfach, wie es klingt.

7. Ein Buch, das du noch gelesen hast, weil es ENORM ist: Vom Winde verweht

Margaret Mitchell Vom Winde verweht DetailEin ziemlicher Wälzer mit dem Ruf, dank der Protagonistin frustrierend und allgemein rassistisch zu sein. Trotzdem steht es auf meiner Sommerleseliste (*I can do this*) und ich bin sehr gespannt, da ich einige begeisterte Leser kenne.

8. Ein Buch, das du wegen des Covers gekauft hast: Little Women

Louisa May Alcott Little WomenLittle Women hätte ich auch locker aus der Bibliothek leihen können. Wäre da nicht diese Puffin Classic Ausgabe, die so schnuckelig war, dass ich beim Auspacken tatsächlich laut gequietscht habe. Ich habe auch schon ein wenig in den Roman reingelesen, bin aber noch nicht zum Rest gekommen.

9. Das ehrfurchtgebietendste Buch auf deinem SuB: 2666

Roberto Bolano 26661000 Seiten unentwirrbarer Plot, der „Unendliche Spaß“ Lateinamerikas. Viele Meinungen zu 2666 sorgten für meine Faszination und meine Ehrfurcht vor diesem Buch. Dazu kommt, dass meine Taschenbuchausgabe gebraucht ist und auch so aussieht. Ein bisschen Angst, dass mir das Teil einfach zerfällt, ist irgendwie auch dabei.

 

Kennt ihr diese Bücher? Könnt ihr mir ein wenig Motivation einimpfen? Oder eine Warnung aussprechen?
Wenn ihr diesen Tag ebenfalls gemacht habt, lasst mir doch einen Link auf euren Beitrag da 🙂

Fremde Welten, liebeskranke Hexen und verzweifelte Hausfrauen: Gelesenes im Juli, Teil 1

Oh witch, please! und einige andere Podcasts, die ich momentan non-stop höre, nehmen mir die Zeit zu lesen. Muss auch mal sein 😉
Das sind die Bücher, die ich trotzdem in den letzten Wochen gelesen habe:

Tonke Dragt: Meere von Zeit. Auf der anderen Seite der Tür

Tonke Dragt Meere von ZeitTonke Dragt war eine Heldin meiner Kinderjahre: Geboren in einem nicht mehr existierendem Land, war sie nicht nur die Autorin meiner Lieblingsbücher, sondern selbst eine faszinierende Persönlichkeit. Doch mit der bis heute unvollendeten „Meere von Zeit“-Reihe bin ich von Anfang an schlecht klargekommen. Die Figuren sprechen seltsam ruppig und eigentlich hat man bis zum Ende höchstens eine wage Vorstellung, was überhaupt los ist. Dazu frustrierte mich Hauptfigur Otto durch sein grundloses Schweigen, wann immer neugieriges Nachfragen angebracht gewesen wäre. Eine faule Masche ist das, um Hintergrundwissen vor dem Leser zu verbergen. Außer ein paar Physik- und Science Fiction-Anspielungen konnte ich aus diesem Jugendroman leider nichts gewinnen.

Deborah Harkness: A Discovery of Witches

Noch ein herber Reinfall war der Auftakt zur All Souls-Trilogie. Dabei fing alles so gut an: Eine junge Wissenschaftlerin stößt in Oxford auf ein verhextes Manuskript und plötzlich haben es sämtliche Zauberwesen auf sie abgesehen. Die Beschreibungen der Stadt und der Bodleian Bibliothek machten mich richtig nostalgisch; auch die Ruderszenen sprachen mir aus der Seele (das Meditative an diesem Sport habe ich noch nirgendwo so treffend beschrieben gesehen). Doch plötzlich verwandelte sich der Roman in eine unsägliche Schnulze. Unfassbar langweilige und so gar nicht romantische Passagen folgten. Am Ende stellte sich sogar heraus, dass der gesamte Band als Prolog für den Rest der Serie zu verstehen ist. Ach ja, und Logik sucht man hier ebenso vergebens wie Spannung. Eine herbe Enttäuschung.

Patricia Highsmith: Ediths Tagebuch

Familie, Haus in den Suburbs, Garten, Freunde: Edith lebt das perfekte amerikanische Leben. Doch die Fassade bröckelt und mit ihr Ediths Psyche.
Patricia Highsmith ist unbestritten die Königin des psychologischen Thrillers. Ihre Beobachtungen sind so präzise wie schockierend. Dabei ist dieser Roman eher bedrückend als spannend. Meine Begeisterung für The talented Mr. Ripley ist immer noch ungeschlagen. Wenn man aber bedenkt, dass Ediths Tagebuch in der amerikanischen Vorstadtidylle derFünziger und Sechziger spielt, passt der gemächlichere Ton vollkommen. Ein „langsamer“ Schocker.

Das Leben: ein Fest, ein Kampf, und immer wieder überraschend. Gelesenes

Leider lag ich eine Woche krank im Bett und habe darum in der zweiten Junihälfte nicht viel gelesen. Ich kann mich einfach nicht genug konzentrieren, wenn ich Fieber und Kopfschmerzen habe, leider.

Ernest Hemingway: Paris. Ein Fest fürs Leben

Hemingway ParisHemingway und ich – keine Lovestory. Gescheitert sind wir schon des Öfteren, so richtig per du waren wir nie. In seinen Memoiren über die Zwanzigerjahre in Paris weckten in mir aber neue Hoffnung. Ich meine, was gibt es Spannenderes als einen Insider-Bericht über diese Epoche: Midnight in Paris, nur real? Ich hatte tatsächlich viel Freude an dem Buch; doch auch diesmal bleibt die Kritik nicht weit. Meine Rezension „Paris: Ein Fest fürs Leben“ hier.

Sara Gruen: Wasser für die Elefanten

Nach Binewskis mein zweiter Zirkusroman des Jahres, aber der Unterschied könnte nicht größer sein. Hier erzählt ein alter Mann aus dem Altenheim von seinen Erinnerungen als Tierarzt in einem der letzten großen Zirken der USA am Ende einer Ära. Die Rahmengeschichte hätte nicht sein müssen und war teils am Rande des Kitsch. Die Teile über den Zirkus haben mir gut gefallen, doch das Genre ist mir letztendlich doch in die Quere gekommen: Die Liebesgeschichte hat mich genervt, weil sie mehr und mehr Platz in der ansonsten flüssigen Erzählung eingenommen hat. Am Ende bleibt ein nur lauwarmes Gefühl zurück. Als Love Story mit schönen Add-ons kann ich Wasser für die Elefanten aber empfehlen.

Andrew Kaufman: Alle meine Freunde sind Superhelden

Andrew Kaufman: Alle meine Freunde sind SuperheldenTom ist umgeben von Superhelden: Selbst seine Frau, die Perfektionistin, ist „anders“. Auf ihrer Hochzeit hat ein Verflossener sie hypnotisiert, sodass Tom nun für sie tatsächlich unsichtbar ist.
Dieses sehr kurze Büchlein versammelt neben Toms Geschichte auch eine Horde abstruser Superheldenfiguren, die mit einer kurzen Beschreibung als hors d’heuvre eingestreut sind. Während dem Lesen war ich gut unterhalten, aber leider waren es eher die höchst originellen Begabungen, die Kaufman sich hat einfallen lassen, die mich gefesselt haben. Die eigentliche Geschichte war eher so là là und mir zu knapp. Knapp umrissene Figuren sind nicht mein Fall, da halfen auch nicht die wunderbar surrealen Situationen und Ideen, die Kaufman hier eingebaut hat.

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

Jahrelang bin ich Remarque ausgewichen – Kriegsgeschichten sind meine Sache nicht. Nachdem ich aber in den letzten Jahren immer wieder begeisterte Stimmen zu dem Roman gehört habe, lieh ich das Buch doch aus. Der Krieg ist hier als menschliche Katastrophe stets präsent, doch geht es ausschließlich darum, wie der Protagonist und seine Kameraden mit der Tatsache umgehen, Teil dieses Krieges zu sein. Mit weiten Gedankengängen zur Menschlichkeit und Unmenschlichkeit des Krieges und teils herzzerreißend schöner Prosa hat mich Remarques Text gewonnen.

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Die Geschichte um Baba Dunjas Leben zwischen verstrahlten Tomaten, ehrfürchtigen Nachbarn und einer fernen Familie in Deutschland hat mir erstaunlich gut gefallen. Eine volle Rezension zu Bronskys Roman habe ich auch geschrieben.